Thailand Bizarre Tätowierkunst

Der Amuletthändler gibt sich wirklich Mühe. "Die Beine", sagt er zum x-ten Mal, "du kannst dir nie die Beine brechen. Häng dir einfach die Kette um den Hals." In seiner Hand baumelt ein goldenes Medaillon, ein Tempel im Miniaturformat, in dem ein kleiner Buddha lächelt. "Die Beine", beschwört der Mann. Und dann, als spiele er seinen letzten Trumpf aus, flüstert er: "Es schützt auch vor Schlangenbissen."

Atthavut Ninim bleibt ungerührt. Für den Sermon des Händlers hat der 28-Jährige bloß ein gleichgültiges Kopfnicken übrig. Beinbruch, Schlangenbisse, pah. Atthavut fürchtet weder blanke Messer noch Pistolenkugeln, nicht einmal schwarze Flüche. Atthavut hat die magische Rüstung.

Es ist ein Panzer, den er nie ablegen kann: Vom Hals bis zu den Hüften, an der Brust, am Bauch, am Rücken ist Atthavut tätowiert. Man erkennt ineinander verschlungene Tiere, sieht Stupas und Pagoden, deren Bausteine dunkle Buchstaben sind, in Kreise geritzte Zahlen, Schriftzeichen auf linierter Haut. All das vereint sich zu einem rätselhaften Muster. Nicht zu erklären eigentlich, doch Atthavut will es versuchen.

Er dreht sich, zieht ein Stück Haut über seiner rechten Niere glatt. "Das ist ein Löwe", sagt er, "er gibt mir seine Kraft." Das Raubtier bleckt die Zähne gegen ein Wildschwein über der linken Niere. "Das ist für ein langes Leben." Für denselben Zweck hat auch ein Affe auf seiner rechten Hüfte Stellung bezogen. Eine Kröte auf dem rechten Oberschenkel macht jegliche Kleidung zum Kugelfang. "Auf mich ist mal geschossen worden", berichtet Atthavut. Er zögert. "Das war in meinem anderen Leben, in meinem bösen Leben. Die Kugel streifte nur die Hose."

Und der Gecko auf seinem rechten Unterarm? "Der warnt mich vor Unheil." Ihm zu entgleiten, windet sich ein Aal um seinen Nacken. Kabbalistisch anmutende Diagramme stehen neben vedischen Zaubersprüchen. Rätselhafte Buchstaben reihen sich zu Ketten, sie sind die jeweils ersten Lettern aus den Kapiteln eines buddhistischen Gebetbuches. Alles zusammen bündelt die Kräfte der mythischen Kreaturen.

Tintenfischblut und Salamanderpulver

Lesen kann Atthavut die meisten Zeichen allerdings nicht. Viele sind in der Schrift der alten Khmer geschrieben. Schon vor 2000 Jahren beschrieben chinesische Reisende die machtvollen Hautbilder dieses Volkes. Sie haben sich mittlerweile über den gesamten südostasiatischen Raum verbreitet. "Reisen in früheren Tagen waren ein gefährliches Abenteuer", schreibt der thailändische Ethnologe Phya Anuman Rajadhorn. "Außerhalb der Obhut des eigenen Dorfes bedrohten menschliche Feinde und die phii, die bösen Geister, das Leben." Die Tätowierungen schienen ein wirksamerer Schutz als etwa ein lederner Büffelbalg. Außerdem schwitzte man darunter viel weniger.

Noch immer ist die Rüstung aus dem Saft geheimster Kräuter geschmiedet; Ruß, vermischt mit dem blauen Blut des Tintenfischs, hat sie gehärtet. Auch pulverisierter Salamander, der Saft bestimmter Bäume oder Büffelgalle werden der Tinte zugesetzt, sogar "Leichenfett" wird als Beimischung genannt. Stets ist es ein Mönch, der den Harnisch anpasst. Zu einem von ihnen, zu Luang Pee Pan, ist Atthavut heute unterwegs.

Denn seine Rundum-Sorglos-Haut ist noch längst nicht vollständig. Einmal im Jahr pilgert er darum zum Wat Bang Phra, einem Tempel im Distrikt Nakhon Chaisi, rund zwei Stunden Autofahrt nordwestlich von Bangkok. Dem vorletzten Abt des Tempels, Luang Pho Pern, war einst ein Tiger begegnet, als er meditierend im Dschungel saß. Der Tiger schlich um ihn herum, doch er griff nicht an. Er tat es auch nicht am nächsten Tag und nicht am übernächsten. Luang wurde klar, dass er über außergewöhnliche Kräfte verfügte. Kein echter Buddhist will das Gute nur für sich. Der Mönch besann sich auf das Tätowieren, jene uralte Methode, seine übernatürlichen Fähigkeiten auf andere zu übertragen. Er zog Schüler heran, die seither täglich tätowieren. Inzwischen ist Wat Bang Phra alljährlich im Frühjahr das Zentrum eines Spektakels.

