Südkorea Weltkulturerbe Hahoe und Yangdong

"Bis 2014 mache ich das noch, dann höre ich auf", sagt Ryu Jeon-ha. Die 71-jährige Koreanerin hockt auf dem Hof vor einer großen Plastikschüssel und spült Geschirr: Schälchen, Teller, Töpfe und Wasserbecher. Sie hat lange rote Gummihandschuhe übergestülpt um ihre Hände vor dem Spülmittel zu schützen. Die Handschuhe passen farblich zur roten Schürze, die sie über das lila karierte Hemd gestreift hat. An manchen Tagen macht Ryu Jeon-ha kaum etwas anderes als spülen. Dann, wenn das Geschäft läuft.

Zusammen mit ihrem 74 Jahre alten Ehemann Lee Cha-gyo betreibt die rüstige Frau einen kleinen Bauernhof mit Restaurant und Pension im Dörfchen Hahoe bei Andong. Früher waren sie einfache Reisbauern. Schon die Eltern ihres Mannes haben den kleinen Bauernhof betrieben. Als gute Schwiegertochter ist Ryu Jeon-ha irgendwann mit eingestiegen. Zuerst hat sie nur ausgeholfen, aber je älter die Schwiegereltern wurden, desto mehr hat sie gearbeitet. Zuerst auf dem Feld, dann vor allem in der Küche. Heute bauen sie nur noch an, was sie für ihr kleines Restaurant benötigen.

In Hahoe scheint es, als sei die Zeit fast spurlos an der kleinen Siedlung vorbei gegangen. Nur eine schmale Straße führt in das 230-Einwohner-Dorf. Auf drei Seiten schlängelt sich der Fluss Nakdong um die winzige Halbinsel und macht sie damit relativ schwer erreichbar. Doch seit rund zehn Jahren werden die Touristen jedes Jahr ein bisschen mehr. "Seitdem Königin Elisabeth von England 1999 hier war", erklärt Ryu Jeon-ha. Die Queen habe auch etwas bei ihr gegessen, sagt sie. Wie seitdem so viele Besucher jedes Jahr.

Oft übernachten Touristen auch in der Pension von Ryu Jeon-ha und Lee Cha-gyo. Viel Komfort bieten sie auf dem einfachen Hof nicht, dafür aber ein traditionell koreanisches Übernachtungserlebnis. Eine Nacht samt üppigem koreanischen Frühstück kostet gut 30 Euro für zwei Personen.

Das ist nur ein Bruchteil dessen, was Besucher in Ryu Se-hos Anwesen Bukchondaek, knapp 100 Meter entfernt, für eine Nacht bezahlen. Er nimmt mindestens 80 Euro. Zwar ist diese Unterkunft dann ebenfalls sehr traditionell koreanisch, aber eben mit allem Komfort vergangener Tage. Das Anwesen ist komplett saniert, die fünf Gästezimmer sehr geräumig und die Übernachtung fühlt sich an wie eine Nacht im Freilichtmuseum.

Prominenz als Übernachtungsgäste

Auch koreanische Popstars waren hier bereits zu Gast. Ryu Se-ho verweist gerne auf das Bild von Bae Yong-joon, einem in Korea und Ostasien ausgesprochen erfolgreichen Schauspieler, das er an einem Seiteneingang aufgestellt hat. Auf der Internetseite der Nobelpension zeigt Inhaber Ryu Se-ho sich und seinen Hof noch etwas außergewöhnlicher: Dort sieht man ihn zusammen mit Südkoreas ehemaligem Präsidenten Roh Moo-hyun.

Die ruhige, natürliche Atmosphäre des Dorfes ist so ziemlich das einzige, was die beiden Gästehäuser verbindet. Und mit der könnte es bald vorbei sein. Am 31. Juli 2010 ist Hahoe von der UNESCO in die Liste der Weltkulturerbestätten aufgenommen worden. Als eines von zwei traditionellen koreanischen Dörfern. Damit reihen sie sich in die lange Liste koreanischer Weltkulturerbestätten ein. Zwischen 1995 und 2000 waren zahlreiche religiöse und kulturell bedeutende Orte in Südkorea von der UNESCO zum Welterbe erklärt worden.

