Türkei Schildkröten im Dalyan-Delta

Ausgerechnet eine Schildkröte macht dem Staatsgründer Konkurrenz. Überall im Land steht ein Atatürk-Denkmal auf dem zentralen Platz neben der Moschee, nur hier räkelt sich fröhlich die Unechte Karettschildkröte auf dem Sockel.

Wenn die Leute im Dorf "Caretta caretta" sagen, so der lateinische Name des Meereswesens, klingt es wie der Beginn eines Gedichts. Die Frau, die ihnen beigebracht hat, die Schildkröte zu lieben, sitzt nur ein paar Gehminuten von der seltsamen Statue entfernt im Schatten eines Orangenbaums und sticht die Gabel in ein Stück Kuchen. "Als ich vor 20 Jahren in einer Hütte am Strand lebte, hat sich kein Mensch für die Schildkröte interessiert", erzählt June Haimoff. Die blonde Britin, der man die 60 Lebensjahre damals wohl genauso wenig ansah wie heute die 80. "Kaptan June" nannte man sie, weil sie mit einer Yacht über das Meer kam. Die halbe Welt hatte sie schon gesehen, als sie zum ersten Mal an einem heißen Julitag in die Bucht vor Dalyan einlief und staunte. Ein kilometerlanger Sandstrand empfängt hier die Wellen des Meeres mit weit geöffneten Armen. Der linke hält sie zusammen mit dem angrenzenden Berg umschlungen, während der rechte Arm die Ankommenden freundlich durchwinkt und Eintritt gewährt in ein verwirrendes Labyrinth, das Schilf und Fluss hier in Jahrhunderten entstehen ließen.

Wer sich nicht verirrt, gelangt nach Dalyan, das seinen Namen von den Reusen hat, mit denen die Menschen hier den Fisch aus dem teils salzigen, teils süßen Wasser holten, als sie ihre Gräber noch in den Fels hauten. Wie Figuren in einem Setzkasten stecken die imitierten Tempelportale aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. in dem Berg auf der anderen Seite des Flusses, hinter dem noch die Reste der antiken Stadt Kaunos liegen. Acht Jahre nach ihrem ersten Besuch in Dalyan hatte Kaptan June von der Welt genug gesehen und verkaufte ihre Yacht. Sie kam zurück in die gewundene Gegend, die nicht mehr Meer und noch nicht Land ist, und zog mit einem Stock den Umriss ihrer künftigen Hütte in den Sand.

Ihr Boot vermisste sie bald nicht mehr, gab es doch Wasser genug links und rechts vom Strand, und manchmal schaukelte der Wind sanft das auf Stelzen im Sand steckende Haus. Wie von einer Kettenraupe war der Sand eines Morgens in einem breiten Streifen platt gewalzt. Sie musste an einen Panzer denken, als sie die Spur sah. Tatsächlich war es ein Panzer, allerdings mit einer Schildkröte darunter und gekommen in friedlicher Absicht, um Eier im Sand zu vergraben. Eines Nachts entdeckte Kaptan June, bäuchlings im kalten Sand liegend, das Geheimnis, das der Strand unter seiner Oberfläche verbarg. Eine gewaltige Meeresschildkröte ließ an die hundert Eier wie Pingpongbälle in ein tiefes Loch rollen.

Der Schildkrötenmutter galt Kaptan Junes ganze Sorge, als sie im Sommer 1985 von einem Bauprojekt erfuhr. Direkt am Strand planten türkische und deutsche Investoren eine Hotelburg samt Bungalowsiedlung und Feriendorf mit insgesamt 2020 Betten. Mehrere hundert Unterschriften sammelte June Haimoff dagegen, tippte ein zwölfseitiges Konzept für einen Nationalpark Dalyan-Delta, und schickte es an den WWF, Greenpeace und Brigitte Bardot, mit der sie nicht nur die Liebe zu Tieren gemein hatte, sondern auch den einst gelernten Beruf der Schauspielerin. Im November 1986 fuhr Kaptan June nach Ankara, trank Tee mit den Ministern und ließ sich vom Berater des Ministerpräsidenten Özal versichern, dass die Tiere wichtiger seien als die Touristen. Die Presse hob die "Schildkröten-Lady" auf die Titelseiten ihrer Zeitungen. Und im Bonner Bundestag wurde hitzig debattiert, ob die für das Hotelprojekt aus dem Fonds der Entwicklungshilfe bereitgestellten elf Millionen Mark tatsächlich so klug investiert sind.

