Türkei Der Canyon von Köprülü

Sein Neoprenanzug hat fast so viele Löcher wie ein Häkelpulli, auch seine Zahnreihen zeigen diverse Lücken. Aber Ali, der Rafter, hält sich für unwiderstehlich. Kein Wunder, hängen wir zehn doch alle an seinen Lippen. Denn nur Ali kennt den Fluss und seine Tücken. Nur er weiß, wie die Stromschnellen zu nehmen, die Klippen zu umschiffen und die Wasserfälle herunterzurutschen sind - kurz: wie wir heil aus diesem Boot wieder rauskommen. Und was Ali natürlich auch weiß: wie man das Paddel hält. Das macht er noch kurz vor, bevor er uns dann vom Ufer abstößt. Sanft schwankt das Schlauchboot auf den noch zahmen Wellen. Aber fünfzig Meter voraus, so verrät ein ängstlicher Blick, liegt schon die erste Schnelle.

Eine Raftingtour auf dem Köprü Çay, dem "Fluss der Brücken", gehört zum Besuch des Köprülü-Canyon-Nationalparks dazu wie das Wellenbad zum Strandurlaub. Fast jeder, der hierherkommt, macht mit. Zu verheißungsvoll sprudelt das glasklare Wasser. Zu gigantisch ist die Schönheit des Canyons. Und zu zahlreich sind die Tourveranstalter am Ufer, als dass sie nicht noch den letzten Zögerer ins Boot holen würden.

Zwar gibt es im Fluss Stromschnellen der Stärke drei auf der sechsstufigen Wildwasser-Schwierigkeitsskala, aber niemand braucht Erfahrungen oder Vorkenntnisse - sofern er jemanden wie Ali dabei hat. "Links paddeln! Rechts paddeln! Liiinnks", ruft er gerade von hinten auf Englisch. Dann lauter: "Festhalten!", um im selben Moment das Boot blitzschnell herumzureißen, sodass alle auf dem rechten Rand plötzlich in der ersten Reihe sitzen und die Welle frontal mit aller Wucht abbekommen. "Die war für euch", ruft Ali und lacht.

Spätestens jetzt wird klar, worauf es hier ankommt: nicht nur auf das Abenteuer im wild fließenden Gewässer, sondern vor allem auf den Spaß dabei. Eine Raftingtour in diesem Nationalpark, der knapp 100 Kilometer nordöstlich von Antalya liegt, ist eine reine Gaudi im Gummiboot - und eines der feuchtesten Fotoshootings der Welt.

Alle paar Meter steht am Ufer ein Fotograf im Gebüsch. "Lächeln!" wird zu einem weiteren von Alis forschen Kommandos neben "Vorwärts!" und "Festhalten!". Manchmal halten wir nur an, um uns alle von einer Klippe springend fotografieren zu lassen - die fertigen Bilder verkauft der Fotograf am Ende der gut zwölf Kilometer langen Strecke für ein paar Euro.

Wer das nicht mag und auch kein Freund von Wasserschlachten ist, mietet sich besser ein eigenes Boot mit eigenem Führer. Mit den Massen auf dem Wasser muss er dennoch klar kommen: Bis zu 400 Boote drängen sich in der Hochsaison zugleich auf dem Fluss - so viele, dass die Einheimischen aus den Dörfern der Umgebung schon protestieren, weil sie um die Qualität ihres Trinkwassers fürchten, das aus dem Fluss stammt. Ein Geschubse wie beim Autoscooter auf dem Jahrmarkt ist das zuweilen, auch die Polsterung ist ähnlich, nur das Tempo noch viel rasanter.

Das Blut sprudelt wie Wildwasser durch die Adern

Was für ein Kontrast zu unserer Fahrt am Tag zuvor die Berge hinauf. Wir haben den Fluss weit unter uns gelassen. Gleich nach dem letzten Fischrestaurant mit dem obligatorischen Schlauchbootverleih steigt die Straße steil an, führt direkt auf eine kleine Brücke zu, die einst die Römer 35 Meter hoch über die Schlucht schlugen. Erst vor wenigen Jahren bekam sie ein Geländer, nachdem hier ein Auto in die Tiefe stürzte.

Weiter geht es die Straße hinauf, die erst vor ein paar Jahren asphaltiert wurde. Altinkaya Köyü ist unser Ziel oder Selge, wie der Ort in der Antike hieß. 20.000 Einwohner lebten hier um Christi Geburt, heute sind es vielleicht noch 700. Yasin Çelik ist dort groß geworden. Früher, erinnert sich der 21-Jährige, war Altinkaya oft wochenlang abgeschnitten. Schnee und Schlamm machten den Weg unpassierbar, den Touristen ohnehin selten fanden.

Heute kommen sie alle hoch, um die Ruinen der alten Stadt zu sehen. Ein einträgliches Geschäft, von dem viele profitieren. Auch Yasin, der in Ankara Kartografie studiert und gerade Ferien hat, möchte nach dem Studium sein Geld mit den Urlaubern verdienen.

Vielleicht wird er einen Traktor kaufen und Touristen damit in einem Anhänger vom Tal den Berg hinauf nach Selge fahren. Über das Tempo des Treckers würde sich sicher keiner der Besucher beschweren. Man möchte ohnehin ständig anhalten, den Blick schweifen lassen über die bis zu 2500 Meter hohen Berge mit den Zypressen, Zedern und Kiefern - und in die Stille lauschen. "Hörst du das?", fragt Yasin. Ein Laut, nur schwer einzuordnen, hallt aus dem Tal und von den Bergen wider. Eine Gemse? Ein Rebhuhn? "Es ist eine Ziegenhirtin", sagt er, "die ihre Tiere ruft."

Auf gut 1000 Höhenmetern erreichen wir Selge. Vor dem Theater parken wir den Wagen, klettern die alten Sitzreihen hoch und verschaffen uns einen Überblick über die antike Stadt. Die Gebäude von einst lassen sich oft nur erahnen: das Stadion genauso wie die Tempel auf dem Hügel auf der anderen Seite, die wahrscheinlich Zeus und Artemis geweiht waren. Und auch das Theater, in dem 9000 Zuschauer Platz fanden, in waghalsiger Hanglage an den Berg gebaut, ist halb zerstört. Doch da, wo die Sitzreihen einstürzten, ist der Blick auf das Bergpanorama ringsum frei - ein großartiges Naturschauspiel gelangt zur Aufführung.

Bei unserer Raftingtour am nächsten Tag bleibt dagegen kaum Zeit für die Reize der Landschaft. Wir rasen vorbei an den steil aufsteigenden Ufern, auf denen sich die Zypressen recken. An Minaretten, die plötzlich zwischen den Baumkronen auftauchen. An den Fischern, die Forellen aus dem Wasser holen. All das bemerken wir kaum. Unser Blick geht aufs Nachbarboot, auf dem regelmäßig einer über Bord geschubst wird. Und schließlich auf den Wasserfall, der sich vor uns auftut. Der Puls rast, und das Blut sprudelt mindestens ebenso temperamentvoll durch die Adern wie das Wasser den Fluss hinunter.

"Links! Rechts! Festhalten!", brüllt Ali. Und schon befinden wir uns im freien Fall, kippen, drehen uns um die eigene Achse, werden durchgeschüttelt und mitgerissen. Am Ende sitzen wir alle noch im Boot, erschöpft und durchnässt, und unsere Blicke gehen zu Ali, verblüfft, dankbar, überwältigt, aus glänzenden Augen. Und Und Ali: lacht triumphierend.

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Autor:
Cornelia Tomerius