Türkei Reise auf dem Gulet

Hayir, hayir", nein, nein, sagt Mehmet. Ins Meer springen? Er schüttelt den Kopf: auf keinen Fall. Und schon gar nicht im Frühsommer. Dann sitzt er da, Zigarette im Mundwinkel, die Stirn in Falten, den runden Kopf leicht schräg gelegt und starrt mich an. Mehmet ist Seemann, ist sogar Kapitän. Hat fast sein ganzes Leben auf dem Wasser verbracht. Aber das Wasser ist ihm unheimlich.

Mehmet macht mir nicht gerade Mut, im Gegenteil. Mein Puls pocht, als ich an der Reling stehe und in die Knie gehe. Unter mir gurgelt das Meer, silberne Schatten flitzen vorüber, das Wasser ist wirklich unheimlich, aber ich strecke die Arme aus. Gleich tu' ich es, aus der Tiefe schimmern Felsen; "gefühlte Temperatur: 17 Grad", ruft eine schrille Stimme. Ich zähle: Eins, zwei, drei, und dann springe ich tatsächlich. Eine Minute später treibe ich in einer dieser Buchten, die jeder von Postkarten kennt: ringsherum Hügel, Kiefern, die ihre Wurzeln in den kargen Boden krallen, Felsen, von tintenblauem Wasser umspült, und mittendrin schaukelt ein hölzernes Schiff. Das Meer blubbert mir leise und kalt entgegen, benetzt meine Lippen mit Salz, hin und wieder streift ein Hauch Rosmarinduft über das Wasser, irgendwo meckert eine Ziege. Und ein bisschen später trocknen Sonne und Wind die letzten Tropfen lykischen Wassers, die noch auf meiner Haut perlen. Ich bin einen Moment glücklich.

So könnte es bleiben. Aber eine Kreuzfahrt auf einer türkischen Gulet hat keine dauerhafte Glücksgarantie, denn sie wird auch von denen geprägt, die mitreisen. Und wenn man zu zweit gebucht hat, kann man sich nicht aussuchen, mit wem man Deck und Tisch teilt. Zum Beispiel Günther, vielleicht Mitte 60, vielleicht aus Berlin. "Also, die Preise, so wat ha' ick ja noch nie erlebt, Bier zwo fuffzich, 'ne Weinflasche zwölf Euro, nee, nee, nich mit mir", wettert er. Die Ruhe ist vorbei, die gerade gewonnene Entspannung verflogen. Die drei allein reisenden Mittdreißigerinnen und der wortkarge Uwe aus Lüchow-Dannenberg tauschen verstohlene Blicke aus. Ruhe bewahren, denke ich und hefte meinen Blick auf das Meer, ein Fisch springt in die Höhe, gleißend hängt die Sonne am milchigen Himmel. "Det wird jeändert, sonst trinkt eben keener wat!", droht Günther und stapft zum Kapitän, und der, ganz Gentleman, kann Günther wieder einfangen.

Denn eine solche Reise ist auch beseelt vom Kapitän und seiner Zwei-Mann-Crew, die für angenehme Stimmung sorgen, die ihren Passagieren geheime Buchten zeigen, die sachte gegen die Kabinentür pochen, um zum Frühstück zu rufen, und zwischendurch Deck und Bullaugen wienern. Es ist eine kleine Fahrt durch unbekanntes türkisches Terrain, an Hügeln vorüber, auf denen höchstens ein Schafhirte wohnt, und zu Dörfern, die aus nicht mehr als einer Hand voll Häuser und Ställe bestehen. Das erste Mal fiel der Anker nach gut zwei Stunden, nach 17 Seemeilen, in Sichtweite die türkische Vorzeige-Lagune Ölüdeniz. Haci, Koch und Teilzeit-Seemann, spannte die Taue zum steinigen Ufer, damit das Schiff nicht driften konnte, danach: Badezeit. Und mein erster Sprung ins kalte Wasser.

