Taiwan Chiang Kai-shek - der Allgegenwärtige

Das verblichene Bild an der kleinen Dorfhalle in ReNaí, etwa 150 Zentimeter breit und 80 Zentimeter hoch auf Plane aufgezogen, ist für Donna Lee mehr als ein historisches Dokument. Es ist ein Familienfoto. Oft, wenn die 46-jährige Unternehmerin an dem Poster vorbeikommt, bleibt sie einen kurzen Moment stehen und erinnert sich an einen ganz besonderen Tag: 1969 erhielt der kleine Ort an der Straße, die von Puli in den Hehuanshan-Nationalpark führt, hohen Besuch. Staatschef Chiang Kai-shek höchstselbst, damals bereits 82 Jahre alt, und seine zehn Jahre jüngere Frau Song Meiling hatten den in Renai nach 1949 angesiedelten Kriegsveteranen ihre Aufwartung gemacht. Und als das ganze Dorf zusammenkam, um sich mit dem Präsidentenpaar fotografieren zu lassen, durfte die kleine Donna Lee, gerade mal vier Jahre alt, auf Song Meilings Schoß sitzen.

Donna Lee zeigt auf die untere Mitte des Bildes, auf eine alte Frau mit schwarzen Haaren, die ein kleines, nicht minder schwarzhaariges Mädchen hält, das so verdutzt wie überfordert in die Kamera blinzelt. Daneben Chiang Kai-shek, wie immer auf offiziellen Fotos, mit strengem Blick. Ein Mann, der weiß, was er will, und der sich die Verzweiflung darüber, dass er es nicht bekommen kann, nicht anmerken lässt. "Ein großer Mann", sagt Donna Lee. "Und an seiner Seite eine große Frau. Beide waren für mich wie große Eltern".

Die Verehrung für Chiang Kai-shek, den Generalissimus, Militärdiktator und vor allem: Widersacher Maos, der auf der Flucht vor den kommunistischen Truppen mit seinen Mannen nach Taiwan kam, um von hier neue Kraft zu sammeln und die Republik China auf dem Festland wieder herzustellen, wurde Donna Lee in die Wiege gelegt. Ihr Vater, Yao Kuang Lee, war Soldat in Chiangs Armee. Heute sitzt er gern in einem Lehnstuhl im Empfangsbereich von Donna Lees kleinem "Bed & Breakfast" und raucht Pfeife. Zwölf Jahre habe er gedient, berichtet er, habe für Chiang in China gekämpft und in Birma. Der 85jährige ist stolz darauf, ein Kämpfer "für die gute Sache" gewesen zu sein: "Chiang Kai-sheks großer Verdienst", sagt er, "ist doch, dass Taiwan heute vor den Kommunisten sicher ist." Und letztlich, da ist sich der Veteran sicher, wird sich alles zum Guten wenden, so wie Chiang es immer gesagt habe: "Die Wiedervereinigung wird kommen."

Die Erinnerung an Chiang Kai-shek ist auch 33 Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig, nicht nur in ReNaí, wo in einer Art Dorfgemeinschaftshaus eine große Fotoausstellung an ihn erinnert, sondern prägt den Alltag und die politische Kultur in ganz Taiwan und wird somit auch für Touristen, die das Land besuchen, unausweichlich zum Thema: Schließlich steht der Diktator für den taiwanesischen Traum und Alptraum zugleich. Zeit seines Lebens ein Kämpfer für eine vereinigte Republik China, machte er aus der Insel einen Wirtschaftsriesen, legte den Grundstein für den Wohlstand der Taiwanesen, aber zu einem hohen Preis: Noch bis 1987, fast zehn Jahre nach seinem Tod, galt in Taiwan des Kriegsrecht, stand das Land unter permanenter Kritik von Menschenrechtsorganisationen; außenpolitisches Kapital hat er mit seiner Weigerung, die sich stetig verändernden politischen Rahmenbedingungen zu akzeptieren, verspielt.

Wer heute versuchen will, Chiang Kai-shek zu bewerten, stößt auf Widersprüche: heldenhaft und tragisch, despotisch und väterlich, starrköpfig und weise, gewalttätig und demokratisch, diktatorisch, visionär und kleinkariert, nationalistisch und realitätsfremd sind allesamt Adjektive, die den Generalissimus beschreiben können. Es ist somit schwer, zu einem Urteil über die Ära Chiang Ka-shek zu gelangen - und dennoch ist es einen Versuch wert für den, der von Taiwan mehr kennenlernen will, als nur den Sonne-Mond-See, den Wolkenkrater 101 und die Taroko-Schlucht.

Ein Besuch der Chiang Kai-shek Memorial Hall in Taipeh kann, wenn man sich der Oberfläche aus Pomp, militärischer Verehrung und Schönfärberei zu entziehen vermag, zu einer spannenden Reise in die Geschichte eines Landes werden, das noch immer in der Abgrenzung zum großen, schier übermächtigen Bruder auf dem Festland seine Identität sucht. Hat man durch das "Tor der großen Mitte und perfekten Aufrichtigkeit" den rund 250.000 Quadratmeter großen Park betreten, dominiert die Chiang Kai-shek Memorial Hall als Prachtbau aus weißem Marmor mit ihrem tiefblauen Dach, das an den Himmelstempel in Peking erinnert, den Blick. Vor dem Eingang zur Memorial Hall prangt eine rund 16 Meter hohe Statue des Landesvaters, davor patroulliert die Ehrenmahnwache, mit hoch theatraler Wachablösung zu jeder vollen Stunde. Und auch innen: Personenkult und undifferenzierte Verehrung. Chiang als Wachsfigur, staatsmännisch hinter seinem Schreibtisch. Fotos von Chiang mit Diplomaten. Chiangs Orden. Chiangs Autos.

Doch hinter dem Monumentalen, dem Überheblichen, lugt das Tragische, das Kleinkarierte, Spießige hervor: Die Diplomaten, mit denen er sich fotografieren lassen konnte, entstammten größtenteils der zweiten Reihe. Wenn überhaupt. Die Orden, die er verliehen bekam, erhielt er in erster Linie aus Staaten, die auf der Ebene der großen globalen Politik kaum eine Rolle spielten und zu den wenigen Ländern gehören, die Taiwan als eigenständigen Staat anerkannt haben. Nicaragua, zum Beispiel. Und die Cadillacs, mit denen er sich über die Insel fahren ließ, und vor denen sich heute taiwanesische Schönheiten gern von ihren Verlobten fotografieren lassen, verraten einen Hang zum Pomp und wichtigtuerischer Geschmacklosigkeit.

Ebenso geschmacklos mag indes ein Veteran wie der 89jährige Yao Kuang Lee empfinden, wie die Generation mit dem Diktator umgeht, die ihn nicht mehr persönlich erlebt hat: Für manche von ihnen scheint er eher eine Pop-Ikone als ein staatsmännischer Heiliger zu sein. Und so herrscht auf den Nachtmärkten in Taipeh ein Personenkult der anderen Art. Sein Konterfei gibt's hier auf T-Shirts, Zigarettenetuis, Schlüsselanhängern und sogar iPhone-Hüllen. "It's nice, it's fashion", preist ein junger Händler die poppigen Devotionalien an. Seine Unsterblichkeit hat sich der Generalissimus, dessen erste im Westen erschienene Biographie den treffenden Titel "The man who lost China" trug, sicher anders vorgestellt.

Autor:
Jens Breder