Thailand Reisende ohne Respekt

In wenigen Tagen sollte es auf Ko Phangan den nächsten "Full Moon Rave" geben. Das Oberdeck der Fähre war mit Rucksacktouristen eng besetzt. Die meisten lösten Kreuzworträtsel oder schliefen. Selbst als die Berge und die blendend weißen Strände der Insel im Golf von Thailand auftauchten - ein fast schon unwirklich schöner Anblick, bei dem einem spontan Bounty-Reklamespots einfielen -, schien das niemand zu sehen. Auch als wir in einer glitzernden Bucht anlegten, blieben Sonnenbrillen und Walkmen an Ort und Stelle, wurden Rucksäcke wortlos auf dem Kai abgesetzt. Dann holperten ein Dutzend Pick-ups an den Hafen, die Fahrer schrien "Taxi!" - und mit einem Mal waren alle wach.

"Hundert Baht?" Das waren 2,50 Euro. "Pro Kopf? Bei zehn Mann?" Junge Männer drängten sich um die Taxifahrer und gestikulierten wild mit ihren braungebrannten Armen, um zu zeigen, wie sehr ihnen der Tarif gegen den Strich ging. Etliche warfen ihre Rucksäcke auf die Ladefläche, um sie sich sofort wieder schnappen zu können, wenn der Fahrer nicht mit dem Preis herunterging. "Zehn Mann zu je 100 Baht - das sind 1000 Baht!" brüllte ein junger Israeli. Er war groß und drahtig, und seine vor Wut angespannten Nackenmuskeln traten weit hervor. Er rückte dem Fahrer bedrohlich nahe. "1000 Baht! Das ist eine Menge Kohle für dich!"

Wir beschlossen, zu Fuß zu gehen. Den Weg in den Hauptort Hat Rin säumten schäbige Holzhütten; manche dienten als Kneipen, doch die meisten waren entweder Läden für Gummischlappen oder Internet-Cafés oder beides zugleich. Die Rucksacktouristen auf Ko Phangan waren sich auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich. Alle sahen gut aus, wie junge Leute aussehen, wenn sie ein paar Kilo abgenommen und sich daran gewöhnt haben, fast halb nackt herumzulaufen. Der Dresscode kam einem ungeschulten Auge lässig und locker vor. Man brauchte ein, zwei Tage, um die strenge Hierarchie der Stilregeln zu erkennen.

Eine Birkenstocksandale sah nicht sexy aus, ein sexy gestylter Schuh kam aber auch nicht in Frage. Flip-Flops waren ideal, weil sie auf Genügsamkeit, Lässigkeit und die Behändigkeit einer Bergziege schließen ließen. Die korrekte Positionierung des Knotens im Sarong war ebenfalls von Bedeutung; einmal beobachteten wir eine junge Frau, wie sie eine Viertelstunde lang vor einem spiegelnden Fenster stand und verstohlen den Knoten an ihrem Sarongband, wieder löste und neu band. Bei den Bikinis waren nur äußerst knapp geschnittene Modelle erlaubt, Körbchen mit Bügeln hätten zu sehr nach C&A ausgesehen. Unverzichtbar war Ethno-Schmuck - zu viel davon verriet allerdings den Enthusiasmus des Amateurs. Weibliche Reisende, die auf Eleganz achteten, rollten den Bund ihrer Röcke bis auf die Hüftknochen herunter. Freundlich sein hieß unerfahren sein und war unter allen Umständen zu vermeiden.

Man schien lieber E-Mails zu verschicken, als sich zu unterhalten; in den Internet-Cafés herrschte ein solcher Andrang, dass es ein Leichtes war, unbemerkt fremde Post zu lesen. Ein hoher Prozentsatz begann mit dem Betreff "Hangover", und erstaunlich viele junge Männer erzählten ebenso sachkundig wie abgebrüht von der Sexindustrie Bangkoks. Mittelstandskinder schickten sarkastische Berichte an ihre Väter ("Was Frauen so alles mit Pingpongbällen anstellen können, ist hochinteressant"), kecke Varianten an die Mütter ("für gerade mal 200 Baht wollte man mit mir ins Bett gehen"), und ähnlich lockere, aber ungleich drastischere Schilderungen an Freunde.

