Kalifornien Der legendäre Highway 1

Den Küstenabschnitt zwischen San Francisco und Los Angeles an der Central Coast sollte man bei seiner Kalifornien-Reise nicht links liegen lassen. Sonst verpasst man den Anblick wilder Pazifikstrände, tiefer Wälder aus hohen Mammutbäumen, skurriler Küstenstädte mit Doris Day und Clint Eastwood-Hotels, Nationalparks mit Wildblumen und Wasserfällen und dekadenten Golfclubs direkt am Meer.

Von der Flower-Power-Stadt Santa Cruz führt der Weg zur berühmten gebührenpflichtigen Panoramastraße namens "17-Miles-Drive" auf der mit Golfplätzen übersäten Monterey-Halbinsel, der in der spießig-niedlichen Küstenstadt Carmel-by-the-Sea endet. Dort beginnt wohl die spektakulärste Fahrstrecke: auf insgesamt 121 Kilometern windet sich der schmale Highway 1 durch die zerklüftete Wildnis von Big Sur bis nach San Louis Obisbo. Eine Strecke, für die man mindestens fünf Stunden, oder am besten gleich ein paar Tage mit Übernachtung einplanen sollte. Von dort aus geht es auf dem Highway 1 und dem Highway 101 im Zickzack nach Santa Barbara an der sogenannten kalifornischen Riviera.

Santa Cruz: Liberales Surfmekka mit historischer Achterbahn

Rotzig, linksliberal und rau ist Santa Cruz und deswegen im Vergleich zu vielen anderen aus dem Ei gepellten Küstenstädten mit einbalsamierten "Schöner Wohnen"-Siedlungen wie etwa Monterey oder Carmel eine sympathische Abwechslung. Direkt am Hauptstrand überragen die hölzernen Schienen einer historische Holzachterbahn von 1924 die Stadthäuser am Strand - der "Giant Dipper" gehört zum ältesten Strandvergnügungspark an der Westküste und ist immer noch in Betrieb. Jedes Jahr ab Mai eröffnet der 1908 gegründete "Boardwalk" mit Zuckerwatte, Karussell und kostenlosen Konzerten.

Am Cowell's Beach, 100 Meter weiter nördlich, liegen Surfanfänger schon am frühen Sonntagmorgen unter grauem Himmel in kleinen Kolonien auf dem Ozean und warten auf flache Wellen. Nur ein wenig weiter entlang der Küstenstraße "West Cliff Drive" haben diese allerdings nichts mehr zu suchen, denn die legendäre "Steamer Lane" rollt dort gefährlich aufs Ufer zu. Die Welle ist nicht nur bei Surfprofis auf der ganzen Welt beliebt, sie gilt auch als Ursprung der Neoprenanzüge - in der kalten Brandung hatte Jack O'Neill, der Begründer der gleichnamigen Surfmarke, in den 1960er Jahren die Idee für die wärmende Wellenreiterkleidung.

Doch nicht nur als "Surf City" ist die kalifornische Stadt international berühmt. Hartnäckig hält sich ihr Ruf, ein ewiges Überbleibsel aus der Flower-Power-Kultur der 1960er zu sein. In der Hippie-Blütezeit verteilten Schriftsteller Ken Kesey und seine Kommune "Merry Pranksters" die einst noch legale Droge LSD in der Stadt, Studenten der 1965 gegründeten University of California zelebrierten den "Easy Way of Live" und VW-Surfbusse gehörten zum Straßenbild.

Und immer noch begegnet man Resthippies, stößt auf Aufkleber wie "Keep Santa Cruz weird" und selbsterklärte "grüne" Feiertage an der Universität, die dem Konsum von Hanf gewidmet sind. Und auch die Gemeindepolitik ist hartnäckig linksliberal: 2003 erwog der Stadtrat des etwa 50.000 Einwohner-Orts etwa, wegen des Irak-Krieges ein Amtsenthebungsverfahren gegen den damaligen US-Präsidenten George Bush zu beantragen. Obwohl sich die Stadt mittlerweile auch als Schlafstadt für die emsigen Arbeiter im Silicon Valley entwickelt hat, scheint sie immer noch eine glückliche Abweichung der Norm zu sein.

17-Miles-Drive: Zaungast in der Welt der Reichen

Für alle die unter Sightseeing-Zeitdruck stehen, kommt der 17-Miles-Drive auf der zypressenbestandenen Halbinsel zwischen Monterey und dem Luxusdörfchen Carmel-by-the-Sea wie gerufen, denn er ist so etwas wie der Highway 1 als Fastfoodkost in Miniaturformat. Wilde Küstenformationen an Panoramastraßen hier, niedlich-jaulende Robben - fotoptimal dichtgedrängt auf dem "Bird Rock" dort. Nach rund zwei Stunden und 21 markierten Sehenswürdigkeiten mit Parkplätzen hat man sämtliche Küstenwunder Kaliforniens gesehen und den Kopf voller Postkartenbilder. Zumindest theoretisch. Denn das Wichtigste fehlt: Ein bisschen Einsamkeit.

