New York Das Leben nach dem 11. September

Der gesamte Vorgang dauerte nicht länger als zehn Sekunden. Es war eine jener New Yorker Sommernächte, in denen sich die Hitze in schweren, feuchten Klumpen zwischen den Häuserzeilen verfängt. Der Dunst zeichnete goldgelbe Kreise um die Straßenlampen, und im Norden stand das Empire State Building wie eine Fata Morgana am Himmel. An der Südostecke des Sara D. Roosevelt Parks, der sich die Lower East Side entlang zieht, roch es nach warmem Teer und nach dem Moder aus den Luftschächten der U-Bahn.

Der Mann löste sich aus dem Schatten eines Hauseingangs. Er trug trotz der Hitze einen Wollmantel, und mit der rechten Faust hielt er eine abgebrochene Autoantenne wie einen Degen vor sich. "Die Brieftasche", forderte er barsch und blickte sich dabei gehetzt um. Die Zeit schien kurz stillzustehen. War dies nicht eine jener klassischen New Yorker Situationen, der man als Europäer nicht gewachsen war? In der Sekundenbruchteile entscheiden, ob dieser Abend ein böses Ende nimmt? Fliehen, kämpfen, Geld hergeben? Ein Wagen bog um die Ecke, tauchte die Szene in Scheinwerferlicht, der Mann im Wollmantel verschwand mit kurzen Sätzen im Park.

Nicht gerade eine Heldengeschichte, dennoch ein kleines Abenteuer, immer wieder erzählt. Denn darum geht es letztendlich bei jeder Reise nach New York - um ein Abenteuer. Darum, sich an der Hauptstadt der Welt zu messen. Auch zehn Tage im Mittelklassehotel wollen hier erst einmal überlebt werden. Dazu pfeift man den Gassenhauer von Frank Sinatra, der da sagt, wer's hier schafft, der schafft es überall. Das ist jenes New York, das wir aus den Filmen von Martin Scorsese und Woody Allen kennen. Jene verheißungsvolle Großstadt mit den idyllischen Stadtbildern aus "Manhattan" und den interessanten Menschen aus dem "Stadtneurotiker". Das ist der Schauplatz der brillanten Romane von Truman Capote, Tom Wolfe oder Paul Auster, und hier schrieben Bob Dylan, Lou Reed und David Byrne ihre Songs für drei Minuten dauernde Ewigkeiten.

Eines war New York jedenfalls nie - bloßes Reiseziel. Es war immer schon der Archetyp der Großstadt, die Metropolis. Und mehr noch. Wer vom Flughafen aus über den Brooklyn Queens Expressway nach Manhattan fährt, der sieht zuerst die Silhouetten der Wolkenkratzer, die sich am Himmel abzeichnen und jene unvergleichliche Linie bilden, die als Symbol für die Versprechungen Amerikas und der Moderne bekannt ist. Egal ob in einer Imbissbude in Manila, einer Eisdiele in München oder einem Bürokomplex in Moskau, diese Skyline findet sich überall. Als Zeitungsausschnitt, Postkarte oder als gerahmter Druck. Und überall dient sie als Fluchtpunkt der Träume und Sehnsüchte.

Der Schriftsteller Nik Cohn bezeichnete New York einmal als "Herz der Welt". Eines, das für alle schlägt. Das ursprüngliche Motto der Stadt war ein Vers der Dichterin Emma Lazarus, der am Sockel der Freiheitsstatue eingraviert ist: "Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free." Für die Zehntausenden, die sich alljährlich aus den Entwicklungsländern und Bürgerkriegsgebieten hierher retten, hat dieser Sinnspruch heute noch Gültigkeit. Für die meisten, die am John F.Kennedy-Flughafen ankommen, ist die Reise allerdings nicht ganz so existentiell.

Der Komiker Jerry Seinfeld hat es auf den Punkt gebracht, als er in einem seiner Monologe die rhetorische Frage stellte:"Warum nur die Müden, die Armen und die bedrängten Massen? Was ist mit den Schönen, Klugen und Reichen der Welt?" Viele kommen hierher, weil sie die Herausforderung suchen. Auch sie sind Flüchtlinge. Sie wollen dem Mittelmaß entkommen, ihrer Kultur, ihrer Familie oder auch nur ihrer Langeweile. Manchen reichen schon wenige Tage, dann kehren sie wieder in ihre Heimat zurück und erzählen.

