Ulm Der Ulmer Münster

Manchmal, wenn Ingrid Rommel morgens allein im Chor steht, wenn die Sonne durch die Fenster steigt, die Farben verspielt leuchten und höchstens ein Organist seine Pfeifen stimmt, manchmal, sagt die sonst resolut nüchterne Münsterbaumeisterin, sei das der schönste Ort: "Da wuselt's no net." Manchmal ist es auch der Turm des , ist es die greifbare Erfahrung des mächtigen Steinkörpers, die Frau Rommel in stillen Momenten so gefallen. Aber die sind selten, denn Ingrid Rommel hat zu tun. Springt zum Blitzschutzsystem, das gerade erneuert wird: "Sehen Sie den Ableiter dort?" Sie deutet aus dem Fenster, beginnt, das System zu erläutern, "nein, warten Sie". Die Baumeisterin läuft vor und beginnt zu telefonieren. Zeit, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

30. Juni 1377, 9 Uhr morgens. Bürgermeister Lutz Krafft steigt in die schlammige Baugrube. "Schauderhaft" sei das riesige, tiefe Grabenwerk anzusehen gewesen, schreibt der Chronist. Krafft wartet, während sich ihm der gewaltige Grundstein entgegensenkt. Der Kran ächzt. Die Patrizier höchstpersönlich stehen an Haspel und Seilen. Als der Block auf dem vorbereiteten Kies aufsetzt, bedeckt ihn Krafft mit hundert Goldgulden, seine Standesgenossen tun es ihm nach, dann die Zünfte, endlich das gemeine Volk. Die Ulmer machen sich daran, die größte Pfarrkirche des Heiligen Römischen Reichs zu errichten. Ohne fürstliche Zuschüsse oder päpstliche Ablassprivilegien.

Der erste Plan und die Einmessung der Fundamente waren Sache von Heinrich Parler. Allerdings: "Plan" trifft es eigentlich nicht. Als Werkmeister der Gotik lieferte er ein Modell, einige proportionsgerechte Zeichnungen, um dem Bauherrn einen Eindruck zu geben. Technische Details waren darin ebensowenig vermerkt wie Abmessungen oder gar statische Berechnungen. Die heute so perfekt wirkenden Bauten basieren auf Relationen und Erfahrungswerten - etwa darauf, dass ein Strebepfeiler dreimal so stark zu sein habe wie der Innenpfeiler. Weitgehend ohne Rechenkenntnisse, allein mit Zirkel, Richtscheit, Winkel, Lotwaage und intimer Kenntnis der Zusammenhänge von Kreisbogen, Dreieck und Quadrat übersetzte der Werkmeister seine Vision in Stein. Das Wissen dazu wurde mündlich tradiert, in einer ritualsatten Ausbildung, die von Grad zu Grad tiefer in geometrische Triangulatur und Quadratur einführte - unter strengsten Eiden auf Geheimhaltung.

Ein solcher Eingeweihter war Heinrich Parler. Er entwarf eine Hallenkirche mit drei gleich hohen Türmen, die aber bereits bei seinem Bruder und Nachfolger Michael gewaltig in die Länge wuchs und zu Ende des 14. Jahrhunderts in eine Basilika umprojektiert wurde, weil Ulrich von Ensingen die Vision eines alles Gesehene überragenden Hauptturms hatte. Das rührende "Gründungsrelief" im Münster zeigt Heinrich Parler und seine originale Idee, wie sie ihm und den Späteren zur Aufgabe wird: Lutz Krafft und Frau laden dem Werkmeister das Modell der Kirche auf. Parler, gebeugt unter der Bürde, stemmt die Hände auf die Knie und reißt die Augen auf - man hört ihn förmlich "uff" sagen. Das Amt war schwer. Ein Schwarm selbstbewusster Steinmetzen, Maurer, Zimmerleute, Schmiede musste angeleitet werden, Hilfsarbeiter, die Lasten schleppten oder als "Windeknechte" in den Treträdern der Kräne standen. Pfusch, Schlamperei und Klau auf dem Bau fielen auf den Werkmeister zurück, plötzliche Unwetter, ein Brand konnten alles verderben. Der Arbeitstag begann um 5 Uhr früh und endete zwischen 19 und 20 Uhr, unterbrochen von der gemeinsamen Suppe am Morgen, Mittag und Vesper; alle zwei Samstage machte man eher Schluss und ging ins Bad.

Im Winter verkürzte sich die Arbeitszeit auf die Tageslichtspanne: Bei Kienspan oder Öllampe zu arbeiten war teuer und mühselig, vor allem brandgefährlich. Meist aber ruhte die Arbeit am Bau; in der Hütte wurden Steine auf Vorrat geschlagen. Ging es im Frühjahr weiter, schaffte man sie Laufschrägen und Leitern hinauf, auf Auslegergerüste oder abenteuerliche Stangengebilde - Abstürze waren keine Seltenheit, die wenigen Kräne vergleichsweise primitiv. Das Werkzeug hatte sich seit der Antike kaum verändert, oft stand man sogar auf niedrigerem technischen Niveau.

