Spanien America's Cup in Valencia

Jeden Morgen gegen neun werden Sir Peter Blake, Dennis Conner und Konsorten sorgfältig die Köpfe abgestaubt. Die Putzfrau streicht mit dem Mopp behutsam über die Helden in Krawatte und feinem Zwirn. Stolz blicken sie drein, aus ihren Gesichtern leuchtet die Abgeklärtheit großer Siege.

Die Porträts der Segelveteranen hängen als Schwarzweißbilder und perfekt gerahmt in der Eingangshalle der Casa de la America's Cup. Zwei Reihen einstiger Heroen der berühmtesten Regatta der Welt. Daneben die Macher aus der Jetztzeit: Jochen Schümann, der Sportdirektor. Patrizio Bertelli, Chef des italienischen Teams Luna Rossa. Daneben noch mehr Lenker, Geldgeber und Syndikatsbosse, glänzend hinter Glas.

Und dann, natürlich, lächelt da noch verschmitzt der 41 Jahre alte Ernesto Bertarelli von der Wand - ein ehemaliger Biotech-Tycoon, milliardenschwer und segelverrückt. Bertarelli ist der Hauptsponsor und Kopf von Alinghi, jenem Schweizer Team, das den letzten America's Cup 2003 vor Neuseeland sensationell gewann. Bertarelli war es auch, der diese Supershow zur See erstmals seit 1851 nach Europa holte, denn allein der amtierende Sieger darf über das Wo und Wann der nächsten Regatta entscheiden. Ernesto Bertarelli wählte Valencia.

 

Die Klimaanlage rauscht im dunklen Besucherzentrum. Hier laufen Filme über Regatten von einst, sie zeigen, wie schnittige Boote mit durchtrainierten Kerlen durchs Wasser zischen. Poster, Broschüren. Das alles soll den Gästen Valencias nahebringen, worum es hier eigentlich geht: um den America's Cup. Um die älteste internationale Sporttrophäe.

Begonnen hat es damit, dass britische Segler im Jahr 1851 sich geweigert hatten, gegen eine Mannschaft aus Übersee anzutreten. Erst unter Druck der Presse wurde US-Skipper John Cox Stevens mit dem Schoner "America" eingeladen: 14 britische Boote gegen eine US-Yacht beim Rennen rund um die Isle of Wight. Stevens siegte vor den Augen von Queen Victoria, ein Desaster für die Briten.

Bis heute geht es um Sieg oder Schande, um einen Mythos - und um Millionensummen. Der America's Cup ist kein gewöhnlicher Wettkampf. Vielmehr eine Schlacht unter Großunternehmen und Megaaktionären, die um nichts anderes buhlen als um den Einzug ins Pantheon des Segelsports.

"Mit der Austragung der Regatta in Valencia hat sich unser Land auf ein neues historisches Wagnis eingelassen", sagt Spaniens Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero. Keine Frage, wer den America's Cup veranstalten darf, läuft mit stolzer Brust durch die Gegend. Das ist oberste Liga. Im Sinne des Sports. Des Geldes. Und des Ruhms.

Beim Verlassen des Besucherzentrums kommt man an die Pier des Dársena interior, des alten Hafenbeckens. Und ahnt erst jetzt das Ausmaß dieser furiosen Sportveranstaltung. Tunfische und Doraden lagen hier früher, Früchte, Ziegel, Holz und Waren aus Übersee stapelten sich, an den Kais machten Kutter und Frachter fest. Diese Zeiten sind vorbei.

An den Tinglados, den ehemaligen Lagerhallen am Hafenbecken, ragen jetzt 30 Meter hohe Karbonmasten in den Himmel. Spiegelglatt geschliffene Bootsrümpfe stehen aufgebockt in schweren Travellifter- Kränen. Wie riesige Torpedos muten die schlanken, 26 Meter langen und jeweils um die sechs Millionen Euro teuren Karbonyachten an, die nur zum Training und für die Rennen ins Wasser gesenkt werden.

Rund ums Hafenbecken hat die Zukunft des Segelns begonnen. Hier reihen sich heute würfelförmige Bauten aneinander, die wie Hangars für Raumschiffe aussehen. Gewaltige Kuben, mal milchglasverkleidet, mal verspiegelt, mal mit dem für die Segel typischen Karbongewebe bespannt. Mehrstöckige Bauten sind mit riesigen Logos und Schriftzügen beklebt, auf Plasmabildschirmen werden die Rennen übertragen. Glas glitzert, Stahl blitzt, von derbem Seemannsflair keine Spur mehr - Valencia hat aufgerüstet für den 32. America's Cup.

