Bhutan Das exotische Himalaya-Königreich

Seit zwei Stunden tanzen die Mönche. Die Skelette mit den bleichen Knochenschädeln sind im Dunkel des Klosters von Paro verschwunden. Jetzt sind die schrecklichen Gottheiten an der Reihe. Reißzähne und Glubschaugen leuchten aus ihren geweihten Masken, die von Totenköpfen gekrönt sind.

Mit kunstvoll bestickten Schnabelstiefeln wirbeln die Mönche über das jahrhundertealte Steinpflaster, die Brokatgewänder leuchten von Blau über Rot bis Gold. In einer wilden Choreografie kreisen sie die Dämonen ein, die Feinde des buddhistischen Glaubens. Gleich wird der Guru mit seinem Zauberdolch, vajrakila, das Böse töten.

Tiefe Hörner blasen zum Ritualmord, auf der Galerie schlagen Lamas die Trommeln, als ein Donnern den Himmel erfüllt. Unten am Fluss, am einzigen Flughafen des Landes, ist ein Jet der Royal Bhutan Airlines gestartet. Jetzt zieht der weiße Airbus im steilen Steigflug über den kultischen Tanz, der seit dem achten Jahrhundert in unendlichen Wiederholungen das Böse bannen soll.

Willkommen in Bhutan. Dem kleinen Königreich, das an der Südseite des Himalaya eine kollektive Gratwanderung unternimmt. Das an seiner buddhistischen Staatsreligion festhält und sich der westlichen Moderne öffnet. Dessen Volk seinen König als die Verkörperung der göttlichen Weisheit verehrt, der aber seine Macht ohne Not an ein Parlament abgibt.

Beim großen Klosterfest in Paro prasseln Gegensätze aufeinander. Die Einheimischen auf den Rängen tragen ausnahmslos Landestracht, die Männer den gho, ein gewickeltes Gewand mit blütenweißen Manschetten und Kniestrümpfen. Die Erwachsenen kauen Betelnüsse, das sieht man an dem roten Saft, der ihnen aus den Mundwinkeln trieft. Sie lassen sich von den Touristen nicht stören, die sich in die Reihen gezwängt haben. Mit großem Gleichmut tolerieren sie selbst den Franzosen, der mit seiner Kamera die Tänze verfolgt. Wenn er noch einen halben Schritt weiter geht, sitzt er dem obersten Mönch, der die Zeremonie leitet, auf dem Schoß.

Auch die offiziellen Narren kennen keine Pause. Sie begleiten die heiligen Tänze und mildern die Strenge der Zeremonie. Jedes Kind erkennt sie an den roten Masken mit dem riesigen Zinken. Einer äfft den Gang des Polizisten nach, der die Tanzfläche freihalten soll. In der Hand hält er einen Trommelschlegel, der als Penis gestaltet ist, bis hin zur naturalistisch geschnitzten Eichel. Beim heiligen Tanz der Prinzessinnen steckt er diesen Prügel zwischen die Beine und bewegt sein Becken obszön gegen eine Bäuerin in der ersten Reihe.

Die Menge johlt wie Kinder beim Kasperletheater. Die ersten Mütter öffnen ihre Plastikschüsseln und teilen ihrer Familie das Essen aus: Reis mit Gemüse, und weil heute Festtag ist, gibt's dazu Schweinefleisch mit daumendickem Fettrand. Gegessen wird mit den Fingern. Am Nachmittag löst sich die Zeremonie in ein Volksfest auf.

Zu Füßen des Klosters präsentiert ein japanischer Automobilkonzern seine Kleinwagen, Bhutans Jugend posiert in Jeans und Sonnenbrillen im Bollywood-Stil. An den Hauswänden der Hauptstraße werben Plakate fürs Kino. Ein Betrunkener torkelt auf die Kreuzung, ein Polizist schleppt ihn unter Gelächter von der Straße und lehnt ihn an eine Lehmziegelmauer.

Alles ist neu: Fernsehen, Hotels und ein bisschen Demokratie

Bhutan ist kaum größer als die Schweiz. 700.000 Menschen leben in diesem Land, das als einziges im Himalaya nie kolonialisiert wurde. Das Königreich öffnete sich erst vor 50 Jahren der Außenwelt: Indische Ingenieure und Arbeiter bauten die erste Straße in der Geschichte des Berglands. 1962 erreichte das erste Auto die Hauptstadt Thimphu. Mitte der siebziger Jahre erreichte die Straße den unterentwickelten Osten des Landes.

