Europop Größenwahn war gestern

Sibel Kekilli vor der Alexander-Newski-Kathedrale, Gala-Moderatorin Anke Engelke in den Gassen der malerischen Altstadt. Bilder wie diese werden uns an diesem Wochenende erreichen, wenn in Tallinn der Europäische Filmpreis vergeben wird. Nach Warschau 2006 findet die Glamour-Sause zum zweiten Mal in Osteuropa statt; mit dem Ausstatter Jaagup Roomet ist das kleine Estland immerhin in der Kategorie "Bestes Szenenbild" nominiert. Der passende Rahmen für die offizielle Vorpremiere zur Europäischen Kulturhauptstadt, die Tallinn - gemeinsam mit dem finnischen Turku - ab Januar 2011 beherbergt. Das Motto "Geschichten am Meer" hebt die maritime Poesie der alten Hansestadt mit Dichtertreffen, Song-Festivals und einer sommerlichen Windjammerparade aufs Schild. Insgesamt rund , die vor allem einen Zeitenwechsel im Kulturhauptstadt-Selbstverständnis widerspiegeln: Größenwahn war gestern.

Die kaum überstandene Wirtschaftskrise, die auch den Euro-Aspirant und High-Tech-Standort Estland schwer gebeutelt hat, zwingt zur Bescheidenheit. Das alte Reval mit seinen spitzgiebeligen Kaufmannshäusern muss mit Bordmitteln auskommen. Ambitionierte Stadtumbau-Projekte, wie es sie in den letzten 25 Kulturhauptstadt-Jahren immer mal wieder gegeben hat, kann und will sich das 400.000-Einwohner-Metropölchen nicht leisten. Der heitere Mittsommer-Geist und die nordische Gastfreundschaft müssen es diesmal richten.

Immerhin soll das Bewusstsein von Einwohnern und Gästen für die industriell verbaute Wasserfront von Tallinn geweckt werden, die in der sowjetischen Ära bis 1990/91 zudem als Sperrgebiet verschlossen blieb. Mit der neuen Ufer-Promenade und dem Umbau eines ehemaligen Wasserflugzeug-Hangars zum maritimen Museum schlagen sich "Die Geschichten am Meer" auch urbanistisch nieder. Ein erster Schritt, mehr nicht. Auf blumige Verkündungs-Rhetorik hat man dabei netterweise verzichtet. Die üblichen "kreativen Cluster" oder der "nachhaltige Stadtumbau durch kulturelle Intervention" scheinen in Estland noch fern. Tallinn 2010 wird eine Kulturhauptstadt des Machbaren.

Schließlich lebt die durchaus vorzeigbare Besucherbilanz in Tallinn von den zahlreichen Kreuzfahrt-Passagieren, die ab Frühsommer durch die Gassen stromern und sich von Studentinnen in Burgfräulein-Kluft in urige Hanse-Schänken lotsen lassen. Seitdem die Stadt über das Drehkreuz der Air Baltic in Riga ans europäische Günstigflugnetz angeschlossen ist, hat zudem der Party-Tourismus zugenommen. Bei meinem letzten Besuch bin ich mit dem Schnellboot aus dem knapp zwei Stunden entfernten Helsinki herüber gedüst, das mit finnischen Schnapsdrosseln bevölkert war, die einen schnellen und vergleichsweise günstigen Alkohol-Kick suchten. Und so fand sich auf dem zentralen Raekoja plats (Rathausplatz) eine bunte Mischung aus Kirchen-Fotografierern und Kampftrinkern zusammen.

Diesen prosaischen Alltag werden die Kulturmacher zumindest im Blickwinkel gehabt haben, wenn sie für den Juli 2011 zu Mittelalter-Tagen vor dem Rathaus rufen. Auch sonst ist das folkloristische Element mit allerlei Feuerzauber und der "Kulturerbe"-Reihe gut vertreten. Selbst die Avantgarde-Truppe NO99 setzt auf die anheimelnde Wirkung des Rustikalen, wenn sie ab dem Frühjahr inmitten der Altstadt einen mobilen Theaterbau aus 9000 Strohballen errichtet.

Die Tallinner Moderne mit seinen Skype-Erfindern und Bluetooth-Pionieren wird sich somit außerhalb der Altstadt abspielen. Etwa bei einem Streifzug durch das Hochhaus-Viertel oder im futuristischen Kunstmuseum von Architekt Pekka Vapaavouri, das 2008 zum "European Museum of the Year" gekürt worden ist. Dass die Vergangenheit bei aller digitalen Aufbruchstimmung stets präsent ist, zeigt ein Kulturhauptstadt-Programmpunkt, der den Veranstaltern sehr am Herzen liegt. Gemeinsam mit Turku geht man in Ausstellungen und Symposien dem schwierigen finnisch-estnischen Verhältnis zum großen und in der Geschichte oft übermächtigen Nachbarn Russland nach: Eine schwierige Historie, die nun in einer gemeinsamen Zukunft aufgehen soll.

Autor:
Ralf Niemczyk