Thailand Reise im Orient-Express

Es gibt einen Kanon mittelständischer Bildungsbürgerträume, zu dem der Besuch der Chinesischen Mauer zählt, einmal Nibelungen sehen in Bayreuth, die Liebe zu Frankreich und eine Reise mit dem Orient-Express. Danach kann man sterben.

Ich habe es überlebt, mein Intellekt funkelt wie der Abendstern am dunkelblauen Himmel über Thailand, und ich warte in der Lounge des , die mich an die VIP Lounge des Flughafens Bombay erinnert, der mich an ein heruntergekommenes Bahnrestaurant in Rumänien erinnert hatte. Die Klimaanlagen dimmen die Raumtemperatur auf Schweiz im Februar, nur damit man nicht bemerkt, dass man in Asien ist. Der Mensch könnte transpirieren, und das hasst er.

Zwei Stunden vor Abfahrt des von außen erlesen elegant wirkenden Zuges läuft der Reisende hier auf, um einzuchecken. Eine kleine, drollige Gesellschaft, das Durchschnittsalter um die Mitte 50, der Herr mit Bermudas oder gelblichen Baumwollhosen, die er aus rätselhaften Gründen mit einem Gürtel immer über dem Bauchansatz festzurrt. Die Damen tragen überwiegend dünne, traurig wirkende Gesäße in weißen Leinenhosen. Eine Frau führt einen großen, federbesetzten Hut mit sich. Vielleicht hat er ihr in einem Krieg das Leben gerettet.

Siebzig Prozent der Reisenden scheinen Briten zu sein, der Rest Franzosen und Amerikaner, die stolz sind auf die Erfindung ihres Landsmannes. Der eisenbahnverrückte James B. Sherwood lässt unter dem Signet "Orient-Express" Luxuszüge in der ganzen Welt rollen, in Schottland ebenso wie in Peru oder zwischen Venedig und Rom. Einmal im Jahr sogar auf der echten Orient-Express-Route Paris-Istanbul.

Der Hauptbahnhof Bangkok ist einer der ruhigsten Orte der Stadt, gesittet und reizend sitzen Thailänder zwischen ausufernden Gepäckstücken und warten geduldig, und die erste unangenehme Situation entsteht, als sich die ungefähr 60 Personen große Reisegruppe, Außerirdischen gleich, hinter einem uniformierten Orient-Express-Manager über einen zehn Meter langen blauen Teppich zum Zug bewegt. Die Passagiere beziehen ihre Kabinen, ihr kleines, eisgekühltes Zuhause während der nächsten drei Tage, da der Zug von Bangkok nach Chiang Mai im Norden fahren wird.

Auf den ersten Blick scheint alles so, wie man es sich vorgestellt hat. Agatha Christie fällt einem ein, der Film "Shanghai-Express" mit Marlene Dietrich, und alle Klischees scheinen sich einlösen zu wollen. Wohin man schaut, Rosenholz und Teak, alte Lampen, alte Teppiche, uniformierte Bedienstete. Die Waggons stammen aus Neuseeland und wurden in Singapur umgebaut und restauriert.

Warum nur ist es so saukalt, und warum lassen sich die Fenster nicht öffnen? Da sitzt der Reisende auf einem mäßig bequemen Sofa, schaut durch eine Doppelverglasung, wie der Zug sich langsam durch die Vororte Bangkoks schiebt. Luft möchte man, und zwar viel davon, und warme, den Rauch riechen, den man draußen sieht.

Das geht auf dem kleinen Balkonwagen am Ende des Zuges. Hier drängen sich die Raucher, trinken Cocktails und winken den Thailändern zu, die vor Hütten kauern, deren Existenz man in Thailand nicht mehr vermutet hatte. Diese lieben Einheimischen, wie sie Freude haben am Reichtum der Touristen. Eine Reise im Oriental Express ist ein teurer Spaß. Aber über Preise redet man nicht in unseren Kreisen, über Geld reden Proleten oder Neureiche, keineswegs die Zielgruppe der hier anwesenden Nostalgiker.