Auf dieser Route von Paro nach Samdrup Jongkhar erkundet eine Studienreisegruppe das Land, organisiert vom Summit Club des Deutschen Alpenvereins. 15 Teilnehmer, fast alle Akademiker, fast alle im Ruhestand. Sie sind weit gereist, im Bus erzählen sie von Trekkingtouren in Afrika und Südamerika. In Bhutan sind sie auf der Suche nach Ursprünglichkeit. "Die Unesco sollte das ganze Land zum Weltkulturerbe erklären", sagt Werner aus Stuttgart. Er meint es ernst.

Mitte der Siebziger kamen die ersten Touristen nach Bhutan. Bis 1985 ließ man jährlich nur 2000 Fremde ins Land, 2008 waren es 29.000. Die Einreise ist nur gegen eine teure Pauschale möglich: In der günstigsten Variante kostet jeder Tag 180 Dollar, dafür bekommt der Reisende Fahrer und Führer, Unterkunft und Verpflegung. Von dieser Pauschale gehen 65 Dollar an die Staatskasse, der Tourismus ist die zweitgrößte Einnahmequelle des Landes nach dem Export von Strom aus Wasserkraft.

Thinley Tobgay Dorji leitet das drittgrößte Reiseunternehmen Bhutans, International Treks & Tours. Er ist 45 Jahre alt und trägt nicht die vorgeschriebene Landestracht, sondern ein helles Businesshemd und Jeans. Seine Karriere spiegelt die Entwicklung Bhutans wider. Als Sohn eines Richters wurde er nach Indien aufs College geschickt, zu den Jesuiten in Darjeeling, wo auch der vierte König Bhutans zur Schule ging. Thinley studierte in den USA, nach der Rückkehr stieg er in ein schillerndes Zukunftsunternehmen ein: Er ging zum neugegründeten Radiosender Bhutan Broadcasting Service (BBS) in Thimphu.

1999 feierte der vierte König sein 25-jähriges Thronjubiläum. Zu diesem Anlass machte er seinem Volk ein Geschenk: Bhutan sollte das Fernsehen bekommen. Mit indischer Hilfe baute der Radiosender BBS in nur vier Monaten eine Fernsehredaktion auf. Thinley Dorji machte mit, und er war gleichermaßen erschöpft und stolz, als BBS am 2. Juni 1999 die ersten Fernsehnachrichten ausstrahlte.

Über seinen Schwiegervater, einen ehemaligen General der bhutanischen Armee, kam Thinley in den florierenden Tourismus. Seine Agentur hat hundert Angestellte, sie fahren Europäer und Amerikaner in japanischen Kleinbussen durchs Land. Am Anfang gab es nur die einfachen staatlichen Gästehäuser, in denen alle Reisenden untergebracht wurden. 2009 ist der erste Hotelführer in der Geschichte Bhutans erschienen. Wer luxuriös reisen will, steigt im entwickelten Westen des Landes in Fünfsternehotels ab, erbaut von ausländischen Investoren.

Thinley Dorjis Stolz auf das, was die Bergbauern Bhutans aus ihrem Land gemacht haben, ist unverkennbar. 2008 fanden die ersten allgemeinen Wahlen statt. Im Parlament sitzen sich zwei große Parteien gegenüber. Unabhängige Zeitungen berichten über Korruptionsaffären. Im ganzen Land gibt es 50.000 Autos, davon fahren 18.000 in der Hauptstadt. Hier hat man 2007, zum hundertjährigen Thronjubiläum der Wangchuk-Dynastie, die erste vierspurige Schnellstraße gebaut, ganze sechs Kilometer lang.

Werden die Touristen den hohen Eintrittspreis in ein exotisches Himalaya-Königreich auch noch bezahlen, wenn das Land immer westlicher wird? Und wenn die ersten Hotelbetten leer stehen, öffnet man sich dann für den billigen Massentourismus? "Was in zehn Jahren sein wird", sagt Thinley Dorji, "so weit können wir nicht sehen."