Heute hat der Steinmetzgeselle Dietmar Rudolf ganz andere Mittel: Er setzt einen Presslufthammer im Handtaschenformat an das Teilstück eines zarten Steinpfeilers und legt los. Wie ein Bäcker, der eine Torte verziert. Ohne Absauganlage und Ohrenstopfen ist das allerdings nicht auszuhalten. "Druckluft ist super", sagt sein Kollege Robert Mayer. Gröbere Stücke werden in einem Nachbarraum von den Quadern geflext, die vorgeschnitten aus dem Bruch kommen. Dann geht es von Hand weiter, jede Maschine wäre grobschlächtig im Vergleich zu Auge und Erfahrung solcher Menschen wie Mayer und Rudolf.

In den ersten beiden Lehrjahren sind Pressluft und Flex tabu: Man müsse ein Gefühl für den Stein entwickeln, wissen, wie er reagiert, meint Rudolf. "Man kloppt sich erst mal dauernd auf die Pfoten", konkretisiert Azubi Kathrin Braun. Morgen ist Zwischenprüfung, die muss sie mit Fäustel, Knüpfel und Eisen bestehen. In der Schule haben derweil Mineralogie und technische Mathematik das reine Erfahrungswissen und die Zahlenlehre ersetzt. Doch dauert da etwas anderes, fast Spirituelles fort: Die Steinmetzen, auch der Schreinermeister in der Werkstatt nebenan und Ingrid Rommel sprechen wie selbstverständlich von der Welt außerhalb des Münsters als "draußen". "Eine gewisse Introvertiertheit", vermutet die Baumeisterin, gehöre zur Konzentration. Vielleicht hat es auch mit der zeitlichen Dimension zu tun: Was "draußen" in ferner Zukunft scheint, ist hier nah. Wo sonst würde die Rückseite eines in hundert Metern Höhe zu versetzenden Werkstücks getreu dokumentiert? Wo sonst könnte ein Handwerker bedauern, dass Schmutz in der Luft die Haltbarkeit seiner Arbeit auf 130, 150 Jahre verknappt habe, und mit Grund hoffen, dass in fünf oder sechs Generationen ein anderer sie übernimmt?

"Erhalten" ist nicht alles: Hier wird etwas am Leben erhalten. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da lag der Bau im Sterben. Sie begann mit jenem Tag 1492, als zwei Steine aus dem Turmgewölbe in die Mittagspredigt krachten. Die Arbeiten waren weit gediehen, die Schiffe eingewölbt und reich ausgestattet, die Türme reichten bis knapp zur Hälfte ihrer vorgesehenen Höhe, allein das Strebewerk fehlte - und die Konstruktion trug nicht.

Münsterbaumeister Matthäus Böblinger empfahl sich französisch. Der Rat rief 28 auswärtige Meister zum Gutachten. Burkhard Engelberg aus Augsburg schlug vor: die Seitenschiffe zweiteilen, um den Schub der Gewölbe auf zusätzliche Pfeiler zu leiten, die schweren Türme auf der erreichten Höhe decken, im Fundament sanieren, stabilisieren. Und zwar schnell. Der Rat nahm an, Engelberg holte 116 zusätzliche Steinmetzgesellen aus Augsburg und als Hüttenmeister Lienhart Aeltlin von Günzburg. 1507 war das Münster gerettet, aber der Schwung gebrochen. 1543 rang der Rat sich durch, den Bau aus Geldmangel offiziell einzustellen. Damit, meinte man, sei auch ein Baumeister nicht weiter erforderlich. Regelmäßige Inspektionen des Stadtwerkmeisters und sporadische Reparaturen sollten reichen.

Das Münster hat heimliche Schwächen - es zickt

Ingrid Rommel, die Baumeisterin, ist vom Telefon zurück. Ihre gute Nachricht: Herr Winter habe zugesagt, auf eine Einführung in Blitzschutztechnik vorbeizuschauen - sozusagen als Vertreter der Externen. Die erbringen zwei Drittel aller Leistungen am Münster. Darunter Vertreter aller herkömmlichen Baugewerke, zudem Exoten wie die "Seilzugangstechniker": durchtrainierte, kletternde Allrounder, die löten und schindeln, wo Gerüste nicht hinreichen. Außerdem Geologen, die Steinbrüche bereisen und potentielles Baumaterial unters Mikroskop nehmen, Zementfabrikanten, mit denen gemeinsam Mörtel für die extremen Lagen und jeweils verbauten Steine entwickelt wird. Solche wissenschaftliche Hilfe ist ein Vorteil, den die Baumeisterin ihren Vorgängern voraus hat, der andere Vorteil ist das Wirken der Jahrhunderte. Ingrid Rommel kann gleichsam die Experimente der Altvorderen auswerten. Wo der Mörtel sich 500 Jahre bewährt hat, wird eine Probe entnommen, analysiert und nachgemischt, wo nicht, wird er verworfen.

