Türkische Ägäis Die schönsten Nationalparks

Dilek-Nationalpark

Hier fühlen sich die Schweine wohl: Seit Jahrzehnten gibt es auf der Halbinsel Dilek keine Leoparden mehr, und seitdem haben die munteren, klugen Schwarzkittel kaum Feinde. Höchstens dass der Luchs mal einen Frischling reißt, aber schon die kleine Raubkatze Karakal, die hier zu Hause ist, schafft das ebenso wenig wie der Goldschakal. Bleibt also nur der Mensch als Feind? Nein, und das nicht nur, weil der Koran das Essen von Schweinefleisch verbietet, sondern vor allem, weil der Dilek-Nationalpark der am besten geschützte an der türkischen Ägäisküste ist.

Einen Teil des 11.000 Hektar großen Gebiets können Besucher zu Fuß erkunden, der größte aber ist ganz unzugänglich. Nur ein Abschnitt an der Nordküste ist mit dem Auto befahrbar, und alle paar Kilometer zweigt ein Weg ab nach unten ans Meer. Hier sind die schönsten Buchten und Strände der Region zu finden, alle mit Tischen und Bänken für jedermann ausgestattet und mit einem kleinen Restaurant, aber wirklich nur einem.

Wildschweine im Dilek Nationalpark.
Dorothea Schmid
Im Dilek-Nationalpark trifft man auch auf Wildschweine.
Dies ist eine Kombination von Naturerlebnis und Entspannung, wie man sie sonst in der Türkei kaum geboten bekommt: glasklares Wasser mit Blick auf die Insel Samos und im Rücken dicht bewaldete Berge. An einem dieser Strände trifft sich eine große Familie zum Samstagsausflug. Sie parken ihre Autos am Kiefernwald, schleppen alles Mitgebrachte auf einen der Tische, und dann geht die ganze Verwandtschaft erst mal ins Wasser. Währenddessen lauert eine alte Bache am Waldrand, kaum ist die Familie im Wasser, winkt sie mit einem Kopfwenden ihrer Rotte. Und dann bricht die ganze Schweinerei hervor, zwei Alte und etwa fünf Einjährige. Im Nu ist alles auf dem Boden verteilt, zerwühlt, zerrissen, zerkaut. Der Familienvater stürzt aus dem Wasser, mit einer Handvoll Kiesel vertreibt er die Rotte. Die wilden Schweine trollen sich und lauern wieder im Unterholz. Sie können warten: Es ist erst Vormittag, das Beste kommt noch.

Sie können den Dilek-Nationalpark von der Nord- oder der Südseite erreichen, aber nicht mit dem Auto durchfahren. Im Norden zahlen Sie Eintritt, was die Zahl der Besucher - besonders an den Strandabschnitten - ein wenig begrenzt. Von Süden können Sie gratis bis in das sorgfältig restaurierte Dorf Doganbey fahren, das auch als Info-Zentrum dient. Die Nord- und die Südroute sind durch gut beschilderte Wanderwege verbunden, der schönste Weg führt entlang einem Bach mit Wasserfall mitten durch den Park.

Spil-Dagi-Nationalpark

Schon die Anfahrt ist fantastisch. Von Manisa aus, das fast auf Meereshöhe liegt, geht es steil nach oben bis auf über 1200 Meter. In engen Kurven auf zwar asphaltierter Straße, deren Ränder aber nicht befestigt sind. Viele Plätze bieten sich zum Anhalten an, und schon nach wenigen Minuten kann man vor sich die Ebene sehen und unter sich Manisa, die schöne alte osmanische Residenzstadt, in der einst Prinzen aus Konstantinopel das Regieren übten.

Pferde im Nationalpark Spil Dagi
Dorothea Schmid
Die Pferde im Nationalpark Spil Dagi leben frei wie einst ihre wilden Vorfahren.
Aber es geht noch viel weiter. Die Strecke windet sich um Höhenzüge und führt dann wieder schnurgerade durchs Hochland, das schon von krüppliger, harter Vegetation überzogen ist, Wacholder wächst hier, der im starken Aufwind duftet wie Gin. So umrundet man einen hohen Berg, in den Schluchten steht dichter Wald, durch den man Quellen und Bäche glitzern sieht, manche von ihnen dampfen auch im Sommer, so heiß sind sie. Ganz oben dann, in Sichtweite des 1517 Meter hohen Spil Dagı, weicht die Wildnis einem Informationszentrum mit Campingplatz. Hütten von vertrauenerweckender Stabilität stehen hier, mit dicken Schornsteinen, denn im Winter ist es hier oben schneesicher. Dann sind zwar die Bären, die hier leben, im Winterschlaf, aber die Wölfe sind wach und hungrig.

Wenn das Frühjahr kommt, verwandeln sich die Hänge des Spil Dagı in ein Meer aus Blüten. Allen voran Tulipa orphanidea, eine Wildform der Tulpe. Wobei "Tulipa" vom türkischen tülbent stammt, was "Turbantuch" bedeutet. Solche Wildblumen wurden im 15. Jahrhundert am Hofe in Konstantinopel weitergezüchtet und starteten eine furiose Karriere: In Holland waren sie bald bei allen beliebt, die Geld hatten, was ihren Preis immer höher trieb und zu einer der ersten großen Spekulationsblasen der Geldgeschichte führte. In Amsterdam wechselten Blumenzwiebeln bis zu zehnmal am Tag den Eigentümer, jeder Käufer hoffte auf steigende Preise. 1637 soll für eine Zwiebel der Gegenwert einer Stadtvilla geboten worden sein. Hier, hoch über Manisa, findet man im April die schönsten Tulpen auf den Almwiesen: umsonst und draußen.

