Türkei Patara, das gerettete Land

Ein Reiher fliegt auf. Schildkröten lassen sich von ihren Sonnenbänken ins Wasser gleiten. Eine Kuh schwankt in einen nahen Eukalyptus-Hain - aufgeschreckt durch das Geräusch unserer Paddel und die viel zu lauten Stimmen in unseren Booten. In 27 Kanus sind wir auf dem Fluss Xanthos unterwegs - gut sechzig Urlauber, die lachen, rufen und sich Wettrennen auf dem Wasser liefern. Eindringlinge hier in der stillen Schwemmlandebene von Patara.

Angeführt wird unsere Gruppe von Bekir Kirca, einem 22-Jährigen aus dem Dorf. Sechsmal die Woche leitet er in der Hochsaison diesen Tagestörn auf dem Xanthos, zu dem auch Badepausen und ein Mittagessen am Flussufer gehören. Geduldig und mehr als einmal erklärt er die Haltung der Paddel; das maritime Einmaleins unserer zehn Kilometer langen Fahrt.

Wir gleiten durch eine Landschaft, die wie ein Wunder ist: Schilf- und Bambuswälder säumen die Ufer. Dahinter ein wilder Garten mit Granatapfel- und Feigenbäumen. Uralte Ölbäume stehen wie Denkmäler da, in der Ferne liegen Dunstschleier wie ein Diadem um die Berge. Sollte es das Paradies geben - es müsste so ähnlich aussehen wie hier. Nach sechseinhalb Stunden: Wellen von vorn. Die Mündung des Xanthos ins Mittelmeer.

Die meisten von uns würden gerne noch bleiben, noch einmal in die Wellen springen. Doch fast alle sind Tagesausflügler, haben Quartiere in touristisch erschlosseneren Orten wie Ka oder Fethiye gebucht. Und die Kleinbusse warten schon, um sie zurück in ihre Hotels zu bringen. Bevor sie sich verabschieden, verteilt Bekir noch Flyer für die Pension seiner Eltern: "If you come back, call me and you can stay in Patara!" Patara - der Name steht für vieles: für die weite Ebene mit ihrer grandiosen Natur, ideal nicht nur für Bootstouren, sondern auch für Wander-, Reit- und Radausflüge. Für einen mehr als zehn Kilometer langen, einsamen Strand, der zu den schönsten der Türkei gehört. Für riesige Wanderdünen. Vor allem aber für die Welt- und Hafenstadt, die sich vor 2000 Jahren hier erhob, bis sie der Sand unter sich begrub.

Das Patara jedoch, in das Bekir uns einlädt, ist das Patara von heute, das gut zehn Kilometer von der Flussmündung entfernt liegt. Es existiert erst seit gut zwanzig Jahren, heißt eigentlich Gelemi, ein Name, den selbst die Bewohner nicht benutzen, und ist deutlich kleiner als die antike Metropole. Nur drei Straßen gibt es hier und einen zentralen Platz mit Palmen, Atatürk-Denkmal und türkischer Flagge. Drei Dutzend Pensionen werben um Gäste; ebenso viele Restaurants und Teestuben entlang einer kurzen Flaniermeile. Drei Lebensmittelläden, zwei Friseure und ein Masseur finden gerade so ihr Auskommen, außerdem ein Kramladen, der "Harrods" heißt.

Auf der Weltkarte der Reiseanbieter taucht Patara nicht auf

Rund 900 Einwohner hat der Ort und etwa 1800 Gästebetten, von denen jedoch selbst in der Hauptsaison gerade mal die Hälfte belegt ist. Obwohl im Dorf alles auf Urlauber ausgerichtet ist, hat der Massentourismus den Ort nie erreicht; auf der Weltkarte der Reiseanbieter taucht Patara nicht auf. Und wer dennoch hierher findet, der bleibt oft nur für einen Tag.

