Ulm Arbeiten und Feste feiern

"Hosch koin Arsch?", fragt Thomas Dentler, der nicht nur Graf Dracula, sondern auch Gerhard Polt ähnelt. Er steht unter der Eiche im Grünen Hof vor dem Staatlichen Hochbauamt. "Freile han i an Arsch!", antwortet seine Partnerin irritiert. "Ab'r wieso", hakt Thomas Dentler nach, "schtinkscht dann so aus d'r Gosch?" Die Handvoll Zuschauer, darunter eine Greisin, mit Zügen so zart wie aus Reispapier gefaltet, lachen auf. "D'r Ulm'r isch ebbe derb", zirpt sie, erntet zustimmendes Raunen und hebt stolz das spitze Kinn.

"Schwabenzirkus" heißt die Posse, die das Theater in der Westentasche auf der bettlakengroßen Freilichtbühne aufführt. Auch Saal und Bühne des 1973 eröffneten Haupthauses am Ulmer Münster messen nur 87 Quadratmeter, laut Eigenwerbung das kleinste Theater Deutschlands. Aber was für eins: Immerhin inszenierte hier schon Ephraim Kishon, und sogar die Unesco wurde auf Dentlers Bühne aufmerksam: 2005 nahmen die Pariser die Ulmer in ihr Projekt "Bildung für nachhaltige Entwicklung" auf.

Fünf Gehminuten entfernt, auf dem Münsterplatz, legt eine Gruppe fleischiger Amerikaner die Köpfe in den Nacken. Franzosen, Spanier, Berliner gesellen sich dazu. Gemeinsam schicken sie Adjektive wie Gebete gen Himmel: amazing, impressionnant, grandioso, cool. Sie gelten dem höchsten Kirchturm der Welt - dem bekanntesten Manifest Ulmer Superlative. Eines von etlichen. Die Zwillingsstädte mit mehr als 170.000 Einwohnern - das württembergische Ulm am linken und das bayerisch-schwäbische Neu-Ulm am rechten Donauufer - rühmen sich auch noch des höchsten Getreidespeichers Europas (115 Meter), einer Unmenge von Solarzellen (29 Sonnenenergie-Watt pro Einwohner) und der größten Verteidigungsanlage, der Bundesfestung.

Die Hauptgebäude der Ringanlage um Ulm und Neu-Ulm herum wurden von 1842 bis 1859 im märchenhaft-martialischen Stil des romantischen Klassizismus erbaut. Villen und Wohnblocks drängen sich an ihre Wälle aus Kalk- und Backstein. Verkehrsadern zwängen sich durch Tore, die aussehen wie Leihgaben aus Disneyland. Ritterburgtürme ragen zwischen Dornröschengestrüpp auf, kilometerlange Labyrinthe höhlen das Erdreich aus: eine Wehranlage für bis zu 20.000 Soldaten, die Süddeutschland vor französischen Truppen schützen sollte - die niemals kamen. So war die Bundesfestung von Anfang an unterbelegt. Teile nutzte die Stadt kurzzeitig als Kaserne, als Jazzkeller und während der NS-Zeit als Internierungslager; nach dem Krieg blieb das Monument weitgehend sich selbst überlassen.

Seit 1974 hält ein Förderkreis den Verfall auf. Mitglieder treffen sich jeden Samstag zum Roden, Mauern, Putzen - bisher mehr als 50.000 ehrenamtliche Stunden lang. Warum? "Weil man Gutes tut, indem man Kulturgeschichte lebendig hält", sagt Matthias Burger, Physiklehrer in Neu-Ulm. Er trägt kurze Hosen, Turnschuhe, ein sanftes Dauerlächeln und verkörpert einen weiteren Superlativ: Rund 65.000 Mitglieder registrieren die Ulmer und Neu-Ulmer Vereine - rechnerisch sind also 40 Prozent der Bewohner engagiert, die höchste Quote Deutschlands.

