Venedig Der Herzschlag vom Markusplatz

Nie ist man mit ihm allein. Selbst nicht in der Dämmerung. Das Pflaster glänzt noch feucht, wie vom Schlaf nass geschwitzt, die Tauben sitzen als schwarze Federkugeln im Gesims der Arkaden und träumen von einem befreiten Leben - einem Leben jenseits des endlosen Kreislaufs aus Körnerpicken, schreckhaftem Aufflattern und kurzen, allzu kurzen Formationsflügen - und schon zerreißt der schnelle Schritt eines Pendlers aus Chioggia die Stille.

Ein Mann, der gerade der Fähre an der Riva degli Schiavoni entstiegen ist und nun eilig und mit gesenktem Haupt den Platz auf dem Weg zur Arbeit überquert. Kaum ist er aus dem Blickfeld verschwunden, taucht ein Straßenfeger auf, der mit seinem Reisigbesen über den Marmor kratzt, ein Lastträger, der seinen mit Zeitungsstapeln beladenen Stahlkarren Richtung Arkaden schiebt, ein Pförtner mit rasselndem Schlüsselbund.

Wenn hoch rollende Metallmarkisen scheppernd den Tag ankündigen, hat die Morgensonne den Markusplatz bereits in zwei Lager geteilt. Auf der Sonnenseite: die alten Prokuratien und die Terrassen des Café Lavena und des Café Quadri. Hier hat der Tag einen kleinen Vorsprung. Während die Kellner beginnen, die Tische abzuwischen und die Stühle zurechtzurücken, liegt die Konkurrenz gegenüber noch schläfrig im Schattenreich: die Fenster des Café Florian sind mit verwitterten Holzläden verhängt, die Stühle angekettet und die Wolkenstores in den Bogengängen der neuen Prokuratien noch hochgezogen. Die Juweliere dekorieren ihre Auslagen und legen wachteleiergroße Perlen auf samtene Dekolletés, siebenreihige Goldketten, mit Diamanten besetzte Kruzifixe - ganz so, als solle die Inszenierung in den Schaufenstern beweisen, dass sich der Fortschritt der Kultur messen lasse am Sieg des Überflüssigen über das Notwendige - wie der Schriftsteller Alberto Savinio einst bemerkte: Sieg der Vanitas!

Für die Venezianer ist er einfach nur Der Platz. La Piazza. Jeder auf der Welt kennt seinen Namen. Seine Herrschaft über die Stadt ist absolut. Neben ihm verblassen alle anderen Plätze Venedigs zu Feldern: campi. Wo er ist, ist die Mitte. Denn hier war die in Marmor gefasste Macht der Republik: im Dogenpalast, in den Prokuratien, im Markusdom - der Staatskirche, in der erst der Republik gehuldigt wurde, dann dem lieben Gott. Der Patriarch von Venedig musste sich mit der weit bescheideneren Kirche San Pietro di Castello begnügen. Erst nachdem Napoleon der Republik den letzten Stoß versetzt hatte, durfte der Patriarch in die Markuskirche einziehen: 1837, zu österreichischer Besatzungszeit, wurde an der Piazzetta dei Leoncini das erzbischöfliche Palais erbaut.

Vielleicht ist es die Ahnung, dass dieser Ort seit Jahrhunderten unverändert ist, die ihn so überwältigend macht. Ein begehbares Wunder. Nur ein Schritt und schon steht man in einem Gemälde von Carpaccio oder Guardi, nur die Touristen muss man sich wegdenken.Wann hat man schon die Gelegenheit, ein Gemälde zu betreten? Auf diesem Boden verbrannten die Insignien des letzten Dogen, hier wurde die österreichische Kaiserin Sissi von den Venezianern verschmäht und Mussolini bejubelt. Aber was mag Zeit schon bedeuten auf einem Platz, wo als neu bezeichnet wird, was 400 Jahre alt ist? Nie würde ein Venezianer jene auf Arkaden gestützte Gebäudeflucht, die den Markusplatz links und rechts begrenzt, einfach und verallgemeinernd Prokuratien nennen - stattdessen unterscheidet er sie streng in einen alten und neuen Teil, ganz so, als sei es ihm auch nach 400 Jahren nicht gelungen, sich an den Neubau zu gewöhnen.