Stille, Meeresrauschen und der freie Blick auf den Ozean bleibt einem hier so gut wie verwehrt. Ein Auto nach dem nächsten schiebt sich weit unterhalb des Tempolimits die Küstenstraße entlang, manchmal wandert auch eine 50-köpfige japanische Reisegruppe mit Sonnenhüten über den Asphalt. Rote Kreuze mit Fotografier-Aufforderungen fehlen zwar, aber man hat den Eindruck, jeder lichtet trotzdem treffsicher dasselbe ab. Zum Beispiel die berühmte "einsame" Monterey-Zypresse, Hauptattraktion auf dem Drive, und Stopp Nummer 16. Seit mehr als 250 Jahren klammert sich der zerzauste Baum an die dem Ozean vorgelagerten Granitklippen und trotzt den pazifischen Stürmen. Doch Vorsicht: Der kommerzielle Verkauf eines Bildes der Einsamen kann teuer werden: das Motiv ist als Markenzeichen der "Pebble Beach Company" geschützt.

Und mit "Dirty Harry" alias Clint Eastwood will man sich ja schließlich nicht anlegen. Der Schauspieler ist neben Golfprofilegende Arnold Palmer sowie Ex-Olympia-Organisator Peter Überroth seit Ende der 1990er-Jahre Hauptgesellschafter des Unternehmens, das die Rechte an der Flaniermeile besitzt, dem Land mit all den versteckten Villen, und obendrein an fast der Hälfte aller berühmten Golfplätze. Am bekanntesten ist wohl der "Pebble Beach Golf Links" mit dem wohl am meist fotografierten Golfloch der Welt, dem Loch Nummer 7 - direkt vor dem tosenden Pazifik. Und so ist der 17-Miles-Drive, der übrigens als Privatstraße fast zehn Euro Mautgebühr kostet, nicht nur ein Naturspektakel, sondern birgt auch die Möglichkeit, für einen Augenblick Zaungast in der Welt der Reichen zu sein.

Carmel-by-the-Sea: Märchendorf aus der Konservendose

"Oh wie hübsch, hier möchte ich auch wohnen", so reagieren wohl viele Touristen, die das erste Mal durch Camel-by-the-Sea fahren. Die Holzhäuschen, die neuenglischen weißen Landcottages mit Giebeldächern und akkurat gepflegten Hecken, und die von knorrigen Pinien gesäumten Straßen sind auch erst einmal niedlich - aber spätestens nach einer halben Stunde auch ziemlich langweilig. Die Stadt ist bekannt für ihre erfolgreichen Bemühungen, die Atmosphäre vergangener Zeiten zu wahren - oder besser gesagt - gleich die ganze Stadt zu mumifizieren. Veränderung gilt hier beinahe als obszön - Gesetze verbieten Neon-Reklamen, fliegende Händler und die Einnistung von Franchise-Unternehmen. "Hässliche" Zivilisations-Notwendigkeiten wie Telefonzellen und Mülltonnen sind mit Schindeln bedeckt. Neue Häuser dürfen nur um Bäume herum gebaut werden. Es heißt sogar, künstliche Blumen seien verboten.

Künstler und Bohemiens, die diesen Ort und die Region in den 1920er-Jahren berühmt machten, wie etwa Ernest Hemingway, John Steinbeck, Jack London würden wahrscheinlich heute nach Big Sur flüchten. Denn jetzt gibt es hier nur noch konservative Aquarell-Galerien und teure Boutiquen. Zwei Millionen Touristen hält das nicht auf, jedes Jahr dieses spießige Schlumpfhausen zu besichtigen.

Selbst "Dirty Harry" konnte die Biedermeierei in den 1980er-Jahren nicht stoppen. Als Schauspieler Clint Eastwood 1985 der Bau eines Bürogebäudes aus Denkmalschutzgründen untersagt wurde, kandidierte der Republikaner kurzerhand als Bürgermeister - und gewann die Wahl. Viel verändern konnte er in zwei Jahren Amtszeit allerdings nicht - seine größte Errungenschaft (neben dem Bau eines Touristenparkplatzes): die Aufhebung des Verbots öffentlich Eiscreme zu essen. In seinem ersten Amtsjahr kaufte er noch die " ", am Rande der Stadt und baute es zu einem Hotel mit 30 Zimmern um.

Schauspielerin Doris Day ist mit ihrer "cosy" Puppenstuben-Herberge "Cypress Inn" noch immer mitten im Stadtzentrum. Entsprechend dem Aushängeschild der Gemeinde als "hundefreundlichste Kleinstadt" ist ihr Hotel ebenfalls sehr nett zum besten Freund des Menschen. Gut erzogene Vierbeiner dürfen in der Lobby mit ihren Herrchen frühstücken, in der Library-Bar gibt es eine "Doggie Cocktail Hour" und neben dem Kamin eine dicke Enzyklopädie über Hunde.