Am Abend ist der Ankerplatz eine kleine Bucht an einer Insel namens Gemiler. Von Kirchen aus dem fünften und sechsten Jahrhundert stehen hier noch die Ruinen, in der sehenswertesten schimmern Mosaike durch die wuchernden Gräser. Warum die Insel verlassen wurde und wann, kann auch der einsame Insel-Ranger nicht sagen, trotzdem vielen Dank.

Der Wind bläst günstig am nächsten Morgen. Oder fährt die "Mehmet Kaptan 4" nur mit Maschinenkraft? "Natürlich nicht, mein Schiff kann auch segeln", sagt Mehmet, wie immer lächelnd, und schickt Haci und den Bootsjungen Zeki nach vorn an den Bug, Knoten lösen, Leinen ziehen, bis zwei weiße Tücher prall im Wind stehen. Er nickt zufrieden und schaltet die 450-PS-Maschine ab. Das Schiff durchteilt die kleinen Wellen, gleitet dahin, so elegant, so schwungvoll, wie man es von der dickbäuchigen Lady nie erwartet hätte.

1000 bis 1500 dieser traditionellen türkischen Schiffe sind hier an der Südküste unterwegs, schätzt Kapitän Mehmet, Gulets wie seine, die im Wochentakt zwischen zwölf und 30 Touristen von Bucht zu Bucht schippern. Der Standard ist überwiegend wie auf der "Mehmet Kaptan 4": Es gibt ein Sonnendeck und hinten, hinterm Steuerstand, eine lange Tafel. Im Schiffsbauch Kabinen, die klein sind, aber alles haben, was man braucht, auch ein Abteil, das man wohlwollend Badezimmer nennen kann. Hin und wieder wird ein Ausflug angeboten, meist nicht mehr als einer pro Törn. Und morgens, mittags und abends servieren Köche wie Haci türkische Leckereien. Am dritten Tag der Seefahrt gibt es die Chance, etwas andres als Buchten zu sehen und seinen Mitreisenden vorübergehend aus dem Weg zu gehen. Mehmet bugsiert seine Gulet an den kleinen Anleger in der Bucht von Ekincik, man wirft gerade einen Blick auf die hohen Berge, auf die kleine Häuserzeile am Hafen, als jemand hektisch winkt. "Sieben Passagiere von Mehmet Kaptan 4", ruft er, der keine Zeit hat sich vorzustellen und uns schnell, schnell in ein kleineres Boot verfrachtet, für eine Tages-Tour ins Dalyan-Delta. Wir gleiten durch Schilf, das mannshoch wuchert, durch kleine Wasserwege, die sich labyrinthisch teilen und verzweigen.

Sieben Tage Himmel, sieben Nächte Wellen

Zwei Weißkopfadler kreisen am Himmel, Otter, Pelikan und Kormoran sollen sich im Grün verstecken. Noch schnell aus der Ferne die lykischen Felsgräber, dann im Vorbeifahren die antike Stadt Kaunos und dann in eine Teppich-Manufaktur. Was sollen wir da? "Beim Teppichknüpfen zusehen", sagt Mustafa, der uns durchs Programm peitscht, "und vielleicht einen schönen Teppich kaufen." Das, so beschließen wir, haben wir keineswegs vor, und damit erregen wir Mustafas Unmut. Wir ringen ihm stattdessen ein halbes Stündchen in Dalyan ab. Zu guter Letzt entführt er uns ins "Mudbath", in ein Schlammbad, im dem sich in der Saison rund tausend Touristen täglich suhlen, in der Hoffnung, um ein paar Jahre jünger wieder herauszusteigen.