Mit der Bettenburg in der bezaubernden Bucht würde die Region den Anschluss an die Urlaubsparadiese in Italien und Spanien schaffen, argumentierte die Bundesregierung - sogar noch, als TUI und Neckermann schon angekündigt hatten, den Schildkrötenstrand nicht in ihre Kataloge aufzunehmen. Erst nachdem Ankara den Bau 1988 stoppte, überlegten die Politiker in Bonn, ob sie der Region mit den Millionen vielleicht auch anders helfen könnten. Vor wenigen Jahren wurde in Dalyan die von den Deutschen finanzierte Kläranlage in Betrieb genommen. Kaptan June und ihre inzwischen zahlreichen Helfer hatten erreicht, was sie wollten. Dalyan wurde zum Naturschutzgebiet erklärt und der Strand jede Nacht zur Sperrzone. Nur Umweltschützer und Biologiestudenten dürfen ihn nach Sonnenuntergang betreten, um verirrte Schildkrötenbabys, kaum größer als Streichholzschachteln, ins Meer zu tragen. Das Fundament des geplanten fünfstöckigen Hotels begrub bald der helle Sand unter sich, Caretta zog weiter ihre Spuren. Die Schlagzeilen über das kleine Fischerdorf haben zwar das Hotel verhindert, den Tourismus jedoch nicht.

Die turtelnden Turtles sind heute nicht so schamlos

Aufmerksame Zeitungsleser wurden neugierig auf den als Geheimtipp gepriesenen Strand und packten ihre Rucksäcke. Dalyans Fischer und Bauern öffneten ihre Häuser. Von 1988 bis 1989 verdoppelte sich die Zahl der 30 Gästehäuser, bis heute kommen ständig neue hinzu. Ayten Aydün, die in einem winzigen Büro im Erdgeschoss des Rathauses Info- Blätter für Touristen sowie die Bettenstatistik verwaltet, kommt kaum hinterher. Immer wieder korrigiert sie mit Filzstift und Tipp-Ex die aktuelle Zahl: Heute passen in 184 Hotels und Pensionen 5337 Betten mehr als in die verhinderte Betonburg am Strand. "Von heute auf morgen hat der Tourismus die Landwirtschaft abgelöst", sagt die freundliche Frau mit dem strengen Kurzhaarschnitt und wählt die Worte mit Bedacht, "das traf uns ohne Vorbereitung." Saisonarbeit waren die Leute gewohnt. Nur holten sie nach der Winterpause nicht mehr die Baumwolle vom Feld, sondern die Touristen vom Flughafen. Und langsam wird klar, warum an Dalyans Wänden die Schildkrötenmutter neben dem "Vater der Türken" hängen darf: Wie er hat sie eine neue Zeit eingeläutet, Hoffnung geweckt und die Region Richtung Westen geöffnet. "Le Cafè" steht an der Pforte vor Gerdas Gartenlokal, gleich neben Aytens Büro.

Der Strich über dem E zeigt in die falsche Richtung, doch die Wirtin stört das nicht. Gerda Yücel stört ganz anderes: die vielen Plastiktüten zum Beispiel, die als Müll in der Landschaft enden. Am meisten aber regt sie auf, wie ungeordnet das Geschäft mit den Gästen boomt. "200 Gaststätten, 70 Makler, 250 Neubauten jährlich und 400 Baustellen", rechnet sie ihrer Freundin June vor. Doch die wundert schon lange nicht mehr, was sie mit ihrem Mutterschutz für die schwangere Schildkröte angerichtet hat. Zurückgezogen in den Bergen lebt sie jetzt, mit einem Rudel Hunde und ein paar Katzen. Die Strandhütte von einst hat sie in ihrem Garten wieder aufbauen lassen. Geranien grüßen vom Geländer. Um die Schildkröte sorgt sich Kaptan June immer noch. Oder schon wieder: "Es geht doch kaum noch um sie, sondern nur noch ums Geld." Ihr Protest gegen den neuen Bauboom ist leise: Ein Stück Land hat sie gekauft und verfügt, dass hier nach ihrem Tod niemand bauen darf. Baustellen gibt es dennoch mehr als genug. Zum Glück für Avni Kaya, der hier im Winter immer einen gut bezahlten Job findet. Die Veränderungen in dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist und das er kaum wieder erkannte, als er nach 14 Jahren zurückkehrte, nimmt der Enddreißiger mit den sanften Augen ein wenig verwundert zur Kenntnis: "Wo Sumpf war, ist plötzlich Straße."