Junge Männer brüsteten sich gern, wie wenig Ahnung sie davon hatten, was gerade in der Welt vor sich ging; wurde einer dabei ertappt, über das Tagesgeschehen Bescheid zu wissen, war das ein schlimmerer Fauxpas als ein falscher Knoten im Sarong. Stattdessen begann das beliebteste, wenn nicht gar einzige Gespräch stets mit "Es ist angeblich irre billig dort". Schon spitzten alle die Ohren. Angeblich waren die "Mountain Sea"-Bungalows irre billig. Eine junge Französin gab uns diesen Tipp an unserem ersten Tag auf Ko Phangan. Sofort standen zwei große blonde Engländerinnen am Tisch: Wie billig? Wo? Wie sehen die Bungalows aus?

Wenig später brachen wir alle zum "Mountain Sea" auf. Wir trafen den Besitzer auf der Veranda, wo ihm gerade eine hübsche Italienerin wegen der Rechnung eine Szene machte. "Sieh dir doch mal an, wo wir hier sind!" Mit ausladender Geste wies sie auf die Bucht und den Strand und stampfte dann wütend auf. "Und wir zwei streiten um Geld!" Grund ihres Zorns war, dass das "Mountain Sea" aus Anlass der Full Moon Party seine Preise um ein paar Baht erhöht hatte; da mehr junge Leute anreisten als es auf der Insel Betten gab, war dieser Aufschlag üblich, sobald eine Party anstand. Wir nahmen ein Zimmer. Die beiden Mädchen aus London weigerten sich - "aus Prinzip"- und rauchten eine Solidaritätszigarette mit der Italienerin.

"Das ist doch widerlich", schimpften sie; "das darf man diesen Gangstern auf keinen Fall durchgehen lassen." Kate und Suzie waren frisch gebackene Juristinnen und mittlerweile um die halbe Welt gereist. Ärger und Verdruss schienen das dominante Thema ihrer Reise zu sein. Egal, wo sie hinkamen, erzählte Kate, immer waren die Preise weit höher als man ihnen zuvor berichtet hatte. Suzie wünschte inzwischen, sie wären von vornherein nach Indien geflogen. Die Thai waren einfach zu habgierig. Thailand war am Ende, kommentierten die beiden, Thailand war total verdorben. Schließlich übernachteten sie bei uns im Zimmer auf dem Boden.

Tagsüber dösten sie am Strand, übten sich im Jonglieren, ihrem neuen Hobby, oder addierten auf den leeren Seiten ihrer Taschenbücher Zahlenreihen, um zu sehen, wie viel Geld sie ausgegeben hatten. Ihre Reise um die Welt sollte zwölf Monate dauern, doch allem Anschein nach ging die meiste Zeit damit drauf, Geld einzusparen - ein Streben, dem beide moralische Bedeutung beimaßen. "Kauft das bloß nicht hier!", schalt Suzie in Läden wildfremde Leute, "da drüben ist es zehn Baht billiger." Ähnlich begeistert hockten die beiden bis in die frühen Morgenstunden mit anderen Rucksacktouristen zusammen und tauschten Tipps aus, wo in der Welt man es am besten vermeiden konnte, sein Geld auszugeben.

Kate und Suzie hatten es sich auferlegt, mit nur 500 Baht am Tag auszukommen. "He, mir bleiben gerade mal 500 Baht pro Tag zum Leben, kapiert?", erinnerte Suzie mit Nachdruck jeden, der es in ihren Augen daran fehlen ließ, alle nur erdenklichen Zugeständnisse an ihre freiwillig gewählte Armut zu machen. Ich schlug Suzie vor, sie könnte bei geringfügig kürzerer Reisedauer über ein größeres Budget verfügen und müsste dann nicht dauernd ans Geld denken. "Aber man braucht doch ein Jahr", fiel sie mir verdutzt ins Wort. Wie Suzie die Dinge sah, war dieses volle Jahr Auszeit ein Grundrecht aller Uni-Absolventen - und die Dritte Welt hatte gefälligst dafür zu sorgen, dass die jungen Reisenden mit ihrem Etat klarkamen.

Tatsächlich war Thailand nach der Finanzkrise 1997 ein tropisches Billigparadies, das sogar mit Goa mithalten konnte. Es sprach sich herum, dass man hier mit nur 200 Baht am Tag wie ein Fürst leben konnte. Zum Glück für die Thai war das größte Elend jetzt vorbei. Rucksacktouristen legten diese Entwicklung aber offenbar als Wortbruch aus. Die Mehrzahl reagierte regelrecht entrüstet auf die ersten Ansätze zur Überwindung der Wirtschaftskrise und interpretierte die Preissteigerung als handfesten Beweis für Habgier.

