Türkei - Deutschland Kulturschock auf Türkisch

Hamburg hatte keine Farben. Zwar gab es viel mehr Bäume als in meiner Heimat, aber der Rest bestand aus verschiedenen Grautönen. Das war mein Eindruck, als ein Onkel meine zwei Jahre ältere Schwester Nurten und mich an einem Sommertag 1979 aus dem Flugzeug führte und wir uns am Flughafen umsahen. Unsere "Urlaubseltern" empfingen uns in der Ankunftshalle, sie umarmten und küssten uns. Unsere Freude hielt sich aber in Grenzen, denn wir kannten sie nur aus ihrem jährlichen Heimaturlaub. In ein paar Wochen würden wir wieder nach Hause fliegen, zu unserem geliebten Opa an die türkische Schwarzmeerküste.

Wir hatten nicht die leiseste Ahnung, wie lange unser Hamburgbesuch dauern sollte. Wie zwei kleine Außerirdische liefen wir durch Hamburg. Alles wirkte fremd und irritierte uns. Die Straßen waren sorgsam asphaltiert und an roten Ampeln hielten sogar Autos. Der Verkehrslärm war das einzige, was uns aus Çarşamba, der Kleinstadt, in der wir lebten, vertraut war. Kindergeschrei, röhrende Lastwagen, krähende Hähne, palavernde Männer und aus Wohnungen scheppernde Musik – so etwas gab es hier nicht. Die Deutschen waren ziemlich schweigsam, kaum einer redete auf der Straße, und selbst wenn wir etwas hörten, verstanden wir natürlich kein Wort. Nach ein paar Tagen begannen wir uns zu langweilen, weil wir die meiste Zeit in der Zweizimmerwohnung hockten und warteten. Am späten Nachmittag kamen die Eltern heim. Mama ging in die Küche und kochte. Danach erledigte sie den Haushalt. Papa legte sich aufs Sofa und las Zeitung. Viel sprachen die beiden nicht, stattdessen beobachteten sie uns und wir sie. Wäre unser heiß geliebter Opa durch die Tür gekommen, hätten wir ihn stundenlang schwatzend belagert.

Statt des geliebeten Opas hatten wir nun die "Urlaubseltern"

Neben Tante Gülten war er unser, vor allem aber Nurtens ein und alles. Sie waren unsere eigentlichen Eltern, denn die leiblichen waren 1972 zum Geldverdienen nach Deutschland gegangen, weil ihnen in der Heimat, wie etlichen anderen ihrer Generation, nur eine Zukunft auf den Haselnuss- und Tabak Feldern blühte, deren Erträge gerade zum Überleben  gereicht hätten. Natürlich wollten sie nur für ein paar Jahre in die Fremde, um mit dem Verdienten ein vernünftiges Leben in der Heimat aufzubauen. Warum sollten sie die kleinen Kinder aus der gewohnten Umgebung reißen? Doch dann mussten die Geschwister versorgt und verheiratet werden, Schulden zurückbezahlt, und eine eigene Wohnung sollte es mindestens noch sein. Aus wenigen Jahren wurden vier, fünf und sechs. Wir wuchsen währenddessen bei Opa und Tante Gülten auf und sahen unsere Eltern jeden Sommer, für einen Monat, den sie hauptsächlich für Verwandtenbesuche nutzten. Danach fuhren sie wieder nach Hamburg. So wurden sie unsere "Urlaubseltern".

Nach ein paar Wochen hatten wir genug von unseren Urlaubseltern und Hamburg, wir wurden unruhig, wollten endlich zurück. Nurten bekam Briefe von ihren Freundinnen. Sie fragten, wann sie denn zurückkäme, schließlich würde ja die Schule bald wieder anfangen. Dazu vermissten wir Opa und Tante Gülten sehr. Wir fragten nach, bekamen aber keine richtige Antwort. Ein paar Tage später, als Nurten und ich einen weiteren langweiligen Vormittag totschlugen, klingelte das Telefon. Nurten ging ran, es war Papa. Sie sprach ein paar Brocken mit ihm, legte auf und begann zu weinen: "Wir müssen hier bleiben, sagt er, wir dürfen nicht zurück." 

