Türkei Wandern im Kaçkar-Gebirge

Mehmet Demirci sitzt an seinem Holztisch wie Che Guevara, ein wenig in Denkerpose, seine Zigarre qualmt. Demirci ist ein Fan von Charlie Chaplin und ein Freund von Johann Sebastian Bach, er trägt ein schlabberiges T-Shirt, grauen Schnauzer. Er mag türkischen Jazz und Rockmusik, er hat Nietzsche gelesen und Marx, auf seiner Terrasse hängt ein Vers des türkischen Dichters Nâzım Hikmet, und dennoch könnte man sagen, dass Mehmet Demirci ganz gut hierher passt, in die grünen Berge im hintersten Anatolien.

"Ich bin ein Mann der Almen", sagt er und legt seinen Kopf etwas zur Seite. "Schon meine Großmutter und mein Vater wuchsen in diesen Bergen auf, wir hatten Tiere und machten Milch und Käse. Ich war ein Hirtenjunge."Wir sitzen auf seiner Terrasse und blicken auf saftige, dicht bewaldete Bergflanken, ein Fluss rauscht, die Luft hängt schwül und feucht in den Pinien und Rhododendren. "Ich konnte nicht anders, ich musste zurückkommen", erzählt Demirci. Der 49-Jährige hat in der Hafenstadt Trabzon studiert, in Istanbul eine Firma gegründet, ein Teil seiner Familie arbeitete im Öl- und Gasgeschäft. Mit Mitte zwanzig trug er schicke Hemden, blickte auf Istanbuls Straßen, hörte das Sirren der Metropole und des Geldes. "Eines Nachts packte ich meine Sachen und haute ab, nach Hause, zurück in die Berge, zu den Wurzeln. Es fing damals schon an, auch die Türkei dreht sich immer schneller."

Das Kaçkar-Gebirge: die grünen Alpen

Seit über zwanzig Jahren ist er nun zurück in seinen Bergen, in den abgelegenen Kaçkar-Bergen, die wie ein zerfurchter Buckel nahe der östlichen Schwarzmeerküste aus der Erde ragen. "Unsere grünen Alpen", lacht Demirci, ja, so könne man das hier nennen. Laubbäume wachsen, Nadelwälder überziehen die Bergrücken. In dieser Gegend fällt der meiste Regen in der Türkei, auf den Hochebenen lagen schon mal acht Meter Schnee.

"Es ist das Land der Hemşin, Menschen armenischer Abstammung, sie leben oben in den Bergen", sagt Demirci. Das Kaçkar sei ihr Zuhause, das Wort kaç komme aus dem Armenischen und bedeute "heilig" oder "gesegnet"; kar heiße übersetzt "Stein". Die heiligen Steine. Man kann die Baumgrenze erkennen, die kahlen Gipfel, die sich hoch oben unter dem Himmel wölben.

Zu Füßen des 3932 Meter hohen Kaçkar Dağı liegen Almen, Bergseen und Gletscher. Vielen Türken kommt dieser Winkel ihres Landes vor wie ein Wunder. Sie kennen die Steppen, die steinigen Hänge des Taurus, sie kennen ihre heißen Strände, das dürre Land der Bauern und die vibrierenden Städte. Das Kaçkar-Gebirge wirkt dagegen wie ein Trugbild. Eine Oase frischer Luft, in der es regnet und wieder die Sonne scheint, wo Bären umherstreifen, Forellen und Flusslachse schwimmen, wo Jasmin, Rosen und 3000 Pflanzenarten gedeihen, die es sonst nirgends auf der Welt gibt.

Als Mehmet Demirci aus der Stadt hierher zurückkehrte, lebte er mit seiner Frau Kader sechs Jahre lang im Tal in einer Hütte, die sie sich selbst bauten. Sie hielten Rinder, tauschten Milch und Käse in den Dörfern, lebten quasi ohne Geld. Demirci ging oft in die Berge, auf die Almen, er verbrachte Wochen da oben, mit den Hirten der Hemşin oder allein. Ab und zu nahm er ausländische Touristen mit, Trekker und junge Leute, die mit Rucksäcken bei ihm auftauchten.
Vor sieben Jahren baute er eine kleine, ökologisch geführte Lodge in den steilen Hügeln bei Çamlıhemşin auf. Man muss von einer Schotterstraße in den Bergen fünf Minuten über einen verschlungenen schmalen Pfad laufen, um hinzukommen. Die Lodge heißt "Ekodanitap", im Armenischen bedeute das so viel wie "flacher Berg". Die Demircis bauen hier Kräuter und Tee an, auch den raren Weißen Tee, den sie für bis zu 300 Euro pro Kilo verkaufen könnten. Sie tun es aber nicht, sie trinken ihn selbst. Aus der Isabellatraube gewinnen sie Wein und Essig, sie pflücken Heidelbeeren, ernten Bohnen, Auberginen, Zucchini. Klares Wasser fließt die Berge hinab, man kann es einfach so trinken.