Jeden Morgen das gleiche Bild: Minibusse und Jeeps aus den Touristenzentren rollen nach dem zweiten Ruf des Muezzins in Patara ein oder auf der Umgehungsstraße gleich am Ort vorbei: zum Strand, zum Meer. Weit vor dem letzten allahu akbar des Tages reisen sie wieder ab, 1000 bis 1500 Besucher täglich. An einem Strand wie diesem fallen sie kaum ins Gewicht. Verlieren sich auf dem weiten Band am Meer oder drängen sich um die kleine und einzige Strandbar. Und manch einer wundert sich über das eingeschränkte Unterhaltungsangebot: Warum gibt es hier keine Water Scooter und Banana Boats, weder Surfschulen noch Minigolf?

Trotz bester Voraussetzungen hat es mit Patara und seiner touristischen Karriere nicht geklappt, und das liegt vor allem an einem Mann: Fahri Isik, Archäologie-Professor an der Universität Antalya. Seit gut zwanzig Jahren hebt er hier mit mehr als hundert Helfern die Vergangenheit des Ortes aus dem Boden und hat damit Pataras Gegenwart stärker geprägt als jeder andere. Anfang der achtziger Jahre kommt er zum ersten Mal in die Ebene. Seinerzeit gibt es dort weder Wege noch Wasser und Strom - nur ein paar Hütten, in denen Nomaden aus den Bergen überwintern. Von der Antike sind zu der Zeit nur ein paar Relikte zu sehen: eine Reihe von Sarkophagen und ein Triumphbogen. Das Theater ist fast vollständig unter Sand begraben.

Isik will wissen, was sich sonst noch im Boden verbirgt - und beantragt in Ankara eine Grabungsgenehmigung und Gebietsschutz. Sieben Jahre dauert es, bis die Regierung ihm beides bewilligt. Als er dann zurückkehrt, ist die Gegend touristisch bereits entdeckt: Männer aus der Region haben begonnen, Hotels und Restaurants hochzuziehen. "Der Ort war auf dem Weg, durch Überbauung für immer zerstört zuwerden", sagt Isik heute. Doch er kann die Regierung überzeugen, einen Baustopp zu verhängen. Nur bereits fertiggestellte Gebäude dürfen bleiben, Rohbauten müssen abgerissen werden oder stehen bis heute als Investitionsruinen herum. Der touristische Ausbau Pataras, der gerade erst begonnen hatte, ist abrupt wieder gestoppt.

Das nun neu eingerichtete Kultur- und Naturschutzgebiet liegt wie ein Riegel zwischen Dorf und Meer: Zwanzig Fußminuten braucht man, um zum Strand zu kommen. Eine Zahl, die Pauschalurlauber abschreckt - aber zugleich die Verwandlung des Ortes in ein zweites Marmaris oder Side verhindert. Isik und sein Team fangen an zu graben, legen in den folgenden Jahren unter anderem das Theater frei, die Bäder und einen übermannshohen antiken Wegweiser. Doch Pataras Bewohner trauern den verpassten Chancen lange hinterher. Viele Jahre dauert es, bis sie ihren Groll über Isik überwunden haben. Bis sie wertschätzen können, was der Professor gerettet hat: eine der bedeutendsten antiken Stätten in Kleinasien.

Patara war Hauptstadt des Lykischen Bundes, einer mächtigen Städtevereinigung, gegründet im 2. Jahrhundert v. Chr. Schon in vorchristlicher Zeit lebten hier mindestens 15.000 Menschen. Der Apostel Paulus machte auf einer seiner Missionsreisen hier Station; Nikolaus, später Bischof von Myra und heiliggesprochen, soll hier geboren worden sein. Unter Rom und Byzanz blieb Patara eine bedeutende Hafenstadt, bis sich der vom Xanthos angespülte Sand über die Jahrhunderte zu gigantischen Wanderdünen auftürmte, das Hafenbecken verlandete und die Stadt im 15. Jahrhundert aufgegeben wurde.

Überall begegnet man den Spuren der Antike

Als Isiks Leute rund 500 Jahre später den alten Leuchtturm wieder freilegen, müssen sie 4000 Lkw-Ladungen Sand abfahren. Isik ist mittlerweile 66 Jahre alt, die Grabungsleitung hat er vor zwei Jahren an seine Frau abgegeben. Ihr zurzeit wichtigstes Projekt: die Rekonstruktion des Bouleuterions - es diente einst als Parlament der Städte des Lykischen Bundes. 1450 Abgeordnete aus bis zu 36 Städten fanden hier Platz. Sogar die Autoren der US-amerikanischen Verfassung bezogen sich in ihren Diskussionen schon auf diese Frühform eines Staatenbundes. Nun bauen die Archäologen das Gebäude wieder auf, 4000 alte Steine liegen sorgsam aufbereitet, nummeriert und katalogisiert auf dem Boden bereit. Bis Ende 2011 soll alles fertig sein - zu diesem Anlass ist eine Feierstunde mit Parlamentspräsidenten aus aller Welt geplant.

