Fast Lane Keine Panzer, keine Raketen

Es war nicht geplant, den Mai mit dem Besuch einer farbenfrohen, perfekt durchchoreografierten Parade einzuläuten - aber hier saß ich nun an einem Sonntagnachmittag und genoss von meinem etwas erhöhten Aussichtspunkt aus die spektakuläre Show, die unten auf dem Pflaster an mir vorbeizog.

Zur Linken hielt meine Kollegin Noriko iPhone und Notebook bereit, um die Ereignisse in Fotos festzuhalten. Wir hatten uns unter einem kleinen Sonnendach in bequemen weißen Lehnstühlen niedergelassen - der Service war sehr höflich, der Kaffee schmeckte hervorragend. Die Parade wich vom sonst üblichen Maifeiertagsprogramm ein wenig ab: Typische Insignien wie der rhythmische Soundtrack, rollende Panzer und Raketen sowie Menschen im Gleichschritt fehlten ebenso wie die Mädchen in roten Gymnastikanzügen, die Fahnen und Stoffbänder durch die Luft schwangen, oder die muskelbepackten Männer mit ihren packenden Akrobatik-Übungen.

Stattdessen flanierten Heerscharen junger Männer und Frauen in kunstvollen Kostümen vorüber und perfekt frisierte Familien erschienen in aufwändig zusammengestellten Uniformen. Männer in den Dreißigern trugen kurze Naturlederstiefel mit klobigen, weißen Sohlen, knackige Jeans, die hochgekrempelt genau vier Zentimeter der in dunkle Leggings gehüllten Waden frei ließen, dazu himmelblaue Oxford-Hemden mit abgerundeten Krägen sowie Brillen mit breitem Gestell, die sich auch gut auf Kim Jong-ils Nachttisch machen würden. Frauen ähnlichen Alters bevorzugten Birkenstock-Sandalen, Leggings, die kurz vor dem Knöchel endeten, kittelartige Kleider in schwerem Batist sowie Parkas mit Etiketten von Marken wie Nanamica oder The North Face.

Viele weitere Looks wurden bei dieser Parade am ersten Mai-Sonntag präsentiert (inklusive paarweise auftretende Mädchen mit lila Locken, enormen Wimpern, pinken Petticoats, riesigen Röcken und kleinen Hüten). Der Trend zeigte jedoch eindeutig in Richtung einer praktischen, funktionalen Uniform, die nicht nur die Erfolge der Arbeiterbewegung symbolisierte, sondern mit ihren Luxus-Logos, körperbetonten Schnitten und extravaganten Stoffen auch eine ganze Ökonomie definierte.

Dieses Frühlingsfest-Spektakel hätte gut auf die Straßen Hanois gepasst, oder - bei einem flüchtigen Blick - vielleicht nach Minsk. Tatsächlich aber handelte es sich nur um einen ganz gewöhnlichen Sonntagnachmittag im Sign Café neben der Daikanyama Station in Tokio.

Wenn ich mir einen Platz aussuchen müsste, um zu beobachten, wie die Welt an mir vorbeimarschiert, wäre es immer die hölzerne Terrasse des Sign. Mit dem Bahnhof zur Rechten und drei sich kreuzenden Straßen zur Linken ist dies der perfekte Ort, um wirtschaftliche, soziale und kulturelle Trends zu entdecken. Von diesem Aussichtspunkt aus, kann ich stundenlang die vorbeifließenden Menschenströme beobachten, mir Geschichten dazu ausdenken und einzelne Personen genau unter die Lupe nehmen. Wie lang brauchte der junge Mann in den italienischen Wanderschuhen und den engen Militärhosen wohl, um seinem Jack-Russell-Hund diese schrecklich gemusterten Deckchen und Gore-Tex-Schühchen überzustreifen? Und was hält ein Jack Russell von solchem Schuhwerk? Was ist das mit diesem Haufen halbwüchsiger Jungs und ihren Frisuren? Wie viele Produkte von Marken wie Shiseido und Mandom wurden dabei verwendet? Fünf? Neun? Fünfzehn? Und was passiert bei einem plötzlichen Wolkenbruch? Würde sich eine Öl-Lache um sie herum ausbreiten?

Ein paar Straßen vom Bahnhof entfernt wurden die Grundlagen für eine Entwicklung gelegt, die viel über den Zustand der japanischen Wirtschaft und die Wünsche der Konsumenten aussagt. Anfang Herbst wird hier auf dem verwilderten Boden ein ganz neues Viertel entstanden sein - inklusive Straßen, Laubbäumen, Cafés, Geschäften und Orten, an denen Jack Russells herumtoben und sich später fönen lassen können. Im Zentrum dieses neuen Stadtteils wird ein gemischtes Einzelhandelskonzept stehen, das zum Teil Bücherei, zum Teil Konzertsaal, zum Teil Buchladen ist, sowie ein Nonstop-Hang-out für die Männer und Frauen in ihrem Jeans- und Batist-Outfit. In einer Zeit, in der die Frage nach dem Medienkonsum immer mehr Gewicht gewinnt und unsicher ist, ob ein traditioneller Buchladen in dieser modernen Wirtschaftswelt überhaupt noch Platz hat, ist der japanische Einzelhändler Tsutaya dabei zu beweisen, dass so ein kultureller Knotenpunkt nicht nur essenziell ist, um die anderen Bereiche der Wirtschaft zu stimulieren, sondern auch den Zugang zum Metabolismus der Stadt darstellt.

Vor zwei Jahrzehnten hätte sich vielleicht eine große Luxuswarenkette dieses ansehnliche Stück Land geschnappt und es mit Namen gefüllt, die sich schon in den Arkaden der Duty-Free-Shops drängeln. Wenige dieser Marken sind für japanische Kunden jedoch überhaupt noch attraktiv. Zwei Monate nach dem großen Erdbeben im Osten Japans wird es außerdem immer offensichtlicher, dass die Bewohner der drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt lieber sinnvollere Stätten aufsuchen - welche, die einen Vorrat an Vinyl, Papier und seltenen Büchern haben, sowie einen gemütlichen Platz, um zu beobachten, wie die Welt an ihnen vorbeizieht.

Autor:
Tyler Brûlé