Die grünen Berge stehen für Besinnung in einer schnelllebigen Zeit

Kaçkar-Gebirge
Walter Schmitz
Kaçkar-Gebirge: die grünen Alpen
Die Demircis machen sich stark für ein Leben ohne Müll, Mehmet half bei der Bestandsaufnahme von Flora und Fauna und schrieb einen kleinen Naturführer. Er stellte sich gegen ein Projekt zur Flussbegradigung, weil die Politiker auf die Idee kamen, aus den reißenden Flüssen in seinen Bergen Strom zu gewinnen. Manchmal denkt er noch an die Zeit in Istanbul zurück, aber eher selten. Hier oben hat er das Sirren aus seinem Kopf bekommen, und vielleicht stehen diese abgelegenen grünen Berge auch für eine Art der Besinnung in einer immer seltsameren, immer schnelleren Türkei.

Morgen wollen wir aufsteigen, Demirci bringt eine Gruppe von Touristen zu seinem Camp in Kotençur. Auf 2300 Meter erwarten uns dort Zelte und eine Wellblechhütte, wir wollen ein paar Tage oben bleiben, in Schlafsäcken schlafen, Fleisch braten und von oben auf die Wolken blicken. Mit Mehmet und mir sind wir zu zehnt. Arda, 22, studiert in Ankara Ingenieurswesen, lernt, den Verkehrsfluss und die Infrastruktur in der Türkei zu optimieren. Er hat sich vier Wochen Auszeit genommen, arbeitet als Freiwilliger auf einer organischen Farm. Mit dabei sind auch zwei Pärchen aus Izmir, die dort ein Modelabel betreiben. Außerdem Hakan und seine Frau, Schiffsausrüster und Importeure aus Istanbul, sie wollen mit ihrer kleinen Tochter im Kaçkar "ein wenig davonkommen, frische Luft schnappen".

Mehmet Demirci war einer der Ersten hier in den Bergen, die auf ökologischen Tourismus setzten und Fremde auf die Gipfel führten. "Am Anfang kamen nur Traveller aus dem Westen", sagt er. "Türkische Gäste verschlägt es erst seit einigen Jahren hierher. Sie beginnen gerade erst, ihr Land zu entdecken, das Reisen, die Natur." Aber es würden immer mehr. Unten im Tal rauscht der Fluss Fırtına durch einen Canyon, Schlauchboote preschen durch die Stromschnellen. Etwas höher parken Autos, Menschen sammeln sich am Ufer. Beim "Flying Fox" steigen Kinder in die Gurtzeuge, werden unter einem gespannten Drahtseil eingeklinkt und laufen anschließend kreischend in den Abgrund. Die Kleinen sausen davon, fliegen quer durch die dschungelgrüne Schlucht über dem Fluss. Schilder sind zu lesen, darauf stehen Begriffe wie "Adventure" und "Outdoor Specialists".

Die Mütter tragen Kopftücher, einige sind schwarz verhüllt, manche lächeln, wagen sich vorsichtig bis zur Plattform über dem Fluss. Sie halten ihre Kameras und Smartphones hoch, wollen die Kinder und diese abenteuerliche Welt festhalten, die sie selbst noch nicht so recht kennen.

Ayder: Zentrum des Kaçkar-Gebirges

Am Morgen fährt unser Minibus die Serpentinen hoch. Bald knackt es in den Ohren, frische, kühle Luft strömt in die Lungen. In einem Hochtal auf 1300 Metern Höhe kommt Ayder in Sicht, Chalets und Holzhäuser stehen an den Bergflanken. Vor den Häusern weht die Flagge der Türkei, Minarette ragen auf. Arabische Touristen schreiten durchs Dorf, vorbei an Kebabständen und Maisverkäufern. Ein Kellner trägt einen halben Rinderschenkel über die Straße, in einem der Restaurants brauchen sie wohl Nachschub.

