Australien Heimweh nach dem Pelikan

Heck voraus verlässt die Fähre ihren Liegeplatz, richtet sich gen Osten aus. Hinter mir liegt Sydneys Harbour Bridge, rechter Hand die Oper, deren Dachfliesen in der Sonne glänzen. Das Boot nimmt Fahrt auf, die Bucht öffnet sich, doch es sieht so aus, als seien die grünen Hügel der Stadt zum Greifen nah. Segelboote gleiten vorbei, Skipper grüßen, nicht selten mit einer Pulle Bier oder einem Gläschen Wein in der Hand. Keine zehn Minuten unterwegs, und zack - schon ist es wieder so weit. Eines Tages, denke ich bei jeder Fahrt mit der grünen Fähre, werde ich dableiben. Liebe Leute, werde ich sagen, ich lebe jetzt in Sydney, und keiner wird sich wundern; ich rede ja lange genug davon.

Es war Liebe auf den ersten Blick damals, vor mehr als zwanzig Jahren, und die Beziehung zu Sydney hat nichts von ihrer Kraft verloren. Aber Sydney ist nur ein Fleck in einem Land, das von Ost nach West 4000 Kilometer misst, 3700 von Nord nach Süd, in dem das größte Korallenriff der Welt zu Hause ist, das Great Barrier Reef, die größte Sandinsel der Welt, Fraser Island, und der Uluru, jener geheimnisvolle, riesige Fels im Herzen des Kontinents. Es ist das Land mit der einsamsten Großstadt der Welt (Perth, 2700 Kilometer von Adelaide), mit menschenfeindlichen Lebensräumen in einem heißen, roten Kern, der so viel mehr Raum umfasst als die Hülle mit ihren knapp 36000 Kilometern Küste.

Man muss gar nicht allzu weit fahren, um in diesem rauen Land zu landen, das mit Sydneys Weltbürgertum nur wenig zu tun hat. Mit dem Auto Richtung Westen über die tiefgrünen, dicht bewachsenen Blue Mountains hinweg, danach durch Weideland mit Savannengras zuerst nach Dubbo und Coonabarabran und weiter nach Broken Hill, der alten Bergarbeiterstadt, in der einst Silber, Zink und Blei abgebaut wurden.

Sind kernige Leute, die in dieser staubigen, heißen, einsamen Gegend leben, in der die Straßen Bromide, Sulphide und Oxide Street heißen. Leute wie der wettergegerbte Bergmann Richard, der 31 Jahre unter Tage arbeitete, nun Touristen durch den Schacht führt und von dieser knüppelharten Arbeit und vor allem vom Zusammenhalt der Männer schwärmt, als gäbe es auf der ganzen Welt keinen besseren Job. Zusammenhalt, sich auf den anderen verlassen können - das gewinnt an Bedeutung, je unwirtlicher die Bedingungen sind, unter denen man lebt und arbeitet. Ein Zusammenhalt, der im Alltagsleben der Australier stets präsent ist in der Anrede mate - Kumpel.

Broken Hill vermittelt eine Ahnung davon, wie es im Outback sein könnte, wo der nächste Nachbar zehn Kilometer entfernt wohnt. Früher kommunizierten die Kinder mit der Lehrerin von der Farm aus über Funk, und man musste eine gute Portion Sturheit und Mut mitbringen, um mit dem Leben klarzukommen.

Je rauer das Land, desto rauer der Umgangston

Und manches funktioniert immer noch wie damals. In Broken Hill steht eine der insgesamt 21 Stationen, der "Royal Flying Doctors", einer gemeinnützigen Institution, die die Menschen im Outback medizinisch versorgt. Mit einem ihrer sechzig Flugzeuge können die Ärzte jeden Patienten innerhalb von höchstens zwei Stunden erreichen. Der Stützpunkt in Alice Springs deckt ein Gebiet von 1,25 Millionen Quadratkilometern ab, in dem etwa 16.000 Menschen leben. Für Europäer unglaubliche Dimensionen, wie die der staubigen Straßen, die sechzig Kilometer immer geradeaus führen, befahren von road trains mit zwei großen Anhängern.

Abseits des gepflegten Küstenstreifens zwischen Melbourne und Sydney können die Leute nicht allzu viel anfangen mit Sensibilität und Mimosen. Je rauer das Land, desto rauer der Umgangston, und Botschaften werden bisweilen mit der Holzhammermethode an den Mann gebracht. Vor ein paar Jahren kam ich in Westaustralien an einem Baum vorbei, in dessen Krone das Wrack eines Autos hing, auf das in großen Buchstaben gepinselt war: speed kills.

