Thailand Volksmusiker auf Tour

Der Bus jagt in den Morgen hinein, dröhnend, klappernd, jede Nische voll gepackt: Bastmatten, Kissen, Wäschekörbe, Kleider auf Bügeln, Plastiktüten. Den Mittelgang versperren 100 Mädchenbeine. Acht in jeder Reihe; bewegt sich eins im Schlaf, beginnt ein Rücken und Zucken und Übereinanderschlagen, bis das Gliedergefüge neu sortiert zur Ruhe kommt. Durch die Fenster fällt waagrecht die Sonne; so früh ist die Landstraße noch ausgestorben.

Die Beine sind müde: Sie haben die halbe Nacht getanzt, wie jede Nacht in den 26 Wochen, die sie nun schon touren. 50 Tänzerinnen einer Mor-Lam-Show. Mor Lam heißt die traditionelle Musik des Isan, der großen Region in Thailands Nordosten. Zur Show gehören noch zwei Dutzend Musiker und Sänger; und der Star: Siriporn Amphaipong. Auf Plakaten am Straßenrand prangt groß ihr Name. Heute singt sie in Ban Taleaw, einem winzigen Dorf bei Suwannaphum. Dem Bus voller Mädchen folgen einer mit den Männern und sieben Lastwagen. Sie kommen mittags an, wenig später ist die Truppe schon unter Johlen und Kreischen im nahen Fluss gelandet.

Die Arbeit beginnt, sobald es dämmert - mit einer großen Verwandlung. In der Höhle unter dem Bühnengerüst werden Wimpern angeklebt und dick getuscht, Brauen überpudert, in hohem Bogen neu gezogen, Augen dunkel umrandet, Glitzersterne auf gerougte Wangen getupft, Haarteile kunstvoll befestigt. Jungen und Mädchen verbrauchen die gleiche Menge Schminke. Am Nachmittag waren sie ausgelassene Kinder; jetzt sind sie Revueschönheiten, Paradiesvögel, Nachtgewächse.

Numnin ist eine Femme fatale mit unergründlichen feuchten Augen und unter engem Kleid fantastisch gerundeten Hüften. Sie teilt sich Ventilator und Schmink-Utensilien mit Koy, gemeinsam stehen sie auch auf der Bühne. Die beiden haben eine lange Nacht vor sich: Ihr Teil der Show - Mor Lam Reuang, die gesungene Erzählung alter Isan-Epen - beginnt um ein Uhr nachts und geht bis sechs Uhr morgens. Keine Zugaben, das reguläre Programm. Jetzt ist es acht. Die Musiker testen die Akustik, und trotz der Lautstärke schlafen Bühnenarbeiter und Fahrer auf den Busdächern und den Ladeflächen der Laster. Zwischen den Wagen wird gekocht und gegessen.

Das gelbliche Licht der Glühbirnen, ein gesprungener Spiegel, Leinen voller Glitterkostüme über der staubigen Erde: Wanderzirkusromantik. So romantisch wie das Campieren auf freiem Feld bei 40 Grad Hitze, lange Fußmärsche zur nächsten Dusche, der Regen, der aus dem Lager manchmal eine einzige riesige Pfütze macht. "Die Menschen aus dem Isan sind Strapazen gewöhnt", sagt der Manager, ein Mann in den Sechzigern mit prall vorspringendem Bauch und wolligem Kraushaar. Er sitzt an einem kleinen Tisch hinter der Bühne, um sich eifriges Getriebe, vor sich einen Haufen Papiere, und schreibt und rechnet. Kommt eine Tänzerin auf dem Weg zur Bühne vorbei, hält sie kurz inne und faltet die Hände zum wai.

