Türkei Unsere Datscha in Antalya

Der Kreml ist in der Türkei, an der Südküste, wo denn sonst? Der Kreml samt Rotem Platz und Basilius-Kathedrale ist nicht zu verfehlen, er befindet sich direkt zwischen Venedig und dem Topkap-Palast. Im Kreml, so heißt es, seien die Russen. Das sagen die Deutschen, und es klingt logisch: Wo ein Kreml ist, da muss auch der Russe sein.

Auf den gut zwanzig Minuten Autofahrt vom Flughafen zum Kreml wird dem Russen bereits alles angeboten, was ein Russe so brauchen kann. Auf riesigen Werbetafeln werden in kyrillischen Buchstaben Pelze und Lederwaren angepriesen, außerdem mit Blumen bedruckte Bademäntel und Großmutter-Nachthemden. Alles "beste Qualität" zu "verrückten Preisen", versteht sich. Zudem für die neureicheren Kandidaten: "Ihr neues Haus direkt am Strand, nur vier Kilometer vom Strand entfernt". Die deutschen Pauschaltouristen werden - entgegen weit verbreiteten Befürchtungen, "alles" werde auf Russisch stattfinden - nicht benachteiligt. Auf Deutsch ist auf Schildern am Straßenrand zu lesen: "Deutscher Allgemein- und Notarzt. Alle Krankenkassen". Ich fahre vorbei an den Riesenhotelanlagen, die miteinander um die absurdeste Bauidee buhlen: ein Prunkpalast aus Tausendundeiner Nacht mit einer Kopie des Campanile von San Marco oder der "Titanic".

Der Kreml - oder "Kremlin Palace", wie das Hotel offiziell heißt - ist Kulisse, traurig heruntergekommene Pappkulisse, das merkt man, sobald man sich der roten Festung mit der riesigen türkischen Fahne darauf nähert. Die mit Ziegeln verkleidete Betonfassade wirkt genauso billig wie die bahnhofshallenartige Lobby mit den zarenhaft roten Plüschsofas, von denen die ehemals goldenen Ornamente bröckeln. Man muss nicht den echten Kreml gesehen haben, um zu wissen, dass das "Kremlin Palace" nichts mit dem Original gemein hat. Vielleicht sind deshalb hier kaum Russen zu finden.

Wonach aber sucht man, wenn man nach Russen in Antalya sucht? Nach hemdlosen, brustbehaarten Männern, die einen verdünnten All-inclusive- Wodka nach dem anderen in sich hinein kippen? Nach Frauen, die ihre mit Goldschmuck behängten Hände ins All-inclusive-Büfett stecken, um dann mit überladenen Tellern zu ihren Tischen zu ziehen? Nach dürren Mädels in Ultra-Miniröcken, die mit knallrotem Lippenstiftlächeln im Gesicht auf einen Ehemann aus dem Westen hoffen, an dem sie sich mit ihren gefährlich langen, ebenfalls knallroten Fingernägeln festkrallen können?

Russen essen wie Tiere

Der erste wirkliche Russe, den ich treffe, ist Alexandr. Mit Freundin und einem anderen Pärchen sitzt er in der Lobby und ist enttäuscht vom Billig-Charme dieses Hotels. "Die Idee war sicher einmal gut gemeint", sagt er. "Wie sagt man bei uns: Man wollte es gut machen, aber herausgekommen ist es: wie immer." Zu viert sitzen sie an einem Tisch und spielen Karten. Alle tragen Jeans, T-Shirt und Flip-Flops, sie lachen viel und manchmal zu laut, trinken Saft oder gar nichts - und haben wenig zu tun mit den Beschreibungen, die ich zu Hause auf deutschen Hotelbewertungsseiten gefunden hatte.

Dort hatte ich gelernt, dass Russen "wie Tiere essen", "unzivilisiert" und "durchgehend besoffen" sind und lauthals grölen. Und dass sich türkische Hotelmitarbeiter entweder sehr über herzliche, dankbare Deutsche freuen - oder aber ganz im Gegenteil nur zu Russen nett sind.

