New Mexico Albuquerques schweigsame Indianer

Das kleine Kätzchen aus Ton wirkt etwas verloren auf dem improvisierten Verkaufstisch. Mit seinen kindlich runden Augen scheint es zu fragen: Was habe ich hier eigentlich zu suchen? Das fragt man sich in der Tat auch. Im traditionsbewussten Acoma Pueblo stehen sonst nur Tonkrüge zum Verkauf - verziert mit dem für die Gegend typischen schraffierten Muster. Aber wenn die Pueblo-Indianer eine Kunst perfektioniert haben in der Vergangenheit, ist es die des Überlebens. Und Touristen, die von ihrem Ausflug in die Sky City der Acoma lieber ein kitschiges Kätzchen mitnehmen möchten als einen authentischen Tonkrug, sollen das ruhig tun.

Pueblo-Indianer? Sensibilisiert für den allgegenwärtigen Wahnsinn politischer Korrektheit in Amerika zuckt man bei dem Wort schon fast zusammen. Ist das nicht irgendwie negativ? Darf man das überhaupt sagen? Darf man nicht nur, erfährt man schnell, soll man sogar. Hier sei man Indianer und nichts anderes. Der Begriff "Native American" gilt nur als eine von vielen blöden Ideen der Anglo-Amerikaner.

Das Acoma Pueblo ist eines von insgesamt 19 Reservaten in New Mexico. Vier davon befinden sich westlich von Albuquerque, die restlichen liegen entlang des Rio-Grande-Tals in Richtung Taos. Wie das häufig so ist mit Völkern, die eng miteinander verwandt sind, kann von einer Einheit allerdings keine Rede sein - zum Leidwesen der amerikanischen Regierung, die mit jedem autonomen Pueblo einzeln verhandeln muss. Die Unabhängigkeit wurde jedoch zu schwer erkämpft, um sie nun leichtfertig wieder aufzugeben. Tatsächlich gehören die kleinen Gruppen zum Teil auch völlig unterschiedlichen Sprachfamilien an. Spricht ein Angehöriger des Zuni- mit einem Mitglied des Acoma-Stammes gleicht das offenbar einem Deutschen, der in seiner Muttersprache mit einem Russen kommunizieren möchte.

Während ehemals kriegerische Völker wie die Navajos oder Apachen den Südwesten der USA erst kurz vor den Spaniern eroberten, gelten die Pueblo-Völker als echte Nachkommen der Ureinwohner Nordamerikas. Vor wenigen Jahren nannte man sie noch Anasazi. Dann kam jemand auf die Idee, dass dieser Begriff als kränkend empfunden werden könne, denn Anasazi sei das Navajo-Wort für "Alte Feinde". Neuer Vorschlag: "ancestral Puebloans". Das die Gefühle der Ureinwohner verletzt wurden, ist unwahrscheinlich, denn diese verließen ihr Siedlungsgebiet um 1500 schlagartig und waren nie wieder gesehen - ein Exodus, der immer noch für Verwirrung sorgt. Warum gingen sie? Eine Dürre vielleicht? Eine kämpferische Auseinandersetzung? Die Wissenschaft rätselt und bleibt doch ratlos. Sie geht jedoch davon aus, dass sie sich den Gemeinden am Fluss anschlossen - den heutigen Pueblo-Indianern.

Missbraucht als billige Speisekammer

Der Nachwelt und vor allem den Tourismus-Zentralen Arizonas und New Mexicos hinterließen sie als Abschiedsgeschenk ihre spektakulär in Canyon-Steilwände hineingebauten Siedlungen. Die so genannten cliff dwellings - beispielsweise Mesa Verde in Colorado und Canyon de Chelly in Arizona sowie Chaco Canyon und Bandelier National Monument in New Mexico - sind Besuchermagneten. Man muss schon nah herankommen, um zu erkennen, dass die roten Sandsteinfelsen ein paar ungewöhnliche Formen aufweisen. In schwindelerregender Höhe wurden Höhlen ausgebaut, mehrstöckige Häuser errichtet und versteckte Wege angelegt, auf denen jeder in den sicheren Tod stürzte, der nicht genau wusste, in welcher Reihenfolge die Füße auf welche Felsvorsprünge gesetzt werden mussten.

In den Tod muss heute niemand mehr stürzen, aber das Misstrauen gegenüber der Außenwelt hat sich offenbar auch auf die Gastfreundschaft ausgewirkt. Besuchergruppen werden manchmal mit dem Enthusiasmus einer notwendigen Zahnreinigung empfangen - langfristig klug, es in Abständen zu tun, aber nichts, worauf man sich freut - und dann mit routinierter Höflichkeit abgefertigt. "Haben Sie noch Fragen?", erkundigt sich der Fremdenführer aus Taos mit einem warnenden Unterton. Als jemand für solche Nuancen unempfänglich ist und sich dafür interessiert, aus welchem Jahr denn die Kirche stamme, wird er rasch unterbrochen: "Dazu kommen wir später!"