Man kann den Tempel kaum verfehlen. Bereits Kilometer zuvor mündet die Straße in eine von Amuletthändlern gesäumte Gasse. Sie öffnet sich zum fußballfeldgroßen Tempelplatz. Einige hundert Menschen sitzen dort, die meisten mit geschlossenen Augen, sie meditieren. Von einer Tribüne herab schmettert ein Mönch heilige Gesänge. Hinter ihm steht die riesenhafte Statue des unheimlich begabten Abts. Er lächelt. Es ist ja auch zu komisch.

Denn immer mal wieder springt einer aus der Masse auf, die Finger zu Krallen gekrümmt, die Augen wild verdreht. Er brüllt, als reiße ihm jemand das Herz heraus. Dann rennt er, schreiend immer noch, auf das Denkmal zu. Kurz bevor es der Besessene erreicht, wird er von Ordnern aufgefangen. Sie pusten ihm ins Gesicht, jemand zupft ihn am Ohr, so plötzlich, wie der Ausbruch begann, ist er vorbei. Erschöpft schleicht der Mann zurück auf seinen Platz. Er war der Tiger auf seiner Brust, er war "sein Tier". Der Ausbruch war eigentlich eine Aufladung - der Abt hat das Tattoo mit neuer spiritueller Kraft gesegnet.

Wat Bang Phra ist heute das Zentrum des Kultes, dem inzwischen andere Tempel Thailands folgen, auch wenn er nicht buddhistischen Ursprungs ist. Bereits lange bevor der Abt auf den Tiger traf, gehörten die Körperbemalungen zum Alltag bestimmer Volksgruppen des Landes. Bergstämme im Norden unterzogen jeden pubertierenden Jugendlichen dem schmerzhaften Ritual, gedämpft allenfalls durch den Rauch von Opium. Ohne die "dunkle Haut", so glaubten sie, könne ein Mann für das andere Geschlecht niemals wirklich attraktiv sein. "Zehn oder zwanzig Decken können mich nicht so wärmen wie das tätowierte Bein meines Geliebten", lautet ein Sprichwort aus dieser Gegend.

Die Mönche werden mit Gefängnisstrafen bedroht

Die Sonne steht glühend am Himmel, unten brodelt ein Hexenkessel. Manchmal springen zwanzig, dreißig Männer gleichzeitig auf. Sie stolpern über Köpfe, treten gegen die Schläfen der Meditierenden. Doch nichts Schlimmeres passiert, einige Angreifer bitten hinterher bei den Attackierten um Entschuldigung. Es ist eine ausgesprochen höfliche Raserei.

Ein "Elefant" stampft laut trompetend auf den Altar zu, eine "Schlange" windet sich durch den Staub, eine "Affe" macht Mätzchen. Ein "Tiger" und ein "Wildschwein" starren einander lange in die Augen, plötzlich stürzen sie aufeinander los. Staub wirbelt auf, Menschen schreien, aber der bestialische Ringkampf endet so abrupt, wie er begann. Niemand ist verletzt. Schließlich, nach Stunden, endet alles in einem Ansturm der Massen auf den metallisch glänzenden Abt. Die Ordner pusten und zupfen an hunderten Ohrläppchen, Gartenschläuche, die geweihtes Wasser aus riesigen Almosenschüsseln verspritzen, bringen schließlich auch den Letzten zur Räson.

Immer mal wieder versucht der Staat, dieses Treiben zu unterbinden. Mönchen wird mit Gefängnis gedroht, sollten sie ihre Finger nicht von den langen Nadeln lassen, mit denen sie ihre Bilder und Zeichen in die Leiber ritzen. Bereits König Rama V. verbot im 19. Jahrhundert die Tätowierungen, da sie Zeichen der Sklaven seien. In der modernen thailändischen Gesellschaft gelten die großflächigen Tattoos weniger als Ausweis magischer denn krimineller Energie. Unverwundbar zu sein, unbesiegbar, wer hätte es nötiger als ein Gangster? Es hilft nichts, dass jedem neuen Bild ein Versprechen an den ritzenden Meister vorangehen muss, die übernatürliche Kraft nur zum Guten zu verwenden. Schon das Ausziehen des T-Shirts in der Öffentlichkeit gilt als Provokation, als aggressiver Akt, wenn darunter magische Malereien sichtbar werden.