Nach ein paar Tagen überließen wir Suzie und Kate unser Zimmer und fuhren ein Stück die Küste hinauf zu einer Ferienanlage, die weitab von jedem Trubel versteckt im Urwald lag, und wo wir - so hatte man uns wenigstens berichtet - das wahre Thailand finden könnten. Glaubte man der Selbstdarstellung des "Sanctuary", fanden hier all jene Reisenden ein Refugium, die eine fremde Kultur erleben wollten, nicht nur ein Discount-Land.

Die Anlage bestand aus einer pittoresken Ansammlung von Holzpodesten und Veranden, die mitten in den Klippen einer weltabgeschiedenen Bucht auf Stelzen standen; überall niedrige Tische und Kissen und Hängematten, Sie erwarten ein tropisches Billigparadies mit fürstlichem Service und im Hintergrund erklang Ethno-Sound, bestens geeignet, die Gäste in Trance zu versetzen, während unter ihnen die Wellen an den Strand plätscherten. Die Frau an der Rezeption sprach mit leiser, verträumter Stimme und schien eher zu schweben denn zu gehen. Die meisten Gäste versuchten sie zu imitieren, daher wurden wir bei unserer Ankunft mit Nicken in Zeitlupentempo und dem scheuen Ansatz eines Lächelns samt gewispertem Willkommen begrüßt. Nach dem Essen zahlten wir nicht, sondern nannten der Kellnerin unsere Vornamen.

Bis zur Abreise wechselte kein Geldstück den Besitzer, ebenso wurde die Rechnung auf unsere Namen und nicht etwa auf Zimmernummer geführt. "Als Gast des Sanctuary", bekam jeder, der es nötig hatte, vor Augen gehalten: "bist du keine Nummer, sondern ein Individuum." Wir empfanden es als Erleichterung, Tage zu verbringen, ohne dass jemand über Geld redete. Andererseits entsprang dieses System einem klugen Entschluss des Eigentümers, denn im Refugium bezahlte man mindestens das Doppelte des ansonsten Üblichen. Die Anlage gehörte einem Iren, und auch die übrigen Mitglieder der Geschäftsführung kamen aus Europa. Sie verkauften das "Sanctuary" als unverfälschtes Thailand - und ironischerweise waren sie inmitten thailändischer Betriebe die einzigen, die es schafften, den Rucksacktouristen überhöhte Preise abzuknöpfen.

Die Gäste sprachen mit lautem Seufzen von den anderen Rucksacktouristen, den ungehobelten Horden mit ihren "Lonely Planet"-T-Shirts, die Thailand keinen Respekt zollten; in bemerkenswerter Umkehrung alles bislang Gewohnten war jedermann regelrecht stolz darauf, die gepfefferten Preise des "Sanctuary" zu bezahlen. Es war, als wollten die Gäste ihre Authentizität als Reisende dadurch beweisen, dass sie aus Prinzip mehr Geld hinblätterten und nicht etwa weniger.

Am nächsten Abend sollte die Full Moon Party steigen. Die ganze Bucht von Hat Rin war dekoriert - in den Klippen funkelten bunte Lichterketten, dazu jagten Stroboskope Blitze über den Strand und brachten Monde aus phosphoreszierendem Seidentuch zum Leuchten, die von langen Stangen wehten. Der Effekt war gespenstisch und unerwartet schön. Die Gäste hatten sich schick gemacht. Die jungen Frauen trugen knallbunte, hautenge Hosen, die Männer in ironischer Imitation von Landstreichern Pudelmützen. Man trank Bier, schluckte Speed oder magic mushrooms und tanzte (abgesehen von den Unglücksraben, die die Halluzinogene nicht vertrugen und stumm in den Sand stierten).

Die Tänzer tapsten jeder für sich im Kreis herum. Je länger die Nacht dauerte, desto weniger Leute tanzten, dafür hatten sich Tausende auf den Rücken gelegt, rauchten und redeten. Die Gespräche in den Grüppchen drehten sich meist um die Nachbarinsel Ko Samui, das abgeschmackte, Wächter, die die Insel Ko Phangan vor Bierbauchtouristen bewahren aufgetakelte Ko Samui. Als Wärter des Paradieses hatten die Raver, da waren sich alle einig, die Pflicht, Ko Phangan vor dem vulgären Geschmeiß jenseits des Wassers, den Bierbäuchen mitsamt ihren Kreditkarten, zu bewahren.

