Valencia Bauwut an der Costa Blanca

Lieve de Clippel freute sich darauf, ein paar Tage mit ihrem Mann Hubert zu verreisen. Sie war gerade dabei, ihre Koffer zu packen, als sie der Brief vom Notar erreichte. Dem Ehepaar gehört ein wunderschönes altes Haus an der Costa Blanca, eine masia aus dem 18. Jahrhundert mit 30.000 Quadratmetern Land auf dem grünen Hügel Coma del Pou. Eines der letzten weitläufigen Anwesen im Häusermeer, so idyllisch, dass sogar das Fremdenverkehrsamt Benissa mit seinem Bild wirbt. Jahrelang waren die de Clippels durch Spanien gefahren, um Material für die originalgetreue Restaurierung zu erstehen. "Wir waren gerade fertig mit allem", sagt Lieve, "als der Brief vom Notar kam. Von demselben, der 19 Jahre zuvor unseren Grundstückskauf beglaubigt hatte. Mit dem Schreiben wurde uns mitgeteilt, dass auf unserem Land 104 Häuser gebaut werden. Und dass wir auch noch Erschließungskosten bezahlen müssen."

Lieve de Clippel ging zum Notar und forderte Einsicht in den Bebauungsplan. Der Notar berechnete 800 Euro für die Fotokopien, und Lieve stellte fest, dass ihr Haus auf den Plänen gar nicht mehr existierte.

Nur ein Fall von Hunderten, Alltag an der Costa Blanca. Fast jeder der über 30 Mitglieder des Nachbarschaftsvereins von Benissa Costa, die sich heute im Nebenzimmer eines Restaurants treffen, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern und haben sich vor Jahren hier den Traum vom Haus an der Sonne erfüllt. Jetzt aber haben sie Angst um ihren Grund und Boden. Die Stimmung ist gereizt.

"Was hier passiert, ist kriminell", sagt der Kanadier Charles Svoboda. Die Sache laufe immer nach dem gleichen Muster ab: Ein Bauunternehmer legt dem Bürgermeister einen Bebauungsplan vor. Der entscheidet mit seinen Ratsherren, dass der Plan von öffentlichem Interesse sei, und genehmigt ihn. Die Eigentümer des zu erschließenden Landes sind nicht informiert worden. Svoboda selbst wurde misstrauisch, als er eines Tages wildfremde Menschen auf seinem Grundstück entdeckte, die sein Land vermaßen. Er forschte nach, und ihm wurde rasch klar, dass er protestieren musste, um seinen Besitz nicht zu verlieren. In neun Teile sollte Svobodas Land aufgeteilt werden, drei sollte er behalten dürfen und außerdem 40.000 Euro Erschließungskosten bezahlen. Der Ex-Diplomat ging auf die Barrikaden und legte Widerspruch ein - mit Erfolg. Mit seiner Frau Lisa gründete er die Bürgerinitiative "Abusos urbanísticos - no" (AUN), die gegen die Bauexzesse kämpft.

Die Grundstücke würden per Gesetz enteignet, erklärt Svoboda. Später verkaufe man sie für den 20fachen Wert oder noch teurer: "Bauunternehmer und manche im Rathaus verdienen sich dumm und dämlich", schimpft er, und das valencianische Gesetz respektiere das Recht auf legal erworbenes Eigentum nicht. "Im Gegenteil", springt ihm sein Mitstreiter Hubert Vockensperger, Ingenieur im Ruhestand und bei AUN Ansprechpartner für die Deutschen, zur Seite, "im Namen des öffentlichen Interesses werden auf enteignetem Land überdimensionierte Straßen, Reihenhäuser und Luxusvillen gebaut." Vockensperger erzählt von einem Nachbarn: "Der wachte eines Morgens auf, als er ein komisches Knipsen vor seinem Haus hörte." Er schaute nach und sah, wie gerade ein Lkw mit dem Maschendraht seines Zauns losfuhr. Danach erschien ein Bagger auf seinem Grund und hob die Baugrube für ein neues Haus aus.

Der zweite Blick auf den Boom an der Küste

Noch dazu hat die Regionalregierung keine Scheu, ihre Hausbesitzer zu schröpfen. Weil man im Rathaus von Benissa seit 1984 die jährliche Angleichung der Grundsteuer verschlief, wurde sie auf einmal um bis zu 800 Prozent erhöht. Die Behörden fordern jetzt auf einen Schlag die Differenz von über 20 Jahren. "Es geht um einen Haufen Geld, wir werden wie Milchkühe gemolken", empören sich die Mitglieder im Nachbarschaftsverein.

Zahlungsaufforderungen erhalten die Hausbesitzer immer schnell und direkt ins Haus. Geht es dagegen um Bebauungs- und Erschließungspläne, tun die Politiker und Bauunternehmer alles, um ihren Informationsvorsprung so groß wie möglich zu halten. "Da gegen protestieren wir", sagt Svoboda, "gegen das skandalöse Gesetz, Amtsmissbrauch und Rechtsbeugung. Die Bürgerinitiative hat 15000 Unterschriften von Opfern beim Petitionsausschuss des EU-Parlaments eingereicht."