Es nähren sich die Untermieter, die Tauben

Seit dem 12. Jahrhundert wurden die Maße des Markusplatzes nicht mehr verändert. 400 Jahre lang wurde an ihm gebaut, von der Gotik bis zur Renaissance - als der Florentiner Sansovino kam und die Bibliothek gegenüber dem Dogenpalast errichtete, die im ersten Bauabschnitt zusammenbrach, weil Sansovino nie zuvor auf nachgiebigem Boden gebaut hatte. Die Venezianer steckten ihn daraufhin ins Gefängnis. Und hätten sich seine illustren Freunde Tizian und Aretino nicht für ihn verwendet, wäre der Markusplatz vielleicht unvollendet geblieben wie ein nicht zu Ende gesprochener Satz. Kaum streckt sich der Platz in der Sonnenwärme, nähern sich seine Untermieter und rollen ihre Karren über den Platz: die Taubenfutterverkäufer ihre Körnerwägelchen, die Souvenirhändler ihre Stände mit den Plastikgondeln, die Markusplatzfotografen ihre mobilen Studios.

Es folgen die Muranoglasschlepper und die Taschendiebe mit der ihnen eigenen Nonchalance. Für 18 amtlich zugelassene Taubenfutterverkäufer, 32 Souvenirhändler,acht Markusplatzfotografen, 16 Markusplatzmaler, 20 Muranoglasschlepper und unzählige Taschendiebe ist der Markusplatz kein Wunder, sondern ein Arbeitsplatz. Wie in einer Goldmine, in der nur zu bestimmten Zeiten und an vorgeschriebenen Stellen geschürft werden darf, damit die Vorhaben möglichst lange reichen, ist der Platz zentimetergenau aufgeteilt: Die begehrteste Stelle ist die vor der Markuskirche. Damit sich dort nicht alle Händler ballen, arbeiten sie in Schichten und wechseln die Standplätze.

Anders als die Markusplatztaube ist der Taubenfutterverkäufer der Weltliteratur gleichgültig geblieben. Obwohl er durchaus taugen würde - als Metapher für die Vergeblichkeit allen Strebens. Einem geheimen Ritual gehorchend, ordnet er die Papiertüten mit dem Taubenfutter, er füllt sie nach, er stapelt sie, er rückt sie zurecht. Seit 34 Jahren steht Giorgio auf dem Markusplatz, klein, verwachsen und bärtig, im Winter in einer verblichenen Daunenjacke, im Sommer unter einem kleinen Sonnenschirm. 34 Jahre inmitten von Stein,Tauben und endlosen Orchestermelodien aus den Cafés.

Was Giorgio tröstet, ist der Gedanke an die Beständigkeit seines Geschäftes. Schon seine Eltern verkauften Taubenfutter auf dem Markusplatz und Giorgio setzte die Familientradition schon als 15-Jähriger fort. Die allerdings wird auch mit ihm sein Ende finden, da er keine Kinder hat, denen er seine Taubenfutterverkäuferlizenz vererben könnte. Mit ihm stirbt eine venezianische Taubenfutterverkäufer-Dynastie aus. Da es der Stadtverwaltung schon nicht gelang, der Tauben Herr zu werden, versuchte sie, ihre Macht wenigstens über die Taubenfutterverkäufer auszuüben: Sie begrenzte ihre Zahl, indem sie auf die im Vergleich zu den Tauben geringere Fruchtbarkeit der Taubenfutterverkäufer vertraute. Neue Genehmigungen werden nicht mehr ausgestellt, bereits vorhandene Genehmigungen können nur noch vererbt werden.

Millionen Schuhsohlen reiben die Trachytblöcke der Pflastersteine blank, Millionen Hände schmirgeln den Marmor der zwei Löwen auf der Piazzetta dei Leoncini glatt.Was mögen Besucher denken, in jenem magischen Moment, an dem sie zum ersten Mal ihren Fuß auf den Platz setzen? Geht es ihnen wie dem Schriftsteller Julien Green, der befürchtete, den Verstand zu verlieren? Oder versuchen sie sich in Ironie zu retten, so wie viele Schriftsteller? Goethe räsonierte auf dem Campanile über Taschenkrebse, Mark Twain verglich den Dom mit einem spazieren gehenden Käfer, Hemingway mit einem Hollywood-Kino.