Der Manager quittiert den Gruß mit wohlwollendem Nicken. Sie nennen ihn Papa. Wenn zwei aus der Truppe sich verlieben, redet er mit den Eltern, wird jemand krank, bezahlt er den Arzt; er erledigt ihre Bankgeschäfte. Papa stammt nicht aus dem Isan, sondern aus chinesischer Familie in Bangkok - ein Umfeld, in dem Mor-Lam-Musik so exotisch ist wie afrikanischer Stammestanz.

Siriporn lernte er vor elf Jahren durch einen Bekannten kennen. Sie waren damals beide ohne Glück. Er hatte gerade seine Frau verloren, ihrer Mor-Lam-Gruppe wollte nach ein paar erfolglosen Alben niemand mehr einen Plattenvertrag geben. Er war Geschäftsmann und sah es als Investition, ihnen zu helfen. Und er hatte innerhalb kurzer Zeit viel Geld verloren, als er seinen Fehler bemerkte: Die Buchhaltung durfte man diesen Leuten nicht überlassen. Er nahm sich der Sache selber an. So wurde er zum Oberhaupt einer großen Familie. Und während sein leiblicher Nachwuchs sich in Bangkok um die Geschäfte kümmert, fährt er mit der Show über die Dörfer, isst gebratenes Hähnchen auf einer der großen Blechtruhen für die Kostüme und sitzt - ein zufriedener Patriarch in immer neuen Blumenhemden - halbe Nächte im Gewummer aus den Boxen. Was ihm an Mor Lam gefällt? "Es ist Poesie in diesen Liedern.

Sie erzählen, wie man im Isan morgens den Wasserbüffel aus dem Stall holt, wie der Geschmack eines Bambus-Currys die Gedanken zu einem bestimmten Mädchen führt." Im restlichen Thailand hat sich das Leben zu schnell verändert, nun ist alles modern, statt Büffel gibt es Traktoren, wo soll da Poesie herkommen? "Wie man im Fernsehen die Ölpreise verfolgt - davon kann man nicht singen." Die Lieder aus dem Isan sind oft traurig und sentimental, manchmal rebellisch, thailändischen Blues hat jemand Mor Lam genannt. Er wird im ganzen Land gehört, denn er begleitet die Menschen aus dem Nordosten. Ihre Heimat ist karg, so trocken, dass es oft nicht zum Leben reicht. Also gehen sie weg, meist nach Bangkok.

Ihre Musik nehmen sie mit; wer aus einem verschlafenen Dorf inmitten von Reisfeldern in die laute Hauptstadt kommt, dort oft mit Geringschätzung behandelt wird (denn Isan-Leute gelten als großherzig und lebenslustig, aber auch als hinterwäldlerische Bauerntölpel), der kann ein paar Lieder gebrauchen. Lieder, die meist genau davon handeln: vom Weggehen; von Liebesversprechen, die auf dem Dorf gegeben und in der Stadt gebrochen wurden. Von Heimweh und Erinnerung. "Ich war ein Bauernmädchen, zu arm, um zu studieren, doch deine Liebe verleiht mir ein Diplom des Herzens". Eine schmeichelnde Melodie, eine heisere Frauenstimme voll unbestimmter Sehnsucht.

Parinya jai, "Diplom des Herzens", ist Siriporns bislang größter Hit, seit Wochen spielen sie das Lied auf allen Sendern. Es verbreite ein Gefühl von Wärme, sagt die Sängerin, deshalb der Erfolg: Die Menschen bräuchten das in diesen schwierigen Zeiten. Denn Thailand spürt noch die große Wirtschaftskrise von 1997; und seit das hochfliegende Bangkok die spektakuläre Bruchlandung hinlegte, hat der Westen an Strahlkraft verloren, ist Thai-Kultur wieder beliebt. Eine Radiostation spielt rund um die Uhr Folkmusik. Niemand rümpft die Nase, wenn Siriporn bei ihren Fernsehauftritten im Dialekt des Isan spricht, der eigentlich laotisch ist.

