Schwäbische Alb Wandern in der anderen Welt

Der Aufbruch

Der blaue Quelltopf der Lone schickt scheinbar unbewegt sein Wasser auf die Reise. Eine fette Forelle steht regungslos im Bach, sie hat es nicht nötig zu schwimmen, das Wasser strömt geschwind um sie herum. Stundenlang. Oder ist sie aus Kunststoff? Die Welt macht nicht halt vorm Lonetal und dem Örtchen Urspring: Mautpreller rasen mit ihren Lkw durch den Ort, und Zechpreller zahlen in der kleinen Bäckerei mit gefälschten Zwei-Euro-Münzen. Man erkennt sie daran, dass sie magnetisch sind, sagt der Mann von der Sparkasse, und die Bäckerin schimpft in einer Sprache, die ich nicht verstehe (Schwäbisch). Ich kaufe ein Schinkenbrötchen und zahle mit einem nagelneuen Zwei-Euro-Stück. Und dann nichts wie weg.

Erster Aufstieg

Hartes Gras, gestaffelte Horizonte, Flächen glühenden Weizens, regungslose Hecken, ein Stückchen Fels, das aus einer Wiese ragt. Ein Land der harten Arbeit, uralte Wege führen aus Wäldern in die Täler. Die Felder sind von Kalk durchsetzt, harten Brocken, zwischen denen sich Pflüge hindurchkämpften. Armes Land, in dem sich kümmerliche Dörfer durch die Zeiten duckten. Hierher kam so schnell keiner zum Marodieren, aber niemand wusste, wem man morgen gehörte. Dem Bischof? Der Reichsstadt? Den Bayern? Irgendeinem, der seinen Teil nahm und sich ansonsten nicht weiter für die Alb interessierte. Eine alte Geschichte: Menschen akzeptieren gern die Not, wenn sie Sicherheit dafür bekommen. Und hinter der Hügelkuppe hervor tröstet die Kirchturmspitze von Radelstetten.

Heute sehen die Dörfer zwischen Lone und Blau aus wie kleine Vorstädte, voll gut isolierter und fein verputzter Häuser. Man sieht, dass dieser relative Wohlstand neu ist. In anderen Landstrichen kehrte er schon viel früher in die Dörfer ein und hinterließ Spuren aus Gelbklinker, Glasbausteinen und Verlobungsanbauten. Hier stehen oft ärmliche Häuser neben den Renovierungsvorhaben der vergangenen zehn Jahre, so plötzlich kam der Reichtum, dass die Armut noch nicht gänzlich unsichtbar geworden ist. Zwischen morgens um neun und dem späten Nachmittag sind alle Dörfer menschenleer, die wenigen, die hinaus müssen, tun das im Auto, keiner geht zu Fuß, außer mir.

Die Ausrüstung

Zum Wandern brauchst du gute Schuhe, Wasser und etwas zu essen. Ich bin seit Jahren mit meinen halbhohen Turnschuhen der Marke "Victory" unterwegs, die ich in einem Fachgeschäft für Schnäppchen gekauft habe. Sie sitzen an meinen Füßen wie wohlmeinende Katzen, ich spüre sie nicht, wenn ich gehe, sie sind mit Luftkissen gefedert und schwarz-weiß. Ich trage die Schuhe nie in der Stadt, auch nicht zu Hause, sondern nur zum Wandern. Das liegt daran, dass sie quietschen, je härter der Untergrund, desto lauter. Auf weichem Waldboden entflieht ihnen nur ein leises und angemessenes Ächzen. Auf Amtsfluren hingegen klingt jeder Schritt, als träte ich auf ein Küken. Das möchte ich nicht.

Jetzt zum Wasser: Auf den Höhen der Schwäbischen Alb gibt es keins. Regen versickert sofort im mürben Kalk und treibt im Innern des Gesteins sein erodierendes Wesen. Kein Bach erquickt den Wanderer, kein See lädt zum Bade. Unzuverlässige Quellen fließen dann und wann. Trinkwasser musst du mitnehmen. Für drei heiße Sommertage ungefähr 20 Liter. Wenn du das nicht schleppen kannst, musst du lernen, Tau von den Blättern zu lecken, Wurzeln auszupressen oder Eichhörnchenblut zu trinken. Wenn das alles nicht klappt, kannst du auch ins nächste Gasthaus gehen.