Die Sonne ging auf und beschien hunderte Haufen aus leeren Flaschen, Müll und erschöpften Tänzern. Männer standen bis zu den Knien im Meer und pinkelten. Da und dort wälzten sich Mädchen, die nach dem Abklingen der Aufputschmittel völlig fertig waren, schluchzend im Sand. Am fernen Ende des Strandes luden Taxifahrer junge Leute, die sich kaum mehr auf den Beinen halten konnten, in ihre Pick-ups. Wir bahnten uns einen Weg durch die Gestrauchelten und stiegen ebenfalls in ein Sammeltaxi. Doch gerade als wir losfahren wollten, kam ein hagerer junger Mann angestürmt und hechtete mit einem Riesensatz über die Heckklappe.

"Sagt ihm, ich zahl' nicht mehr als 30 Baht", lallte er zu unseren Füßen in breitem walisischem Dialekt. Der Fahrer verkündete ruhig, der Fahrpreis betrage 60 Baht. Der Mann aus Wales genehmigte sich einen Schluck aus einer Whiskyflasche, stemmte sich auf die Ellbogen und ließ den Fahrer wissen, er solle ihn am Arsch lecken. Lachen und laute Beifallsbekundungen bei den Leuten im Pickup, lautstarkes Hin und Her - erst sprangen alle von der Ladefläche, dann kletterten alle bis auf den Waliser wieder hinauf und willigten ein, den geforderten Preis zu zahlen. Der Fahrer bestand jetzt aber auf Bezahlung im Voraus.

Als wir unser Geld herauskramten, sprang der Waliser erneut auf den Wagen und legte eine Bruchlandung zwischen unseren Beinen hin. In aller Ruhe beugte sich der Taxifahrer zu ihm hinunter und verlangte das Fahrgeld. "Fuck off!", blaffte ihn der Waliser an. "Gib ihm jetzt einfach das Geld", sagte ich. "Nein, mir gefällt's, wenn sie sauer werden." "Gib ihm sein Geld." "Halt den Mund, ist doch nur Spaß!" "Verdammt, gib ihm jetzt das Geld!", schrie ich und hatte bereits ausgeholt, um dem Kerl eine zu knallen. Die übrigen Mitreisenden starrten mich erstaunt an, zwei Mädchen legten dem Waliser tröstend die Hände auf die Schultern. Noch immer wartete der Taxifahrer auf sein Geld.

Vorne, gleich hinter der Fahrerkabine, riss zwei schwedischen Skinheads die Geduld. "Fahr los! Fahr endlich los!", brüllten beide wie aus einem Mund auf den Fahrer ein, die Gesichter zu wutentbrannten Fratzen verzerrt, dazu stampften sie nach Leibeskräften auf den Blechboden. Im nächsten Augenblick brüllten und schrien alle an Bord auf den Fahrer ein - ein einziger Hexenkessel, bis zuletzt irgendjemand für den Waliser zahlte. Endlich waren wir unterwegs, holperten im Sonnenlicht des frühen Morgens über eine staubige Piste mitten durch den Urwald. Das Bündel zu unseren Füßen bewegte sich. Der Waliser rappelte sich hoch, rieb sich die Augen und nahm einen Schluck aus seiner Flasche, bevor er sie herumreichte. "War doch nur Spaß", sagte er und grinste, als er meinen Gesichtsausdruck bemerkte. "Bescheißen einen eh alle, die Drecksäcke."

"Wieviel verdienst du?" "1500 Pfund im Monat. Was dagegen?" "Keiner von uns verdient so wenig wie der Fahrer. Warum glaubst du, dass du ihn so behandeln kannst?" "Schenk dir deine Belehrungen. Ich bin auf Weltreise." "Das gibt dir noch nicht das Recht, dich wie ein Arschloch zu benehmen." Ich spürte, wie mich alle feindselig anstarrten. Die beiden Mädchen kraulten dem Waliser den Nacken; hinten an der Heckklappe schüttelte ein Mitreisender langsam den Kopf und stieß einen leisen Pfiff aus. Die Skinheads strafften die Schultern, dann sagte einer: "Du achtest besser auf deine Manieren, Mädchen. Ganz unnötig, gleich so grob zu werden."

Autor:
Decca Aitkenhead