Arizona Sedona - die Stadt der Spinner

"Wohin wollen Sie? Nach Sedona?", fragt der junge Mann an der Tankstellenkasse und lässt keine Pause für die Antwort. "Eine wunderschöne Stadt, aber die Leute, die spinnen total." Die seien alle irgendwie völlig irre. Die Reaktion des Tankwarts ist verständlich. Zumindest im durchweg konservativen Arizona. Sedona unterscheidet sich doch deutlich von anderen Städten im US-Bundesstaat.

UFO-Center, Auraleser, energiegeladene Kristalle und ein übersinnliches Medium an fast jeder Straßenecke: Agent Fox Mulder aus der Mystery-Fernsehserie "Akte X" hätte sich in Sedona extrem wohl gefühlt. Die Stadt versteht sich als New-Age-Zentrum - und eine Menge Leute sind genau aus diesem Grund hierhergezogen. Glaubt man ihnen, dann befindet man sich hier mitten in Arizona in einem spirituellen Paradies. Vier sogenannte Vortices soll es in und um Sedona geben. Den mystischen Energiestrudeln werden kraftvolle Eigenschaften zugerechnet. So sollen die Vortices nicht nur beim Meditieren und bei der Kontaktaufnahme zu jedweder Gottheit behilflich sein, sondern auch Visionen auslösen. Natürlich kann man nichts davon wissenschaftlich beweisen. Muss man aber auch nicht, schließlich funktioniert es auch so. Zumindest in touristischer Hinsicht, denn die Vortices locken jedes Jahr Millionen Besucher nach Sedona. Nicht schlecht für eine Kleinstadt mit knapp 12.000 Einwohnern.

Vielleicht kommen die Scharen von Touristen aber auch nur wegen der grandiosen Landschaft. Die Red Rocks, die roten Felsen, sind legendär. Sie dienten bereits in den 1930er Jahren als Filmkulisse für zahlreiche Western. Von John Wayne bis Elvis Presley bedienten sich die größten Hollywood-Stars des malerischen Hintergrunds. Sogar Luis Trenker machte sich damals auf den Weg, um während der Nazizeit hier einige Szenen für "Der Kaiser von Kalifornien" zu drehen. Ein kleines Museum am Highway 89a, der mitten durch den Ort führt, erinnert an die großen und kleinen Filmproduktionen, die im Umkreis entstanden.

Insbesondere beim Sonnenuntergang verwandeln sich die roten Felsen von Sedona in ein glühendes Spektakel, das seinesgleichen sucht. Am besten lässt man sich dazu in einem offenen Jeep über Stock und viele große Steine in die Wüste kutschieren. Während des abenteuerlichen Trips erzählen dann fachkundige Führer wie Cowboy Jim, der einst als Sheriff arbeitete, allerhand amüsante Anekdoten. Wie zum Beispiel frittierte Rinderhoden, die "Grand Canyon Austern", schmecken oder warum seine Berufsgenossen die spitzen und messerscharfen Agaven auch als Einbahnstraßen-Pflanze bezeichnen. Letztere Geschichte hat einen sehr schmerzhaften Hintergrund.

Natürlich erzählt der alte Cowboy auch, dass Sedona mal ganz anders aussah und sich in den vergangenen Jahren einfach eine Menge verändert hat. Nicht immer zum Besseren, wie er findet, aber immerhin haben es die Stadtoberen dem hiesigen McDonald's-Restaurant nicht erlaubt, das goldene "M" aufzustellen. Stattdessen musste der Burgerbrater auf die Farbe Türkis ausweichen. Schließlich passt das besser zu den wunderschönen roten Bergen. Meinten zumindest die Stadtoberen. Cowboy Jim ist sich da nicht so sicher.

Außer den Energiestrudeln und den traumhaften Red Rocks gibt es aber noch einen anderen Grund hierherzukommen - das Klima. Während im Sommer in Phoenix und Umgebung die Sonne gnadenlos alles niederbrennt, herrschen unweit ganzjährig angenehme Temperaturen. Da verwundert es nicht, wenn die Städter zwischen Juni und September aus dem "Valley of the Sun" nach Sedona in ihre Ferienwohnungen flüchten.

Eigentlich müsste man also dem aberwitzigen Tankwart deutlich widersprechen. Nicht die Leute in Sedona sind irre, sondern die, die nicht hier sind. Und selbst die Aussage, dass "die Stadt wunderschön" sei, sollte man in Frage stellen. Sie ist eine glatte Untertreibung.

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Autor:
Denis Krah