Thomas Dentler, der unter der Eiche den derben Ulmer mimt, ist Mitglied im Förderverein seines Theaters. Zum Ensemble gehören auch 17 Langzeitarbeitslose. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind ihr berufliches Sprungbrett. "Sie lernen Atemtechnik, klares Sprechen, selbstbewusstes Auftreten, Techniken, die auch bei Bewerbungsgesprächen helfen", sagt Dentler. Die Agentur für Arbeit und die Stadt hat die Idee überzeugt; sie bezahlen den Lohn, 1,50 Euro pro Stunde. "Wenn wir eine private Initiative gutheißen, dann stehen wir dazu und verwirklichen sie zügig", sagt Finanzbürgermeister Gunter Czisch (CDU).

Er hat sich, wie seine parteilosen Kollegen Sabine Mayer-Dölle (Kultur, Bildung und Soziales) und Alexander Wetzig (Stadtentwicklung und Umwelt) bei der Bürgerschaft für das Amt beworben und wurde für acht Jahre ernannt. Zwei hat er noch vor sich. Er rutscht auf dem Drehstuhl hin und her, zupft am grün gestreiften Hemdsärmel und stößt Zigarettenrauch als Seufzer aus.

Arbeiten der besten Architekten der Welt

Presslufthammer dröhnen vor dem Rathausfenster, Metalle dreschen aufeinander ein: Gunter Czisch hat einen Logenplatz beim Spektakel der Verwandlung von Ulms Mitte in die "Neue Mitte Ulm". Ende 2006 werden die benachbarten historischen Architekturjuwelen Rathaus und Münster nicht länger von tristen Nachkriegsbauten umringt sein, sondern mit drei Baudenkmälern der Gegenwart um die Wette funkeln. "Arbeiten der besten Architekten der Welt", sagt Czisch.

Seit 2004 schon residiert die Zentralbibliothek in der Glaspyramide des hochdekorierten Kölner Architekten Gottfried Böhm. Im Jahr darauf wurde der gleißend weiße Rundbau des New Yorker Stararchitekten Richard Meier eröffnet, das "Stadthaus" mit Café, Touristikzentrale und Kulturräumen. Bald soll auch das letzte Kunstwerk eröffnet sein: ein Bau, der an einen lang gezogenen Eisberg erinnert, gedacht für Kaufhaus und Restaurant. Entworfen hat ihn das Berliner Büro Stephan Braunfels, das für Regierungsbauten an der Spree verantwortlich war. Der neu entstandene Hans-und-Sophie-Scholl-Platz lehrt die lärmende Durchgangsstraße das Flüstern, und unter allem erstreckt sich "Deutschlands schönste Tiefgarage", so Gunter Czisch: mit rotem Teppich für die Fußgänger, "Drive-through"- Ausstellung zur Stadtgeschichte und Toiletten wie im Luxushotel.

Nein, sagt der Finanzbürgermeister, weder der Baulärm noch der Etat zerrten an seinen Nerven. Die beruhigenden Fakten trägt er vor wie der Klassenprimus das Einmaleins: 40.000 der 120.000 Ulmer sind im arbeitsfähigen Alter, und die Stadt bietet nahezu 80.000 Arbeitsplätze. Die Pendler, dazu eine Million Menschen aus dem Umland und fast eine halbe Million Touristen pro Jahr stärken die Konsum- und Dienstleistungsbetriebe. Außerdem bietet Ulm die Infrastruktur für umsatzsteigernde Großveranstaltungen wie Kirchentag, Leichtathletikmeisterschaften, Großkonzerte. Die Arbeitslosenquote liegt mit sechs Prozent deutlich unter dem zweistelligen Bundesdurchschnitt. Ulms Wirtschaftsstärke liegt seit Jahren unter den Top 20 bundesweit. Ulm ist eine starke Marke. So. Jetzt muss er aber los.