Nurten wartete manchmal mit gepacktem Koffer weinend vor der Wohnungstür

An die unmittelbare Zeit danach habe ich kaum eine Erinnerung, ich weiß nur noch, wie Nurten manchmal mit einem gepackten Koffer weinend vor der Wohnungstür auf Papa wartete. Als er endlich in der Tür stand, flehte sie ihn an: "Gib mir meinen Pass bitte, ich will zu meinem Opa. Bitte, gib mir meinen Pass zurück, Opa wartet doch auf mich." Opa wartete vergeblich. Die Sommerferien gingen zu ende, wir wurden in Hamburg eingeschult. Nurten kam in eine bilinguale Auffangklasse und verlor zwei Schuljahre. Ich wurde in die dritte Klasse einer Grundschule mit fast nur deutschen Kindern gesteckt und verlor ein Jahr. Bis dahin hatten Nurten und ich eine gesunde Hund- und Katzebeziehung in Çarşamba gehabt. Wir kabbelten uns oft, sie fand mich und meine Freunde peinlich und kindisch, weil wir mit Pistolen und Fußbällen spielten. Ich fand sie mit ihren altklugen Freundinnen schrecklich, aber wir hielten zusammen und versuchten beide, unserer jungen Tante Gülten das Leben nicht allzu schwer zu machen.

Mit der Einschulung begann der nächste Abschnitt unserer unfreiwilligen Reise. Wir verloren nicht nur unsere Heimat, sondern auch die Verbindung zueinander. Jeder war nun auf sich allein gestellt und musste schauen, wie er mit der neuen Situation zurechtkam. Einander helfen konnten wir sowieso nicht. Nurten konnte die Entscheidung unserer Eltern nicht akzeptieren. Sie ging zwar täglich in die Schule, weigerte sich aber Deutsch zu lernen und sprach unseren Vater niemals mit »Papa« oder »Vater« an – sie sprach ihn gar nicht an. Ds dauerte Jahre, bis sie diese innere Weigerung aufgeben konnte. Ich saß in meiner deutschen Klasse und verstand anfangs nicht mal Bahnhof. Die einzige sprachliche Unterstützung waren zwei Förderstunden Deutsch in der Woche. Im Schneckentempo, aber dafür umso gründlicher löste sich mein Sprachnebel. Meine ersten deutschen Worte neben »Guten Morgen« und »tschüss« waren »bok« und »am«. auf türkisch bedeutet »bok« schlicht »scheiße«. Jedes Mal, wenn ein anderer Schüler etwas wie »ich habe aber keinen Bock!« sagte, fragte ich mich, warum er denn wohl keinen Stuhlgang hatte und das obendrein der Lehrerin mitteilen musste. Noch irritierender verhielt es sich mit dem Wort »am«. Es ist im türkischen ein vulgärer Ausdruck für Vagina. Wenn unsere Lehrerin »am Donnerstag kommt Lektion elf dran.« sagte, bekam ich Rötungen im Gesicht und wusste beim besten Willen nicht, warum wir das Thema »Muschi« so ausführlich behandelten.

Jeden Nachmittag kam ich mit einer frischen Schimpfwörterladung nach Hause

Obwohl schon länger als ein Jahrzehnt an deutschen Fabrikbändern, hatten türkische Gastarbeiter damals den gleichen Status und genossen dasselbe Ansehen wie »Buschneger«, womit der Volksmund gemeinhin wilde, um ein offenes Feuer tanzende Afrikaner meinte. Entsprechend zivilisiert ging es auf dem Schulhof zu, weil die Kinder den erwachsenen selbstverständlich alles nachplapperten. Jeden Nachmittag kam ich mit einer frischen Schimpfwörterladung nach Hause und legte los: Mama, was ist ein Kameltreiber? Was macht ein Wichser, Papa? Warum bin ich ein Scheißtürke?

Die Auskunftsfreude meiner Eltern hielt sich in Grenzen. in meinem ersten Halbjahreszeugnis stand bis auf Sport neben sämtlichen Fächern als Note: »teilgenommen«. Ansonsten schlug ich mich wacker durchs erste Schuljahr und freundete mich mit Klassenkamerad Dirk an. Wir spielten gerne Fußball in den Pausen und trafen uns sogar zum Spielen nach der Schule. Irgendwann nahm er mich mit nach Hause, es war nach über einem Jahr Hamburg meine erste Visite in einem deutschen Haushalt. Vom Besuch ist in der Erinnerung nur ein Dialog übrig geblieben. Dirk nahm sich einen Apfel aus der schale im Wohnzimmer, biss hinein und rief in die Küche: »Mama, darf ich Kerim auch einen Apfel geben?« »Wenn genug da sind, ja«, war die prompte Antwort von Dirks Mama. Beschämt schaute ich zu Boden und wusste nicht, was ich machen sollte. In Dirks Welt war es eine völlig normale, alltägliche Frage und die Antwort ebenso – in meiner nicht. Selbst in der schäbigsten Hütte Anatoliens hätte dieser Dialog niemals stattgefunden. Weil auch der ärmste Schlucker seinem Gast unbedingt etwas anbieten würde und gekränkt wäre, wenn es der Gast nicht annähme. Kein türkisches Kind hätte seine Mutter so etwas gefragt, sondern den Apfel immer zuerst dem Freund gegeben.