 

Das gab den Betroffenen Recht. Auf Druck der EU-Kommission musste die Regierung von Valencia das Landerschließungsgesetz ändern und die Genehmigung für alle Bebauungspläne aussetzen, bis das überarbeitete Gesetz in Kraft trat. Noch bis zur letzten Minute genehmigte die Regierung 82 Projekte in über 50 Gemeinden. Man ist sich keiner Schuld bewusst. "Unser Gesetz ist vorbildlich. Die anderen autonomen Regionen Spaniens haben es übernommen", sagt die Chefin der Baubehörde, Cristina Serrano, obwohl die EU selbst das überarbeitete Gesetzt kritisiert. Von 15.000 Opfern will sie nichts wissen: "Wir haben überall angefragt, bei der Petitionskommission, bei den Bürgerinitiativen. Niemand konnte uns die Namenlisten geben." Auch den Vorwurf mangelnder Transparenz weist Serrano zurück: "Es ist doch egal, ob wir eine öffentliche Anhörung veranstalten oder die Betroffenen ans Rathaus verweisen, damit sie sich über die neuen Baupläne informieren."

Die Hausbesitzer klagen dagegen über gezielte Desinformation."Da haben sie doch glatt einmal eine notarielle Beglaubigung an einen Baum geheftet.Zum Glück hat es jemand gesehen und uns Bescheid gegeben", sagt Vockensperger, "so konnten wir mal wieder verhindern, dass eine Einspruchsfrist abläuft, von der wir gar nichts wussten."

Isidor Mollà, Ex-Bürgermeister von Benissa, hofft, dass gegen die Bauwut endlich etwas getan wird. Wie im nahegelegenen Ort Pego, wo dem Bürgermeister eine Gefängnisstrafe droht, weil er das Bauen im Naturschutzgebiet erlaubte. Mollà wuchs zwischen Weinfeldern und Mandelhainen auf. Da war Benissa noch ein idyllischer Ort mit Blick auf den berühmten Felsen Peñón d'Ifach, der vor der Küste aus dem Meer ragt. "Heute ist es eine Stadt mit hundert Maklerbüros und 500 Firmen, die in der Bauwirtschaft tätig sind."

Die Fensterscheiben klirren. Mollà ist von Beruf Tierarzt, seine Praxis liegt an der Hauptstraße, auf der ununterbrochen Lastwagen vorbeidonnern. "Wir brauchen dringend eine Umgehungsstraße in Benissa, aber nicht die, die der amtierende Bürgermeister Juan Bautista Roselló durchgepeitscht hat." Dessen "Ronda Nord"-Projekt sieht einen Boulevard vor, der mit 33Metern breiter ist als manche Autobahn. "Außerdem sollen noch 2500 neue Häuser entstehen", sagt Stadtchronist Joan Josep Cardona. "Die Erschließungskosten von neun Millionen Euro müssen 25 Privatanlieger bezahlen." Cardona ist einer von ihnen, 60Prozent seines Grundstücks mit hundertjährigen Pinien soll er abtreten und sich dann auch noch ein neues Haus bauen. Das alte wird abgerissen.

Die Ronda Nord hat Bürgermeister Roselló mit dem Argument durchgesetzt, die spanische Regierung habe für Benissa keine Umgehungsstraße vorgesehen. Deswegen müsse man selbst aktiv werden. Jetzt sollen in Benissa zwei Umgehungsstraßen parallel zueinander gebaut werden. Die zweite bezahlt die spanische Regierung. Eine Privatfirma habe sich zudem 35 Prozent des städtischen Baugrunds in Benissa unter den Nagel gerissen, erzählen Mollà und Cardona. Da entstehe jetzt eine Siedlung, fast so groß wie die gesamte Altstadt. Und Pläne für acht neue Hotels und zwei Golfplätze lägen auch bereits vor. Ob die Wasservorräte dafür reichen, sei nicht klar. Grünzonen seien nicht geplant. Auch nicht das dringend notwendige Krankenhaus.

Doch das ist für Mollà und Cardona noch längst nicht das Schlimmste. Bürgermeister Roselló und seine rechte Volkspartei PP hätten einen Teil des alten Friedhofes gegen ein anderes Grundstück getauscht. "Die Erde mit den Gebeinen unserer Vorfahren wurde von Lastwagen zur Kompostierung abtransportiert. Die Knochen unserer Großeltern liegen jetzt überall in der Gemeinde verstreut.Wer sich noch nicht mal für Grabschändung zu schade ist, von dem kann man kein Feingefühl für die Erhaltung unserer Heimat erwarten."

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Autor:
Anuschka Seifert