Taiwan Klassische Musik aus Taipeh

Die Müllabfuhr in Taipeh hat, das muss man ihr lassen, im Kampf gegen die Abfallberge so etwas wie Humor entwickelt. Und irgendwie auch Stil. Immer, wenn in der taiwanesischen Hauptstadt ein orangefarbener Müllwagen um die Ecke biegt und zum Halten kommt, dudelt kein Geringerer als Beethoven aus den Lautsprechern: Sein Klavierstück in a-Moll, WoO 59, besser bekannt unter dem Titel "Für Elise", ist schon seit Jahren die Erkennungsmelodie für die Ankunft der Müllmänner in der Millionenmetropole und ruft die Anwohner zur Mitarbeit. Zwei, drei Takte genügen, dann flitzen sie aus ihren Häusern und geben die Abfällsäcke, die sich an den Straßen stapeln, am Wagen ab - doch es wirkt eher so, als beeilten sie sich auch deshalb so sehr, damit das Gedudel schnell verstummt. Denn aus den Lautsprechern der taiwanesischen Müllabfuhr klingt das Kleinod, als habe ein höchst unbegabter Klavierschüler aus Rache am alten Beethoven einen Handy-Klingelton komponiert.

Ob hinter dieser Affinität der städtischen Müllabfuhr zu klassischer Musik mehr steckt als ein Gag, kann Cindy Chen nicht sagen. Sie ist zuständig für das Marketing beim Nationalen Symphonieorchester (NSO), das sich gerade in "Taiwanesische Philharmoniker" umbenennt, weil man es im benachbarten China gar nicht gern sehen würde, wenn im Ausland ein taiwanesisches Orchester unterwegs ist, das für sich beansprucht, eine Nation zu vertreten. Statt eine Antwort auf den Zusammenhang zwischen Müllentsorgung und Beethoven zu geben, lächelt sie bescheiden und sagt: "Europäische klassische Musik wird in Taiwan immer populärer." Dass daran das Orchester, für das sie arbeitet, enormen Anteil hat, sagt sie nicht. Man gibt sich eben gern bescheiden in Taiwan. Und außerdem weiß sie: Sie muss es nicht sagen. Jeder in Taipeh weiß es. Und wer es noch nicht wusste, muss sich das Orchester nur ein einziges Mal anhören. Dann weiß er es.

Für ausländische Besucher kann ein Konzert der Taiwanesischen Philharmoniker abendlicher Höhepunkt einer kulturellen Entdeckungstour in Taipeh sein, obwohl oder vielleicht gerade weil es ein wenig absurd anmutet, ausgerechnet im fernöstlichen Taiwan die Meisterwerke europäischer Klassik zu genießen. "Fliegen Sie nach Taipeh für einen Klassik-Urlaub, den Sie so schnell nicht vergessen werden", riet vor wenigen Wochen ein Kritiker des "American Record Guide" seinen Lesern: "Taiwan ist ein Orchester-Wunderland!"

Der prunkvolle Konzertsaal mit seinen über 2000 Plätzen, in dem der amerikanische Klassik-Fachmann all die Glücksmomente erlebte, die ihn derart ins Schwärmen brachten, befindet sich gegenüber seinem architektonischen Zwilling, dem Nationaltheater, am westlichen Ende der Parkanlage der Chiang Kai-shek Memorial Hall. Von außen sieht es eher wie ein fernöstlicher Tempel aus denn wie eine Kathedrale für Mozart, Strauss und Haydn. Die beiden Gebäude sind Spielstätten für zahlreiche Orchester, Schauspielensembles und Tanzcompagnien. Neben den Philharmonikern treten hier unter anderem die "Acadamy of Taiwan Strings", das Nationale Taiwanesische Symphonie-Orchester und das Chinesische Nationalorchester auf, außerdem sind hier - neben vielen anderen - das international bekannte "Cloud Gate Dance Theatre", das "Legend Lin Dance Theatre", das "1/2 Q Theatre" oder etwa die traditionelle "Guoguang Opera Company" zu erleben.

An diesem Wochenende gehört der Nationale Konzertsaal allein dem Flagschiff der taiwanesischen Orchesterlandschaft. Es ist Freitagvormittag, die Generalprobe der Taiwanesischen Philharmoniker beginnt. Werke von Sibelius, Lutoslawski und das Klavierkonzert Nr. 3 von Rachmaninoff stehen auf dem Programm - weder leichte Kost noch leidlich bekannten Blockbuster aus der Klassik-Hitparade. Dennoch sind die beiden Konzerte der Philharmoniker am Wochenende bereits nahezu ausverkauft. "Die Restkarten", ist sich Orchestermanagerin Joyce Chiou sicher, "gehen an der Abendkasse weg". Schließlich dirigiert der neue Chefdirigent der Philharmoniker, Shao-Chia Lü, höchstselbst - und den lieben sie ihn in Taipeh heiß und innig, den ihrigen, der nach vielen erfolgreichen Jahren in Europa auf die Insel zurückgekehrt ist und hier sein Publikum immer wieder aufs Neue in Begeisterungstaumel versetzt.