Der Spil-Dagı-Nationalpark ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen, Besucher sind auf Mietwagen angewiesen. Die Campinganlage hat keine eigene Web-Präsenz, sie bietet Häuser, aber auch Stell- und Zeltplätze. Reservieren können Sie unter Tel. 0236 2371061. Die Seite www.spildagi.com ist auf Türkisch. Es gibt außer Waschgelegenheiten nur Natur und Informationstafeln. Alles, was Sie brauchen, müssen Sie mitbringen.

Nationalpark Kaz Dagi an der Türkischen Ägäis
Dorothea Schmid
Der 1726 Meter hohe Sarikiz Tepesi ist einer der drei Gipfel im Nationalpark Kaz Dagi.
Kaz-Dagi-Nationalpark

Es herrscht eine Stille, als hielte die Welt den Atem an. Kein Vogel, keine Zikade, kein Hauch über den Tiefen der Wildnis. Nicht einmal ein trockenes Blatt fällt herab. Vor wenigen Minuten noch, unten in Akçay, der übliche Lärm: Autos, Geschrei, Musik aus den Geschäften. An der Hauptstraße nach Çanakkale stehen Schilder, die auf Türkisch und Englisch zum Kaz-Dagı-Nationalpark weisen. Ein wenig weiter wiederholt sich das, und dann wird es immer schwieriger, den Weg in die Natur zu finden. Die Straße quält sich durch den engen Ort Zeytinli, führt dann immer steiler hinauf. Die Olivenhaine enden, statt ihrer beginnt der lichte Kiefernwald. Die Fahrbahn wird jetzt breiter und noch steiler, der lose Schotterbelag verlangt recht kühne Fahrkunst, aber es ist nun mal die einzige Straße in den Nationalpark.

Man ist hier allein mit der Natur. Besucher, die eine Taxitour gebucht haben, werden meist an den sehr schönen Sütüven-Wasserfällen abgesetzt, die ein Stück vor dem Park herabstürzen. Wer sich weiter vorwagt, sollte gut gerüstet sein, mit Karte und trittsicherem Schuhwerk. Am Ende der Strecke findet er dann ein Holzhäuschen, in dem ein Ranger wartet, seine Aufgaben zu erfüllen: Alleinwanderer müssen ein empfangsbereites Handy nachweisen, Nummer und Namen hinterlassen. Kartenmaterial gibt es hier oben nicht, auch keine Wegmarkierungen. Stattdessen: unberührte, teilweise undurchdringliche Natur.

Die Götter sollen sich hier getroffen haben. Der Kaz Dagı ist der antike Berg Ida, gewissermaßen die Sommerresidenz der griechischen Olympier. Von ihm aus beobachteten Zeus und seine Mann- und Frauschaft das Geschehen um Troja, kommentierten, griffen ein. Und irgendwo hier in diesem 260 Hektar großen Gebiet hütete Paris, Sohn des Trojanerkönigs Priamos, seine Schafe und gab der Aphrodite den goldenen Zankapfel, der sie zur schönsten unter den Göttinnen kürte - und die anderen erzürnte. Jedes Jahr im August spielen Menschen das Urteil des Paris auf einer Waldbühne am Nordhang des Berges nach: Der Kaz-Dagı-Schönheitswettbewerb hat Tradition. Die Götter schweigen dazu.

Zum Wandern im Kaz-Dagı-Nationalpark sollten Sie unbedingt einen Führer engagieren, der die Wege zu den schönsten Schluchten und Wasserfällen kennt. Guides vermittelt die Touristinformation in Akçay oder die Parkverwaltung in Zeytinli (Tel. 0266 3731480), bei Letzterer wird aber meistens nur Türkisch gesprochen.

Nationalpark Saklikent an der Türkischen Ägäis
Dorothea Schmid
Die Schlucht im Nationalpark Saklikent ist 18 Kilometer lang.
Saklıkent-Nationalpark

Kurze Hosen sollte man in der Türkei vermeiden. Ausnahme: die Schlucht von Saklıkent. Was den Besucher dort erwartet, lässt die Anfahrt von Fethiye aus nicht erahnen. Es geht durch kleine Städtchen, in denen leicht zu übersehende Schilder das Ziel anzeigen. Dann, auf dem Parkplatz am Eingang, kommen einem aus einer aufragenden Felswand triefende Menschen entgegen, setzen sich auf Steine und Motorhauben und trocknen in der Sonne. Manche zittern noch, andere lachen schon wieder. Saklıkent ist die große Erfrischung im heißen ägäischen Sommer - eine enge Klamm, durch die eiskaltes Wasser schießt, es kommt aus den über 3000 Meter hohen Bergen ringsum. Der gut besuchte Weg hinein führt über einen Holzsteg hoch über dem Wasser, der an der Stelle endet, wo sich die Schlucht etwas weitet. Hier geht es weiter über Stock und Stein durchs Wasser: Wohl dem, der Bermudas hat.

Der Saklıkent-Nationalpark ist gut erschlossen, die Wege sind vorgegeben, Shops bieten Verpflegung und Souvenirs. Allerdings ist der Ort auch recht abgelegen: Übernachten kann man in der Nähe nur auf einem kleinen Campingplatz, die nächsten Hotels sind in Fethiye, etwa 40 Kilometer entfernt.

Die Türkische Ägäis hat aber noch einiges mehr zu bieten - zum Beispiel verlockende Strände entlang der Küste oder die Kalksinterterrassen von Pamukkale.

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