Ayder ist das Zentrum des Kaçkar-Gebirges, von hier aus starten Trekker ihre Touren in die Berge. Im Winter fliegt ein Helikopter Skifahrer auf die Berge. Am Himmel schweben Paraglider. Auf den Wiesen im Dorf sitzen Großfamilien, Kinder, Türken, Araber; sie staunen schweigend in die Berge. Voll verschleierte Frauen wandeln neben den Buden und Nippesständen, daneben junge Frauen mit gelben Handys und atmungsaktiven Shorts. Ein seltsamer Bergfrieden, in dem Seite an Seite alles möglich ist.

Kaçkar-Gebirge
Walter Schmitz
Hinter Ayder erwartet Besucher ein Wasserfall
Auf dem Weg weiter nach oben wird die Luft kühler, die Wälder dünnen aus, auf 1500 Metern Höhe öffnet sich der freie Blick in die Berge. Der kleine Bus schaukelt durch winzige Dörfer, wo ein paar Bauern vor ihren Häusern sitzen. Das Dorf Çat, die Alm Elevit, die in 1850 Metern Höhe dem Himmel näher scheint als dem Rest der Türkei. Drahtseile spannen sich die Schluchten hinauf, Milch, Brot, Käse werden bis heute per klapprigen Handseilbahnen zu den einsamen Hütten auf den Anhöhen gekurbelt.

Eine Frau steht neben einem Brunnen, in einem windschiefen Gasthaus sitzt der Wirt auf seinem Sofa, umzingelt von Devotionalien und Souvenirs, Fotos, Zigarettenschachteln und Schnapsflaschen aus dem letzten Weltkrieg, Fellen, Soldatenfotos, einem ausgestopften Adler, alten Teekannen, Bastlampen und Schischa-Pfeifen. Es gibt çay für alle, süßen, heißen Tee. Mehmet sagt: "Schaut euch um, nehmt Platz, es ist wie in einer anderen Zeit hier oben, es ist wie vor fünfzig, vor hundert Jahren." Um elf Uhr morgens ruft der Muezzin. Der letzte Pass, der noch mit dem Auto zu erreichen ist, heißt Trovit, die Sonne brennt hier steil auf das 2600 Meter hohe Land herab. Keine Bäume mehr weit und breit, Hirten marschieren mit ihren Kühen durch die Weiten. Im Mai haben sie die Tiere auf die yayla, die Alm, getrieben. Im September, nach dem Rosenfest, müssen die Herden wieder zurück in die Täler. Dann kann der erste Schnee fallen, spätestens im Oktober kommt er sicher.

Arda, Hakan, seine Frau, seine Tochter und die beiden Pärchen aus Izmir steigen aus dem Bus und spazieren auf die Hochalm hinaus. Das Mädchen trägt pink, die Damen Karohemden, Trekkingboots, bedruckte T-Shirts, Sonnenhüte, Sonnenbrillen, Shorts. Die Kameras klicken, sie fangen eine Bergwelt ein, die gewaltig ist und leer und schweigsam. Sie fangen die Schatten der Wolken ein, die sich wie Figuren auf die grünen Talsenken legen, die Hütten der Almen, die tief unten wie verstreutes Spielzeug liegen. Ein linder Wind streicht über die Wiesen, es ist mucksmäuschenstill.

Die meisten Besucher suchen die Stille in den Bergen

Mert aus Izmir hat sich ins Gras gelegt, er sagt, dass an die Strände ja alle gingen, das hier sei etwas anderes. Die Leere, die Stille. Er möge das, es sei wichtig, mal wieder zu einem einfachen Leben zu finden. "Wir wollen ein paar Tage zelten und in der Natur sein, mehr nicht." Die beiden jungen Frauen springen hoch für ein Foto. Hakan, der Geschäftsmann aus Istanbul, sagt: "Meine Tochter soll diese Berge sehen, die Kinder wissen ja gar nicht mehr, was Natur ist." Arda spaziert allein über eine Anhöhe, die junge Tochter von Hakan hopst über die Wiese, die Damen breiten die Arme aus, und es ist ein bisschen, als hätte ein Raumschiff sie auf einem fremden Planeten der Ruhe abgesetzt.

Mehmet Demirci hockt im Schneidersitz auf einem Stein. Er trägt ein Kopftuch, wie es die Hirten tun. Er sagt, man müsse hier oben nicht viel sagen. "Es reicht, dass die Men- schen es sehen und spüren, die Berge sagen mehr als alle Bücher und Predigten."