Ich habe das Privileg, auch Russisch zu sprechen und zu verstehen, da ich bis zu meinem elften Lebensjahr in St. Petersburg aufgewachsen bin. Ich hatte also auch russische Hotelbewertungsseiten gelesen und dabei gelernt, dass Deutsche "anstrengend", "geizig ", "langweilig" sind und alle Liegen mit ihren Handtüchern belegen. Und sich türkische Hotelmitarbeiter entweder sehr über herzliche, dankbare Russen freuen - oder aber ganz im Gegenteil nur zu Deutschen nett sind.

Gerade mal zwanzig Jahre ist es her, dass die Russen überhaupt in die Türkei kommen können. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte es mehr oder weniger nur zwei Arten von Urlaub gegeben: auf der Datscha, die man beackern musste, um für den Winter Gemüse einlegen und Obst zu Marmeladen verarbeiten zu können. Oder am Strand auf der Krim, die man mit mehrtägigen Zugfahrten erreichte und wo man mit viel Glück ein klitzekleines Zimmer mieten oder sich mit noch mehr Glück in ein sowjetisches Erholungsheim einquartieren konnte. Erst als sich die UdSSR auflöste und die Grenzen geöffnet wurden, kam die Freiheit bei der Wahl des Urlaubsziels.

Bis heute fahren Russen besonders gern an die Strände der Türkei, nicht nur, weil es günstig ist. Die Türkei ist nicht allzu weit entfernt, und die Sonne scheint garantiert. So gern fahren die Russen inzwischen in die Türkei, dass sie seit 2008 die Zahl der deutschen Touristen in Antalya übertreffen. Woraufhin die Bild-Zeitung entrüstet schrieb: "So versauen uns die Russen den Türkei-Urlaub. Sie essen, feiern, saufen. Und sie stören oft!"

Auch Investoren bemerkten, dass Russen gern in Antalya Urlaub machen, und ließen ein paar Hotels bauen, von denen sie meinten, sie könnten den Russen gefallen: barocke Bauten, goldene Verzierungen, keine Angst vor Übertreibung. So zum Beispiel den "Kreml", die riesige rote Festung am Lara-Strand.

Aber die Russen sind erwachsen geworden, die meisten jedenfalls. Vorbei die Zeiten, in denen sie, glücklich, die geschlossene Sowjetwelt verlassen zu dürfen, in das Ausland wollten, an die türkischen Sonnenstrände mit möglichst großen Hotels und möglichst großen Büfetts. Inzwischen haben sie gelernt, dass es Unterschiede gibt: zwischen gewöhnlichen All-inclusive-Büfetts und All-inclusive-Büfetts mit leckerem Essen. Zwischen Hotelzimmern, die besser sind als diejenigen, die sie früher auf der Krim mieteten, und wirklich schönen Hotelzimmern. Daher sind sie aus dem "Kreml" weitergezogen in Hotels, die aussehen wie ein Flugzeug oder die "Titanic".

Neuerdings ziehen sie sogar in die schnörkellosen, stilvolleren - auf Russisch "kühlen", "langweiligen" - Hotels, weil sie dort "wie weiße Menschen" Urlaub machen wollen, um einmal eine russische Redewendung ins Deutsche zu übersetzen. Und auch, weil dort weniger Russen wohnen. Ja, auch das gibt es: Die Russen selbst haben Vorurteile gegenüber Russen.

Kurze Röcke tragen die Anderen

Wo wir bei Vorurteilen sind: Einmal setze ich mich in der Lobby des "Kremlin Palace" neben eine Dame in einem selbst für meine russisch geschulten Augen unanständig kurzen Rock mit Leopardenmuster - und höre sie Türkisch sprechen. Ein anderes Mal beobachte ich im Hauptspeisesaal, der durch seine Größe und seinen Lärmpegel an eine Fabrikkantine erinnert, eine dickliche Frau, die ihren ebenfalls dicklichen Kindern Pfannkuchen in Servietten einwickelt - als würde das Mittagessen nicht direkt ans Frühstück anschließen. Im reinsten Britisch weist sie ihre Sprösslinge an: "Take it to the room." Und dann höre ich noch Männer abends an der Bar grölen - da sind sie, meine Russen, denke ich, aber als ich näher komme, erkenne ich, dass sie auf Niederländisch grölen.

