Thailand Low-Budget-Urlaub

Es ist genau zehn Jahre her, dass ich zum ersten Mal in Thailand war. Ich war Mitte zwanzig, das Studium war beendet, ich hatte wenig Geld, packte meinen Rucksack und flog los. Ich werde nie vergessen, wie ich aus dem Flughafengebäude in Bangkok trat, schwer an meinem Gepäck tragend, überwältigt von der Hitze, der brodelnden Feuchtigkeit. Wie mich die Stadt in ihren Bann schlug, mit ihrem Duft und ihren Ausdünstungen, ihrem Gold der Pagoden und der Armut der Bettler, mit ihren Ratten und mit Orchideen, Keksen und Räucherstäbchen befüllten Opferkörbchen inmitten des Straßenkehrichts. Ich setzte mich damals in den Nachtzug nach Süden, Richtung Krabi, Richtung Phuket.

Heute bin ich wieder da. Und - zum ersten Mal seit Jahren - wieder mit einem Rucksack unterwegs. Ich bin nicht mit dem Nachtzug gekommen, sondern mit dem Flugzeug. Der Phuket International Airport ist der zweitgrößte Flughafen des Landes, er schlägt im Jahr Millionen von Touristen um, die von dort direkt in ihre Holiday-Resorts verbracht werden.

Mein Rucksack ist der einzige auf dem Gepäck-Förderband, Phuket, sagt man, ist nichts für Rucksack-Touristen. Die Insel ist den Pauschalurlaubern und dem Luxussegment geweiht, Patong, die Touristenhochburg der Insel, zählt zu den teuersten Orten Thailands. Die Insel Phuket, mit dem Festland durch eine Brücke verbunden, ist fest in der Hand des Massentourismus.

Ich fahre zur ersten großen Bucht, dem Nai Thon Beach, steige aus dem Bus, schultere meinen Rucksack und versuche mein Glück. Billige Unterkünfte, nette Hütten, die man sich für wenig Geld mieten kann? Fehlanzeige. Es gibt großflächige Resorts, in denen hauptsächlich Paare oder Familien logieren, Kneipen sind rar, weil fast alle Hotels All-inclusive-Pakete anbieten. Die Preise sind sportlich: Ein Kaffee drischt mit umgerechnet drei Euro auf die Urlaubskasse ein, für die erste Nacht finde ich auch nichts anderes als ein Mittelklassehotel.

Wie das früher war, denke ich versonnen: Da schleppte man sich zum Busbahnhof, die Rucksäcke wurden auf dem Dach festgeschnallt, man rumpelte stundenlang bei kreischender Thai-Popmusik durchs Land, wurde an irgendeiner traumhaften Bucht ausgespuckt. Die Unterkünfte unterschieden sich nicht wesentlich voneinander, und daher fand man sich dann auf der Terrasse seines frisch angemieteten Bambushüttchens wieder. Zündete eine Petroleumlampe an, nahm einen Schluck vom Sang Thip, dem Thai-Whiskey, lauschte den Wellen, die sich am weißen Sandufer brachen und blieb dann erst mal ein paar Tage.

Weg hier! Denke ich am nächsten Morgen. Ich mache in Patong halt, einem sexgesättigten El Arenal, mit Großrestaurants, in denen alte Westmänner junge Thaifrauen ausführen, sich gegenüber sitzen und anschweigen. Und als wäre das alles noch nicht genug, bekomme ich auch noch Anzüglichkeiten vom Kellner zu hören. Raus! Sofort!

Endlich - keine Touristen mehr!