Man begegnet den Spuren der Antike überall in Patara, auch als wir am nächsten Tag in einer kleinen Gruppe zu einem Reitausflug aufbrechen, angeführt von Sabahattin Topçu, 38, genannt Saba. Wir reiten durch Haine voll knorriger Olivenbäume, über kalkweißen und braunroten Boden, der nach Thymian und Lorbeer riecht. Passieren das alte, versandete Hafenbecken - hier hat Paulus einst ein Schiff nach Phönizien bestiegen. Wir reiten weiter zum antiken Leuchtturm, von dem nahezu alle Bausteine erhalten sind. Bislang ist nur die Plattform zu sehen, darauf das Unterteil eines Rundturms und die ersten Stufen einer Wendeltreppe. Die Vorbereitungen für den Wiederaufbau laufen bereits: Ab Herbst 2011 wollen die Forscher den Leuchtturm rekonstruieren.

Wir geben den Pferden einen Druck mit den Fersen und reiten weiter, bis vor uns das Meer und der Strand auftauchen. Über uns Aleppokiefern und der weite Himmel. Eine Welt für sich. Jeder Blick ein Geschenk. Sand und Meer, dazu Zedern, Macchien und Oleander, an dem die Pferde zupfen, die wir oberhalb des Strandes anbinden müssen. Der Strand selbst ist für Pferde von Mai bis Oktober verboten, Menschen dürfen ihn nur zwischen acht und 19 Uhr betreten. Eine weitere Einschränkung für den Massentourismus - und zugleich Schutz für eine bedrohte Tierart: die Unechte Karettschildkröte.

Nachts kommen die mehr als hundert Kilo schweren Tiere hier an Land, um ihre Eier zu vergraben; nach etwa zwei Monaten Brutzeit schlüpfen die Jungen. Das Überleben dieser Schildkröten ist stark gefährdet: Hunde, Wildschweine und Füchse räubern die Nester leer; Möwen schnappen sich die frisch geschlüpften Jungtiere, noch bevor sie das Meer erreichen. Und der Mensch, ihr größter Feind, rückt ihnen mit Schiffsschrauben und Treibnetzen zu Leibe, mit Plastikmüll, an dem die Tiere ersticken.

Die Biologen haben im Sommer 116 Nester gezählt, das bedeutet etwa 9000 Eier. Sobald es dunkel wird, liegen die Forscher mit Nachtsichtgeräten in den Dünen und beobachten den Strand. Jeden Morgen laufen sie den Küstenstreifen ab, um nach den Spuren im Sand die Zahl der geschlüpften Tiere zu bestimmen. Ungefähr 5000 kleine Schildkröten, schätzen sie, werden es in dieser Saison bis ins Meer schaffen. Eine andere Zahl ernüchtert: Von tausend Jungtieren werden höchstens zehn die Geschlechtsreife erreichen; entsprechend wenige Weibchen kehren nach 20 bis 25 Jahren nach Patara zur Eiablage zurück.

Wir baden kurz. Riechen das Meer, spüren den Sand unter den Füßen. Kein Mensch weit und breit. Ein Segelboot zieht draußen seine Bahn. Saba teilt Wasser aus, schneidet Tomaten und Gurken, Schafskäse und Fladenbrot. Dann packen wir langsam zusammen. Unsere Begleiter - zwei Twens aus Luxemburg, eine Mutter mit Sohn aus Nord-London - müssen in einer halben Stunde zurück im Dorf sein. Ihr Kleinbus wartet für die Rückfahrt nach Ka. Wir aber bleiben in Patara - diesem Stück Land, das, Allah und Professor Isik sei Dank, einer der letzten unberührten Orte der türkischen Südküste ist.

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Autor:
Jacob T. Haase