Mit Stil Cruisen ohne Stil

Ich habe mir damals nichts dabei gedacht, als mein 13Jähriger Neffe erklärte, er wolle später keinen Sportwagen oder Jeep fahren wie sein Vater, sondern lieber einen soliden Ford Focus. Mittlerweile mache ich mir ernsthaft Sorgen. Wir fahren nämlich gerade einen Ford Focus, im Urlaub, auf dem Highway 1, unter der Sonne Kaliforniens, und wer jetzt gerade meint, eine leichte Inkongruenz in dieser Reihe festzustellen - genau so ist es: Ein "solider" Focus hat hier absolut nichts verloren.

Wir hatten den Mietwagen in Eile gebucht, warum weiß ich nicht mehr. Mittlere Kategorie, 4 Türen, irgendeinen Amischlitten, was man da halt so fährt. Als ich darüber kurz vor unserer Abreise mit einer Freundin sprach, die im vergangenen Jahr die Route Number 1 gefahren war, hatte sie mich entsetzt angesehen: Ihr habt KEIN Cabrio gebucht? Seid ihr bescheuert? Damals wiegelte ich noch ab, Cabrios seien ohnehin vollkommen überbewertet, erst recht im November, wenn man krampfhaft mit offenem Verdeck fährt und den Hintern bibbernd in die Sitzheizung drückt. Aber im Grunde ahnte ich schon, dass wir einen großen Fehler begangen hatten.

Die ersten Tage in San Francisco verbrachten wir ohne Auto und alles lief perfekt: Wir wohnten im " " am Union Square, ein relativ neues Hotel, das noch nicht in sämtlichen Reiseführern gelistet ist und daher noch erstaunlich gute Raten vergibt. Nur der Frühstücksraum erinnert stark an eine Mehrzweckhalle, dafür ist der Hotelmanager Tristan eine Seele von Mann und war bei uns noch seliger als sonst: Die Giants hatten nach 1954 das erste Mal die Baseballmeisterschaft gewonnen. Ganz San Francisco jubelte, wir feierten nachts in der sehr guten Bar " ". Das war am Montag, Dienstag früh sollten wir unser Auto abholen.

Noch bevor ich das Wort "Upgrade" aussprechen konnte, hielt ich den Schlüssel eines asphaltgrauen Ford Focus in der Hand. Das sei das einzige verfügbare Auto gerade, "take it or leave it", sagte der Mann in der Autovermietung gelangweilt. Wir könnten morgen wiederkommen, vielleicht habe er dann wieder ein "acceptable Convertible". Er hielt mich für eine verzogene Göre, die so bockig auf sein Fahrzeug starrte als sei es ein Traktor.

Aus der grauen Blechschüssel wird niemals ein hübscher Schwan

Dabei geht es mir ja gar nicht um Komfort oder Status. Ich war mit einem Fiat Uno glücklich in Punta del Este, mit einem türkisfarbenen Punto in Italien, aber die hatten immer noch mehr Flair als diese nichtssagende Coupé-Konserve. Ich habe mich bei bestimmten Modellen immer gefragt, ob die eigentlich nur für Autovermietungen gebaut werden, kein Mensch würde sich doch freiwillig einen Focus oder einen Opel Corsa kaufen. Wenn man schon einen Großteil seines Tages im Auto verbringt, dann wenigstens mit ein bisschen mehr Stil. Aber ein Tag, das war zu verkraften. Und fahren ließ sich der Focus ja tatsächlich "solide". Wir jagten ihn über sämtliche Rampen in den Straßen von San Francisco, fanden es sogar fast ein bisschen amüsant, mit dieser Unterdurchschnittskarre durch die Villenviertel von Pacific Heights und Nob Hill zu cruisen. Nur für die Japaner tut es mir ein bisschen leid, die auf ihrem schönen Foto von der berühmten Lombard Street im Abendlicht nun einen grauen Focus zwischen einem alten Buick und einem Audi TT erwischt haben.

Am nächsten Tag gingen wir wieder zur Autovermietung - ohne Erfolg. Wenigstens zeigte der neue Mann am Counter, ein dicker Typ namens Glenn, ehrliches Mitgefühl, er hätte uns als "Germans" ein besseres Auto gewünscht, aber es sei kein Cabrio zurückgekommen. Alle Touristen dieser Welt fuhren die Route Number 1 mit offenem Verdeck und dachten gar nicht daran, uns ihr Auto zu überlassen. Für einen Moment wünschte ich mir Regen.

Aber es war strahlend blauer Himmel, fast 30 Grad. Wir fuhren durch Sausalito, nach Monterey, nach Carmel, die Klimaanlage dröhnte, während die malerischen Steilküsten an uns vorbeizogen, und wann immer wir an einem Vista Point hielten, durften auch andere einen kurzen Focus Moment miterleben: Wenn man diesen Wagen aufschließt und nicht schnell genug den Motor startet, geht nach einem tickenden Countdown sofort die Alarmanlage los. Als würde diese Karre überhaupt jemand klauen wollen!

In Santa Barbara starteten wir einen neuen Versuch, den Wagen zu tauschen. Was denn mit dem alten nicht in Ordnung sei, fragte der Angestellte. "Es ist ein Ford Focus", antwortete ich. Der Mann verstand nicht. "Wissen Sie, ich bin in meiner Jugend zeitweise mit einem auberginefarbenen Ford Scorpio sozialisiert worden, schlimme Zeit, ich muss das ein für alle Mal hinter mir lassen. Geben Sie mir einen Chrysler, einen Mustang - irgendwas!" Er deutete auf einen weißen SuV in der Größe eines Verladecontainers, gegen den unser Focus fast wie ein kleiner unschuldiger Welpe wirkte, der uns bettelnd anblinkte. Mein Mann war kurz davor weich zu werden. Sei es nicht immer so, dass man sich am Ende doch noch in das hässliche Entlein verliebe? Aber für so ein billiges Happy End bin ich noch nicht bereit, an der Grenze zu Los Angeles wird der Focus abgeschoben. Außerdem sehe ich noch nicht, wie aus dieser grauen Blechschlüssel jemals ein hübscher Schwan werden sollte, ganz gleich, wie oft die kalifornischen Möwen noch auf den Lack scheißen mögen.

Autor:
Silke Wichert