Doch es sind im Wesentlichen rechtschaffene Bauarbeiter oder Feuerwehrleute, die sich die billige Lebensversicherung leisten. Es sind die Thaiboxer, denen etwa der Affe - qualifiziert durch seine kraftvollen Beine - zu finalen Kicks verhelfen soll. Es sind die Mopedfahrer, die sich wegen der magischen Schnörkel auf der Hand den Helm auf dem Kopf sparen. Und es sind auch Teenager, die sich wegen der blau schimmernden Narben unter Tarnkappen wähnen. Im Jahre 2002 kam es in einigen Bangkoker Schulen zu ausufernder Gewalt: Rivalisierende Gangs hatten ihre Unsichtbarkeit testen wollen. Die Armee rekrutiert mittlerweile niemanden mehr, der eine Tätowierung trägt. Der Markt hat reagiert: Neuerdings sind farblose Tinten aus Sesamöl erhältlich, welche die Bilder unter der Haut verstecken.

Aber zur Armee will Atthavut sowieso nicht. Er steht in einer langen Reihe und wartet Stunden, um zu Luang Pee Pan vorzukommen. Schließlich übergibt er einen orangefarbenen Plastikeimer, gefüllt mit Zigaretten, Toilettenpapier und Räucherstäbchen, an den Mönch. Es ist der übliche Lohn für ein neues Bild. Das nächste will Atthavut in die Kniekehle gestochen haben. Ein Penis mit gefiederten Schwingen soll es sein, aber er versteckt ihn nicht etwa aus Schamgefühl, obwohl man dies annehmen könnte. Ganz im Gegenteil: "Alles zwischen Hüfte und Knien ist besonders effektiv", sagt er. Und "effektiv" will er sein: "Ich habe eine neue Freundin", sagt er, "ich brauche Kraft für sie." Er lächelt.

Helfer halten ihn, während er auf dem Bauch liegt. Gebannt schauen die Umsitzenden zu. Auch Frauen sind darunter. Frauen? Erst auf den dritten Blick wird klar - es sind Transvestiten, kathoey. Auch wenn sie nicht so aussehen, sind sie immer noch Männer. Andernfalls dürfte der Mönch sie nicht berühren.

Mit einer langen Nadel in der Linken und seiner rechten Faust hämmert Mönch Luang das Motiv ein. Es ist dieselbe Nadel, mit der er bereits Dutzende Körper zuvor bearbeitet hat. Ein Lappen und ein Gebet haben sie desinfiziert.

Klosterkultur im Umbruch

Atthavut schwitzt, er stöhnt leise, während der kahlköpfige Mann im orange Gewand hämmert und Gebete murmelt. Kaum zwanzig Minuten dauert die Tortur. Schließlich haucht der Mönch seinen Atem auf die Stiche, er reibt über die noch rötlich schimmernden Narben, er singt leise. Erst jetzt, durch die Dreifaltigkeit von Gebet, Reiben und Gesang, ist die Tätowierung zu kraftvollem Leben erweckt.

Ein letzter Stich, ein Wisch über das neue Bild, dann noch ein kurzes Gebet - das geflügelte Glied ist fertig. Atthavut erhebt sich - an den unteren Körperteilen wundersam gestärkt für seinen ganz privaten Geschlechterkampf. Oben herum gefeit gegen alles und jeden.

Die Klosterkultur Thailands befindet sich im Umbruch. Seit der Währungskrise 1997 hat in der gesamten Gesellschaft die Bedeutung ökonomischer Werte gegenüber geistlichen enorm zugenommen. Für viele Klöster und Mönche heißt das: Sie müssen und wollen Geld verdienen. So haben sich etliche Klöster als Touristenattraktion aufgestellt. Weltweit bekannt ist heute das Tigerkloster Wat Pa Luangta Bua Yannasampanno, seit es vor einigen Jahren im US-Fernsehen vorgestellt wurde.

Hier leben Mönche mit rund 15 Tigern, die so zahm sind, dass auch Besucher mit ihnen spielen können. Das allerdings kostet: Eintritt 6 Euro, Tigerkraulen 20 Euro extra. Damit sich das lohnt, darf die Schmuserei nur Sekunden dauern, dann ist der nächste Besucher dran.

Dem Tigerkloster wurde wiederholt Tierquälerei vorgeworfen, die Tiere würden geschlagen und mit Steinen beworfen. Allerdings ist das nicht sehr wahrscheinlich, denn ein ausgewachsener Tiger würde sich so etwas kaum bieten lassen. Eher liegt der Verdacht nahe, dass die Tiger mit Drogen ruhiggestellt werden. Auch andere Klöster versuchen, Profite zu erzielen, und präsentieren den Besuchern Tiere (etwa Schlangen, Pferde, Krokodile) oder allerlei als Meditationskunst ausgegebene Jahrmarktattraktionen.

Dennoch spielen die Klöster im Alltag der Thais noch immer eine wichtige Rolle, und viele von ihnen haben sich sozialen Aufgaben verschrieben. So kümmern sich etwa etliche Häuser um die Behandlung drogenabhängiger Jugendlicher im Land. Das Kloster Thamkrabok hat es sogar zu internationalem Ruf gebracht: Der dortige Drogenentzug gilt als der härteste der Welt.

Autor:
Maik Brandenburg