Auf dem Weg in die Moderne nimmt Bhutan seine Traditionen als Leitplanke. Neubauten, vom Wohnhaus bis zur Tankstelle, müssen im Stil der alten Bauernhäuser errichtet werden. Die Balken sind im hellen Fachwerk dunkel abgesetzt und mit bunten Verzierungen bemalt. Erker lockern die Fassaden auf, die leicht geneigten Dächer ragen weit über und vermitteln Geborgenheit.

In Thimphu hat der König eine staatliche Kunstschule gegründet. 260 Studenten im blauen Gho lernen hier die traditionellen Techniken des Malens, Webens, Schnitzens. Sie modellieren Buddhas, malen Mandalas und besticken die zeremoniellen Schnabelstiefel. Das sieht aus wie im europäischen Mittelalter, die Religion gibt den Kanon der Darstellungen vor, in der ganzen Schule ist kein einziges frei gewähltes Motiv zu sehen.

Die weite Welt kommt in die tiefsten Tälern - per Video und Bus

Auf der Reise von Paro nach Samdrup Jongkhar zeigt sich die üppige Schönheit Bhutans. An der Südseite des Himalaya regnet es so viel, dass die Bauern auf ihren kunstvoll angelegten Terrassenfeldern zweimal im Jahr ernten können: erst Weizen, dann Reis. Undurchdringliche Urwälder bedecken die Berge. Zwischen hohen Hemlocktannen leuchten weiße Magnolien und rote Rhododendren. Und in Punakha gleicht die Szenerie einem perfekt komponierten Gemälde.

Wo sich zwei wilde Gebirgsflüsse vereinen, thront auf einer Halbinsel der dzong aus dem 17. Jahrhundert. Die weiß getünchten Mauern dieser Klosterburg ragen steil in den blauen Himmel, überragt von goldenen Pagodendächern, schneebedeckte Gipfel bilden den Hintergrund. Im Innenhof spendet ein Bodhi-Baum Schatten.

Im Dzong befinden sich mehrere Tempel. Sie sind überreich ausgestattet. Hingebungsvoll ausgeführte Wandmalereien zeigen die buddhistische Überlieferung: Mara wird von einem weißen Elefanten geschwängert und gebiert Buddha. Im Lebensrad zeigt die Hölle erstaunliche Parallelen zu christlichen Darstellungen des Mittelalters. Vor der zwei Stockwerke hohen Statue des Buddha haben Gläubige Opfergaben niedergelegt, kunstvoll geschnitzt aus gefärbter Butter.

Die Harmonie dieses Bauwerks verlockt zum Schwelgen im Exotischen. Das kritische Bewusstsein hat Urlaub. Werner aus Stuttgart, der das ganze Land gern als Freilichtmuseum hätte, führt eine Art Religionsbeweis zur Überlegenheit des Buddhismus. Doch je genauer die Gruppe die Kultbauten studiert, desto schwieriger wird seine Mission. Jeder Dzong vereint weltliche und geistliche Macht. Innerhalb der Mauern, gleich neben dem Tempel, befinden sich die Amtsstuben der Verwaltung, vom Bezirksgericht bis zum Veterinäramt.

Die wehrhafte Anlage dieser Burgen war nötig, um sich gegen die Feldzüge der Dalai Lamas aus Tibet zu wehren. Warum haben in dieser angeblich so friedfertigen Religion die tibetischen Buddhisten gegen die bhutanischen Buddhisten Kriege geführt? Warum müssen im Kloster sechsjährige Mönchlein stur die heiligen Texte auswendig lernen, geschrieben in Alttibetisch, von dem sie nicht mehr verstehen als ein bayerisches Kind vom Lateinischen? Werner rettet sich in Differenzierungen: "Der Lamaismus ist nicht der wahre Buddhismus."

Je weiter die Reise in den Osten Bhutans führt, desto schwindliger wird der Gruppe. Von der Passhöhe führt die Straße mehr als 3000 Höhenmeter hinunter in eine tief eingeschnittene Schlucht, wo es auf einer Gitterbrücke über den Fluss geht und auf der anderen Seite wieder 1000 Meter hinauf.

Die Schwindelgefühle kommen aber auch von den Widersprüchen dieses Landes. Die Zeitung "Kuensel" meldet einen Fahrtenbuchskandal, in der Hauptstadt haben Beamte beim Tanken regelmäßig in die eigene Tasche gewirtschaftet. Tief im Landesinneren dagegen, hinter dem Pelela-Pass, liegen meterlange Bambusstängel auf der Straße. Der Bus fährt mit einem knirschenden Geräusch drüber, und das ist gewollt. So spart sich das Dutzend Arbeiter, das am Straßenrand seine Hütten aufgebaut hat, schwere Maschinen. Aus den plattgewalzten Bambusstreifen flechten sie Matten, mit denen man Zäune und Hütten baut.