Vor Beginn der Zugfahrt hatte der Passagier sich zwischen verschiedenen Tagesausflügen zu entscheiden. Unternehmungen, die jeder Mensch, der bei Trost ist, unbedingt zu vermeiden sucht. Elefanten bei der Arbeit beobachten oder Tempel, am Nachmittag eine Einkaufstour in Seidenfabriken und Schnitzwerkstätten oder eine Stadttour mit Besuch von Seidenfabriken und Schnitzwerkstätten. Es steht dem Menschen auch frei, allein Chiang Mai zu erkunden oder im Zug auf dem Bahnhof acht Stunden herumzubringen. Aber das ist Zukunftsmusik.

Nachts bringt der Butler Whiskey oder warme Milch

Im Moment entfernt sich der weiße Tross vom Balkonwagen, um in seinen Kabinen den Afternoon Tea zu nehmen. In jedem Wagon steht ein Butler zur Verfügung, der ausnehmend reizend Silberkannen und feine Gebäckteile in die kleinen Löcher bringt. Tee trinken, Suburbs gucken, frieren. Das Schienennetz in Thailand ist noch komplett aus alter Zeit, der Zug wartet auf jede entgegenkommende Lok, es wackelt und ruckelt, und nach einer Stunde stellt sich bei den Besitzern schwacher Mägen ein Unwohlsein erster Güte ein.

Doch es bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn die erste Fütterungsgruppe macht sich fertig zum Diner. Alle Reisenden werden platziert und haben sich als Erwachsene verkleidet. Für Herren besteht Krawattenpflicht. Der Butler hat Hemden aufgebügelt, Sakkos geklopft, die Damen tragen Pumps. Gold und weiß.

An den Tischen entstehen Schicksalsgemeinschaften und die Gespräche ähneln sich. Man redet vom Reisen. Was man wo, wann, warum gemacht hat. Die Namen von Orten schweben durch den Raum, Restauranttipps, Angebergespräche erster Güte. Man lacht über abgenutzte Scherze, man zeigt sein interessantes Leben vor wie eine Visitenkarte. Einander verwirrend ähnelnde Menschen führen Erwachsenengespräche aus Satzbaukästen.

Das Essen ist hervorragend. Das lässt das nächste Thema der Reisenden entstehen: Gourmetrestaurants dieser Erde. Die Namen von Spitzenköchen fallen ins Essen, nicht zu lange geschwatzt, denn die zweite Essensgruppe kommt in einer Stunde. Sie warten bereits in der Bar, sie haben sich hübsch gemacht. Sie frieren.

Draußen ist es dunkel geworden. Der Mensch kehrt vom Diner zurück in seine Kabine, der Butler hat unterdes die Betten bereitet. Es ist furchtbar kalt, sehnsüchtig presst man das Gesicht an die Scheibe, draußen steht die Wärme, Feuer sind zu sehen, sonst nichts. Der reizende Butler bringt noch einen Whiskey oder eine heiße Milch, falls der Gast sich nicht schon zuvor in der Bar bei Pianomusik die Kante gegeben hat oder mit seinen neuen Freunden Bob und Mary aus Stratford-upon-Avon beim Kartenspiel im Salon die nötige Bettschwere fand. Die bitternötige. Denn es ist laut, es ruckelt, der Magen bäumt sich auf. Ungefähr 30 km/h hat der Zug drauf, der Schlafsuchende wird in seinem absurd unbequemen Bett hin und her geworfen, er betet. Und schläft ein, zwei Stunden, weil er einen Rausch hat.

Gerädert und gevierteilt wird man am Morgen vom Butler mit Frühstück geweckt, sehr früh, denn der Tag will mit Besichtigungen gefüllt sein, ich aber fliehe. Noch drei Nächte dieses merkwürdige Theater, das ist unvorstellbares Elend. So alt, dass man sich beweisen muss, dass man es geschafft hat, möchte doch keiner werden.

Und fliehend ist man erleichtert, und ein wenig traurig, ob all der Bilder, die vielleicht noch im Kopf auf Einlösung warten, denn man ahnt, dass die Erde in den meisten Fällen ein unangenehmerer Ort ist, als man sie sich in seinen Träumen denken kann. Die Fliehende kreist im sicheren Flugzeug über Chiang Mai und vermeint unten einen reizenden Zug auszumachen, in dem gut gekleidete ältere Menschen sitzen und sich gegenseitig versichern, wie schön sie es haben.

Autor:
Sibylle Berg