Natürlich sind, wenn man lange genug sucht, im "Kreml" außer dem Karten spielenden Alexandr und seinen Freunden noch andere russischsprachige Gäste zu finden. Zum Glück, denn so haben die Rezeptionsmitarbeiter nicht umsonst Russisch gelernt, sind nicht umsonst Animateure aus Russland eingeflogen worden.

Diese russischsprachigen Gäste sind aber keine Russen und legen großen Wert auf diesen Umstand. Sie kommen meist aus Kasachstan, Weißrussland oder der Ukraine. Es sind diejenigen, die wohl zum ersten Mal im Ausland sind und die nach dem Urlaub zu Hause gern erzählen möchten, dass sie nicht nur in der Türkei waren, sondern dort sogar im Kreml gewohnt haben.

Einer von ihnen spaziert in Badehose und Badelatschen, ohne T-Shirt in die Bar der Hotellobby, setzt sich hin und bestellt sich seelenruhig ein Getränk. Kein Russe, ein Kasache. Leider ist das georderte Getränk kein Wodka, sondern eine Cola, sonst wäre das Bild komplett. Er macht sich gut, dieser Kasache neben dem Briten, der ein knallrotes T-Shirt mit der Aufschrift "When found please return to the pub" trägt.

Ein anderer grölt im Hotelflur, abends um 23.17 Uhr. Ich würde sagen, er singt mehr, als dass er grölt, und das nicht einmal falsch - so wie Osteuropäer eben singen mit Gefühl in der Stimme, laut und aus vollem Herzen. Er singt auf Ukrainisch, er singt von den schönen ukrainischen Weiten und Tälern, aber dass der Russe kein Russe, sondern Ukrainer ist, wird diejenigen, die das nicht so süß und witzig finden wie ich, sondern einschlafen wollen, nachdem sie noch einmal "immer diese Russen" gemurmelt haben, auch nicht über diese nächtliche Vorstellung hinwegtrösten. Und dann sind da noch die Russisch sprechenden Männer in der gemischten Sauna, die nicht recht einsehen wollen, warum Frauen diese "türkische Banja" betreten - an der Prüderie hält man in Osteuropa noch mehr fest als an der Liebe zu Wodka.

Und sonst? Was machen die russischen Pauschaltouristen in Antalya? Nichts anderes als die Deutschen, die Briten, die Holländer. Sie cremen sich ein und brutzeln in der Sonne. Sie lesen Zeitungen mit vielen Bildern und riesengroßen Überschriften. Sie stopfen sich mit Essen voll und trinken Alkohol, sie kaufen auf den Märkten mit den "getürkten Klamotten" ein (Kalauer eines dortigen Verkäufers, der ähnlich gut Russisch und Deutsch sprach). Sie interessieren sich dabei etwas öfter für Pelzmäntel als Westeuropäer, mag sein. Aber unter dem Strich machen alle Pauschaltouristen in Antalya das, was sie auch zu Hause gern machen: Die deutschen Urlauber spielen Kniffel und trinken Bier. Die britischen Touristen trinken Bier, ohne Kniffel zu spielen, und die russischen Touristen tun das, was sie seit Jahrzehnten auf ihren Datschas getan haben: angeln, die Natur genießen, am Lagerfeuer grillen, dazu Wodka trinken und singen, laut und aus vollem Herzen.

Auch die Russen wollen, dass in der Fremde möglichst alles so ist wie in der Heimat, nur sonniger. Kein Wunder, dass von den vom Hotel organisierten Ausflügen einer im Sommer fast täglich ausgebucht ist: eine Angeltour mit Picknick in freier Natur. Beworben wird sie mit den Worten: "Lebensgefühl wie auf der Datscha".

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Autor:
Lena Gorelik