Schweiz Musikalische Weltklasse Verbier

Ein Bergdorf im Kanton Wallis, rund 1500 Meter über dem Meeresspiegel, ein beschaulicher kleiner Ort mit 2000 Seelen, mit 50 Restaurants, vier Discotheken und rund einer Million Besuchern übers Jahr, das ist Verbier. Im Winter geht es hoch her im Big Ben Pub und in der Offshore Coffee Bar. Im Winter staubt herrlicher Pulverschnee über den Quatre Vallées, dem größten Skigebiet der Schweiz, den vier Tälern mit 400 Kilometern Piste. Im Winter schweben Gondeln über Tiefschneefeldern, wirbeln Freerider und Snowboarder auf weißen Hängen, tummeln sich die Abfahrtsläufer, das ewige Eis der Drei- und Viertausender im Blick.

Im Sommer leuchten Geranien in Verbier. Friedlich liegen die Chalets in der Sonne, eine Schweizer Sommerfrische für gehobene Ansprüche. Die Preise sind auf alpinem Niveau, und wer den Hundekot nicht aufnimmt, wird "gebüsst". Ein Feriendorf wie andere auch, wären da nicht die Sonnenzelte in den Parklücken, aus denen Streichquartette und Bläserserenaden ertönen. Schubert und Brahms, Haydn und Bach, wohin das Ohr sich wendet. In Hotels und Chalets, in Schulen und Restaurants üben Sänger, Geiger, Bläser, Pianisten. Ein Bergdorf als multiples Klangerlebnis.

Als wäre es verzaubert. Der Wanderer mit Rucksack und Turnschuhen, der etwas zerstreut wirkt, sieht aus wie der berühmte Pianist Emanuel Ax, die Frau mit dem Einkaufsbeutel und den Gesundheitsschuhen ähnelt aufs Haar der legendären argentinischen Virtuosin Martha Argerich, und wenn nicht alles täuscht, spaziert ein Doppelgänger von James Levine, Chefdirigent der Metropolitan Opera in New York, die Dorfstraße hinauf.

Zauberei? Die Doppelgänger sind Realität. Ihre Bilder blicken aus den Schaufenstern zwischen Sportkleidung und Dessous. Die Originale laufen daran vorbei, begegnen einem im Café, in der Apotheke, in der Schlange beim Bäcker. Denn im Sommer ist Verbier Schauplatz eines der merkwürdigsten Festivals in Europa, ein Campingplatz großer Musik, ein Almauftrieb der Superstars. Und das liegt an Martin.

Martin ist von Haus aus Pianist, hat als Künstleragent und Direktor A & R (Artists and Repertoire) bei der Deutschen Grammophon die berühmtesten Musiker der Welt betreut, Dirigenten und Pianisten, Geiger, Cellisten und Sänger, Primadonnen und Virtuosen. Offenbar sind sie darüber zu Freunden geworden. Der Schwede Martin T:son Engstroem - das T:son bedeutet, er ist Turolfs Sohn - gehört zu den Menschen, denen niemand etwas abschlagen kann.

Als er auf die Idee verfiel, den 22. Juli, seinen Geburtstag, in Verbier mit seinen besten Freunden zu feiern, kamen so viele, dass es sinnvoll war, das Fest auf ein paar Wochen auszudehnen. Die Freunde wollten ja nicht nur feiern, sondern auch gemeinsam Musik machen. Und weil sie als internationale Solisten nie Gelegenheit haben, zusammen zu spielen, brauchten sie Zeit für Proben und für ihre Auftritte natürlich auch, drei Wochen sollten es schon sein. Und weil Martin fand, dass so eine schöne Geburtstagsparty keine einmalige Sache bleiben dürfe, kamen sie im nächsten Jahr wieder.

So entstand 1994 das Verbier Festival & Academy, ein Bergfest hochmusikalischer High Fidelity, Virtuosentreffen und Werkstatt zugleich. Denn die Stars spielen nicht nur, sie unterrichten in Meisterklassen, geben Workshops für Musik, Theater und Tanz. Es kamen Isaac Stern, Zubin Mehta und Kent Nagano, Bobby McFerrin, Björk und Nigel Kennedy, aber auch Schauspieler wie Ben Kingsley, Marthe Keller oder Juliette Binoche.

Wir hatten das Vergnügen, bei Martins 50. Geburtstag dabei zu sein, und kamen aus dem Staunen nicht heraus. Allein der Konzertsaal! Die Salle Médrany ist kein Saal, sondern ein riesiges Zelt, ein nüchterner Zweckbau, auf dessen Podium man eher einen Gabelstapler erwarten würde als einen Steinway. Endlos steigen die Sitzreihen in die Tiefe des Raumes, 1750 Plätze, für ein Kino zu viel, für Kammermusik erst recht. Die Akustik entspricht etwa der des Hackerbräuzelts auf der Münchner Wies'n, nur dass im Verbierzelt keiner einen Mucks macht, wenn vorn die Musi spielt.

Dafür ist von draußen alles gut zu hören. Und dann plötzlich der Donner! Eine höhere Macht scheint mit Felsbrocken zu kegeln. Regen prasselt aufs Zeltdach. Der Geiger, ach, ist nicht mehr zu hören, von der Sopranistin nur noch wenige wetterfeste Töne. Aber dann passiert eins dieser Wunder von Verbier: Der Applaus übertönt den Wolkenbruch mühelos.