Geschichten von kleinen Abenteuern und davon, dass es in den Straßenschluchten von New York wirklich so aussieht, wie in den Filmen von Martin Scorsese und Woody Allen. Und manche, die vor nicht allzu vielen Jahren schon einmal in New York waren und nun zurückkehren, berichten, dass es nun ganz anders ist in New York. Das deutlichste Zeichen für die Veränderung der Stadt ist nicht zu sehen. Wer hier gelebt hat, der sieht dieses Nichts dennoch jeden Tag - jenes Loch in der Skyline, das an der Spitze von Manhattan nur dann sichtbar wird, wenn sich die Schablone der Erinnerung über das reale Bild schiebt.

Für die New Yorker diente das World Trade Center als eine Art Kompassnadel. Ganz egal, wo man sich in Manhattan befand - die beiden Zwillingstürme zeigten den Süden an. Bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Als die beiden Türme einstürzten, brach auch das Traumbild von New York als Schutzhafen der Welt zusammen. Denn hinter den Versprechen der Herausforderung und der Chance verbargen sich zwei Versprechen, die noch viel grundlegender waren: Manhattan war die Insel der Seligen, die sich in Sicherheit und Freiheit gerettet hatten.

"New York wird nie mehr so sein wie früher", hieß es gleich nach den Anschlägen. Das mag richtig sein. Doch die Anschläge des 11. September waren nur ein dramatischer Höhepunkt in einer langen Geschichte der Veränderungen, die New York schon seit jenem Moment im Jahre 1626 bestimmt haben, als der deutschstämmige Holländer Peter Minuit den Indianern vom Stamm der Algonquin die Insel Manna- Hata für Glasperlen und Knöpfe im Werte von 60 Gulden abschwatzte.

Die jüngste Metamorphose vollzieht sich nicht erst seit dem 11. September 2001, sondern seit mehr als zehn Jahren. New York als bedrohlicher, kosmopolitischer Moloch existiert schon lange nur noch als Mythos. Ausgerechnet jene Stadt, die eine so perfekte Kulisse für Thriller hergibt, steht seit Mitte der neunziger Jahre nicht einmal mehr auf der Liste der 20 gefährlichsten Städte Amerikas. Die Produktionsfirma der Fernsehserie "Law and Order" beschwerte sich, dass sie den Dreck und den Müll, der zum visuellen Standardrepertoire jedes New-York-Krimis gehört, seit einigen Jahren von der Requisite mitbringen lassen müsse. Die gefürchtete Einheit für Straßenkriminalität der New Yorker Polizei wurde im Frühjahr 2002 offiziell aufgelöst. Begründung: "Es gibt in New York keine Straßenkriminalität mehr."

Es war vor allem ein Mann, der die Stadt nach den Verfallsjahren der siebziger und achtziger Jahre so radikal gesäubert hat: Rudolph Giuliani, früher Staatsanwalt aus Brooklyn, ein Konservativer, der gleich in seinem ersten Amtsjahr mit den Stadtstreichern, den Drogensüchtigen und der Mafia aufräumte. Giuliani hatte Glück, denn in seine Amtszeit fielen auch die Wirtschaftswunderjahre des Internetbooms. Mit diplomatischem Gespür und Steuervergünstigungen holte er die Medienkonzerne und die damals aufstrebende Elite der sogenannten Dotcomsin die Stadt. Am unteren Broadway entstand ein neues Zentrum der digitalen Industrien, das unter dem Spitznamen "Silicon Alley" dem Silicon Valley in Kalifornien Konkurrenz machte.

Der Boom dauerte knapp bis ins neue Jahrtausend hinein. Zeit genug für Giuliani, New York so weit zu amerikanisieren, dass der Kulturkritiker Thomas Frank New York als Beispiel für eine Zukunft beschreibt, in der Großstädte nur noch als urbaner Vergnügungspark für all jene dienen, die ihrem bürgerlichen Leben in der Suburbia für kurze Zeit entfliehen wollen. Das ehemalige Rotlichtviertel des Times Square verwandelte sich in ein Tourismuszentrum mit Musicaltheatern, Megastores und Kettenhotels. Die einstige Boheme-Hochburg des East Village wurde zum braven Kneipenviertel gezähmt. Ehemalige Elendsviertel wie Harlem, Hell's Kitchen und die Lower East Side sind heute Wohnviertel für den Mittelstand. Der Erfolg hatte seinen Preis.

Die Fälle von Polizeibrutalität häuften sich. Der haitianische Einwanderer Abner Louima wurde auf einem Revier in Brooklyn gefoltert. Beamte der "Street Crimes Unit" erschossen in der Bronx den afrikanischen Straßenhändler Amadou Diallo. Im Frühjahr des Jahres 2000 schließlich platzte die Blase der neuen Märkte. Mit einem Mal wurde den New Yorkern klar, was der Boom aus ihrer Stadt gemacht hatte. Aus der kosmopolitischen Metropole war ein Marktplatz geworden, auf dem nur noch das schnelle Geld zu zählen schien. Beim ersten Crash nahm sich niemand an der Wall Street das Leben. Zwar wurde an einem einzigen Handelstag über eine Billion Dollar vernichtet, aber die Hauptgeschädigten saßen nur etwas betreten in ihren Lofts.