Big Sur: Unbeugsame Küstenschönheit mit vielen Verehrern

"Dies ist das Gesicht der Erde, so wie es sich ihr Erschaffer vorstellte", schwärmt Bohemian-Schriftsteller Henry Miller in "Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch " über diesen unbeugsamen Küstenabschnitt, der auch heute noch mehr Geisteszustand als geographischer Ort ist. Selbst Pragmatiker kommen an den steilen Panoramastraßen des Highways nicht umhin, bei jeder Kurve "Ahs" und "Ohs" auszustoßen und unwillkürlich mitten auf der Straße abzubremsen. Die urzeitliche Landschaft scheint mit ihren kräftig an den Klippen aufschlagenden Wellen nicht nur alle Regeln der Zivilisation, sondern auch den Verstand außer Kraft zu setzen. Steil ragen die Santa Lucia Mountains hier aus dem blauen Pazifik, die Klippen fallen fast senkrecht ins kalte Wasser.

Kein Wunder, dass stadtlebenerschöpfte Künstler wie Dichter Allen Ginsberg oder Sängerin Joan Baez in den 1960er-Jahren nach Big Sur pilgerten, um Bücher und Liedertexte zu schreiben, Marihuana zu rauchen und zur Natur zurückzufinden. Auch die "Beach Boys" trällerten fröhlich, dass sie sich in Big Surs "langer Liste an Liebhabern" einreihen wollen. Die zunehmende Beliebtheit war Henry Miller, der bereits 1946 in eine alte Sträflingsbaracke am Rande der Klippen zog, ein Dorn im Auge. Er hatte Angst, dass der magische Unort sich zu einem normalen Vorort mit Tankstellen, Bussen, Barbecue und Vorort-Geschwätz entwickeln würde. Doch der Massenansturm blieb zum Glück aus - Nomen ist bei Big Sur eben immer noch Omen. Schon die spanischen Eroberer konnten mit ihren Schiffen an der wehrhaften Küste nicht anlanden und mussten einen großen Umweg gen Norden machen. Daher tauften sie die Küste "el país grande del sur", das große Land des Südens, verkürzt Big Sur.

Wer Big Sur heute als Ortschaft zu finden erhofft, sucht vergeblich. Ein Großteil von Big Sur steht unter dem Schutz der kalifornischen und nationalen Naturparksysteme. Der Landstrich besteht aus einigen versteckter Häuser mit Briefkasten entlang des Highways, Camps, Lebensmittelläden und Luxus-Lodges in "Big Sur Village" und in "Fernwood".

Man sollte übrigens nicht nur manisch dem Highway Nummer 1 folgen, sonst verpasst man zum Beispiel den wahrscheinlich schönsten Strand Kaliforniens, den Pfeiffer Beach, der keine fünf Minuten von der Hauptstraße entfernt liegt, oder die McWay Falls im "Pfeifer Big Sur Nationalpark" - einen Wasserfall, der 24 Meter tief direkt ins Meer fällt.

Santa Barbara : das mediterrane Beverly Hills

Amerikanische Riviera, so wird die Gegend rund um den wohlhabenden Badeort Santa Barbara etwa eineinhalb Autostunden von Los Angeles entfernt auch genannt. Völlig zu Recht, denn die etwa 90.000 Einwohner-Stadt zwischen den Santa Ynez Bergen und dem Pazifischen Ozean hat ein mediterranes Klima, und deswegen auch Strände, die im Gegensatz zu Städten weiter nördlich mal zum Baden und Surfen ohne Neoprenanzug einladen. Wind gibt es trotzdem genug.

Ob die roten Ziegeldächer, die weißgetünchten Fassaden und die palmenumsäumten Straßen gleich eine Stadt an der italienischen Riviera machen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Läuft man durch die Haupteinkaufsstraße State Street mit ihren kleinen Restaurants, Boutiquen und dem kitschigen neuem Einkaufszenrum "El Paseo Nuevo", die am ältesten Pier Kaliforniens "der Stearns Wharf" am Ozean endet, hat man bei all den gestylten jungen Menschen auf den Straßen, eher den Eindruck mitten in einem hübschen Beverly Hills-by-the-Sea gelandet zu sein.

Der mediterrane Architekturstil wurde für den Wiederaufbau nach dem großen Erdbeben von 1925 gesetzlich vorgeschrieben - die Stadt sollte so aussehen, wie sie von den spanischen Kolonialherren im späten 18. Jahrhundert hinterlassen wurde. Gebaut wurden die historischen Missionen und Presidios aber nicht von den Spaniern selbst, sondern in Zwangsarbeit von den Chumash-Indianern, die schon mehr als 1000 Jahre vor der Ankunft der spanischen Eroberer hier siedelten. Einige dieser alten Bauten aus der Missions-Ära haben das Erdbeben überstanden, sie stehen heute als "El Presidio" unter Denkmalschutz.

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Autor:
Bettina Hensel