Westaustralien, von Sydney so weit entfernt wie Tripolis von Kopenhagen, liegt nicht nur in einer anderen Zeitzone. Der Pazifik ist rauer und kälter als der Indische Ozean, und die Surfer an diesen Küsten kommen meist mit blau gefrorenen Lippen aus den Wellen zurück. Es gibt menschenleere Strände mit blendend weißem Sand ganz im Süden und kleine Paradiese wie die stilvollen Weingüter rund um Margaret River. Am beliebten Strand der Millionenstadt Perth, Cottesloe Beach, wird abends unter Flutlicht Volleyball gespielt.

Von diesem Cottesloe Beach gibt es eine Geschichte, die typisch für die Gegensätze Australiens ist. Das Blue Duck Café oberhalb des Strandes ist eines der beliebtesten Restaurants der Stadt, chic und schön. In den Morgenstunden eines Novembertages 2000 saßen der Besitzer des Cafés und die ersten Gäste beim Frühstück, als ein weißer Hai dicht am Ufer zwei Schwimmer angriff und einen der beiden tötete. Ein solches Unglück war hier seit dreißig Jahren nicht mehr vorgekommen - und jetzt bei Kaffee und Croissant.

Wer das Meer in Australien kennenlernt, spürt, welche Gewalt Wasser hat. Einen Moment nicht aufgepasst in der Welle, und schon bist du mittendrin im Schleuderprogramm, Ohren voller Sand und Bikinihose auch. Wird die Strömung zu stark, zieht es dir in Null Komma nichts den Boden unter den Füßen weg. Einfache Erkenntnis: An Land bleiben, wenn Schilder mit dem Schriftzug beach closed aufgestellt werden.

Das Lachen des Kookaburras

Es ist ein Land, in dem achtzig Prozent aller Tiere und Pflanzen - und damit der Geräusche, Farben und Formen - endemisch sind. Da kann es nicht schaden, zumindest grundlegende Kenntnisse mitzubringen. Bei der Frage, teile ich das Schlafzimmer mit der Spinne an der Wand oder besser nicht, hilft es enorm, wenn man weiß, ob der Mitbewohner harmlos ist oder zu den zahlreichen giftigen Exemplaren Australiens gehört.

Und auch an solchen Aufgaben kann man wachsen. Bei meiner ersten Begegnung mit einer Huntsman-Spinne war der Respekt auf meiner Seite noch groß; die Huntsman sind zwar nicht giftig und beißen nur im Notfall - heißt es -, aber sie sind bisweilen größer als die Hand eines Mannes. Bei dieser ersten Begegnung war ich recht froh, als eine in Sydney lebende Freundin kommentarlos den Staubsauger holte und der ungebetene Gast danach im Korpus desselben verschwand.

Aber daran denke ich auf der Fähre nicht. Ich freu mich auf die Begegnungen mit alten Bekannten an den Northern Beaches; auf den Pelikan, der in Mona Vale mit meisterhaftem Balancegefühl auf der Laterne am Rockpool landet; ich könnte schwören, dass es immer derselbe ist. Manchmal spaziert er auch am Beckenrand auf und ab und schaut einem beim Schwimmen zu. Verständlich: Wer je gesehen hat, wie formvollendet in Australien selbst 70-jährige Damen im Freistil ihre Bahnen ziehen, der fragt sich, warum Kinder in Europa nach wie vor mit Brustschwimmen traktiert werden.

Der Pelikan muss nicht schwimmen, der ist ein großer Flieger. Noch weniger Berührungsängste als er haben die frechen, knallbunten Lori-Papageien, die auf dem Geländer der Veranda spazieren oder im Strauchwerk am Parkplatz toben und lärmen. Und nach rund zwanzig Jahren kann ich mich immer noch nicht sattsehen an Gelbhaubenkakadus auf der Straßenbeleuchtung oder an Kookaburras (australische Eisvögel) auf der Wäscheleine; das sind die, deren Stimmen wie Gelächter klingen.

Andernorts tummeln sich Kängurus auf dem Golfplatz oder Koalas im Eukalyptuswald, und man fragt sich, wozu Sydney eigentlich einen Zoo braucht. Der Taronga Zoo in Sydney ist allein schon deshalb ein besonderer Ort, weil er einen unschlagbaren Blick auf die Harbour Bridge und das Opernhaus bietet. Meine Fähre nach Manly sieht man von dort auch, und zwischen Ende Januar und Ende März gibt's im Zoo Picknick mit Musik. Ich weiß nicht, ob meinem Pelikan das gefällt. Aber ich werde es herausfinden, irgendwann. Und danach mit der Fähre nach Hause fahren.

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Autor:
Doris Henkel