Kappadokien Teppiche, die Kunst des Knüpfens

Dem anatolischen Teppich geht es schlecht. Er ist meist nur noch ein Museumsstück. Oder ein Souvenir. Einst wurde er mit doppelten Knoten aus Wolle geknüpft, oben in den Dörfern, wenn der Schnee lag. Der kam früh und blieb lang, die Teppiche mit den kräftigen Pflanzenfarben und den geometrischen Mustern wärmten und ihre Symbole erzählten von Flüssen, Karawanen und vom Baum des Lebens.

Süleyman Ikman sitzt auf seinem Sofa hinter einem brummenden Ofen in den tiefen Eingeweiden seiner Teppichburg in Göreme. "Heute", sagt er, "sehen die Leute im Fernsehen lauter Wohnungen, in denen keine Teppiche sind. Sie wollen keine Teppiche mehr." Sein Großvater hat das Geschäft aufgebaut, seine Mutter war Knüpferin, sie ist 85 Jahre alt und würde, wenn sie nur könnte, noch immer arbeiten. Aber sie ist erblindet, und Süleyman ist auch nicht mehr jung. Er hat das Färberhandwerk gelernt, kennt all die Blüten und Blätter, die das ganze Land in einen einzigen bunten Teppich verwandeln, im Frühling, wenn endlich der Frost weicht. Es sind die Blüten, aus denen man Farben für die Teppichwolle macht, die nach Jahrhunderten noch leuchten. In den Soap Operas im Fernsehen aber wohnen alle in neuen Häusern mit Laminatböden, und nur der Opa hat vielleicht einen Teppich, nur er hat noch einen Schnurrbart, und nur die Oma trägt noch Kopftuch.

Göreme ist das Zentrum Kappadokiens, manche sagen, es werde bald nur noch aus Hotels und Parkplätzen für Busse bestehen. Aber es ist noch immer ein freundlicher Ort, von einem Bach durchflossen, der einen zentralen Platz flankiert, an dem ein paar Cafés und ein paar Hunde dösen.

Hier steht das Haus von Süleyman Ikman. Wer es betritt, gerät in einen Hof, der über und über mit Teppichen behangen ist, dahinter ein Raum voller Teppichstapel, ein weiterer Raum und dann das Sofa mit Süleyman. Die "Galerie Ikman" ist wohl das mit den meisten Teppichen bestückte Haus Kappadokiens, weit über die Region hinaus bekannt.

Daher kann Süleyman es sich leisten, zu verweigern, was andere zum Geschäftsprinzip erhoben haben: den Verkauf an Reisegruppen. In seinem Geschäft wird man kein Gedränge von Menschen erleben, die für eine Stunde ihren klimatisierten Bus verlassen, um Souvenirs zu kaufen. Süleyman macht das nicht, um seine Teppiche zu schonen, er hat ganz andere Gründe: Erstens wäre es ihm zu teuer - und wohl auch unter seiner Würde -, dem Reiseleiter und dem Busfahrer ihren Anteil am Verkauf zu zahlen. Mit 20 Prozent für jeden müsste er da schon rechnen.

Einen Teppich zu erwerben, ist eine ernsthafte Angelegenheit

Viel wichtiger ist aber das Verhältnis zum Käufer: Einen Teppich zu erwerben, ist eine ernsthafte Angelegenheit, sie erfordert Gespräch und Anteilnahme. Wie soll das gehen, wenn 30 Menschen ins Geschäft kommen, die keine Zeit haben? Einen Teppich kaufen ist wie ein Haus bauen. Seine Anschaffung braucht viel Zeit, und seine Herstellung noch mehr.

In der Galerie Ikman gibt es kaum einen Quadratmeter ohne Teppich.
Murat Türemis
In der Galerie Ikman gibt es kaum einen Quadratmeter ohne Teppich.

Nur: Der anatolische Teppich wird kaum noch produziert, da seit einigen Jahrzehnten die Nachfrage stark gesunken ist. Süleyman verkauft Ware aus Persien und Afghanistan. Gute Ware. Aber sein Herz geht auf, wenn er die alten anatolischen Teppiche zeigt, die er noch in seinem Besitz hat: Der jüngste ist 30 Jahre alt, die Wolle hat Süleyman noch selbst gefärbt, er zeigt einen Lebensbaum. Ein uraltes Motiv, das Unterwelt, Menschenwelt und Paradies verbindet. Die Farben des Teppichs leuchten, aber er ist schon sehr zerschlissen.

Das scheint das Ende einer langen Geschichte zu sein. Einer Geschichte, die bei den Nomaden in den Steppen Asiens beginnt. Die später auf den Höhen Anatoliens spielt und schließlich ihren Weg in die bürgerlichen Wohnzimmer Europas findet.