Die Würfel sind die neuen Basislager der zwölf gemeldeten sogenannten Syndikate. Alinghi, BMW Oracle, Luna Rossa, die Südafrikaner von Shosholoza und auch das United Internet Team Germany sind dabei. Es ist das erste Mal, dass ein deutsches Syndikat versucht, sich in Vorentscheidungen für die irre Regatta zu qualifizieren. Knallmodern rausgeputzt stehen die aalglatten Quader am Muelle de la Aduana, am Nord- und Westende des Hafens. Rennställe, in denen Techniker die Yachten tunen und trimmen. Hier werden die Segel angepasst, Briefings und Meetings abgehalten und alle Teile des Equipments für die Regatten vorbereitet.

Cup-Yachten von früheren Rennen schmücken den Hafen jetzt als Ausstellungsstücke, und schon zu den Vorregatten strömten viele tausend Schaulustige. Noch nie wurde ein America's Cup penibler und aufwendiger vorbereitet, noch nie so viel Geld für ein Cup-Village ausgegeben.

Mehr als 500 Millionen Euro haben Sponsoren und die spanische Regierung investiert, um Valencia für das sagenumwobenste Segelrennen der Welt fit zu machen. Nicht mitgerechnet: die Millionen, die in der Stadt für den Bau acht neuer Luxushotels ausgegeben wurden, neuer Restaurants, neuer Shops, neuer Souvenirbuden. Während der Eröffnungsfeier für die ersten "Acts" erhellte ein großes Feuerwerk den Hafen, mit Flaggen verzierte Jetskis rasten durchs Wasser, und am Nachthimmel flogen Paraglider mit brennenden Fackeln.

Tempo durch Hightech und Karbon

Zunächst war jedoch nur eines zu sehen: reichlich Schutt. Als Valencia im November 2003 zum Austragungsort ausgerufen worden war, rückten Bautrupps an, um den Hafen und die anliegende Mole umzugestalten. Damit die Yachten die Regattastrecke möglichst schnell erreichen, musste ein neuer Kanal ausgehoben werden, der vom Hafenbecken auf kürzestem Weg zum Meer führt. Wochenlang wurden täglich bis zu tausend Truckladungen Erde abgetragen, bis die 800 Meter lange Fahrrinne geflutet werden konnte.

Inzwischen glänzt sie unter der spanischen Sonne. Von einer palmengesäumten Parkanlage mit Tribünen können die Fans ihren Teams zujubeln, wenn diese wie maritime Gladiatoren auf die Regattastrecke ziehen. Zwischen den Basislagern steht Veles e Vents, das Gebäude der Segel und der Winde, mit dem Foredeck Club für VIP-Gäste und Sponsoren und dem Owners' Club für die Syndikatsbosse und ihre Entourage, dazu ein Medienzentrum für 2500 Journalisten. Pompösester Hingucker aber ist der 250 Meter lange Steg, der mitten ins Hafenbecken hineingrätscht. 40 Millionärsyachten können hier festmachen, jene Sorte von Superschiffen, deren Eigner meistens per Helikopter einfliegen. Klotzen, nicht kleckern: Der Hype, der den Cup seit langem begleitet, ist in Valencia auf eine neue Spitze getrieben worden. Und hat sogar für neue Gullydeckel gesorgt. Am Hafen läuft man über quadratische Steinplatten, auf denen eine Schnabelkanne, die berühmte Trophäe des America's Cups, eingeprägt ist.

 

Damit sich Valencia im Licht des Cups sonnen darf, musste sich die Stadt mächtig ins Zeug legen. Denn die Forderungen, die Bertarelli und das AC-Management an die letzten vier Kandidaten - Valencia, Marseille, Cascais bei Lissabon und Neapel - gestellt hatten, waren happig. Alles wollte Bertarelli wissen: Wie sind Wetter und Wind? Wie hoch ist der Schiffsverkehr? Wie lässt er sich während der Rennen umleiten? Wie teuer sind die Hotels?Wieviel kostet ein Liter Benzin? Wieviel ein Taxi, ein Big Mac? Selbst aktuelle Erhebungen über Terrorrisiken und Statistiken zur Streikbereitschaft der Gewerkschaften wurden verlangt.

