Arizona Die Stars der Wein-Wüste

Wer lange Zeit über die Straßen Arizonas fährt, bekommt den Eindruck, der US-Bundesstaat bestehe nur aus 999 Varianten einer riesigen Wüste. Kakteen, Dornenbüsche, viel Geröll und noch mehr Sand ziehen während der Reise an einem vorüber. Die NASA hat passenderweise in dieser unwirklichen Landschaft einst die Marslandung geprobt.

Auch der Highway 260, der im Norden in Richtung des verschlafenen Nestes Cottonwood verläuft, bietet landschaftlich nur wenig Abwechslung. Irgendwann liegt auf der linken Straßenseite ein Wildpark namens "Out of Africa". Die gelangweilten Löwen, Nashörner und Zebras, die hier eingezäunt auf Besucher warten, fragen sich wahrscheinlich auch, was sie in dieser kargen Landschaft sollen und wünschen sich inständig in die Savanne des schwarzen Kontinents zurück. Umso erstaunlicher ist, dass diese Gegend als das Verde Valley - das grüne Tal - bekannt ist. Und noch erstaunlicher ist, dass hier eine Handvoll Winzer versucht, gute Weine zu produzieren. Auf den ersten Blick ein hoffnungsloses Unterfangen.

Die allmächtigen Winzer in Kalifornien spotten, Wein aus Arizona sei wie Wein vom Mond. Der Rebensaft aus dem Wüstenstaat würde nichts taugen, natürlich, denn es sei ohnehin unmöglich, in der steinigen Region guten Wein zu produzieren. Diese Schmähungen von der Westküste sind für die Winzerkollegen in Arizona schmerzhaft, schließlich ist die erfolgreiche Weinregion Kalifornien das große Vorbild.

Barbara Predmore ist von der Qualität ihrer Weine überzeugt. "Wir produzieren echte Spitzenklasse", sagt sie selbstbewusst. Alcantara heißt ihr Weingut, das nur wenige Meilen vom Wildpark "Out of Africa" liegt und das Größte in der Gegend ist. Zur Abwechslung sieht es hier nicht nach Wüste aus. Der Verde River und der Oak Creek fließen in direkter Nachbarschaft und sorgen für ein wenig Grün am Ufer und an den Hängen.

Predmores Weine sind trotz aller Leidenschaft nicht Spitzenklasse. Wahrscheinlich würden sie die Vorurteile kalifornischer Winzer sogar noch bestärken, wenn diese auf einer Stippvisite vorbeischauten. Nichtsdestotrotz ist Alcantara bei den Touristen extrem beliebt. Predmore bietet ihnen das volle Weinproben-Programm - inklusive Käseteller, bunte bedruckte Flaschen und einem Anwesen, das im toskanischen Stil erbaut wurde. Dazu gibt es noch jede Menge Souvenirs und eine freundliche Hausherrin, die jeden Gast mindestens mit Handschlag begrüßt. Die Besucher finden hier das Klischee, nach dem sie suchen, einen Hauch von Kalifornien in Arizona. Und das Geschäft läuft gut. Predmore hat noch Großes vor mit Alcantara. "Ich baue ein kleines Feriendorf im toskanischen Stil", sagt sie. Die Pläne dafür sind schon fertig.

Nur ein paar Autominuten von Alcantara entfernt liegt das kleine Page Springs. Ein Ort ohne Toskana-Feeling, aber dafür mit reichlich gutem Wein. Auch hier sind jede Menge Touristen unterwegs, die sich auf dem Verde Valley Weinpfad von einer Weinprobe zur nächsten trinken. Oak Creek, Javalina Leap und Page Springs Cellars heißen die Miniatur-Weingüter, die in dem Örtchen beheimatet sind und alle einen Besuch wert sind. Insbesondere Page Springs Cellars sollte man sich nicht entgehen lassen.

Das Weingut gehört Eric Glomski, der sich nicht nur in kürzester Zeit das Prädikat "Junger Wilder" verdient hat, sondern inzwischen auch ohne Zweifel einer der besten Winzer des US-Bundesstaates ist. Der Blondschopf, der eher wie ein kalifornischer Surfer denn wie ein echter Winemaker aussieht, ist ein Lokalheld. Seine Weine begeistern die Kritiker. Kein Wunder also, dass Glomski auch der Mentor und Partner von Arizonas bekanntestem Winzer ist - Maynard James Keenan, dem Sänger der Hardcore-Band Tool.

Keenan ist genau wie Glomski ein Weinverrückter. Für ihn ist Wein aufgrund seiner Komplexität "das perfekte Wesen", vergleichbar mit der Rolle von Milla Jovovich als "Supreme Being" in dem Science-Fiction-Film "Das fünfte Element". Mitte der 1990er Jahre zog der Rockstar nach Arizona. "Ziemlich schnell wurde mir klar, dass ich hier meinen eigenen Wein machen möchte", sagt er in dem Dokumentarfilm "Blood Into Wine". Fachkundige Hilfe für sein Unterfangen fand der Promi-Winzer bei Glomski.

Seit 2004 produziert Keenan nahe seiner neuen Heimatstadt Jerome seinen eigenen Rebensaft unter dem Namen "Caduceus Cellars". 2007 gründete der Tool-Sänger zusammen mit Glomski das Arizona Stronghold Vineyard. Beide Marken laufen gut. Zu verdanken ist das natürlich nicht nur dem Können von Glomski, sondern auch der Bekanntheit von Keenan. Dessen Fangemeinde kauft ohne Unterlass die Weine ihres Helden. Der Rockstar hat den Wein aus Arizona weit über die Grenzen des US-Bundesstaates bekannt gemacht. Davon profitieren jetzt auch die anderen Weingüter.

Keenan ist nicht die einzige Berühmtheit, die in Arizona unter die Winzer gegangen ist. Auch der neuseeländische Regisseur Sam Pillsbury hat sich hier einen Traum erfüllt. Seine Pillsbury Wine Company ist eine der besten Adressen im nördlichen Arizona, wenn es um guten Wein geht. Der Rebensaft des Neuseeländers ist zum Glück um Klassen besser, als dessen Filme. Unter anderem zeichnet sich der Regisseur für solch krude Streifen wie "Knight Rider 2010" und "Free Willy 3" verantwortlich. Praktischerweise befindet sich Pillsburys Tasting-Room in guter Nachbarschaft. Das kleine Ladenlokal liegt schräg gegenüber von Keenans Arizona Stronghold in der Altstadt von Cottonwood. Spätestens hier sollte man übrigens das Auto stehen lassen. Der Wein der beiden Winzer ist einfach zu gut, um ihn nach dem Probieren auszuspucken und die erste Nacht verbringen Alkoholsünder in Arizona immer im Gefängnis.

Autor:
Denis Krah