"Ich liebe den Isan. Hier lebt es sich leichter: Wir geben nicht viel auf Konventionen." Sie lacht tief und kratzend. Sie hat hohe Wangenknochen, eine schmale Nase und Katzenaugen, und ihre Lippen sind fein geschwungen. Eine ungewöhnlichschöne Frau, doch ihre Schönheit ist spröder als in diesem Land verbreitet, und sie strahlt eine zähe Kraft aus. Mit neunzehn kam sie zum ersten Mal in die Hauptstadt. Sie ging ins Studio, nahm an einem Tag zwölf Lieder auf und fuhr wieder nach Hause. Um länger zu bleiben, hatte das Geld nicht gereicht. Sie hat die Ochsentour hinter sich - jetzt hat sie es geschafft: "Mich haben die Sterne hierhergebracht."

Dabei ist es noch immer eine Ochsentour: sieben Monate unterwegs, über 200 Konzerte, danach die Plattenaufnahmen, in fünf Monaten drei Alben. Doch stolz sagt sie: "Das hier ist das Leben von 300 Menschen." 130 fahren auf der Tour mit, fast alle sind Verwandte. Die Show hat angefangen. Ein schmalschultriger Junge mit steil in die Höhe gegelten Haaren singt einen string- Song, das ist thailändische Popmusik. Die Bewegungen der Tänzerinnen lassen keinen Überdruss erkennen.

Auf dem Platz vor der Bühne sitzen etwa 3000 Zuschauer am Boden, Frauen und Männer, Teenager, Alte, Kinder. Ganz vorn tanzen ein paar Jungen; sie haben viel zu viel getrunken. Ringsum sind Stände aufgebaut, es gibt süßen Reis in Bambusrohr und getrocknete Tintenfische, die aussehen wie aus Pergament und einen süßlich-salzigen Geruch verbreiten. Bei einem Gewinnspiel versuchen junge Mönche, Plastikringe über die Hälse von Limonadenflaschen zu werfen.

25-mal wechseln die Tänzerinnen an einem Abend das Kostüm - 25-mal runter von der Bühne, ein Tüll-Federn-Fransen-Taft-Rüschen-Pelz-Perlen-Schleifen-Ungetüm ab und das nächste überstreifen, Schweiß abtupfen, auf dem Weg zur Treppe einen neuen Kopfputz greifen, ein letzter Blick in den Spiegel, rauf auf die Bühne; und zu allem tragen sie ein strahlendes Lächeln. "Das Lächeln ist das wichtigste", sagt der Choreograph, ein feingliedriger, hohlwangiger Mann, der früher selber tanzte. Und die sexy Kleider - "für die Männer im Publikum."

Die Kostüme sind seine Entwürfe. Er lässt sich von alten Hollywoodfilmen inspirieren, auch vom Fernsehballett. Gestern Nachmittag haben die Mädchen einen neuen Tanz einstudiert, offenmundig bestaunt von ein paar Knirpsen aus dem Dorf - einer perfekten Idylle aus Holzhäusern, Reisstrohhaufen und grauen Rindern unter Mangobäumen. Plötzlich tauchte Koy auf, Numnins Partner. Er hielt eine Cola-Flasche mit durchsichtiger Flüssigkeit in der Hand, und über dem blassen Dreieck seines Gesichts lag eine merkwürdige Spannung; als könne es jeden Moment aus den Fugen geraten. "Ich habe getrunken und geweint, jetzt geht es mir besser", bemerkte er nüchtern. So mache er es manchmal, wenn er sich einsam und müde fühle. Er zog ein Bild seiner Tochter aus der Tasche.

