Taiwan Die taiwanesische Bergwelt

Einfach nur festes Schuhwerk reicht, hieß es. Turnschuhe beispielsweise, bequeme Kleidung, eine leichte Jacke dazu - mehr müsse nicht sein. Schließlich, so hieß es, sollte es darum gehen, die Schönheit der taiwanesischen Bergwelt zu genießen, entspannt durchzuatmen und vom Wind den Kopf frei pusten zu lassen. Das chi, die Lebensenergie aufladen. Gemächlich wandern, nicht klettern. So etwa hieß es. Und wir haben geglaubt, was man uns sagte. Schön blöd. Unterschätze niemand die taiwanesischen Berge!

Bereits am Morgen, als auf etwa halber Strecke zwischen der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh und dem Hehuanshan Nationalpark im Mini-Bus der Bergführer zusteigt, beginnen wir zu ahnen, dass wir vielleicht doch etwas underdressed und etwas zu untrainiert sein könnten für das, was uns bevorsteht. Der sich da in den Bulli hinein schwingt sieht nämlich aus wie die taiwanesische Antwort auf Chuck Norris in dessen besseren Tagen: durchtrainiert und sehnig, das Gesicht von der Sonne gegerbt und längst gegen jede Sonnencreme resistent, die Füße in schweren Bergstiefeln, der Rest in skandinavischen Outdoor-Klamotten und am Hosenbund, stets griffbereit, Messer und Kompass.

Dass uns überhaupt ein Bergführer an die Seite gestellt werden soll für die angepeilte Lustwandelei in rund 3000 Metern, beunruhigt uns dabei erst einmal nicht: Irgendwer hat nämlich etwas von einem Gesetz berichtet, das Touristen vorschreibt, sich ab eben dieser Höhe nur unter professioneller Aufsicht und mindestens in Vierer-Gruppen zu bewegen. Dabei, so denken wir, muss es sich doch wohl um eine alberne Formalie handeln, die dem taiwanesischem Bürokratismus entsprungen ist. Eine dieser Regelungen, die man sich in fensterlosen Büros ausgedacht hat, vielleicht, um chinesische Touristen unter Aufsicht zu halten oder ehemaligen, verdienten Soldaten einen Nebenerwerb zu ermöglichen. Aber doch wohl nicht, weil es wirklich nötig wäre, um ahnungslose Touristen auf gefährlichen Trails zu schützen. Das mitleidige Lächeln aber, mit dem Bergführer Chen Tie-Qing auf unser Grüppchen blickt, spricht eine andere Sprache. Und lässt Schlimmes erahnen.

Doch erst einmal setzt sich der Bus wieder in Bewegung, um sich noch drei Stunden lang auf einer steil nach oben führenden, kurvenreichen, schmalen Straße durch die Postkartenlandschaften des Hehuanshan-Nationalparks zu quälen, dessen Berge sich malerisch eingedeckt von einem Teppich aus lila Rhododendren, sattem Grün, blauem Himmel und gleißendem Licht präsentieren. Alle paar Kilometer gibt es Foto-Stopps: Das Panorama, das sich auf dem Weg nach oben bietet, ist derart schön, dass es die Frage nach der Sinnhaftigkeit späterer Wanderungen aufwirft. Wozu noch kraxeln, wenn sich doch die Bergwelt auch mit dem Kraftfahrzeug so wunderbar und eindrucksvoll erfahren lässt? Aber das sagt natürlich keiner, und als wir im höchstgelegenen Hotel Taiwans, dem Sung-Hsueh-Lou (Schnee- und Pinienhotel, 3150 Meter Höhe) eingecheckt und festgestellt haben, dass wir hier oben eh nichts anderes machen können als Wandern, geht es los.

Es dauert indes nur wenige Meter, da haben wir nicht nur die Reiseleitung verflucht, die uns hier in Turnschuhen den Berg hinaufgeschickt hat, sondern auch längst vergessen, wie das steinerne Ungetüm heißt, das wir da keuchend erklimmen. Shihmenshan? Oder Hehuanshan-Hsi-Feng? Oder doch Chilaichushan-Feng? Egal, der Anstieg ist viel zu knackig und der Trail zu anspruchsvoll, als dass man sich mit solchen Kleinigkeiten aufhalten könnte. Außerdem ist es letztlich doch egal, weil die Berge hier eh alle über 3000 Meter hoch sind; alles in allem gibt es mehr als 100 im ganzen Land, die diese Höhe toppen. Der höchste in Taiwan, der Yushan, ist mit 3952 Metern gar der höchste Gipfel in ganz Ostasien.

Da verwundert es nicht, dass sich die Insel zunehmend auf dem internationalen Tourismus-Markt als Destination für Wanderer und Bergsteiger empfehlen will: Unzählige Pfade durchkreuzen Nationalparks wie den Kenting, den Yushan, den Yang Miongshan, den Taroko und den Shei-Pa-Nationalpark, vorbei an Naturspektakeln wie der berühmten Taroko-Schlucht in den Marmorbergen, an Wasserfällen, unberührten Bergseen und heißen Quellen. Insbesondere kurz nach Sonnenaufgang ist in den Bergen ein atemberaubendes Schauspiel zu beobachten: Wie in einem "sea of clouds" fließen dann die Wolken um die Gipfel.

Doch der Sonnenaufgang liegt schon rund zehn Stunden hinter uns, als wir auf unserer ersten Tour den Berg hochklettern und nebenbei, sicher ist sicher, Ausschau halten, ob sich nicht irgendwo im Gestrüpp vielleicht doch eine kleine Giftschlange versteckt hält. Es ist kühl, die Luft ist dünn, und wir frieren in unseren Shirts, obwohl uns noch am Morgen im heißen, stickigen Taipeh der Schweiß aus allen Poren geströmt ist.