Wer will es ihnen verdenken. Verlassen konnten sich die Pueblo-Stämme über Jahrhunderte nur auf sich selbst. Erst bekämpften sie sich untereinander, dann wurden die erfolgreichen Bauern von Apachen und Navajos als billige Speisekammer in Notzeiten missbraucht. Auf die gleiche Idee kamen die Spanier, die neben zahlreichen Krankheitserregern auch den Katholizismus einführten. Die Indianer ertrugen die Übergriffe stoisch - bis die Spanier es dann zu weit trieben. Erst nahmen sie den Pueblos während einer Dürre das Essen weg und als diese sich dann ernüchtert wieder vermehrt den eigenen Gottheiten zuwandten, hetzten sie ihnen die Inquisition auf den Hals. Die unterirdischen runden Kivas, in denen Rituale abgehalten werden, sollten ebenso zerstört werden wie die Gebetsstöcke und andere religiöse Utensilien. Das Maß war voll, die Pueblo-Völker vergaßen ihre Animositäten untereinander und setzen sich gemeinsam zur Wehr. 2400 Spanier wurden bis zurück an den Rio Grande vertrieben und die Sieger zogen triumphierend in den Gouverneurspalast von Santa Fe ein.

Nicht nur der Guide, der durch Acoma führt, unterbricht hier den monotonen Monolog, in dem er die Geschichte des Stammes bisher vorgetragen hatte. Mit sichtlichem Stolz wird auch anderenorts immer wieder auf diese Episode aus dem Jahr 1680 hingewiesen. "Auch heute sind noch viele Krieger unter uns", bekräftigt er, "mein Sohn kämpft in Afghanistan!" Die Gruppe nickt beifällig. Dass die Einheit der einzelnen Pueblo-Völker nur kurze Zeit währte und die Spanier das Gebiet zwölf Jahre später endgültig unterwerfen konnten, wird freundlich beschönigend mit "nachdem sie ihre Lektion gelernt hatten, wurden sie 1692 eingeladen, zurückzukehren" umschrieben.

Auch die Touristen sind aufgerufen, sich die Pueblos anzuschauen, allerdings mit Eintrittskarte sowie einer saftigen Extra-Gebühr für die Erlaubnis fotografieren zu dürfen. Seine Erwartungen, wirklich etwas über die alten Kulturen zu erfahren, sollte man jedoch herunterschrauben. "Dies ist ein Ofen, da backen wir Brot", lernt man dann, oder "Das Gebiet dort ist heilig, da dürfen sie nicht hin, ich kann ihnen aber nicht sagen, warum, das ist ein Geheimnis." Nur ein Mal kommt der Teenager im lila T-Shirt ins Stottern, als ein Herr hartnäckig wissen möchte, ob hier denn überhaupt noch jemand wohne im Taos Pueblo nördlich von Santa Fe. "Äh, nein, nicht wirklich." - Dann sei das also mehr eine Kulisse alles? "Äh, ja, so könne man das sehen."

Hoffentlich ein Regentanz

Wohnen lässt es sich dann doch annehmlicher im rund um die ehemalige spanische Mission herum entstandenen Ort Taos direkt neben dem Pueblo, mit fließendem Wasser und Stromanschluss. Hier bestimmen entlang der Plaza wieder - durchaus hochwertige - Kunsthandwerkläden das Bild. In einem kleinen galerieartigen Einkaufszentrum tanzt ein aufwändig geschmückter Indianer zu Musik aus Lautsprechern. Im Souvenirladen daneben knurren die Verkäufer: "Das macht er heute zum dritten Mal, hoffentlich ist es wenigstens ein Regentanz."

Doch auch, wenn nicht mehr richtig bewohnt, sind die alten, mehrstöckigen Bauhausvorläufer aus Lehm im Pueblo einfach ein eindrucksvoller Anblick. Wer tiefer in die Pueblo-Atmosphäre eintauchen möchte, guckt sich die fantastischen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 1950er- und 1960er-Jahren in diversen Bildbänden oder auch in den Gängen vieler Hotels und Casinos an. Als verwaltungstechnisch souveräne Nationen sind die Pueblos nämlich nicht an das fast überall wirksame Glücksspiel-Verbot gebunden. Fast jeder Stamm hält sich also ein eigenes Casino, das Geld in die Kasse spült und Arbeitsplätze sichert. Im St.-Claran-Luxushotel mit angeschlossenem Casino wird die Kultur der Indianer durch ausgestellte Töpferware - zum Beispiel der weltberühmten Maria Martinez - durch Fotografien, Geschichtenerzähler und Flötenspieler aufrechterhalten. Wer hier bestimmt, ist nicht der Hotelmanager, sondern der Häuptling.