Teppiche sind essenziell für Menschen, die ihr Leben auf dem Boden verbringen. Der aus Wolle geknüpfte Teppich ist eine Schöpfung asiatischer Reiternomaden, die in alter Zeit mit ihren Herden durch die Steppen zogen und in Zelten lebten. Aus jener Welt stammt der älteste bekannte Teppich, der in einem Grab in Pasyryk im Altai gefunden wurde. Schon vor fast 2500 Jahren zeigte er die geometrischen Muster, die auch die traditionellen anatolischen Teppiche zieren.

Türkisch sprechende Völker zogen seit dem frühen Mittelalter immer wieder nach Westen und Süden. Dynastien wie die Seldschuken eroberten den Vorderen Orient - und brachten den Teppich mit. Seine Bilder und Farben formten die Ikonographie des Orients: In den Themen und Figuren der orientalischen Malerei tauchen immer wieder Motive auf, die der türkischen Teppichkunst entstammen.

100 Knoten, manchmal mehr, auf jedem Quadratzentimeter

Empfehlung für den Kauf eines Teppichs: die Galerie Ikman.
Murat Türemis
Empfehlung für den Kauf eines Teppichs: die Galerie Ikman.
1534 eroberte Süleyman der Prächtige, der bedeutendste Sultan der osmanischen Dynastie, das persische Täbris. Dort arbeitete eine Manufaktur, in der sich eine ganz eigene Schule der Knüpfkunst entwickelt hatte, mit neuen Motiven und mit neuem Material: Seide statt Wolle. Der Unterschied zwischen Wollteppichen und solchen aus Seide ist der zwischen Jodeln und Arie, zwischen Bauernmalerei und Tizian. Seidenteppiche sind Auftragsarbeiten reicher Herrscher. Sie zu knüpfen ist ein kaum vorstellbarer Aufwand: 100 Knoten, manchmal mehr, auf jedem Quadratzentimeter. Eine Tätigkeit, die so langsam vorangeht, dass die Knüpferin am Ende eines Arbeitstages kaum einen Fortschritt sehen kann. Ein Teppich von zwei Quadratmetern braucht mehr als ein Jahr, besonders feine und größere viele Jahre. Seidenteppiche sind nichts für Winterabende in der Dorfstube.

Sultan Süleyman entführte die besten Handwerker, unter ihnen sicher auch Teppichknüpfer, aus Täbris nach Konstantinopel. Dort entstanden dann die kostbaren Handarbeiten, die der Sultan als diplomatische Gaben verschenkte. So kamen die Teppiche nach Venedig, die große Konkurrentin um die Macht im Mittelmeer.

Der hohe Wert der Gaben war in Europa schon lange bekannt. Bereits Jan van Eyck und Lorenzo Lotto zeigten auf ihren Bildern Teppiche aus dem Orient. 1656 malte dann Jan Vermeer sein berühmtes Gemälde "Bei der Kupplerin": Ein Freier bezahlt eine Dirne, die Kupplerin schaut zu, und offenbar ist sie durch ihren Beruf reich geworden - ein Pelzmantel ziert das Zimmer und ein anatolischer Teppich.

Der Inbegriff des Wohlstands

Der Orientteppich wurde zum Inbegriff des Wohlstands. In der Welt der Schlösser und Residenzen erhielt er seinen Nimbus, und bald übernahmen auch die emanzipierten Bürger, was der Adel vorgemacht hatte: Ein echter Orientteppich in der Wohnstube war für lange Zeit bis ins 20. Jahrhundert das, was heute ein Porsche Cayenne vor der Tür ist.

Vor gut 100 Jahren wurde dieser Seidenteppich in Istanbul geknüpft.
Murat Türemis
Vor gut 100 Jahren wurde dieser Seidenteppich in Istanbul geknüpft.
Europa war der Absatzmarkt für die feinsten Kunstwerke aus uralter Tradition. Dieser Markt existiert nur noch in rudimentärer Form. Ein Orientteppich im Wohnzimmer ist heute etwa so beliebt wie der röhrende Hirsch über dem Ehebett. Die Anzahl der nach Deutschland eingeführten Teppiche nimmt seit Jahren ständig ab, allein seit dem Jahr 2000 ist der Import um mehr als 65 Prozent gesunken.

Die Tradition des Knüpfens ist in Anatolien allerdings nie ganz ausgestorben. Wie sehr sie aber an Wertschätzung verloren hat, sieht man im Hof der Firma Hadosan in Ürgüp, der Nachbarstadt von Göreme. Dort stehen, zu vielen Dutzenden gestapelt, alte Aussteuerkisten. Cankut Yılmaz kauft sie auf, denn sie enthalten Teppiche - fünf Stück gehörten früher zu einer Brautausstattung. Heute werden solche Kisten gern bei Anschaffung eines Fernsehers in Zahlung gegeben, meist weit unter Wert.