Czisch ist nervös wegen der Rallye. 70 Oldtimer starten in wenigen Stunden vom Münsterplatz aus über Regensburg, Linz und Bratislava nach Budapest. Und er fährt mit, im 280 SL Pagode eines Sponsors, und muss noch packen. "Raten Sie, wie lang es gedauert hat, das Rahmenprogramm zu organisieren und grenzübergreifende Formalitäten zu regeln?", fragt er und antwortet, Richtung Ausgang eilend: "Nur sechs Monate! Wir Ulmer sind halt schnell. Und gut im Networking." Das Netz, das den Balkan an Land gezogen hat, wird am schwäbischen Donauufer geknüpft, entlang der mittelalterlichen Stadtmauer.

Seit 1998 lädt die Doppelstadt alle zwei Jahre Künstler, Handwerker und Politiker der Anrainerstaaten zehn Tage im Juli zum internationalen Donaufest. Ein Kilometer der Jogging- und Flaniermeile wird zum Biergarten mit Fressbuden, Polkabühnen, Trachtenmodeständen. Kultur und Kulinarisches sind Hauptakte, im Nebenprogramm lernen Unternehmer und Politiker, Gastgeber und Besucher, einander, ihre Projekte und Pläne kennen.

Abends auf dem Donaufest. "Mein Ding ist das nicht", sagt Hellmut Hattler, während er wie ein zögerlicher Brustschwimmer die Menschenmenge teilt. "Zu viele Leute." Er ist Ulms Rockstar, Gründer der Gruppen Kraan, Tab Two und Hattler, der Band, mit der er 2001 den deutschen Schallplattenpreis Echo gewonnen hat. Seine jazzigurbanen Kompositionen entstehen in einer Scheune am Waldrand. "Four Miles to Ulm" heißt ein Song, der zehn Meilen unterschlägt.

"Mensch, der Hellmut!", ruft es im Minutentakt. "Du mitten im Trubel?" Hellmut Hattler ist groß, weizenblond, nicht zu übersehen und fletscht die Zähne zum Bühnenlächeln. "Und?", fragt ein Hell's-Angels-Double, das sich ihm schwankend in den Weg stellt und sich an einem Bierkrug festhält. "Super", schreit Hellmut Hattler gegen einen ungarischen Teufelsgeiger an. Niemand lobt seine neue CD. "Der Ulmer hält sich an das Motto: 'Nix g'schwätzt isch g'lobt g'nug.' Er ist extrem sparsam, mit Beifall und mit Geld." Work hard, party hard. Das nächste Stadtfest beginnt wenige Tage danach mit dem Eid des Oberbürgermeisters. Danach reisen alle eine Woche lang ins Mittelalter.

"Nabada", hinunter baden, heißt die Tradition, sich im Fluss treiben zu lassen, einst schwimmend oder mit geschmückten Schiffen, in der Neuzeit auch mit Sportbooten oder Luftmatratzen. Musik-, Zunft- und Trachtenvereine übernehmen das Regiment in der Stadt: Beim "Fischerstechen" versuchen Männer in weißen Kniehosen und mit spitzen Hüten, einander mit Paddeln aus der "Schachtel", dem historischen rechteckigen Boot, zu schubsen. Frauen in Tracht und ihre Partner mit Rokokoperücken führen auf dem Rathausplatz den "Bindertanz" vor; mit kunstvollen Drehungen erinnern sie daran, dass Ulmer einst zu den besten Bindern, Fassmachern, der Welt zählten.

Nach all den Festen kehrt Ruhe ein. Die Ulmer haben ihre Stadt wieder für sich allein, Rocker, mittelalte Ökos, Hausfrauen, Yuppies und über die Maßen geschminkte Teenager bevölkern wieder als Normalbürger die Straßen Ulms. Nur von den 10.000 Studenten keine Spur. "Ulmer Studenten sitzen bekanntlich nonstop am Computer", erklärt Altrocker Hellmut Hattler. "Alle sind in Ulm besonders fleißig. Ulmer Frauen sind die einzigen, die sich geschmeichelt fühlen, wenn man ihnen sagt: 'Du siehsch aber ab'gschaffet aus'." Und dabei vergisst: Das kann auch vom Feiern kommen.

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Autor:
Petra Mikutta