Die Einnahmen sind wichtig, denn trotz aller sichtbaren Erfolge und stolz präsentierten Folklore ist der Kampf um den Erhalt von Sprachen, die nur mündlich weitergegeben werden, sowie um eine eigene Identität inmitten der alles vereinnahmenden amerikanischen Kultur vor allem bei den Jugendlichen hart. Auch der häufige Alkoholismus ist ein Thema, das lieber unter einen der schön gemusterten Teppiche gekehrt wird.

Viele der unbekannteren Pueblos wie Jemez, St. Ana und Isleta bieten den Besuchern, wenn sie sich vorher angemeldet haben, mehr Zeit und eine ausführlichere Beschäftigung mit Kultur und Geschichte. Wobei man beim Wort "Pueblo" nicht sofort an pittoreske Lehmstapelhäuser denken sollte. Es ist einfach ein anderes Wort für Dorf - und dieses besteht auch mal schlicht aus grau-braunen Häuschen in 08/15-Bauweise mit Baseball-Ring überm Parkplatz. Einige Pueblos verweigern sich den Touristen auch ganz. Sie haben sich für ein Leben in Abgeschiedenheit entschieden und laden höchstens mal zu bestimmen Festtagen ins Dorf.

Trotz des etwas gewöhnungsbedürftigen Charmes des Guides und bereits erwähnter Kätzchen sollte man auf einen Besuch im Sky Pueblo der Acoma jedoch nicht verzichten. Schon die Anfahrt verspricht viel: Aus der Hochebene wachsen gigantische Sandstein-Formationen in den Himmel, mal als Ensemble, dann wieder als bizarr geformtes Einzelstück. Vom Visitor Center geht es mit einem Shuttle hinauf in das oben auf ein flaches Felsstück gesetzte Pueblo. Heiße Windböen lassen den Sand zwischen den Lehmhäusern aufwirbeln, die von ihren Eltern mitgeschleppten Kleinkinder fangen an zu weinen - doch alle verstummen vor diesem tief in den Horizont reichenden weltumspannenden Blick.

Die "Stadt auf dem weißen Felsen" thront über der Erde - anders kann man es nicht beschreiben. Der schmale Weg führt zur Kirche und dem direkt an der Kante liegenden Friedhof. Begraben liegen würde man hier oben gerne - der Himmel ist ja schon recht nah, ob leben, ist eine andere Frage. "Warum sieht der Friedhof denn so ungepflegt aus?", fragt eine gepflegte Dame um die 50. Sie meint die umgestürzten Kreuze und die scheinbar wahllos herumliegenden Hölzer. "Dazu kommen wir später", wiederholt der Acoma-Führer dann doch tatsächlich die Worte seines Kollegen in Taos. Aber dann folgt die Erklärung: "Die Seelen der Toten werden erst frei, wenn das Kreuz von sich aus umgefallen ist." Das Holz wird dann an die Kirchenmauer gestellt und nicht weiter verwendet. Die Dame nickt zwar, die Skepsis ist ihr jedoch anzusehen. Am liebsten würde sie da mal eben Ordnung schaffen.

Dass die Pueblo-Indianer sich in ihre eigene Ordnung nicht reinreden lassen, mussten auch die Missionare begreifen. Zwar wurde der Katholizismus nicht rundweg abgelehnt. Er wurde jedoch nicht als neue, einzig wahre Lehre, sondern mehr eine mögliche Erweiterung der alten Gedankenwelt begriffen. Maria - war das nicht einfach ein anderer Name für Mutter Erde? Und die Heiligen - übernahmen sie nicht Aufgaben und Schutzmaßnahmen der eigenen Götter? So steht zwar in jedem Pueblo eine Kirche, die auch gut besucht ist, daneben führen jedoch weiße Leitern hinunter in die dunklen Kivas zu den über Ewigkeiten nur auf mündlichem Wege weitergegebenen Ritualen und Legenden. Kätzchen findet man dort selten. Dafür viele Welten, die durchwandert werden mussten, um die jetzige zu erreichen - und die feste Entschlossenheit, hier auch noch eine Weile zu bleiben. Misstrauisch bleibend, aber auch offen: Der steile Fußweg durch die mächtigen Felsen zurück zum Visitor Center hält auf jeden Fall keine Stolperfallen bereit, sondern ist im Gegenteil besonders besucherfreundlich ausgebaut.

Autor:
Andrea Fonk