Taipeh Taiwans Metropole aus Versehen

Dieser Gestank! Er ätzt in der Nase, vernebelt den Kopf und beißt im Magen. Etwas bräunlich Weißes in der Form einer Scheibe Leberkäse schmort und stinkt da auf dem Grill vor sich hin, als wolle es sich durch permanente Ausdünstung dagegen wehren, doch noch irgendwann gegessen zu werden. Die junge Verkäuferin hinter der kleinen Brutzelbude aber ficht das in keinster Weise an. "This is chòu dòufu, smelly Tofu!" sagt sie und präsentiert, als könne sie dadurch den fiesen Geruch vergessen machen, das schönste Lächeln der Stadt. "This is very nice. You have to try!"

Aber nö, nö, thank you, xiè xiè, bloß nicht. Bei aller Lust auf kulinarische Entdeckungen in fremden Ländern: Das geht zu weit. Da quetschen wir uns lieber weiter durch das von flackernden Leuchtreklamen beleuchtete Gewühl auf dem Shilin-Nachtmarkt in Taipeh und probieren etwas anderes. Die Auswahl nämlich ist riesig, überall dampft, grillt und köchelt es: Es gibt zum Beispiel köstliche Dumplings, kleine gefüllte Nudeltaschen, es gibt frittiertes Gemüse, riesige, süßliche Bratwürste oder ö-a-zän, Austernomelettes - und zum Nachtisch Dòhua, eine Art Wackelpudding aus Tofu mit Gelee-Kügelchen, oder ein Eis aus roten Bohnen. Ob indes die eingelegten Schlangen, die ein finster dreinschauender Geselle in einer noch finstereren Seitenstraße verkauft, für den unmittelbaren Verzehr bestimmt sind, erschließt sich dem auswärtigen Betrachter nicht unmittelbar. Gut so. Es gibt Dinge, die will man nicht wissen - und schon gar nicht essen.

Ein Besuch auf einem der vielen Nachtmärkte in Taipeh gehört quasi zum Pflichtprogramm für jeden Besucher der taiwanesischen Metropole. Ab dem späten Nachmittag füllen sich Straßen wie die Shilin, Raohe, Shida oder auch die ehemals berüchtigte, inzwischen aber für den Tourismus gebändigte "Snake Alley" mit Buden, fliegenden Händlern und mobilen Garküchen. Bis spät in die Nacht verwandeln sie sich in quirlige Marktgassen, in denen das Leben pulsiert. Hier gibt es Kleidung und Schuhe, CDs und Unterhaltungselektronik, Dinge des täglichen Bedarfs und Tonnen überflüssigen Zeugs; Hustenbonbons und iPhone-Hüllen, Brillengestelle und Stoffpudel-Handtaschen - und dazu die Vielfalt der chinesischen und taiwanesischen Küche auf engstem Raum.

Generell wirkt Taipeh, obwohl mit 2,6 Millionen Einwohnern die größte Stadt Taiwans, aller Vielfalt und Hektik zum Trotz erstaunlich kompakt. Die Stadt ist im Prinzip durch zwei große Straßenachsen gegliedert, was die Orientierung deutlich erleichtert: Am Hauptbahnhof im Zentrum treffen sich die ost-westlich verlaufende Zhongxiao Lu und die nord-östlich angelegte Zhongshan Lu. Straßen nördlich dieser Achse sind mit dem Zusatz Bei (=Nord) versehen, südlich gelegene entsprechend mit Nan (=Süd), links und rechts auf dem Stadtplan finden sich Xi (=West) und Dong (=Ost). Wer dieses System verinnerlicht, eine Karte und vielleicht noch die Visitenkarte seines Hotels dabei hat, um sie, wenn gar nichts mehr geht, dem Taxifahrer zu zeigen, kann sich getrost ins Gewühl stürzen und die Sehenswürdigkeiten der Stadt auf eigene Faust erkunden.

Zum Auftakt bietet sich ein Besuch des Taipei 101 Towers an. Bei seiner Einweihung 2004 war der Wolkenkratzer mit 508 Metern noch das höchste Gebäude der Welt, musste aber diesen Titel inzwischen an den Burj Chalifa in Dubai abgeben. Doch noch immer gibt es, zum Stolz der Stadt, nirgendwo sonst ein höheres Bürogebäude - und auch die Geschwindigkeit des Fahrstuhls ist weltweit einmalig. Mit 16,8 Metern pro Sekunde werden Besucher in den 89. Stock katapultiert, wo sie ein fantastischer Blick auf die Metropole erwartet, die von Hügeln und Bergen eingebettet ist - und die in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung von einer nahezu unbedeutenden Kleinstadt zur international bedeutenden Metropole vollzogen hat.

