Editor's Blog Die Stadt, die niemals staunt

Das Problem mit New York ist, dass man eigentlich schon alles gesehen hat, bevor man überhaupt da war. Vom Empire State Building über den glitzernden Times Square bis zu den Backsteinhäusern in Queens oder Park Slope - dank Film und Fernsehen gibt es kaum eine Gegend in der Stadt, die wir noch nicht besucht haben. Ein Aufenthalt in New York ist wie ein einziges Déjà-vu.

Für ältere Semester, die den Big Apple nur aus "Kojak", "Shaft", "Asphalt Cowboy" oder dem alten "King Kong" (gerade wenn man auf dem Stand des Remakes aus dem Jahre 1976 ist) kennen, gibt es natürlich reichlich zu entdecken. Die "Sex and the City"-Generation hingegen sieht nicht mehr viel Neues und schaut meist nur nach, ob alles an seinem Platz steht. Und seit der TV-Serie "The Sopranos" kommt einem selbst im benachbarten New Jersey - dem Pinneberg von New York - die eine oder andere Ecke ziemlich geläufig vor.

Anders verhält es sich mit den New Yorkern. Die haben mit den fiktiven Figuren aus der Flimmerkiste nur wenig gemein und sind immer eine Reise wert. Den Einwohnern der Ostküstenmetropole sagt man nach, dass sie meist nicht nur unfreundlich, eingebildet und egozentrisch, sondern häufig auch nur zugezogen - also gar keine echten New Yorker - sind. Komischerweise sind das genau die gleichen Eigenschaften, die man den Berlinern zuschreibt. Nur mit dem Unterschied, dass die Berliner glauben, in der wichtigsten Stadt der Welt zu wohnen, während die New Yorker tatsächlich in der wichtigsten Stadt der Welt zuhause sind. Aber das nur nebenbei.

Tatsächlich ist der gemeine New Yorker häufig unfreundlich, eingebildet und egozentrisch. Das gibt sich jedoch im Laufe der Zeit. In den örtlichen Irish Pubs kann das mit dem Freundschaften schließen sogar relativ schnell gehen. Ein paar Drinks, ein nettes Gespräch mit dem Barmann - und man wacht morgens mit einer Flasche Whisky in der Hand in einem der Gentrifizierung entkommenen Haus in Windsor Terrace auf, bekommt von einer irischen Großmutter liebevoll Speck mit Ei zum Frühstück serviert und ist fortan in den Kneipen von Hell's Kitchen nur noch als "the German" bekannt.

Halbnackt und ohne Schlüssel

Einen New Yorker bringt nichts aus der Ruhe, beziehungsweise aus der Großstadthektik. Mehrfach habe ich mir reichlich Mühe gegeben, die Damen und Herren aus der Reserve zu locken, gelungen ist es mir nicht. So nächtigte ich einmal in einem streichholzschachtelgroßen Hotelzimmer ohne eigenes WC. Mitten in der Nacht trat ich im Brausebrand lediglich in Unterhose vor die Tür, um dringende Geschäfte zu erlegen. Allerdings bemerkte ich zu spät, dass ich meine Schlüsselkarte vergessen hatte. Der Portier zuckte nicht einmal mit der Augenbraue als ich halbnackt aus dem Fahrstuhl stieg und ihn um einen Ersatzschlüssel bat.

Eine ähnliche Seelenruhe strahlte auch der nette Toilettenmann in der rotierenden Bar des Marriott Marquis aus, als ich ihm von oben bis unten in Gin Tonic gebadet gegenüberstand. Ein ungeschickter Kollege der BILD-Zeitung, der mit mir auf einer Pressereise in New York weilte, hatte mir Sekunden zuvor seinen gigantischen Drink übergeschüttet. Der uniformierte Herr im besten Rentenalter zog ohne Umschweife einen Fön aus dem Holster, war mir beim Aus- und Ankleiden behilflich und gab ein paar Hausfrauen-Tipps in Bezug auf die Reinigung. Einen dummen Spruch hörte ich nicht.

Noch unheimlicher war mir die Gelassenheit der New Yorker als für mehrere Tage ein brutaler Messermann die U-Bahn unsicher machte und wahllos auf Menschen einstach. Während ich täglich wie ein verängstigtes Kaninchen auf meinem Sitz im Zug kauerte, blickten meine Mitreisenden nicht einmal von ihren Zeitungen auf, wenn mal wieder ein offenkundig Irrer in den Waggon stieg. Wahrscheinlich die Macht der Gewohnheit.

Wer in New York wohnt, hat eigentlich schon fast alles gesehen - und gerade deshalb haben die Menschen hier viel zu erzählen. Das ist allemal spannender als jeder Wolkenkratzer, Ground Zero oder der Bulle im Bowling Green Park nahe der Wall Street. Fragen Sie also nicht nur nach dem Weg, sondern nach den Geschichten. Dann treffen Sie vielleicht wie ich mitten in der Nacht in einer Seitenstraße einen sympathischen Wachmann haitianischer Abstammung, reden mit ihm über das Erdbeben in seiner Heimat und Oliver Kahn. Der gute Mann gehörte zu einer Filmcrew, die am nächsten Morgen an diesem unheimlichen Ort Szenen der Krimiserie "Law & Order" drehen wollte. Der Wachmann hatte in seinem Leben noch nie eine Folge der TV-Show gesehen. Ich kannte fast alle und dadurch sogar ein wenig mehr New York als er.

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Autor:
Denis Krah