Am Ende bekam Valencia den Zuschlag. In Lissabon hatten Fischer lauthals protestiert, dass ihr Hafen zu einem Vergnügungspark für ein paar Segelmillionäre umgebaut würde. Neapel und Marseille fielen wegen notorisch hoher Kriminalitätsraten zurück. Und dann mag auch noch Spaniens König Juan Carlos seine Stimme für Valencia erhoben haben. Der König ist bekennender Segelfreund. Er und Bertarelli telefonieren regelmäßig miteinander. Zum Schluss musste Valencia dann noch mit barer Münze geradestehen und 60 Millionen Euro für den Zuschlag zahlen.

Wir schätzen den ökonomischen Faktor für die Region auf 1,5 Milliarden Euro", sagt José Salinas, der Direktor des Turismo Valencia Convention Bureau. Dazu rechnet man mit 10.000 neuen Arbeitsplätzen, über einer Million Besuchern und, noch wichtiger, mit einer Werbung für die Region Valencia, die keine Kampagne je erzielen könnte. Beim letzten Cup in Auckland sendeten 520 TV-Stationen 4610 Stunden und erreichten weltweit zwei Milliarden Haushalte. Quoten, die jedem Tourismusminister die Dollarzeichen in die Augen treiben.

Ob das ganze Spektakel aber tatsächlich den erhofften und nachhaltigen Segen bringen wird, bleibt fraglich. Spanische Bauwut und hochtrabende Projekte könnten nach dem Cup prompt im Sande stecken bleiben.Wohin der Sieger des Finales 2007 streben wird, steht in den Sternen. Wandert der Pokal zurück nach Neuseeland oder in die USA, könnte Valencia als aufgeblasene Vorzeigestadt zurückbleiben. Mit leeren Hotels - und einem gigantischen Hafen ohne Menschen, ohne Trubel, ohne Zukunft.

Die Valencianer sehen den Cup deshalb auch mit gemischten Gefühlen. Die große Frage, die Organisatoren, Bauherren und Stadträte beschäftigt: Wie geht es danach weiter? Schon finden geheime Meetings statt, bei denen über die Zukunft diskutiert wird. Pläne, die Basislager der Teams des America's Cup allesamt wieder abzureißen, existieren bereits.

Einige Syndikate, darunter das deutsche, wollen ihre Verträge jedoch verlängern, um Hafen und die Headquarters weiterhin fürs Training nutzen zu können - wo auch immer der nächste America's Cup sein wird. Bauarbeiter in einer der wenigen noch übriggeblieben alten Hafenbars bringen die Stimmung vielleicht am besten auf den Punkt: "Der Cup ist auch nur der Cup. Danach werden wir sehen. Vamos a ver."

Die Besucher aber freuen sich auf großes und imposantes Seglertheater. Durch die gläsernen Fronten der neuen Team-Headquarters können sie beobachten, wie Techniker, Segler und Designer an Booten und Segeln tüfteln. Noch heißt die Devise: Nähe zum Publikum statt arroganter Distanz. Doch in den heißen Phasen der Regatta schotten sich die Teams ab wie Leute vom Secret Service.

Die Gäste können dann durch die neue Marina schlendern, wo bis zu 700 Yachten liegen. Können in neuen Boutiquen Seglerchic und Spiegelbrillen kaufen. Sich im "Loaded Hog", einem originalgetreu aus Auckland importierten Pub, ein Bier bestellen, mit Blick aufs azurblaue Meer. Oder sich an eigens aufgestellten Winschen versuchen, jenen Karbontrommeln, über die auf den Rennyachten die bis zu 520 Quadratmeter großen Segel im Eiltempo hochgezogen werden. Regelmäßig kurbeln hier Segelprofis mit wagemutigen Zuschauern um die Wette. Ein Schuss Kirmes gehört dazu.

Nahe beim Hauptportal sitzt indes der alte Señor Ruben am Pier, in einem wackeligen Klappstuhl, neben sich einen Kescher, Brot, Käse. Ein wenig verloren sieht er aus, umgeben von all den neuen Stahlpalästen und reflektierenden Glasbauten. Der Pensionär zieht sich die Schiebermütze ins Gesicht:" Wenn das hier losgeht, werd' ich mir wohl ein neues Plätzchen suchen müssen." Ruben wirft die Angel aus. Will vorher noch ein paar Meerbrassen fangen.

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Autor:
Marc Bielefeld