Die meisten der Jungmillionäre waren Anfang- und Mittzwanziger, die seit ihrem Aufstieg oft nicht mal die Zeit gehabt hatten, aus ihren Einzimmer-Apartments auszuziehen und sich nach wie vor von Pizzas und Softdrinks ernährten. Niemand konnte ahnen, wie lange die Krise dauern würde. Und was für eine Katastrophe die ersten Anzeichen der Erholung am 11. September des Jahres 2001 im Keim ersticken würde. David Hershkovitz, Chefredakteur des Stadtmagazins Paper sagte: "New York war immer schon die grandioseste Stadt der Welt. New York lässt sich durch nichts unterkriegen." Damit hat er immer noch Recht. Weder autokratische Bürgermeister, feindselige Präsidenten noch Größenwahn, Geldgier oder blinder Hass konnten die Stadt in die Knie zwingen.

Und doch umwehte die Seele von New York schon immer eine Aura der manischen Depression. Geht es der Stadt und ihren Menschen gut, fühlen sie sich unsterblich. Geht es ihnen schlecht, glauben sie, das Ende der Welt sei nah. Der Essayist E. B. White schrieb in seinem Artikel "Here is New York": "Kaum einer spricht über diese subtile Veränderung, die doch alle beschäftigt. Die Stadt ist das erste Mal in ihrer langen Geschichte zerstörbar. Eine kleine Formation von Flugzeugen, kaum größer als ein Schwarm Gänse, kann den Traum dieser Insel ganz rasch beenden, kann ihre Türme verbrennen, ihre Brücken einstürzen lassen, kann die unterirdischen Wege in Todeskammern verwandeln, in denen Millionen eingeäschert werden. Die Bedrohung der Sterblichkeit ist nun Teil von New York: im Lärmen der Jets über den Köpfen und in den schwarzen Schlagzeilen der letzten Zeitung."

White verfasste diese Zeilen über die Stadt seiner Jugend im Sommer 1948 und beschrieb damit die Angst der Welt vor dem Atomkrieg. Bis zum 11. September 2001 hatte New York noch unzählige Höhen und Tiefen zu durchschreiten. Und immer wieder kehrte das von White beschriebene kollektive Angstgefühl in die Stadt zurück. So war New York 1962 während der Kubakrise potentielles Angriffsziel sowjetischer Atomraketen. 1975 musste New York fast den Bankrott erklären, und als der damalige Bürgermeister Ed Koch die Regierung in Washington um Hilfe bat, hielt Präsident Ford eine Rede, welche die "Daily News" mit der Schlagzeile "Ford to City: Drop Dead" kommentierte.

Während der Verelendung in den siebziger Jahren und der epidemieartigen Sucht nach Crack wurde New York von Gewalt und Verbrechen gebeutelt. Ende der achtziger Jahre erschütterten Wirtschaftsskandale und Rassenunruhen die Stadt. Am 11. September 2001 stand das "Herz der Welt" für einen ewigen Moment lang still. Auch wenn die Wunde längst nicht verheilt ist, auch wenn in Downtown Manhattan für alle, die sich in dieser Stadt heimisch fühlen, immernoch ein weithin sichtbares Loch klafft - das Herz schlägt nun wieder.

Man spürt es morgens in der U-Bahn, wenn man in die Gesichter all jener blickt, die gleich wieder New Yorks Herausforderung annehmen werden. Man spürt es nachmittags auf dem Broadway oder abends auf dem grell beleuchteten Times Square, wo Scharen von Menschen in die Theater und Kinos strömen. Und man spürt den Herzschlag nachts in den Vierteln von Downtown Manhattan, wo an jeder Ecke Gelächter und Musik zu hören sind und im Norden die Spitzen des Empire State und des Chrysler Building in ihrer fast schon kitschigen Art-déco-Pracht in den Nachthimmel ragen. Natürlich hat sich New York verändert. Aber New York hatte sich schon immer verändert. Für jeden einzelnen Menschen, der hierher kam, symbolisierte New York die Veränderung schlechthin. Ein Versprechen, das sich schon immer als Herausforderung entpuppte. Denn egal, ob sich die Dinge zum Guten wendeten oder zum Schlechten, eines hat diese Stadt noch nie gekannt - Stillstand.

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Autor:
Andrian Kreye