Recht entmutigt erreiche ich Phuket City, die Hauptstadt der Insel. Und mit einem Schlag ist alles komplett anders. Die Stadt ist berückend schön, sino-portugiesische Architektur, kleine Läden, geblümte Fliesen, verzierte Giebel, rote Laternen - und: keine Touristen! Ein Gewimmel, es ist Jahrmarkt und die Straßen können die schiere Masse der Menschen, Gerüche, Geräusche kaum fassen. Eine Bühne ist mit roten und gelben Tüchern umwunden, brüllend laute Musik schwappt aus den Lautsprechern, auf der Tanzfläche ist die Hölle los. Eine Traube von Zuschauern ballt sich um das Tanzpodest, drei alte Männer mit weißen Bärten, die lang sind und dünn wie ein Faden, sitzen in Unterhemden auf weißen Plastikstühlen, halten jeder eine beschlagene Flasche Chang-Bier in den Händen und schnippen gut gelaunt Zigarettenasche auf den Asphalt.

Kinder lassen meterlange Ketten von Knallfröschen knatternd zerbersten, in einem Chinarestaurant steht ein flauschiger Chow-Chow hechelnd auf einem der Tische und betrachtet interessiert die wogende Szenerie. Die Wirtin hebt ihn hoch, tritt mit dem Hund auf die Straße, wiegt ihre Hüften im Takt der Musik. Überall zischt es von heißem Öl, in dem Garnelen, Teigfladen, Kartoffelplätzchen frittiert werden, es kocht in hohen Töpfen, fette Brühe brodelt in den Buden und Ständen vor sich hin. Minispiegeleier wie aus der Puppenküche werden in Bananenblätterkörbchen geschichtet, Frühlingsrollen, kleine Knödelchen, Teigtaschen dampfen auf Holzrosten vor sich hin. In einem Trog wird ein Ziegenkopf mariniert, er trägt noch sein Fell, seine Ohren, die Augen sind blicklos. Khao pad, gemischter Reis, mie goreng, Nudeln aus dem Wok, Oktopus, Zuckerwatte, die Aromen diffundieren, es wird gebrutzelt, gebrüht, gebraten, saté wird gewendet, ein Bettler robbt durch die Menschenmassen. Es ist ein ohrenbetäubender Klangtaifun, der von jedem einzelnen Stand kommt, aus jedem Büdchen krachwummt es markerschütternd, Polizisten trillern mit ihren Pfeifen, dumpfe Bässe überlagern sich und alles ist Geschrei, Geschiebe, Geruch.

Südostasien! Erkenne ich begeistert wieder, genau, da bin ich jetzt! Ich suche mir einen Stuhl, der an einem der Stände steht, vor mir ein Bier, das umgerechnet 50 Cent kostet, die Wirtin bringt Reis, dazu Fisch und ein Trio infernalisch scharfer Saucen, ich verteile sie löffelweise über mein Essen und denke: Wunderbar, ich bin wieder dabei! Ich beziehe mein Hostel, das genau so ist, wie ich die Hostels von früher kenne, mit schmalem Bett, dünnem Handtuch, Geschrei auf dem Gang und der obligatorischen Kakerlake im Badezimmer, fast will ich sie freudig begrüßen. Es ist großartig.

Und bleibt von jetzt an auch so: Auf der Ostseite der Insel ist Thailand noch so, wie ich es liebe, wie ich es in Erinnerung habe. Ich fahre an Kautschukplantagen vorbei, dazwischen Urwald, die Landschaft in brüllendem Grün, dem saftigen Dunkeloliv von Palmen, von Gräsern, Bananenblättern und Stauden. Und immer wieder ragt aus dem Dickicht die Spitze einer Pagode, glänzend wie Gold. Ein Affe huscht eine Staude hinauf, eine Babybanane im braunen Händchen. Mit schwarzen Augen blickt er um sich. Um dann den Kopf zu wenden und sich mit dem Schwanz um einen Ast in die Höhe zu schwingen. Kokosnüsse hängen an Palmen, lila leuchten Orchideen, der Himmel ist blau und von Wattewölkchen behaucht, der Boden trägt schwer an seiner Fruchtbarkeit.