Auch Cankut handelt mit Teppichen, er handelt auch mit deren großer Vergangenheit, aber vor allem gibt er dem anatolischen Teppich eine Zukunft. Auf die Frage, was ihn an Teppichen am meisten interessiere, antwortet er: "Die Arbeitsplätze." In seiner Firma arbeiten an die 900 Menschen, nur sehr wenige als Knüpferinnen, aber sehr viele als Verkäufer.

Alte Traditionen wiederbelebt

Cankuts Geschäftsprinzip ist das Gegenteil dessen, was Süleyman Ikman macht. Cankut produziert anatolische Teppiche und verkauft sie an Reisegruppen. Er bringt Knüpfstühle in die Dörfer und bezahlt Frauen, damit sie nach Vorlage Teppiche herstellen. So belebt er alte Traditionen, schafft aber zugleich neue Voraussetzungen. In den armen Dörfern der Türkei gibt es für Frauen keine Möglichkeit, eigenständig Geld zu verdienen. Denn selbst wenn ihnen die eine oder andere Stelle in einem Geschäft oder einer Fabrik angeboten würde: Haus- und Feldarbeit ließen keine Zeit dafür. Und das gilt nicht nur im armen Osten. "Armut gibt es überall", sagt Cankut, "die Grenze liegt bei 1800 Metern." Nämlich über dem Meeresspiegel: jene Höhen, die die rasante Modernisierung des Landes nicht erreicht.

Die aber kommt nun auf anderen Wegen. In Dörfern, in denen Frauen in Heimarbeit Geld verdienen, ist das Heiratsalter stark gestiegen. Sie werden nicht mehr mit 15 vor dem Imam getraut, sondern erst, wenn sie volljährig sind, vor dem Standesamt. Der Grund ist das Geld: Sie müssen es dem Vater abliefern, der kassiert lieber selbst, als es dem Ehemann zu überlassen.

Cankut Yılmaz hat seine Firma ganz auf deutsche Kunden ausgerichtet. Er selbst hat in Mannheim studiert, all seine Verkäufer sind ebenfalls deutschsprachig. Sie stellen sich vor: Hakan (16 Jahre Augsburg), Davut (zwölf Jahre Duisburg) und Ali (20 Jahre Berlin). Viele der Verkäufer sind in Deutschland gescheitert, waren ganz unten und ohne Perspektive. Ihnen bot sich hier die Möglichkeit zu einem schnellen Aufstieg, den sie mit Begeisterung annahmen: Der Teppichhändler wird in der Türkei völlig zu Recht - und ganz im Gegensatz zu seinem Bild in Europa - als ehrenhafter und gebildeter Mensch geschätzt. Jetzt verkaufen sie mit Stolz und Verve, was zu den Schätzen ihres Volkes gehört.

Historische Teppiche aus dem Osmanischen Reich

Die Zentrale der Firma in Ürgüp ist nicht nur Verkaufsstätte, sondern auch Schauwerkstatt und Museum. Historische Teppiche sind hier zu sehen, auch Nachknüpfungen. Schautafeln zeigen die ältesten Teppiche aus dem Osmanischen Reich und den Deutschen Wilhelm von Bode, der Dutzende von Teppichen aufkaufte und mit dieser Sammlung 1904 das heutige Bode-Museum in Berlin gründete. Damit regte er Sammler und Orientalisten an, auf die Suche nach frühen Zeugnissen der Knüpfkunst zu gehen. In der alten Moschee von Konya fanden sie die wertvollsten seldschukischen Exemplare. Sie sind heute in Istanbul im Museum für Türkische und Islamische Kunst ausgestellt. Der größte Teil der Berliner Teppichsammlung aber verbrannte im Zweiten Weltkrieg.

Zu sehen ist in Ürgüp auch die im 19. Jahrhundert in Hereke bei Istanbul entstandene Manufaktur, die zu dem wurde, was Rolls-Royce unter den Autoherstellern ist. Ein Bild zeigt Kaiser Wilhelm II. bei einem Besuch dort, der Text erzählt, dass er versucht habe, deutsche Anilin-Farben an türkische Teppichfabriken zu verkaufen.

Wer sich als deutscher Tourist durch Cankut Yılmaz’ Zentrale führen lässt, kann den Knüpferinnen bei der Arbeit zuschauen, wie sie Knoten setzen, zehn Minuten lang, dann gibt es zehn Minuten Pause. Sie erzählen, dass sie zwei Monate Urlaub im Jahr haben und zusätzlich fünf freie Tage während ihrer Periode, bei der die Konzentration auf die Arbeit kaum möglich ist.

Der Tourist kann sich hier in Ruhe umschauen, und wenn er dann überzeugt ist, einen Teppich kaufen. Er darf aber auch gehen, und niemand wird es ihm übel nehmen. So ergeht es dem Besucher auch bei Süleyman Ikman. Ein Teppich ist etwas fürs Leben. Man kann ihn auch morgen noch kaufen. Oder in einer Woche. Oder in einem Jahr.

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Autor:
Roland Benn