Nicht alles, was frühere Zeiten hervorgebracht haben, war schlecht - aber auch nicht alles gut. Zum Beispiel der Savonnières-Kalkstein im südlichen Chorturm: 1870/71 wurde er als Reparation aus Frankreich geliefert, war eigentlich zu weich, zu anfällig. Dennoch werden unrettbare Teile gegen Steine aus denselben Brüchen ausgetauscht, wenn auch die Geologen möglichst zähe Varietäten ermitteln: "Sie können kein Tannenholz in ein Eichenparkett ziehen. Das funktioniert nicht", vergleicht es Frau Rommel. Stein arbeitet, ähnlich wie Holz. Der Bau besitzt einen tektonischen Eigenwillen, der zu respektieren ist. Als sich vor Jahren ein Riss im Hauptturm auftat und sich darin Füllmasse fand, die von einem früheren Eingriff zeugte, habe sie einen besonders weichen Kitt verordnet, der sich über die Jahre mitdehnt und einzieht: "eine Art Reißverschluss". Den brauche der Turm: "Wenn Sie das hart verkitten, reißt es Ihnen gleich daneben."

Das Münster gibt sich kapriziös, hat heimliche Schwächen, es zickt; das Wissen darum gehört zu den weniger spektakulären Erträgen einer kontinuierlichen Münsterbauarbeit. Die Ulmer haben das auf die harte Tour gelernt. Als sie nach 300 Jahren Flickschusterei 1838 die Bauschäden aufnehmen ließen, war die Bilanz niederschmetternd: "ruinenhafter Zustand". Fachleuten zufolge stand das Münster zwei oder drei Generationen vor dem Zusammenbruch. Das Urteil fiel ein bisschen dramatisch aus, um schonend auf den unverschämt teuren Hintergedanken der Rettungskampagne vorzubereiten: Wäre es nicht schön, den Bau zu vollenden? Das Strebewerk hinzuzufügen war ohnehin statisch geboten. Das leitete über zum Ausbau der Chortürme, und spätestens damit bekam die Fertigstellung des Hauptturmes etwas Zwingendes. Abgaben wurden erhoben, Spenden gesammelt, diesmal auch die Fürsten angerufen, die Nation. Dann standen 1890 abermals die Honoratioren beisammen und setzten in 161 Metern Höhe den Schlussstein. Es waren ein paar Meter mehr als der ursprüngliche, auf eine Zeichnung Matthäus Böblingers zurückgreifende Plan vorgesehen hatte, auch der Neigungswinkel war leicht verändert. Dass man damit den zehn Jahre zuvor fertig gestellten Kölner Dom um vier Meter übertraf, hat wirklich keine Rolle gespielt.

Seitdem ist die 1844 neugegründete Münsterbauhütte nicht wieder zur Ruhe gekommen: Allein um zu den Fähigkeiten ihrer mittelalterlichen Vorgänger aufzuschließen, brauchten die Steinmetze des 19. Jahrhunderts 40 Jahre. Und der südliche Chorturm, an dem sie mehr übten als renovierten, wurde prompt zum größten Sorgenkind ihrer Erben, die Vorbereitungen zur Restaurierung des Hauptturms laufen bereits. Werden wir das Münster je ohne Gerüst sehen? "Wenn Sie Bauschäden riskieren wollen?" Ingrid Rommel blickt nachsichtig.

"Im Mittelalter haben die Leute über Generationen auf einer Baustelle Gottesdienst gefeiert. Heute irritiert sie schon ein Malergerüst", sagt der eben angekommene Herr Winter. Jürgen Winter ist ein bodenständiger Gemütsmensch, der zum präzisen Naturwissenschaftler wird, wenn er erläutert, wie ein gutes Dutzend Ableitungen einen Faraday-Käfig um das Münster bilden. Und dann benennt der Spezialist von "draußen" noch, was so schwer fassbar in der Luft liegt: Der Bau sei so etwas wie ein Generationenvertrag in Stein. Ein von den Alten vorgeschossenes Vertrauen, das einen in die Pflicht nehme und das man wiederum in die Kommenden setze. Eine ganz besondere Arbeitsstätte, auch für die Externen. Kurz blitzt freundlicher Neid zur Münsterbaumeisterin rüber. Ingrid Rommel lächelt.Vielleicht denkt sie an ihren Vorgänger Lienhart Aeltlin, der vor 500 Jahren ebenfalls gern frühmorgens in den Chor ging, wenn die Sonne den Raum in ein leuchtend farbiges Licht tauchte. Doch Vorsicht. Ihr Amt bleibt schwer. Rechts vorm Chor hängt das Gründungsrelief. "Uff", macht Heinrich Parler.

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Autor:
Mathias Mesenhöller