Nurten kam mit deutschen kindern später in Kontakt. Nach einigen Monaten bemerkte ihr Klassenlehrer Herr Löwe, wie sie sich im Unterricht langweilte. Die anderen Kinder kamen mit der neuen Sprache viel langsamer als sie zurecht. Er fragte sie, ob sie in eine deutsche klasse wechseln möchte, was Nurten vehement ablehnte. Sie hatte sich endlich mit der neuen Situation arrangiert und mit anderen türkischen Mädchen angefreundet und wollte nicht schon wieder eine neue, fremde Umgebung. Zu ihrem ungewollten Glück besprach sich Herr Löwe mit Frau Gewers, einer Kollegin, die eine reguläre Hauptschulklasse unterrichtete und Nurten von Vertretungsstunden kannte. Frau Gewers begann nebenbei, aber regelmäßig in Löwes klasse vorbeizuschauen. Irgendwann ging sie mitten im Unterricht zu Nurten. Sie müsse einen Schrank umräumen und ein paar Bücher sortieren, ob sie ihr nicht helfen könne. Nurten nickte. Frau Gewers nahm sie fest an die Hand, lief mit ihr über den Hof in ein anderes Gebäude und setzte sie in ihre eigene Klasse.

Mit mehr Selbstvertrauen wäre die Odyssee durch das deutsche Bildungssystem kürzer ausgefallen

"Das ist deine neue Klasse, Nurten, Du bleibst jetzt bei mir." Belämmert und überrumpelt blieb sie sitzen. Später fragte sie Herrn Löwe empört, wie er ihr das antun konnte. "Anders hätten wir Dich nicht umgestimmt, Nurten. Bei mir bist Du unterfordert, wir glauben, dass Du die Hauptschule schaffen kannst. Bei mir würdest du nur Zeit verlieren. Du schaffst das." Nurten schaffte die Hauptschule und besuchte anschließend eine zweijährige Gesundheitsschule, begann und beendete erfolgreich eine Ausbildung zur Krankenschwester, wurde übernommen und holte am Abendgymnasium das Abitur nach. Sie studierte Medizin und arbeitet heute als Frauenärztin in einer norddeutschen Klinik. Hätte sie in den ersten, harten Jahren in Hamburg mehr Selbstvertrauen gehabt oder einen kompetenten Menschen, der sie geleitet hätte, wäre ihre Odyssee durch das deutsche Bildungssystem wesentlich kürzer ausgefallen.

Dieser Artikel stammt aus dem MERIAN-Buch "Einmal im Leben - 100 Reiseträume für zwei", TRAVEL HOUSE MEDIA.
Minimalistischer veranlagt als meine fleißige Schwester sprang ich als guter anatolischer Esel nur so hoch, wie ich musste und hatte zu meinem Glück sechs Jahre lang einen Klassenlehrer, der nicht nur, ohne je mit mir darüber zu sprechen, um meine Situation wusste, sondern mich – je nach Bedarf – triezte oder unterstützte. Ich machte einen guten Realschulabschluss, nicht weil ich unter plötzlicher Strebsamkeit litt, sondern nur, um ihn nicht zu enttäuschen. Was ich auch heute nicht für die schlechteste Motivation halte. Ich besuchte ein Aufbaugymnasium, machte ein passables Abitur und begann sinnloserweise Informatik zu studieren. Brach nach zwei Jahren erfolgreich ab, studierte drei Semester lang querbeet vom Lehramt bis zur Geschichte und landete schließlich bei Germanistik und Turkologie. Diese beiden Fächer studierte ich tatsächlich vernünftig, sattelte aber kurz vor der Magisterarbeit um, weil ich da schon mein Herzblut für die Bühne und das Schreiben entdeckt hatte.