Zum Essen gibt es für den Wanderer nur eins: Müsliriegel. Vor dessen Erfindung sind Wanderer regelmäßig am Wegesrand kollabiert. Heute gibt es einen kleinen Laden in Scharenstetten, der eine gewaltige Auswahl aller Größen und Preise führt. Die Riegel schaufeln im Fall der Schwäche Mengen leckerer Kohlenhydrate ins Blut, die deinen Körper und deinen noch viel schwächeren Charakter zum Weitergehen treiben. Falls das nicht gelingt, empfehle ich die Blutwurst mit Bratkartoffeln in der Merklinger Gaststätte Hirsch. Sie ist köstlich, aber danach wirst du nie wieder laufen wollen.

Nacht und Tier

Der Weg ist steinig vom Stephansbuckel hinunter zum Tal der Lauter. Die Sonne schleicht durchs Unterholz und scheint nicht gehen zu wollen, der Boden glüht noch vom heißen Tag. Es ist Juli und das Abendlicht wird noch lange bleiben. Ein Schild ist zu lesen, auf dem sich die Bewohner nächtliche Ruhestörung verbitten. Unterzeichnet haben Dachs, Eichhörnchen und Reh. Sie haben ja Recht, aber auch ich bin ein Kind des Waldes, auch ich darf mein Haupt auf Moos betten. Oder auf das aufblasbare Kopfteil meines Schlafsacks.

Als der Schotterweg in einen weichen Waldboden übergeht, bleibe ich stehen und lausche. Ich höre das Blut in meinen Ohren, meinen Atem und mein Herz. Außerhalb meines Körpers: nichts. Kein Geräusch, keine Bewegung, nicht einmal ein Blatt, das sich dreht und - erfreulich - auch kein Insekt. Ich habe Lust, zu rufen, aber wage es nicht. Denn irgendwo sind noch andere Augen und Ohren. Sie hören mich und schauen vorwurfsvoll: Dachs, Eichhörnchen und Reh. Kein wildes Campieren. Kein niedergetretenes Lager will ich hinterlassen, keinen Krach machen und schon gar kein Feuer.

Es ist noch nicht ganz dunkel und immer noch sehr warm, aber ich will jetzt nur noch liegen. Ertaste zwischen jungen Bäumen einen weichen Boden, setze meinen Rucksack ab und wische ein paar Reiser zur Seite. Dann lege ich mich auf meine Decke und stürze sofort in den tiefsten Schlaf. Und wieder heraus: Das Tier muss etwa ein Kilo schwer gewesen sein, als es über mich lief. Für einen Moment war ich ein Tiger auf dem Sprung, bereit, dem Feind das Genick zu zerbeißen. Adrenalin bis zum Stehkragen, doch dann brach die aufgeklärte Vernunft hervor und sagte mir: Das war doch nur Bruder Marder. Ich lächle und schließe wieder die Augen. Schlafen Marder nicht am Tag? Habe ich ihn vielleicht heute Mittag so gestört wie er mich jetzt? Für einen Moment sentimentalen Schwachsinns fühle ich mich der Kreatur zutiefst verbunden. Nur: Einschlafen kann ich nicht mehr. Es ist von unten auch ein bisschen feucht geworden.

Mein hell leuchtendes Handy sagt 2.08 Uhr. Ich sortiere meine Knochen, raffe meine Decke zusammen und stehe vollkommen haltlos in der Dunkelheit. Und schuld ist ein dämlicher Kleinsäuger. Der Mensch hat im Finstern die Fähigkeit, aus jedem Schemen eine lebende Figur herauszusehen: Dämon, Hexe oder Drachen. Das führt dazu, dass er nachts lieber die Augen schließt. In meinem Fall geht das nicht, ich laufe und es wird auch schon langsam hell. Ich sehe überall Zwerge. Zwei von ihnen schleppen eine Bank heran und stellen sie am Weg ab. Ich lege mich darauf, meinen Kopf auf die Decke und verschwinde im Zwergenland. Als die Sonne aufgeht, ist der tapfere Wanderer zum Penner geworden.

Wandern ist kein Kinderspiel

Die Wanderregeln

  • Wandern ist Bewegung nach menschlichem Maß,Wandern ist Sport und Meditation, ist pure Gegenwart und Absichtslosigkeit.
  • Wandere nicht, um irgendwo anzukommen, du schläfst ja auch nicht, um aufzuwachen. Wandere, um zu wandern und weil du es brauchst.
  • Halt den Mund, es gibt nichts zu reden und vor allem: singe nicht. Du darfst die Geräusche machen, die dein Körper von sich aus produziert: Schnaufen, Zischen, Brummen.
  • Geh allein, wenn du aber zu zweit gehst, dann mit jemandem, der schweigen kann. Mehr als zwei unterhalten sich über Autos oder Krankheiten.
  • Halt an und lausche. Mach dir ganz klar, was du hörst (ein Rascheln im Baum, ein ferner Traktor). Falls du nichts hörst: lausche intensiver.
  • Berühre Bäume. Wenn du das Gefühl hast: Diesen Baum müsste ich berühren, dann tu es. Suche dieses Gefühl nicht, es kommt von allein.