Kaçkar-Gebirge
Walter Schmitz
Gipfellandschaft bei Kavrun
Um zwei Uhr mittags stellen wir den Minibus ab, hinter Palavit, einem Hundert-Seelen-Dorf mit Wellblechhütten, deren Dächer mit Steinen beschwert sind, damit sie bei Wind nicht davonfliegen. Demirci schnallt sich seinen Rucksack auf, nimmt seinen Trekkingstock, eine Tüte mit Fladenbrot; dann stiefeln wir los.

Farne wachsen hier und große gelbe Blumen, kantige Felsbrocken liegen herum. Auf 2100 Metern Höhe, allein in den Bergen, sammelt eine Frau Blaubeeren. Sie füllt sie in einen Plastikeimer, ihre Hände sind rot verschmiert von den frischen Beeren, sie trägt Gummistiefel, das Tuch der Hirten und einen Sonnenschirm, den man sich auf den Kopf schnallen kann.

Es geht steil bergan. Dünne, kühle Wolken ziehen vorbei, sie verhüllen das Dorf, das bald unten am Hang zurück- bleibt. Arda, der Ingenieursstudent aus Ankara, steigt mit Demirci voran, die beiden Pärchen aus Izmir schwitzen und schnaufen ein bisschen. In den Weiten fallen hier und da Schüsse, abgefeuert von Hirten, die damit das Rosenfest zum Ende des Sommers ankündigen.

Am frühen Abend erreichen wir das Camp auf 2300 Metern und stellen die Zelte auf. Es gibt nur zwei Plumpsklos hier oben, behangen mit Planen. Außerdem eine kalte Dusche, die im Freien steht, das Wellblechhaus mit den Decken und dem Ofen, nebenan steht eine lange Bank zum Essen. Die Sonne sinkt langsam, im schrägen Winkel scheint sie auf die Wolken herab, die kurz lila werden und von hier oben aussehen wie eine Kuscheldecke.

Wir haben Raki dabei, Brot, Ziegenkäse. Demirci setzt die Blechtöpfe auf den Gaskocher und schneidet das Fleisch. Der Wellblechverschlag ist mit Teppichen behangen, die auf dünne Holzstreben genagelt sind. Die Zelte stehen auf den Wiesen wie Kuppeln in einem weichen Moosbett. Alles, was oben am Camp ist, hat Demirci selbst hinaufgeschleppt. Er ging die Berge zwei Wochen lang jeden Tag zehn Mal rauf und runter, rauf und runter, bis alles oben war. Hier, wo er seine Ruhe hat und kein einziges Haus mehr sieht. Der Blick fällt ungestört auf die Hochplateaus. In der Nähe fließt ein Fluss, morgen wollen wir zu den Berg- seen aufsteigen. Am Abend essen wir zusammen, es gibt Fleisch, Nudeln, Salat und Tomaten, die saftig sind und frisch und lecker. Die beiden Pärchen wandern noch etwas über die gräsernen Hänge, es ist mucksmäuschenstill auf dem Plateau. Später, unter den Sternen, wird es empfindlich kalt, alle liegen jetzt in der Hütte auf den Sofas und Decken und lauschen den Flammen des alten Ofens.

Die Welt? Dreht sich heute zu schnell

Arda sagt, dass Geld ihn nicht interessiere, er wolle später nicht reich werden, es gebe anderes. Er fragt, ob die anderen den Film "Into the Wild" kennen. Alle nicken, auch die Modelabel-Besitzer aus Izmir haben Sean Penns Aussteigersaga gesehen. Er wolle vielleicht mal nach Indien, erzählt Arda. Das Gespräch vor dem Feuer dreht sich um dieses und jenes, wir reden über Gott, Geld und Geschäfte, vor allem aber darüber, dass es wichtig ist, mehr Zeit in der Natur zu verbringen, mehr Zeit mit einem schlichten, anständigen Leben. Der Westen? Der Osten? Istanbul, New York, Dubai, Hongkong? All das, sagt Mert, all das sei nicht seine Welt. "Die ganze Welt dreht sich heute zu schnell."

Mehmet Demirci legt etwas Holz nach, dann geht er noch mal nach draußen und löscht die Petroleumlampe, die vor der Hütte brennt. Die Gipfel des Kaçkar sind in dieser Nacht nicht mehr zu sehen, nur ihre Grate zeichnen sich wie Schattenrisse vor dem dunklen Himmel ab.

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Autor:
Marc Bielefeld