Koy hat diesen Hang zu melodramatischen Sätzen. "Im Isan haben alle ein gebrochenes Herz", oder: "An einem traurigen Tag werde ich in den Spiegel schauen und viele Falten sehen. Dann ist es Zeit, mir etwas anderes zu suchen." Er spielt mit dem Gedanken, eine Wäscherei aufzumachen. Um halb zwölf tritt Siriporn auf. In einem nachtblauen Kleid steht sie noch unten an der Bühnentreppe, aber sie singt bereits, eine Strophe lang hören die Zuschauer nur ihre heisere, wunderbare Stimme. Was für eine eigenartige Stimme, sagten die Leute in dem Dorf bei Udon Thani schon, als sie noch ein Kind war. Was für eine traurige Stimme, sagt Papa. Was würde Nin für so eine Stimme geben. Ihre wurde bei dem Wettbewerb in Bangkok für zu schwach befunden. Also tanzt sie weiter.

Seit sie zwölf ist, tanzt sie in der Show: Ihre Eltern hatten Siriporn gebeten, sie mitzunehmen. Jetzt ist sie 21, ein groß gewachsenes, hübsches Mädchen, das in Cargo-Hosen aussieht, wie MTV entsprungen, aber sich selber am besten in traditioneller Isan-Tracht gefällt. Sie wird noch ein paar Jahre tanzen, und von der Hälfte der Gage, die sie nicht nach Hause schickt, so viel wie möglich sparen. Irgendwann soll es reichen,um zu studieren. Sie will jetzt Ingenieurin werden. Später in der Nacht lesen die Tänzerinnen Heftromane, und ihr Lehrer näht Pailletten an Jackenaufschläge.

Auf der Bühne hat der Marathon des Mor Lam Reuang begonnen. Koy und Numnin sind das Königspaar, dem der Sohn abhanden kam. Am Ende werden alle glücklich vereint sein, doch bis dahin sind es viele Verwirrungen und Intrigen, eine komplizierte Geschichte, es dauert lange, sie zu singen. Sie singen, bis die Sonne aufgeht und das Gleißen der Scheinwerfer im Tag verschwimmt, und während sie noch singen, fangen die Bühnenarbeiter schon an, das Gerüst abzubauen, Mädchen klettern aus den Hängematten, zwischen denen jetzt Hähne herumstolzieren, der Duft von frisch gedämpftem Klebereis für das Frühstück weht herüber. Und noch immer sitzen Frauen gebannt zuhörend auf der Klosterwiese, schlafende Kinder im Arm, und die Jungen, die jetzt noch viel stärker betrunken sind, tanzen. Endlich verklingt der letzte Ton. "Wir müssen uns beeilen, es geht gleich weiter."

Mit einer einzigen Bewegung entledigt Koy sich des Kostüms und der Klunker, wirft alles in eine Kiste. In zwei Stunden sollen sie schon auf einer Kirmes in Kosum Phisai sein. Vor großem Publikum werden sie sich auf einer zu kleinen Bühne drängen. Es wird noch ein wenig heißer sein als an den vergangenen Tagen; und im gnadenlosen Sonnenlicht werden die Kostüme zu grell und ein bisschen billig aussehen, die Nylonstrümpfe stumpf, das Lächeln müde. Doch bis der Regen anfängt, sind es nur noch drei Wochen. Er setzt der Tour ihr natürliches Ende: Viele in der Truppe gehen dann zu ihren Familien zurück, Reis pflanzen helfen.

Fünf Monate lang wird ihr Leben im ruhigen Rhythmus der Feldarbeit verlaufen. Dann geht die Show weiter. Im Bus nach Kosum Phisai fällt Numnin sofort in Tiefschlaf, eine giftgrüne Stoffpuppe fest umklammert. Sie ist wieder das mondgesichtige Mädchen mit den etwas zu vollen Oberarmen. Sie hat einen Liebsten, aber der ist in Bangkok um Geld zu verdienen. Seit Monaten haben sie nur telefoniert. Sie ist sich nicht mehr so sicher - vielleicht hat er längst eine andere getroffen? Die alte Isan-Geschichte. Siriporn wird am Abend ein Lied davon singen.

Autor:
Barbara Baumgartner