Birthday Extravaganza. Martins 50. Geburtstag ist zugleich das zehnjährige Jubiläum des Festivals. Ein Flügel reicht nicht, acht sollen es sein, denn acht Pianisten wollen spielen.

Haydn und Bach, wohin sich das Ohr wendet

"159, two, three, four!" James Levine (sechster Steinway von links) dirigiert das Flügelschlagen von Leif Ove Andsnes, Nicholas Angelich, Emanuel Ax, Evgeny Kissin, Lang Lang, Staffan Scheja und Mikhail Pletnev. Eine Tonlawine bricht los, pianistisches Wildwasser, mitreißend wie ein Bergrutsch, ein Riesenspaß. Rimski-Korsakows Hummelflug schwärmt aus. Zum Walkürenritt für acht Klaviere wird ein Stürmer ausgewechselt. Claude Frank aus New York donnert in die Tasten.

Doch der Gipfel der Pianisten ist noch nicht vollständig. Jean-Yves Thibaudet und Yefim Bronfman werden in den nächsten Tagen erwartet. Martha Argerich wird zum ersten Mal Gershwins "Rhapsody in Blue" spielen. Auch bei den Sängern naht die Crème de la crème: Thomas Quasthoff, Barbara Hendricks, Elisabeth Söderström und Magdalena Kožená. Die Dirigenten Christoph von Dohnányi, Yuri Temirkanov und Esa-Pekka Salonen haben sich angesagt und das Ensemble Il Giardino Armonico.

Die Streicher des Birthday Festival Orchestra verdienen es, namentlich vorgestellt zu werden, ein unmögliches Orchester, denn es besteht nur aus Solisten: Gidon Kremer, Ilya Gringolts, Vadim Repin, Christian Tetzlaff, Sarah Chang, Renaud Capuçon, Dimitri Sitkovetsky und Nikolaj Znaider, Violine; Yuri Bashmet und Nobuko Imai, Viola; Mischa Maisky und Boris Pergamenschikow, Cello. Allen Vorurteilen zum Trotz spielen sie wunderbar zusammen: Variationen zum Thema "Happy Birthday", und in den Tagen danach wieder in überschaubaren Ensembles oder solo, eine Fülle anspruchsvoller Programme.

"Das eigentliche Wunder ist das Orchester", schrieb der Korrespondent der "New York Times", einer von etwa hundert Journalisten aus 21 Ländern, die zu Martins Geburtstag anreisen. Er meinte allerdings nicht die Seilschaft der großen Namen, sondern das UBS Verbier Festival Youth Orchestra, jene mehr als hundert Musiker im Alter von 17 bis 29 Jahren, die unter der Leitung von James Levine zu einem perfekten Klangkörper gewachsen sind.

Kaum zu glauben, dass Martin T:son Engstroem sich einst weigerte, dieses Orchester überhaupt zu gründen. "Als die UBS anfragte, ob ich für sie ein Jugendorchester aufbauen könnte, habe ich spontan nein gesagt. Ich fand, eine Bank sollte kein Jugendorchester unterhalten", erklärt er etwas verlegen, "aber die Bank war unglaublich hartnäckig." Beharrlichkeit ist eine Schweizer Tugend. Die UBS ist nicht nur die größte Bank der Schweiz, sondern eins der größten Unternehmen der Welt. Sie hat als Sponsor der Festivals von Luzern und Verbier große Erfahrung im Umgang mit Künstlern.

Schließlich fand der zögernde Engstroem die Idee, die jungen Musiker als Residenzorchester ans Festival zu binden, überzeugend. Und mit James Levine von der New Yorker "Met" habe man einen phänomenalen Orchester-Erzieher gefunden. Levine, künstlerischer Leiter des Orchesters, strahlt. Die Leistung seiner Schützlinge findet er "schlicht verblüffend". Sie haben diesmal nicht nur ein Riesenwerk wie Richard Strauß' "Elektra" als konzertante Aufführung mit Bravour hingelegt, sondern an fünf Abenden insgesamt 15 Werke von Mozart und Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und Bruch bis zu Dvoak, Mahler und Rachmaninow so aufgeführt, dass internationale Kritiker Purzelbäume schlugen.

Drei Wochen hatte das Jugendorchester zur Vorbereitung. Und was die Sache nicht einfacher macht: Rund die Hälfte der Musiker werden jedes Jahr ausgewechselt. Die Neuen sind allerdings handverlesen. Für 47 Positionen bewarben sich 1350 Musiker aus aller Welt. "Ich habe diese Kids so intensiv bearbeitet, sie hatten so viel zu lernen, und so schnell. Es war unglaublich, wie sie mitzogen", berichtet James Levine. Er hat von der Metropolitan Opera in New York zwölf Stimmführer für den Intensivkurs in Orchestermusik mitgebracht. "Das ist eine phantastische Selbsterfahrungsgruppe", sagt er nun, "eine Orchester-Akademie."

Damit sich die Investition auch verzinst, ist der Klangkörper der Bank nicht nur in Verbier zu hören. Tourneen führen durch Metropolen in Europa, Asien und die USA, zeigen das UBS Verbier Festival Youth Orchestra als Global Player. Es spielt vor Präsidenten und bei Wirtschaftsgipfeln, trägt den Geist von Verbier in die Welt. Musik als Vermögen von unschätzbarem Wert. Das ist, zumindest in der Schweiz, kein Bankgeheimnis.

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Autor:
Emanuel Eckardt