Fast Lane Armes, rückständiges Amerika

Die Reise von New York nach Tokio ist immer interessant. Mal abgesehen von den Datumsgrenzen und der sich in der Luft scheinbar ausdehnenden Zeit zeigen sich hier auch die Unterschiede zwischen Amerika und Japan am allerdeutlichsten: Übergröße versus perfekte Proportionen; Spontaneität versus minutiöse Planung, Selbstbedienung versus beispiellosem Service.

Meine Reise begann letzten Dienstag mit einem Frühstückstreffen im Crosby Street Hotel und einem anschließenden Bummel durch die Läden SoHos. Wie immer überfiel mich vor dem Abflug eine gewisse Medien-Panik. Als ich aus dem Hotel auscheckte und mich ins Auto setzen sollte, um Richtung JFK 1 aufzubrechen, rannte ich stattdessen also noch schnell um die Ecke zu Nally-Jackson Books, um meinen Vorrat an Magazinen und Büchern aufzustocken.

Mit meiner Mutter im Schlepptau wurde der Stapel größer als erwartet. Wir kehrten mit genügend Lesematerial zum Crosby zurück, um auch gleich unsere 300 ebenfalls mit Narita fliegenden Mitreisenden zu versorgen. Zum Glück wartete mein zuverlässiger Kollege Jake vom New Yorker Büro im Auto. Er ging die Tüten durch, sortierte die Einkäufe und am Ende wanderten nur die absoluten "Must-Reads" ins Handgepäck, den Rest behielt Jake, um ihn nach London zu verschiffen.

Als wir Manhattan verließen, kamen wir an großen Plakatwänden vorbei, die für diverse populäre Modemarken sowie Reality Shows auf obskuren Kabelkanälen warben. Mich aber erstaunte vor allem, wie vieler dieser schrecklichen riesigen Autos immer noch zwischen den äußeren Vororten und Manhattan hin- und herpendeln - insbesondere vor dem Hintergrund so vieler Presse-Berichte, die behaupteten, die schleppende Konjunktur habe die Konsumenten dazu gezwungen, nicht nur die Zahl ihrer Fahrzeuge innerhalb der Familienflotte zu reduzieren, sondern auch die schiere Größe der Wagen in den Haus-Einfahrten.

Während wir den Highway durch Queens entlangruckelten, blockierten schwarz lackierte Geländewagen mit eingefärbten Scheiben und billigen Chromverzierungen immer mal wieder die Sonne. Wer sind all diese Leute in den Super-Size-Cadillac-Geländewagen? Wo wollen die hin? Und warum brauchen sie dazu so fies aussehende Fahrzeuge? Fungiert ein bedrohlich aussehendes Auto inzwischen als Statussymbol? Oder ist es Zeichen eines erhöhten Sicherheitsbedürfnisses? Vielleicht bieten diese Wagen einfach auch die Möglichkeit, irgendwie politisch wichtig zu wirken: Als könnte der Fahrer jederzeit all diese verdunkelten SUV innerhalb eines 1-Meilen-Radius zusammenrufen und so seine ganz persönliche Fahrzeugkolonne bilden.

Die perfekt frisierten Flugbegleiter

Eine Viertelstunde später fuhren wir am British Airways Terminal von JFK vor, überdachten die Zeitschriftenauswahl für den Flug ein letztes Mal und packten einige, die für die Kabine bestimmt waren, in andere Taschen um. Im Terminal ging es bemerkenswert ruhig und ungewöhnlich gesittet zu - keine Schlangen vor der Sicherheitskontrolle, keine unangenehmen Menschen, die die Röntgengeräte vollstopften. Es mochte etwas damit zu tun haben, dass unser Flug der Einzige war, der um die Mittagszeit startete - und mit der Tatsache, dass japanische Passagiere nur ein minimales pre-boarding Chaos produzieren, da sie ihre Pässe schon in der Hand haben, die Boarding-Tickets mit der richtigen Seite nach oben halten und nie mehr Gepäck mitnehmen, als sie auch allein tragen können.

An Bord eines der neuen 777er von ANA spürte man bei Passagieren wie Crew eine gewisse Aufregung und Anspannung. Da sie ihr neues Flugzeug- und Service-Konzept gerade erst auf der Strecke von JFK nach Narita eingeführt hatten, waren die perfekt frisierten Flugbegleiter bemüht, all die Leistungen und Verbesserungen ihres funkelnden neuen Flugzeugs zu erklären: ein breites Angebot westlicher Speisen und japanischer Gerichte; besondere ausklappbare Spiegel, um das Gesicht auf nächtliche Schlafspuren hin zu überprüfen, bevor man sich den anderen Passagieren zuwendet; neue Matratzen für die flachen Liegesessel und spezielle Duft-Tütchen als Einschlafhilfe sowie für einen frischen Energieschub vor der Landung.

Vor einigen Monaten durfte ich vorab die neue "Inspiration of Japan"-Kampagne von ANA auf einer Pressekonferenz in Tokio kennen lernen . Damals merkte ich an, wie sehr sich dieses Konzepts auch vom geplanten Personalabbau und Konzernumbau bei JAL (Japan Airlines, d. Red.) unterschied. Die rundum erneuerte ANA, die nun auf dem ölverschmierten Asphalt des JFK-Flughafens wartete, stand aber auch im krassen Gegensatz zu dem Standard, der in den USA die zivile Luftfahrt bestimmt.

Statt am Service zu sparen hat ANA noch weitere Auswahlmöglichkeiten und mehr Flexibiltät hinzugefügt, gleichzeitig wurde die Zahl der Sitze ihres größten Langstreckenflugzeugs reduziert. Auch an das Personal werden höhere Ansprüche gestellt, da das neue Service-Konzept recht komplex und ziemlich anstrengend zu sein scheint mit einer Reihe von Gerichten und Speisen-Kombinationen sowie der neuen, digitalen On-demand-Technologie, mit der Getränke oder zollfreie Waren bestellt werden können.

Dreizehn Stunden später begann unser Landeanflug auf die Küste Hokkaidos und weitere 30 Minuten darauf setzten wir umweht von stürmischen Böen auf der Landebahn von Tokio-Narita auf. Als sich das Flugzeug scharf in Richtung Gate drehte, glitzerte das Flugvorfeld fast unter dem strahlend blauen Himmel, kein einziger Ölfleck in Sicht.

Auf der Autobahn Richtung Tokio hob sich die Parade an süßen, kleinen Fahrzeugen (privat wie geschäftlich) auffällig gegenüber den Geländewagen auf dem Highway nach JFK ab: klein und zweckmäßig, Ich frage mich häufig, warum Japans Autohersteller nicht mehr ihrer bierkruggroßen Lieferwagen, Minibusse und Sportwagen exportieren. Stellen Sie sich vor, wie viel besser der Verkehr Manhattans mit wendigeren, wohlproportionierten Autos und Lastwagen funktionieren würde, statt mit diesen Monstern, die immer noch die Straßen bevölkern dürfen.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

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Tyler Brûlé