Die Hütte ist voll

Shao-Chia Lü war und ist auch im Mutterland der Klassik bestens im Geschäft. Er debütierte 1994 bei den Münchnern Philharmonikern, ging 1995 als Erster Kapellmeister an die Komische Oper Berlin, war Generalmusikdirektor in Koblenz und an der Staatsoper Hannover und dirigierte an den großen Opernhäusern wie in Sydney und London, in Brüssel, Frankfurt und in Hamburg. Doch in Taipeh ist er mehr als "nur" ein guter Dirigent. Hier ist er ein echter Star, eine Identifikationsfigur, und wenn sein Konterfei die Plakate ziert, dann ist die Hütte voll. Dann sitzen da 2000 und hören gebannt zu, wie dieses leidenschaftliche und zugleich hoch präzise Orchester im 1987 eröffneten Prunksaal seinen warmen und zugleich brillanten Klangteppich ausbreitet, an dem Shao-Chia Lü jetzt, in der Probe, die letzten Korrekturen vornimmt: Ein entspanntes Nicken hier, eine leichte Handbewegung da - das Orchester ist hochkonzentriert und folgt dem Maestro bei jeder seiner Bewegungen.

Die Musiker sind jung, im internationalen Vergleich sehr jung sogar. Als Joyce Chiou vor sechs Jahren die administrative Leitung des 1986 gegründeten "National Symphony Orchestra (NSO)" übernahm, betrug das Durchschnittsalter noch 46 Jahre. Jetzt liegt es bei 40 - in Deutschland könnte es damit fast noch bei "Jugend musiziert" auftreten. Bemerkenswert ist auch, dass der Frauenanteil im Klangkörper 60 Prozent beträgt. Doch besonders stolz ist Joyce Chiou darauf, dass knapp zwei von drei Musikern des Orchesters in Taipeh ausgebildet worden sind. Insgesamt stammen nur sechs der 96 Musiker nicht aus Taiwan - und von diesen sechs Ausländern sind immerhin drei mit Taiwanern verheiratet, und damit eigentlich gar keine richtigen Ausländer mehr.

Das ehrfurchtsvolle Schielen nach Europa, das Gefühl, in kürzester Zeit nachholen zu müssen, was dort schon seit hunderten von Jahren kultiviert wurde, ist also passé. Neues Selbstbewusstsein macht sich breit - und das wird auch andernorts, auf der anderen Seite des Globus, registriert. "Die Zukunft der Klassik liegt in Asien", sagt der Berliner Komponist und Dirigent Christian Jost, der mit seinen Werken zu den wichtigsten zeitgenössischen Vertretern der sogenannten "E-Musik" zählt. Talent und Disziplin auf der einen Seite, ein junges, neugieriges Publikum, das zu 60 Prozent noch nicht einmal 35 Jahre alt ist, auf der anderen: Die Taiwanesischen Philharmoniker, so Jost, bringen die besten Voraussetzungen mit, bei der unvermeidbaren, aus Asien angeregten, Neujustierung der globalen Klassik-Szene ganz vorne mitzumischen. Als besonders eindrucksvoll ist ihm das Erlebnis einer halbkonzertanten Aufführung von Richard Strauss' "Elektra" in Erinnerung geblieben. Während ein solches Ereignis an einem deutschen Stadt- oder Staatstheater eher eine überschaubare Zahl von ergrauten Strauss-Liebhabern anlocken dürfte, war der Nationale Konzertsaal in Taipeh ausverkauft. "Es wurde fantastisch musiziert - und die Leute, darunter viele junge Menschen, waren begeistert!"

Versteht sich, dass er wieder nach Taipeh will, das nächste Mal aber richtig. 2012 wird Christian Jost dort "Composer in Residence", was bedeutet, dass einige seiner Neukompositionen zum ersten Mal nicht in Deutschland oder immerhin in Europa, sondern in Taiwan, erklingen werden, wo sogar die Autofahrer in der Tiefgarage unter dem Nationaltheater mit klassischer Musik aus Lautsprechern beglückt werden. Orchestermanagerin Joyce Chiou jedenfalls kann die Uraufführungen von Josts Werken kaum erwarten. "Wir arbeiten stetig daran, immer besser zu werden, wir wollen neue Wege gehen, um auch auf internationalem Parkett ganz oben mitzuspielen", sagt sie. Das könnte sich durchaus wie eine Kampfansage anhören - würde sie dabei nicht so sympathisch lächeln.

Autor:
Jens Breder