Mehr Erholung bringt ein Sonnenbad in der Katranci-Bucht. Eigentlich. Wären da nicht Gäste wie Günther. "Dat sieht ja aus wie auf'm Türkenschiff hier", flucht er und bückt sich widerwillig unter der aufgehängten Wäsche hindurch. Was habe ich kürzlich gelesen? Der Samen der Datura-Pflanze, der Engelstrompete. Er entfaltet seine tödliche Wirkung nicht gleich beim Essen, sondern erst später, beim Sonnenbaden. Könnte man nicht ? Nein, tief durchatmen. Die Olivenhaine bewundern, die sich die Hügel hinaufziehen, oder die Seeigel, die aus der Tiefe schimmern. Den alten Fischer, der gerade seine Netze ins Boot hievt. Oder Wolfgang und Selina, den zwei Berliner Architektur-Studenten zusehen, wie sie im Akkord neue Sprungfiguren erfinden.

Zwei Bilderbuch-Buchten und Badestopps später lässt Mehmet seinen hölzernen Kahn um eine Landzunge tuckern und den Anker ins Wasser rauschen, dieses Mal so, dass man über das eiserne Brücklein hinten an Land klettern kann. "Barbecue", verkündet er und stellt einen Grill am steinigen Strand der Yassica- Insel auf, um Lamm und türkische Hackbällchen zu brutzeln. Seine Passagiere spazieren kurz am Wasser entlang, einmal hin, einmal zurück, lassen sich dann im Schatten der Persenning nieder und palavern. Über den toten Delfin, der nur ein paar Meter weiter liegt, über die offensichtlich sehr trinkfreudige Hamburger Gesellschaft auf der Nachbar-Gulet, über den Geschmack von Raki und die Wirksamkeit der Engelstrompeten-Samen. Ulrike aus Lüdenscheid lacht klangvoll, laut und ausdauernd. Auch später noch, als sie sich gemeinsam mit Mehmet und Haci im türkischen Tanz versucht und im Wasserpfeife-Rauchen.

Vor dem kleinen Hafenstädchen Göcek schwimmen zwölf Inseln im Meer, kleine braun-grüne Hügel, hin und wieder duckt sich ein Häuschen zwischen Büsche und überall: kleine verstecke Buchten mit kristallklarem Wasser. Wir steuern die erste an, die ein wenig der letzten ähnelt, und dann noch eine zweite auf Göcek Island, die auch nicht viel anders aussieht, machen Hechtsprünge, Bauchklatscher, Brustsprünge. Sonnen uns. Lauschen der Stille. Der Kopf hört auf zu denken, die Seele geht baden. Dann, zur Teatime, legen wir in Göcek an, weil alle sich einig sind, dass es gut wäre, sich mal wieder die Füße zu vertreten.

Ein Abend in Göcek. Über eine mediterrane Hafenpromenade schlendern, in kleinen Geschäften stöbern, in Bars sitzen, die internationale Drinks zu internationaler Musik servieren - es ist schon ein Wunder, wie hoch die Begeisterungswelle nach ein paar Tagen auf einem 25-Meter-Kahn schwappen kann. Doch in Göcek freut man sich: Weil es in unmittelbarer Nähe keine attraktiven Strände gibt, blieb der Ort bisher vom Pauschaltourismus verschont. Nur Yachten und hin und wieder eine Gulet laufen hier ein und aus. Der letzte Tag. "Mehmet Kaptan 4" tuckert gemächlich durch die Wellen des Golfes von Fethiye, hier und da blitzen kleine Schaumkronen auf, eine kleine Brise haucht übers Deck. Am späten Nachmittag des siebten Tages schmeißt Bootsjunge Zeki die Leinen nach rund hundert Seemeilen wieder an die Hafenmole von Fethiye, klappt die Brücke herunter und gibt uns der Zivilisation zurück. Menschen flanieren über die Promenade, viele Menschen. Vom Minarett ruft der Lautsprecher, mein Blick verliert sich in den Gassen, durch die sich Hundertschaften zu drängen scheinen. "Würdest du gern weiterfahren?", fragt Ulrike. Ich zögere kaum. Mit Freunden, ja, aber mit Günther?

Autor:
Karen Amme