Taipeh - konsequent bunt

Schließlich ist es keine 100 Jahre her, dass Taipeh im Schatten der traditionsreichen taiwanesischen Städte Tainan und Taichung stand. Erst in den 1920er Jahren baute die damalige japanische Besatzungsmacht den Ort aus und verlieh Taipeh den Stadt-Status, bevor der taiwanesische Staatschef Chiang Kai-shek Ende der 1940er Jahre auf dem Rückzug vor Maos Roter Armee die Stadt als Zentrum des republikanischen chinesischen Exils wählte: nicht, um Taipeh aufzuwerten, sondern um deutlich zu machen, dass sein Aufenthalt auf der Insel als provisorisch zu betrachten sei, bis zur siegreichen Rückkehr nach China. Doch einmal mehr bewies die Geschichte, dass es wenig gibt, das länger hält als ein Provisorium - Taipeh mauserte sich in den Folgejahren mehr und mehr zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Insel.

Als Provisorium war auch die Einlagerung bedeutender chinesischer Kunstschätze in einem Lagerhaus gedacht, die Chiang Kai-shek in über 6000 Holzcontainern auf dem Rückzug vor den Kommunisten nach Taiwan verschiffen ließ. Als er jedoch feststellen musste, dass die Rückeroberung Chinas kein so leichtes Unterfangen war wie gedacht, ließ er das Nationale Palastmuseum bauen, das 1965 eröffnete. Inzwischen sind hier rund 15.000 bedeutende Exponate ausgestellt; insgesamt umfasst der Fundus des Museums mehr als 700.000 Einzelstücke. Die weltweit größte Sammlung chinesischer Kunst und Kultur spielt damit auch international in der obersten Liga der Museen mit und lohnt einen Besuch immer wieder aufs Neue: Vier mal im Jahr wechselt die Ausstellung komplett und andere Exponate werden präsentiert.

Das Kontrastprogramm zu diesem repräsentativen Ausflug in die chinesische Kulturgeschichte bietet das kleine, aber höchst charmante Museum of Contemporary Art MOCA in Taipeh: Hier stellen junge Künstler und Designer aus aller Welt aus, es ist ein Treffpunkt der virulenten und experimentierfreudigen Kunstszene. Die in der westlichen Avantgarde-Szene obligatorischen dunklen Hornbrillen und schwarze Rollkragenpullover trägt hier keiner - hier dominiert, typisch Taipeh, ein konsequentes Bunt.

Denn wenn die Taiwanesen eines zu lieben scheinen, dann sind es Farben, und zwar grell und überall. Selbst rund um die Nan King Street, wo sich edle Designerboutiquen dicht an dicht drängen, findet das Auge vor lauter Pink, Türkis, Gelb und Laubfroschgrün keine Ruhe. Die Tempel in Taipeh, wie der berühmte Longshan in der Nähe der "Snake Alley", erscheinen ebenfalls weniger Orte der Meditation, Einkehr und andächtiger Begegnung zu sein, sondern sind voll, laut, vor Weihrauch dampfend, mit einer Atmosphäre, die der eines Volksfest gleicht. Und natürlich bunt.

Und doch finden sich auch mitten in Taipeh Orte, an denen es sich trefflich abschalten lässt - Massagesalons für kleine Fluchten und Bandscheibenentlastungen zwischen Business-Meetings oder die vielen winzigen, oftmals exquisiten Restaurants in den Seitenstraßen der großen Verkehrsadern. Wie zum Beispiel das Restaurant von unweit der Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle, wo man den Gast mit einer Tee-Zeremonie erst einmal zur Ruhe zu bringen versucht, bevor man ihm das Essen serviert. "Es ist uns wichtig, dass wir unsere Gäste vom Stress der Stadt befreien", sagt die Restaurantchefin. Für derartige Entspannungsoffensiven ist sie wie geboren, trägt sie doch die Entschleunigung bereits im Namen. Xiaoman nämlich heißt so viel wie "etwas langsamer" - und das kann man nach einem aufregenden Tag in der brodelnden Stadt auch gut gebrauchen.

Autor:
Jens Breder