Nachgeschenkt Die Herzschmerz-Rebe

Calera Wine. Selleck faces south, Reed faces north

Es ist eine Flasche aus dem ältesten Jahrgang, den David Graves besitzt: Ein Pinot Noir von 1994. Er trägt ein delikates Parfum von Zimt und Gewürzen, die Säure tänzelt immer noch über die Zunge. Graves müsste glücklich sein mit diesem Wein. Aber er seufzt, wenn er an seine ersten Jahrgänge denkt. Die hatte er zur Aufbewahrung an ein Lagerhaus gegeben, der Verwalter verkaufte heimlich die besten Weine, zu Liebhaberpreisen. Als er die Unterschlagung nicht mehr vertuschen konnte, legte er Feuer. Aus den Jahrgängen 1982 bis 1993 verbrannten alle 35.000 Flaschen Pinot Noir. Der Verwalter wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Pinot Noir hat Männer nicht nur zu Verbrechern werden lassen. Wegen dieser Rebe haben Männer ihre Familie, ihren Job im Stich gelassen. In Kalifornien gilt sie als Heartbreak-Grape, als Rebe, die Winzern das Herz brechen kann. Sie ist die größte Herausforderung, eine launische Diva, extrem anfällig mit ihrer dünnen Haut. Sie zeigt ihre Klasse und Schönheit nur unter perfekten Bedingungen. Schon im Weinberg will sie verhätschelt werden, im Keller mit Samthandschuhen angefasst werden. Mitte der 1970er Jahre kamen in Kalifornien die ersten ernst zu nehmenden Pinot Noirs auf den Markt. Im Burgund bemühen sich die Winzer schon seit Jahrhunderten um die schwierige Schönheit. Viele Winzer in Kalifornien verstehen sich noch als Lehrlinge. Aber manche der Lehrlinge sind ehrgeiziger als die Meister im Burgund.

Gemeinsam mit Richard Ward führt David Graves das Weingut "Saintsbury" in Napa Valley. An diesem Morgen sitzen sie mit befreundeten Kellermeistern zusammen wie Jon Priest von "Etude". Es geht wieder mal um Pinot. "Er ist wie eine Black Box, deren innere Funktionsweise unbekannt ist und die es zu entschlüsseln gilt", sagt Ward. In Kalifornien arbeiten viele Winzer verbissen an der Lösung dieses Rätsels. Bei "Saintsbury" ist eine Wetterstation in Betrieb gegangen, die alle 15 Minuten Daten empfängt. Sie sollen ganz genau belegen, welchen Einfluss das Klima auf die Reben hat. Im benachbarten Sonoma Valley kriecht der Nebel jeden Morgen vom Pazifik über die Hügel. Die Herzschmerz-Rebe mag es, wenn er kühl über ihre Trauben haucht.

In Carneros, der Südspitze Sonomas, liegt die "Schug Winery". Walter Schug kam 1961 mit seiner Frau Gertrud und einem weißen VW aus Deutschland. Er arbeitete für den Weinkonzern Gallo und Starwinzer Joseph Phelps. Schugs Leidenschaft galt schon immer dem Pinot, der einen miserablen Ruf hatte in Kalifornien. 1980, Schug war 45, machte er sich selbständig. Er kaufte in Carneros Weideland für Schafe. Schug wurde ausgelacht, als er dort Pinot anpflanzte. Er wählte einen Osthang, wo die Sonne nicht brennt und die Trauben langsam reifen können. Schug musste anderthalb Millionen Dollar Darlehen aufnehmen, um seine "Winery" aufzubauen. Es hätte ihn beinahe ruiniert. "Aber ich bin für Eleganz und Finesse. Das drückt kein Wein so aus wie Pinot."

Fährt man nach Süden, dann weitet sich hinter San Francisco das Tal und die Berge strecken sich nach oben. Josh Jensen ist hier immer wieder auf die Bergketten geklettert. Er ist einer der vom Pinot Getriebenen, im Burgund ist er auf den Geschmack gekommen, als er 1969 auf der berühmten Domaine de la Romanée-Conti bei der Ernte mithalf. Jensen ist überzeugt, dass Pinot nur auf Kalkboden wachsen darf. Als er 1973 nach Kalifornien zurückkehrte, trieb ihn diese Vorstellung durch das Land.