Hans aus München strahlt: "Hier ist Bhutan noch so unschuldig wie Nepal vor 30 Jahren." Das Dorf Ura liegt 3200 Meter hoch. Auch hier glänzt der Fortschritt: Die Dächer der jahrhundertealten Bauernhäuser sind nicht mehr mit Holz und Steinen gedeckt, sondern mit Wellblech belegt, das in der Sonne funkelt. Rund um das Dorf ziehen sich Terrassenfelder die Hänge hinauf, Schafe und Rinder grasen, in den Wäldern wachsen Pilze. Die besten werden nach Japan verkauft.

Das ganze Tal ist mit Kinderlachen erfüllt. Es kommt von der Schule am Ortsrand. Heute Nachmittag findet der Unterricht im Freien statt. Die Mädchen der Mittelstufe spielen Basketball, 200 Jugendliche in Schuluniform feuern sie an. Neben dem Platz lernen die Erstklässler die englischen Zahlen. Das geht so: Jungs und Mädchen rennen in einem großen Kreis, dann ruft die Lehrerin "five". Im Nu ballen sich die Schüler zu Gruppen. Die Lehrerin zählt nach, und wer zu viel ist, muss sich in die Mitte setzen.

"Die Kinder hier oben lernen langsam", sagt Manuel Manoj. Er ist einer von 800 indischen Lehrern in Bhutan. Für drei Jahre ist er hierher verpflichtet, und er wird bestimmt nicht verlängern. Manoj ist 32 Jahre alt, Katholik, stammt aus der Hitze von Kerala und tut sich im Ura-Tal einigermaßen schwer. "Morgens kann ich mich oft nicht waschen, weil das Wasser in der Leitung gefroren ist", sagt er. Viele seiner Schüler haben dunkelrote Erfrierungen auf den Wangen.

Von der Vorschule bis zur zehnten Klasse besuchen 424 Kinder die einzige Schule des Ura-Tals. Wer die Abschlussprüfung besteht, kann für zwei weitere Jahre aufs College, danach auf die einzige Universität Bhutans im Südosten des Landes. Die Eltern müssen lediglich die Schuluniform kaufen, alles andere ist kostenlos. Trotzdem geht im Ura-Tal nur die Hälfte der Kinder zur Schule.

Mitte der siebziger Jahre hat die Straße Ura erreicht. Ende der achtziger Jahre haben japanische Entwicklungshelfer einen kleinen Staudamm gebaut, seither gibt es Strom. Neben der Schule steht eine große Satellitenschüssel, sie versorgt die Bauernhäuser mit Fernsehprogrammen. BBS sei der beliebteste Sender, erzählt der indische Lehrer. Die Viertklässler auf dem Heimweg, mit denen man sich erstaunlich gut auf Englisch unterhalten kann, sagen etwas anderes. Sie gucken am liebsten Zeichentrickfilme im "Cartoon Network".

Noch immer gibt es in Bhutan Täler ohne Fernsehempfang. Das führt zu Szenen wie jener auf dem Pele-Pass. Der ist 3400 Meter hoch, graue Nebelschwaden ziehen durch die bunten Gebetsfahnen, die zwischen Zwergbambus und Silberfichten gespannt sind. Ein kleiner tschorten, ein buddhistischer Kultschrein, markiert die Passhöhe. Er steht in der Straßenmitte. Von Westen kommt der öffentliche Bus, voll besetzt mit Bhutanern. Ihre Einkäufe haben sie auf dem Dachgepäckträger festgezurrt. Der Busfahrer führt eine Videokassette mit. Am Ziel wird er sie abgeben, dann können die Bergbauern die Nachrichten des BBS vom Vortag sehen. Aber vorher erfüllt der Busfahrer noch seine religiöse Pflicht. Auf der Passhöhe bremst er ab, lenkt scharf ein und fährt im Uhrzeigersinn eine Runde um den Tschorten. Noch stört kein Gegenverkehr.

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Autor:
Johannes Schweikle