Lausche, dem Herzschlag des Platzes

Die Venezianer überqueren den Platz mit Bedacht. Nie würden sie die Säulen an der Ecke des Dogenpalastes kreuzen, nie würden sie zwischen der San-Todaro-Säule und der San-Marco- Säule auf der Piazzetta hindurchgehen, wo die zum Tode Verurteilten an den Pranger gestellt wurden, nie würden sie zwischen den sechs Säulen vor der Opera Bevilacqua La Masa durchgehen. All das bringt Unheil. Das nur neutralisiert werden kann, indem man den Bauch des Kriegers reibt, der sich als Halbrelief am Ende des Säulengangs aus dem Stein hervorreckt. Unter den abergläubischen Händen wurde sein Bauch schon ganz glänzend.

Die Touristen suchen Halt bei ihrem Führer, der sie nicht nur über den byzantischen, sondern auch den kriminellen Ursprung der Markuskirche belehrt: nicht nur die Gebeine des Evangelisten, nein, auch Marmorsäulen und Alabasterbögen, juwelenbesetzte Ikonen und die Bronzepferde - alles gestohlen! Diebesgut aus dem Orient! Geraubt von venezianischen Kaufleuten, die sich im höheren Auftrag glaubten! Ungerührt von derartigen Vorwürfen wacht Monsignore Pizziol im erzbischöflichen Patriarchat über den Ausflug der Touristen in die blattgoldene Ewigkeit der Markuskirche. 600 Touristen werden pro Stunde in die Kirche eingelassen - unter den strengen Augen von 25 Wächtern. Glaube und Kunstgenuss seien durchaus zu vereinbaren, meint Monsignore Pizziol, der auch für den Glockenturm, das höchste Bauwerk Venedigs, verantwortlich ist. Und Zeuge wurde, als sich ein Selbstmörder vom Campanile in die Tiefe stürzte. Er war der erste überhaupt, was erstaunt. Vielleicht liegt es weniger an den Sicherheitsnetzen als an dem Panorama? Ob Schönheit den Lebensmut wieder weckt?

Den jungen argentinischen Tänzer konnte jedoch selbst nicht der Blick auf das marmorne venezianische Wunder von seinem Vorhaben abbringen. Als er in den Tod sprang, war es zwölf Uhr, und die Glocken läuteten. Er breitete im Flug die Arme aus. Er habe ausgesehen wie ein Engel, sagten die, die ihn gesehen haben. In der Mittagshitze suchen die Touristen und Tauben Schutz vor der Sonne. Die Touristen auf den schattigen Stufen des Markusplatzes, die Tauben in den Nischen der Arkaden. Auf der Terrasse des Café Florian sitzt eine Japanerin mit Skizzenbuch und zeichnet mit zarten Strichen das Orchester, das in dem Halbrund der gerafften Sonnenvorhänge wie in einer Muschelhälfte geborgen ist: den Pianisten, den Cellisten und den Kellner Claudio, der hier seit 40 Jahren arbeitet und wie ein beflissener Zirkusdirektor durch die Tischreihen läuft und rechts und links lächelnd ein paar Habitués grüßt.

Noch vor wenigen Jahren saß stets ein alter Herr im Florian, ein früherer General, dem sich alle mit einer gewissen Kratzfüßigkeit näherten. Längst war er pensioniert, aber wenn es darum ging, dem Enkel eines Freundes den Militärdienst zu ersparen, waren seine Beziehungen noch immer wertvoll. Im Sommer trug er helle Leinenanzüge, er saß unter den Arkaden an dem Tisch rechts vom Eingang und fand immer jemanden zum Plaudern. Im Winter saß er im Senatssaal und blätterte im Gazzettino. Und manchmal blickte er so gedankenversunken auf den Markusplatz, als entwerfe er Aufmarschpläne für einen Exerzierplatz.