Ein Jahrzehnt brauchten wir, um anzukommen

Etwa ein Jahrzehnt brauchten Nurten und ich, um uns zurechtzufinden, um in diesem Land wirklich "anzukommen". Endlich fanden wir auch wieder zueinander, begannen uns auszutauschen, wurden gute Weggefährten und stellten fest, wie sehr sich unsere Erfahrungen und Irritationen mit Deutschen, ihrer Kultur und ihrem Verhalten ähnelten. Jedes Kind feierte hier seinen Geburtstag mit Luftballons und Freunden. Wir hatten auch Geburtstage, nur waren viele davon falsch eingetragen und vor allem interessierten sie in der Familie niemanden. Man feierte das Ramadanfest, die Hochzeit oder Beschneidung, aber bestimmt nicht, wann ein einzelner auf die Welt kam. Das war völlig unwichtig! Von den Deutschen lernten wir "meins" und "deins" kennen, erfuhren, was eine "Privatsphäre" ist. Bis dahin kannten wir nur "unser" und hätten jeden, der etwas allein für sich haben wollte, als Egoisten gescholten. Auch wäre es uns niemals eingefallen, die Eltern mit Vornamen anzusprechen oder mit ihnen unsere pubertären Probleme zu erörtern. Jesus kannten wir natürlich als Propheten, verstanden aber nicht, warum er für die Sünden seiner Anhänger büßen und sterben musste. Noch mehr irritierte uns seine Dreifaltigkeit. Wie konnte er zugleich Vater, Sohn und heiliger Geist sein? Unser Prophet war ein Mensch, wir beteten, wie er selbst, Allah an, nicht ihn und mussten für unsere Sünden selber zahlen. Deutsche Kinder bekamen viele Weihnachtsgeschenke und selbstverständlich beneideten wir sie dafür. Hätten wir damals schon gewusst, dass der Weihnachtsmann ursprünglich ein alter Anatolier war, hätten wir unsere Eltern sicherlich leichter zur Adaption des Weihnachtsfestes nötigen können. Wir aßen immer warm, sie nur zu Mittag. Bei uns waren Berührungen unter Freunden und Verwandten völlig normal, sie gaben sich höchstens die Hand. Wir zogen immer vor der Tür die Schuhe aus, sie liefen mit Schuhen durch die Wohnung.

Wie sehr uns dennoch das neue Leben schon geprägt hatte, bemerkten wir bei Besuchen des alten während der Sommerferien. Die Straßen unserer Heimatstadt kamen uns staubig, brüchig vor, alle Gegenstände schienen aus Plastik gefertigt und minderwertig zu sein, die Autos waren kleiner und lauter, die Geräte älter. Andauernd fiel der Strom oder das Wasser aus und sobald es etwas heftiger regnete, stand die halbe Kleinstadt unter Wasser. Nur die Zuneigung und liebe zu unserem Großvater, unseren Verwandten blieb gleich. Mit jedem Besuch wurde uns schmerzlicher bewusst, nicht mehr teil unserer ursprünglichen Heimat zu sein und mit jeder Rückkehr nach Hamburg, dass wir noch lange nicht eine neue gefunden hatten. Für die Deutschen waren wir Ausländer, für die türken "almanci", die Deutschländer. Unsere Reise hatte uns nicht nur in die Moderne katapultiert, sondern auch ins seelische Niemandsland geführt, in eine Zwischenwelt, die wir mit Außenstehenden nicht teilen konnten.

Mit der Zeit haben Nurten und ich gelernt, mit diesem Zwiespalt besser umzugehen, wir haben die Außensicht auf beide Kulturen, beide Länder schätzen gelernt. Sie hilft uns, Dinge klarer zu sehen, scheinbar große Sorgen und Probleme zu relativieren. Aus dieser Sicht haben wir schließlich unsere eigene deutschtürkische Identität kreiert, weil wir nach 30 Jahren Hamburg beides sind, türkisch und deutsch. Unsere Wurzeln sind an der türkischen Schwarzmeerküste, aber unser Leben und die Zukunft unserer Kinder liegt hier. Ihre Geburt markierte das Ende unserer Reise.

Frank Nikol
Die östliche Schwarzmeerküste
Kerim und Nurten Pamuk wurden an der östlichen Schwarzmeerküste geboren, in Çarşamba, 800 Kilometer östlich von Istanbul, einer türkischen Kleinstadt mit etwa 60 000 Einwohnern, in der Tourismus keine große Rolle spielt.

Das Reizvolle an dieser Region sind weniger die Städte oder Küsten als vielmehr das Kaçkar-Gebirge im Hinterland mit Gipfeln bis zu 3 900 Metern Höhe. Sehenswert ist die Lagune Simenlik Gölü nordwestlich von Terme. Zwischen dem nahe Çarşamba gelegenen Samsun und der Grenze zu Georgien herrscht subtropisches Klima, Nebel und Nässe inklusive. Tee, Tabak und Haselnüsse mögen es so und gedeihen prächtig. Das hat viele Menschen hierher und eine mehrspurige Küstenstraße nach sich gezogen.

Info
Flüge: ca. drei Stunden Nonstop nach Samsun (SZF) von allen größeren Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Preise liegen zwischen 280 und 550 Euro. Auto: Nur für Langzeiturlauber zu empfehlen. Alternativ: mit dem Autozug Optima Express ab Villach in Kärnten, Dauer: 31–40 Stunden; Kosten ab ca. 130 Euro pro Person, Auto: ca. 250 Euro, www.optimatours.de

Sie wollen mehr über den Schriftsteller und Kabarettisten Kerim Pamuk wissen? Lesen Sie mehr auf seiner Homepage: www.kerimpamuk.de.
Die Illustrationen stammen von Frank Nikol: www.frank-nikol.de 

 


Autor:
Kerim Pamuk