Mit Stil Die Wüste lebe hoch!

Wer in den 90er Jahren mit der Serie "Beverly Hills 90210" amerikanisiert wurde, hatte nach sechs tapfer verfolgten Staffeln eine klare Vorstellung von Palm Springs. Dort fielen die kalifornischen College-Studenten regelmäßig zu den Frühlingssemesterferien, genannt "Spring Break", ein, um es mal ordentlich krachen zu lassen. Weil das ja auf dem heimischen Campus nach drei Margheritas sonst immer gleich mit einer Fast-Alkoholvergiftung, Fast-Vergewaltigung und Fast-Exmatrikulation endete. Aber in Palm Springs, wo immer die Sonne scheint, da konnte man sich mit dem Strohhalm in der Melone noch ordentlich gehen lassen. PS war also der Ballermann der Kalifornier, klarer Fall.

Ich war daher etwas irritiert, als mir meine englischen Freunde - ein distinguiertes schwules Pärchen mit der besteingerichteten Wohnung, die ich je gesehen habe - vor ein paar Jahren aufgeregt von ihrem bevorstehenden Trip nach Palm Springs erzählten. Ob sie dafür nicht ein bisschen zu alt seien, fragte ich vorsichtig, woraufhin Neil in schallendes Gelächter ausbrach. "Too old for Palm Springs - hilarious!", schrie er. Offensichtlich hatte sich nach 90210 einiges getan. Vor allem reiche Schwule, die den alten Hollywood-Chic und die "Desert Modernism"-Architektur der 40er und 50er liebten, bevölkerten mittlerweile den Ort. Außerdem viele Rentner und Erholungsbedürftige, wegen des gleichbleibenden, milden Klimas. Und den offiziellen Spring Break "Booze-Tourismus" hatte der Bürgermeister sowieso irgendwann verboten. PS war also mittlerweile ein Großraum-Sanatorium in der Wüste.

Nicht unbedingt die geeignete Unique Selling Proposition um meinen Mann zu einem Abstecher dorthin zu überreden. Aber wenn es eine Stadt vom "Hollywood Getaway" zum "Booze-Canyon" bis zum "Gay Getaway" bringt, muss ja irgendetwas dran sein, am Ende entschieden wir uns also für zwei Tage.

Ich hatte uns ins "Ace Resort" eingebucht, eine amerikanische Mini-Hotel-Kette, die ich aus New York kannte und deren Konzept vor allem von jungen Leuten geliebt wird; ich hatte nur keine Ahnung, wie jung diese Leute waren. Wir kamen nachts an, parkten den Wagen vor dem klassischen Motel-Flachbau und gingen erst einmal in das angeschlossene Diner "King's Highway". Offensichtliches Einstellungskriterium, um hier Club Sandwiches servieren zu dürfen: Rockabilly-Style, gern Tattoos, unglaubliche Lässigkeit beim Aufsagen der Weinkarte, was leider dazu führte, dass wir viel länger blieben als geplant und erst am nächsten Morgen alle Details unserer "Simple Suite" erfassten: Im Wohnzimmer waren statt der üblichen Möbelhaus-Kandinskys lustige Retro-Bilder an die Wand gepinnt, neben dem Bett stand ein Plattenspieler mit LPs (und Bedienungsanleitung versteht sich, für alle nach 1984 Geborenen), das Badezimmer in der Mitte entspricht einer halben Mannschaftsdusche mit zwei gegenüberliegenden Brausen zum Synchron-Duschen. Wer auch immer sich das ausgedacht hat - ich hätte das gern für zu Hause, bitte.

Der Erfinder der Ace-Gruppe Alex Calderwood gilt als eine Art "Rockstar-Hotelier" und man merkt jedem Detail an, dass dieses Hotel wirklich anders sein will als die anderen. Mehr "Luxury-Camping" als das allmählich überstrapazierte "Boutique-Hotel". Das wirkt manchmal ein bisschen gewollt (Wodka-Literflaschen statt den üblichen Miniaturen in der Mini-Bar), an anderer Stelle absolut gelungen: Abends kann man sich ein komplettes Barbecue-Set auf die Balustrade beziehungsweise in den Patio bringen lassen, mit allem Drum-und-dran. Einziger Haken: Wie bekomme ich auf die Schnelle die erforderlichen sechs Personen zusammen?

Fast wünscht man sich die Rentner aus dem Best Western herüber

Für die meisten Gäste des Ace dürfte das nach einem Tag am Pool allerdings kein Problem mehr sein. Ab 10 Uhr herrscht hier entspannte Party-Stimmung und wenn man Mitte 20 ist, will man wahrscheinlich nie wieder von seinem runden Pool-Lounge-Sessel aufstehen. Mit Anfang 30 hingegen fühlt man sich irgendwann nur noch alt und schaut sehnsüchtig auf die zerklüftete rote Wüstenkulisse im Hintergrund. Fast wünscht man sich die Rentner aus dem Best Western herüber.

Wir verließen deshalb doch einmal das Hotelgelände und folgten der "PS Modern Route" zu Richard Neutras Kaufmann Desert House, der "Honeymoon Hideaway" von Elvis und Frank Sinatras "Twin Palms Home". Mehr Sinn macht natürlich, wenn man sich ein Datum herausgesucht hat, an dem man zumindest letzteres auch besichtigen kann, aber - nun ja. Abends liefen wir, wie alle, ein paar Blocks den Palm Canyon Drive entlang, dann sieht man tatsächlich ein paar gut gelaunte ältere Leute, allerdings immer noch weit weniger als in Baden-Baden oder Kühlungsborn würde ich sagen, und bis in die Bar vom "Colony Palms Hotel" oder "Viceroy" kommen dann doch die wenigsten.

Nach einigen Moscow Mules glaubten wir, es auch mit der Hipster-Crowd aufnehmen zu können und kehrten in die "Amigo Bar" des Ace Hotel ein, wo man laut New York Times unbedingt einen "Figa" probieren sollte: Feigen-Wodka mit Earl Grey und Mandarinen-Honig, oder so. Haben wir gemacht. Und hier zahlt sich das Alter dann vielleicht doch aus. Um halb zwei gehörten wir zu den letzten, die noch aufrecht saßen. Hochzufrieden gingen wir an diesem Abend ins Bett.

Geschlafen haben wir im Ace übrigens nicht lang, aber exzellent. Alex Calderwood legt nämlich neben allen Spielereien den größten Wert auf gute Betten. Die sind so bequem, dass eigentlich auch Rentner unbedingt einmal dort absteigen sollten.

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Autor:
Silke Wichert