Erste Begegnung

Hoch über Blaubeuren gerate ich an einen Flugplatz. Eine öde Fläche, an der ein Weg entlangführt. Ich muss den Wald verlassen und sehe erst am Horizont den nächsten Baum. Das soll ein Wanderweg sein? 35 Grad im Schatten, und dort draußen brennt mir die Sonne das Hirn weg. Vom Rand der Alb nähern sich zwei Reiter. Werden sie mich erreichen oder vorher abbiegen? Ich warte, um sie nach dem Weg zu fragen. Das dauert. Die Pferde verschwinden hinter einer Hecke, als sie endet, kommt eine kühne Dame hervor und auf mich zu. Ich verlasse meine Deckung und frage, wie ich zur Günzelburg komme. "Weeß ick nich, frarnse mein Mann", berlinert sie und deutet nach hinten. Dann reitet sie weiter, aber weder erscheint ihr Mann noch das Pferd, auf dem er ritt. Ich bin allein und fühle mich schuldig.

Zweite Begegnung

Bei der Ruine Günzelburg kommen sie auf mich zu: Wanderer, die mit der Zeit gehen. Keine Kniebund-, sondern quietschbunte Jogginghosen, kein Nagelstock, sondern full suspension walking sticks, keine Mundorgel, sondern GPS und sogar ein Höhenmeter (680 m ü. NN). Ein Ehepaar, das sofort in Lobpreisungen über die Schwäbische Alb ausbricht. Ich nicke zustimmend. Sie erkunden neue Wege für ihren Wanderclub und haben viel erlebt.

Gerade vor kurzem waren sie in einer Höhle, in der schon Neandertaler gelebt haben sollen. Schwer beeindruckt berichtet sie: "Tüchtige Leut' waren das, die Neandertaler, wie die Schwaben eben." Eine Rehabilitierung des Eiszeitgrobians, wie sie ehrenhafter nicht ausfallen könnte. Der Mann murmelt in seinen Höhenmesser: Na, dann will ich noch mal nachgucken, was so viel bedeutet wie: War nett, Sie kennengelernt zu haben. Ich nicke und habe die ganze Zeit kein Wort gesagt.

Im Bannwald

Ich bin groß und ich stehe fest. Luft strömt durch meine Lunge in jede Körperfaser. Ich wachse und bin lebendig. Der Wald schaut mich an, als wollte er sagen: Na? Wieder da? Er kommt wieder zu sich, wächst kreuz und quer und rottet sich ein frischgemachtes Bett für die Wurzeln zusammen. Keiner nimmt ihm mehr die besten Bäume, bevor sie alt werden, niemand schafft Menschenordnung, kein Sägen, kein Schlagen. Und wenn ein alter Riese fällt, dann nicht mit furchtbarem Aufprall auf freigeräumter Fläche, sondern er landet mit sterbender Krone in den Armen seiner Nachbarn und Nachkommen.

Ein Bannwald ist dies, sich selbst überlassen und mit rasanten Schritten dabei, wieder Urwald zu werden, unbeherrscht und reich, Heimat für Pilz, Tier und Mensch. Selten gelingt es so intensiv wie hier, eine Ahnung vom Naturzustand des Menschen zu bekommen. Nicht zur Natur zurückzukehren, sondern ihr physisch und sinnlich ausgesetzt zu sein. Du kommst nicht um sie herum, du musst nur warten, dann kriegt sie dich.

Die Ankunft

Aus der Hitze des Tages in die blaue Kälte. Vom Felsenlabyrinth 200 Meter steil hinunter. Auf kurzer Strecke fällt schnell die Temperatur. Dort unten liegt Blaubeuren wie gefangen und beschützt von hohen Felsen. Das alte Kloster mit dem Rücken zur Wand und hinter ihm der unheimliche Topf, aus dem die Blau quillt, stetig und selbst im Hochsommer mit nur neun Grad. Im weiten Rund herrscht fremdartige Kühle, die am Abend auch den frischgeduschten Wanderer erreicht. Dann sitzt er im Café, trinkt Cappuccino und erinnert sich an jene andere Welt dort oben.

Autor:
Roland Benn