Es ist einfacher in Kalifornien Gold zu finden als Kalkgestein

Jensen wollte den besten Pinot der USA erzeugen. Er suchte Kalkboden, wie ein Goldsucher den Claim sucht, der sein Leben umkrempelt. Es ist einfacher in Kalifornien Gold zu finden als Kalkgestein. Mit verdünnter Salzsäure beträufelte Jensen Felsbrocken. Wenn sie kalkhaltig sind, bildet sich Schaum. Jensens Familie dachte, dass Josh den Verstand verloren habe. Er hatte in Oxford Anthropologie studiert. Jetzt zog er wie ein Desperado umher, übernachtete in seinem Auto und suchte nach Kalkstein. Den fand er 1975 in den Gabilan Mountains, in der Nähe des Städtchens Hollister. Hier sollte sein Weingut entstehen, "Calera", spanisch für Kalkofen. Es gab keine Straße, keine Elektrizität. Jensen verschuldete sich hoch, erst der Jahrgang 1987 brachte Gewinn ein. Aber Jensen hat das Unmögliche geschafft: Er hat bewiesen, dass sich kalifonische Pinots mit den Burgundern messen können.

An der Central Coast sind die Temperaturen höher als im Norden. Hier wurde in den letzten Jahren viel Pinot Noir angebaut. Aber nur dort, wo es tagsüber warm wird und es nachts abkühlt, wird die Traube mit viel Aufwand und Leidenschaft zur Königin unter den Rebsorten. Dann entstehen Pinot Noirs mit kühler Finesse, wie sie bei "Melville", "Au Bon Climat", "Alma Rosa" und "Foxen" im Santa Barbara County erzeugt werden. Wird es dem Pinot zu heiß, schmeckt er nach Pflaumenmarmelade.

Marc Goldberg ist ein Pinot-Süchtiger wie Josh Jensen. Er war Direktor einer Klinik. Sein Leben verlief in geordneten Bahnen, bis er ins Burgund reiste. Danach zählte nur noch Pinot Noir. Er pflanzte Reben, aber mit dem Wein war er unzufrieden. Den perfekten Pinot kann man nicht nach Feierabend erzeugen, dieser Aufgabe muss man sich mit ganzer Seele verschreiben. Goldberg verließ die Klinik und baute "Windward Vineyard" auf, jetzt war sein Leben nicht mehr in Ordnung. Aber es war viel aufregender.

Goldberg steigt in seinen Keller, nur eine Kerze flackert. Er nimmt eine Flasche und wischt den Staub vorsichtig ab. Andächtig öffnet er sie, gießt die Gläser halbvoll, als seine Frau Maggie die Treppe herunter kommt. "Marc, was machst du da?", ruft sie und fängt zu lachen an. Goldberg hat eine Flasche seiner ersten Abfüllung geöffnet: 1993. Das hat er schon seit Jahren nicht mehr getan. Der Wein füllt den Mund samtig aus. Aromen fächern sich auf in immer neuen Facetten, Walderdbeere, Himbeere und Veilchen. "Es ist, als ob ein Pfau seinen Fächer ausbreitet", schwärmt Goldberg. Es ist das sinnlichste Versprechen, das ein Wein machen kann. "Die Wahrheit", sagt Goldberg, "liegt im Pinot."

Infos und Bezugsquellen

Weingüter:

Saintsbury,

Etude Wines,

Schug Winery,

Calera,

Melville Winery,

Au Bon Climat,

Alma Rosa Winery,

Foxen Vineyard,

Marc Goldberg, Windward Vineyard,

Bezugsquellen in Deutschland:

Etude Wines:

Schug Winery: , , ,

Calera:

Melville Winery:

Au Bon Climat:

Foxen Vineyard:

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Autor:
Rainer Schäfer