Kein Bier für die Turnschuh-Bergsteiger

Eine aus unserer Gruppe - als erfahrene Kraxlerin hat sie der Reiseleitung von Anfang an misstraut und ihre alpine Funktionskleidung nach Taiwan importiert - ist uns mehrere Dutzend Höhenmeter voraus und meldet von ferne "Gipfel in Sicht", derweil uns Bildungsbürgern in Baumwolle endgültig die Luft knapp wird. Doch dann ist es soweit: Wir sind oben und vom Panorama überwältigt. "Die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler", zitiert irgendwer den guten alten Goethe. Dass der nie in Taiwan war, ist jetzt egal: Recht hatte er. Wir schweigen und lassen neues chí in unsere überforderten Zivilisationskörper fließen, derweil sich die Sonne langsam senkt und Bergführer Chen zum Aufbruch mahnt.

Zurück im Hotel, das so malerisch auf einem Plateau gelegen ist, dass der müde Wanderer bei seinem Anblick vor Glück fast weinen möchte, freuen wir uns auf ein wohlverdientes Bier. Ganz polyglott schlägt einer im Reiseführer nach, wie dieser Wunsch in dieser Herberge respektvoll zu kommunizieren sei: "Wo yao he pi jiu". Der Kellner aber, der das mitleiderregende Abend-Büffet überwacht, schüttelt den Kopf. Pi jiu? Bier? Nix da. Tee könnt ihr haben, ihr Langnasen. "We don't have alcohol. Too dangerous. Sorry."

Na toll. Uns aus Sicherheitsgründen kein Bier geben wollen, aber in Turnschuhen den hochalpinen Gefahren aussetzen. Doch auch ohne zünftige Feier ist unsere kleine Gruppe am nächsten Morgen dezimiert: Harald klagt über Kopfschmerz und Übelkeit, über Schwindel und Unwohlsein. Höhenkrankheit, weil es gestern in wenigen Stunden von Null auf 3000 Meter ging? Ein Arzt ist fern, doch das Sung-Hsueh-Lou dennoch gerüstet. Neben der Rezeption hält man in einer Besenkammer eine Sauerstoffflasche parat. Harald legt sich nach einem ordentlichen Zug wieder hin - und wir stapfen wieder los.

Es geht auf den Nordgipfel des Hehuan, gegen den sich der Berg des gestrigen Tages wie ein sanfter Hügel ausnimmt. Mit Befriedigung stellen wir fest, dass beim Anstieg auch aus Chen Tie-Qings Lungen das Chi geräuschvoll entweicht, bis er auf halber Strecke zum Gipfel auf seine monströse Multifunktionsuhr deutet und uns hoffnungsvoll anstrahlt: "Time to return." Dumm für ihn, dass gleichzeitig eine Gruppe fröhlicher älterer Damen, in pink, türkis und orange gekleidet, mit Sonnenschirmen, Picknicktaschen und dudelndem Transistorradio vom Gipfel kommt und mit entspanntem Lächeln freundlich grüßt. "Ni Hao" - Guten Tag! Gegen die Sandälchen, die die Damen an ihren Füßen tragen, machen sich unsere Sneakers wie Bergstiefel aus - unser Ehrgeiz ist geweckt. Wenn die das können, denken wir, dann können wir das schon lange.

Dem guten Chen bleibt nichts anderes, als missmutig zu folgen, während wir dem Gipfel entgegen eilen: Ist ja gar nicht so schlimm, und diese Panoramen sind es wert! Diese Weite! Diese Nähe zu den Wolken! "Nur wer auf die Berge steigt, kann die Höhe des Himmels ermessen", behauptet einer, ein chinesisches Sprichwort zu zitieren. Für Widerspruch aber ist die Luft zu dünn, wir keuchen uns die letzten Höhenmeter hoch, dem Gipfel entgegen, und sind uns 3422 Meter hoch so einig wie selten: Noch schöner kann's nirgends sein.

Was aber natürlich, wie sich bereits wenige Stunden später wieder zeigt, Ansichtssache ist. Der Abend klingt rund eine Stunde Autofahrt vom Sung-Hsueh-Lou entfernt aus, dessen rustikal-chinesisches Büfet getrost zu vernachlässigen ist. In Cingjing entdecken wir das kleine Hotel und Restaurant von Gao Yun, wo der spektakuläre Rundumblick auf die Bergwelt aus bodentiefen Fenstern, die von lokalen Künstlern geschaffene Inneneinrichtung, in der kein Stuhl dem anderen gleicht, und die wundersamen Aromen in den Menüs der quirligen, 36-jährigen Restaurant- und Hotelchefin für den perfekten Tagesausklang sorgen.

Seit 2006 umsorgt sie in ihrem Hotel, der Yunnan Lodge, bis zu 56 Gäste in individuell eingerichteten Zimmern und hat sich noch einen weiteren Traum erfüllt: Auf der anderen Seite des Grundstücks ragt ein Baumhaus hervor, rustikal und dennoch mit allem Schnickschnack eingerichtet. Dieses, so erzählt sie und lächelt, wird besonders gern von Paaren in den Flitterwochen gemietet, die von nahezu jeder Stelle, ob vom Bett oder Whirlpool aus, ein fantastisches Panorama genießen können. Die Berge, der Himmel, der Komfort und die Liebe: Noch schöner kann's wirklich nirgends sein.

Autor:
Jens Breder