Im Café Florian finden sich vor allem Lokalpatrioten ein: Dies war der Ort der republikanischen Verschwörer gegen die österreichischen Besatzer. Den Senatssaal ernannten sie zu ihrem Hauptquartier. Davon zeugen noch zwei Graffiti auf der Höhe der Hausnummer 60: W San Marco - W La Repubblica: Es lebe der heilige Markus - es lebe die Republik. Die Österreicher verkehrten gegenüber im Café Quadri, das sich in vorauseilender Unterwürfigkeit in Café Militare umbenannt hatte, mit dem deutschen Zusatz "Kaffeehaus". Als der österreichische Gouverneur 1848 während des Aufstands den Befehl gab, auf die Menschen auf dem Markusplatz zu schießen, wurden die Verwundeten ins Café Florian getragen. Es sollte Venedigs letzte Revolte gegen eine Besatzung sein - mit dem Florian als Verbündeten. Dafür lieben es die Venezianer noch heute.

Am Nachmittag, wenn die Schatten länger werden, schmeichelt das Licht am meisten: Die Sonne steht im Westen und lässt die Goldmosaiken des Markusplatzes leuchten. Paare umarmen sich und erinnern sich jenen Bruchteil einer Sekunde lang, in dem sich die Linse öffnet, dass sie sich irgendwann geliebt haben.Wer hat sich nicht alles hier fotografieren lassen, auch der Mafiaboss Totò Riina mit seiner Frau - ganz Italien suchte ihn, und er stand taubenfütternderweise auf dem Markusplatz und ließ den denkwürdigen Moment seiner Hochzeitsreise von einem Fotografen festhalten. Es ist mehr als ein Licht, das alle festhalten, mitnehmen, in einen Bilderrahmen stecken wollen. Es ist Glück. Das digital fotografiert wird: Es gibt nur noch wenige, alte Fotografen, die mit einem Stativ arbeiten, das mit einem Tuch verhüllt ist, die Jungen rollen ein komplettes Computerstudio auf den Platz, mitsamt Drucker und CD-Brenner. Es ist nicht einfach, in einer Welt zu leben, in der sich alle zum Fotografen berufen fühlen, sagt der Markusplatzfotograf. Seit 20 Jahren verbringt er den Tag mit dem immer gleichen Motiv: Mensch, Tauben, Markusplatz, ohne dabei verrückt zu werden.

Über den Platz wehen nun so viele Federn, als hätte eine Kissenschlacht stattgefunden. Die Kirche steht jetzt nur noch Gottesdienstbesuchern offen. Wie auf Zuruf verschwinden nicht nur die Touristen, sondern auch die Tauben - ganz so, als hätten sie endlich ihren Arbeitstag überstanden. Nun kommen die Markusplatzmaler. Sie stellen ihre beleuchteten Staffeleien auf und arrangieren ihre Venedigansichten unentwegt neu - mit den gleichen Bewegungen, mit denen die Taubenfutterverkäufer die Taubenfuttertüten ordnen. Der abendlich erleuchtete Markusplatz glitzert wie ein Theater, daneben wirken die Ansichten der Maler wie hilflose Zeichenversuche einer Volkshochschulklasse. Einige Touristen machen Walzerschritte zur Musik aus den Cafés und andere singen mit. Im Laufe des Abends wird die begeisterte Menge immer größer, sie wogt von Café zu Café - ohne sich zu setzen, denn trotz aller poetischer Ergriffenheit findet man den Kaffeehausstuhl zu teuer. Nach Hause geht man erst, wenn die Marangona, die Mitternachtsglocke, läutet. Das ist das Zeichen. Venedig schließt. Träumt alleine weiter!

Als die Lichter in den Arkaden verlöschen, die Tauben in ihren Nischen träumen und der Mond über den Kuppeln der Markuskirche steht wie ein Zeichen des Orients,wehen immer noch Federn über das Pflaster. Ein Mann quert den Platz mit unsicherem Gang und setzt sich auf einen angeketteten Stuhl. Er stützt den Arm auf den Tisch und blickt in die Nacht. Es sieht so aus, als lauschte er dem Platz. Seinem Herzschlag, seinem Atem.

Autor:
Petra Reski