Und auch die Menschen hatten sich verändert. Half man früher dem Nachbarn bei der Ernte, schnappt man ihm nun die Pensionsgäste noch vor der Eingangstür weg. Auch unter den Bootsmännern ist die Konkurrenz groß. Avni managt die Bootskooperative und vermittelt 129 Kapitäne an die Touristen. Tagsüber kommt er kaum dazu, seinen Tee zu trinken. Ständig springt er auf und läuft zum Kai. Dort lauern die "Piraten", wie Avni sie nennt. Bootsfahrer, die nicht in der Kooperative organisiert sind und Touristen für erhöhte Preise in ihr Boot locken. Nun will einer von ihnen künftig mit Solarantrieb fahren - umweltbewusste Touristen greifen dann womöglich gern etwas tiefer in die Urlaubskasse. Es sind erste Bemühungen, das Naturparadies vor den zunehmenden Folgen des Tourismus zu schützen.

Avnis Männer hingegen können sich eine Umrüstung von Diesel auf Sonnenenergie kaum leisten. 400 Euro verdienen sie im Schnitt. Davon leben kann keiner. Die meisten bestellen noch ihre Baumwollfelder, wenn sie sie nicht schon als Bauland verschachert haben, pflücken Orangen oder melken das Vieh. Auch Cafer Yukar? hat schon gearbeitet, bevor er in der Früh zur "Turtle Tour" tuckert. Nun steht er bewegungslos am Bug und tastet mit den Blicken die Bucht ab. Still und glatt liegt das Wasser da, wie ein auf den Boden gerutschter Badezimmerspiegel, in dem sich Sonne und Berge nach einer kühlen Frühlingsnacht wohlwollend betrachten. Doch unter der friedlichen Oberfläche, das ahnt der Bootsmann, geht es ganz schön zur Sache. Es ist Frühling, und in der kleinen Bucht nah am Meer lieben ein paar Caretta Carettas nicht nur die heißen Sprudel und die blauen Krabben, sondern vor allem: sich selbst. Tatsächlich gleiten auf einmal zwei Köpfe eng hintereinander aus dem Wasser, schnaufen laut und tauchen wieder ab, noch ehe der Autofokus der Kamera sie scharf stellen kann. Der Bootsmann wirft den Motor an und tuckert auf die Stelle zu, wo er die Schildkröten im Liebesrausch vermutet. Erst gestern hat er ein Paar aus nächster Nähe beobachtet. Mit den Händen beschreibt er, wie dicht er dran war an den Schildkröten. Wenn die Leute im Dorf zeigen, wie groß so eine Meeresschildkröte in Wirklichkeit ist, fuchteln Sie genauso mit den Händen.

Doch die turtelnden Turtles sind heute nicht so schamlos. Ein paar Mal tauchen sie noch auf, schnappen laut nach Luft und verschwinden wieder in der Intimsphäre ihres Wasserbettes. Der Bootsmann, der sie immer dort ortet, wo er sie nicht vermutet hat, im Zickzack hinterher. Fast hat es etwas Verzweifeltes, wie gern er zeigen möchte, was seinen Ort berühmt gemacht hat. Die Schildkröten hingegen belehren ihn eines Besseren. Nicht sie machten Dalyan berühmt, sondern der Frieden, den sie hier finden. Ein wenig höhnisch klingt es, als die Flossen ganz nah auf dem Wasser platschen und nicht mehr zu sehen sind, sobald sich die Touristen umdrehen.

Autor:
Cornelia Jeske