Ko Yao Yai - der glitzernde Moment

Ich will auf eine Insel - nach Ko Yao Yai, zwischen Phuket und Krabi gelegen. Und warte auf das Fährboot, das mich dorthin bringen soll, am Bang-Rong-Pier, im Nordosten der Insel. Ich spüre eine Leichtigkeit, als ich meinen Rucksack auf die Pier werfe, freue mich drauf, nicht zu wissen, wo ich heute Nacht schlafen werde, fühle mich frei. Boote dümpeln im seichten Wasser, die Luft steht, auf dem Ponton gibt es ein Restaurant. Die Köchin hackt Hühnchenteile auseinander, die Knochen splittern. Hinter der Tür mit der Aufschrift "Toilet" steht eine Keramikkloschüssel auf den bloßen Planken, unter ihnen das Wasser. Ich fühle mich beobachtet - ein Papageienfisch sieht mir in die Augen.

Weiter warten. Auf meiner Stirn steht der Schweiß, mein Körper gleitet von selbst in eine angenehme Halbliegestellung, man bewegt sich nicht mehr, wird zum Reptil. Hat weder Hunger, noch Durst, der Metabolismus entschläft, das Denken setzt aus, die Hitze ist das einzige, was jetzt wahrgenommen wird. Alles verlangsamt sich, alles wird Sirup, zähflüssig, Wasser wird Öl, Luft wird fassbar, der Himmel geliert.

Dann kommt das Boot schließlich, wir fahren durch das unglaublich brachiale Türkis der Andamanensee, wie Geisterfinger, wie Feenschlösser ragen die Kalksandsteinfelsen verwirrend bizarr aus dem Wasser, es ist ein Lummerland-Archipel, verzaubert und wunderschön.

Im Dunst der Abendsonne erreiche ich die Insel, kleine Pensionen liegen inmitten von Palmen und Dschungelgrün, und die ersten Düfte von gebratenem Knoblauch, von Ingwer, Sojasauce und Zitronengras steigen auf. Ich esse im "Café Heimat" eine Tom-Yum-Suppe. Sie wird von Yamalia serviert, die deutsch mit mir redet. Sie ist hier auf der Insel geboren worden, lebte später 15 Jahre in Südtirol, wo sie in einem Spa gearbeitet hat. Sie spricht italienisch, deutsch und englisch, sie hat gut verdient in Europa, zwei Kinder geboren - doch irgendwann wurde das Heimweh zu groß, sie kam wieder zurück.

Yamalia hat ihren Traum verwirklicht: Auf Ko Yao Yai hat sie ein Guesthouse und ein Restaurant eröffnet. Sie ist glücklich über ihr Leben. "Ich habe in Südtirol viel mehr verdient. Aber auch viel mehr ausgeben müssen, weil alles dort so teuer ist. Hier brauche ich nicht viel, ich muss viel weniger arbeiten. Ich pflege meine Blumen, koche, wenn Gäste da sind, und wenn keine Gäste da sind, ist es auch recht. Dann habe ich Zeit für meine Familie. Mir kommt mein Leben so viel gesünder und ausgeglichener vor als in Europa!"

Ein Häuschen aus Bambus, mit Terrasse und einer Petroleumlampe - meine Bleibe. Es raschelt und zirpt, Blätter streifen die Wangen, Wurzeln sind wie Stufen in die feuchte Erde gegraben. Ein Gecko wagt sich heran und richtet die Echsenaugen auf die Moskitos, die um den Lampenschein kreisen. Blitzartig schnellt seine Zunge hervor. Ein weißgelber Vollmond bescheint die Felsen, die aus dem Wasser ragen. Ich gehe ans Wasser, lege mich in eine Hängematte, vergrabe die bloßen Füße im Sand. Über mir leuchten die Sterne, heller und anders als daheim. Ich schaukle sanft hin und her, die Brandung rauscht leise, über den Sand huscht ein Krebs.

Und mir ist kurz, als würden die letzten zehn Jahre in sich zusammenschmelzen, als würde ich in meine Vergangenheit hinabtauchen und sie hoch holen, gebündelt in diesem einzigen, glitzernden Moment.

Autor:
Verena Lugert