Viele dieser Orte befinden sich nur wenige Kilometer von einem der beiden Dörfer entfernt. Zum Beispiel der buddhistische Tempel Bulguksa und nur vier Kilometer davon die Grotte Seokguram, die ursprünglich zum Tempel gehörte. Ein weiterer bedeutender Teil der koreanischen Kultur ist ebenfalls in der direkten Umgebung. Nur 30 Minuten Busfahrt von Andong entfernt liegt die konfuzianische Akademie Dosanseowon. 1574 errichtet ist der Komplex heute zwar nationales Kulturgut, steht aber noch nicht auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste.

Die koreanische Regierung und die beteiligten Kommunen bemühen sich seit Jahren, das Potential der Welterbestätten in der Provinz Gyeongsangbuk-do stärker touristisch zu nutzen. Die Verkehrsverbindungen aus der Hightech-Metropole Seoul zu den traditionsreichen Stätten werden unentwegt ausgebaut. Knapp vier Stunden dauert es nach Hahoe bei Andong per Bahn und Bus.

Yangdong, das zweite Dorf, das in die Welterbeliste aufgenommen wurde, ist noch weit besser erreichbar. Seit dem 1. November 2010 fährt der koreanische Schnellzug KTX auch auf der Strecke Busan-Daegu und macht unter anderem auch Halt in Gyeongju. Von dort sind es nur 40 Minuten mit dem Shuttlebus nach Yangdong. Und der fährt alle sieben Minuten.

In der Ferne lockt die Großstadt

Doch auch Yangdong hat so gar nichts mit dem modernen Korea gemein. Er ist das genaue Gegenteil von Seoul oder der Hafenstadt Busan. Keines der Häuser ist auch nur zweistöckig. Es ist ruhig, riecht nach Landluft und nicht nach Abgasen. Statt grauem Beton locken gelbe Getreidefelder, grüne Wiesen und wunderschöne Natur in den kleinen Ort.

Die Siedlungen lassen die traditionellen Gesellschaftsstrukturen erkennen. Wohlhabende Familien lebten auf höher gelegenen Ebenen. Das kleine Dorf ist so in die Hügeltäler gebaut, dass es nach vorne hin auf die Angang-Ebene zeigt, und so geformt, dass es den Wind und damit die Gi-Energie einfängt. Auch heute, rund 1500 Jahre nach Gründung des Dorfes, wohnen noch rund 150 Familien dort. Was sie zum Leben brauchen, bauen sie entweder direkt auf dem Feld vor ihrem Haus an oder kaufen es in Gyeongju oder Pohang ein. Dort haben bislang auch viele der Dorfbewohner gearbeitet, bei Industrieunternehmen und als Bauarbeiter.

Auch Lee Seok-jin. Nun leben er und seine Familie von den Touristen, die ihr kleines Dorf besuchen. "Die Leute sagen, unser Dorf ist berühmt", erklärt er und grinst, während er Beilagen auf den Esstisch stellt. Als Restaurantbesitzer profitiert er davon. Die Kommune unterstützt ihn finanziell beim Ausbau und der Renovierung seines Restaurants. "Für mich ist aber der Wirbel, den die vielen Besucher automatisch mit sich bringen, etwas gewöhnungsbedürftig", sagt er. Doch langsam finde er sich mit der neuen Situation ab.

Mit dieser Einstellung unterscheidet er sich nicht von seinen direkten Nachbarn und auch nicht von Ryu Jeon-ha und Ryu Se-ho im gut 100 Kilometer entfernten Hahoe. Für sie alle verändert sich das Leben in erster Linie zum Positiven. Denn die Touristen bringen vor allem eines: Wohlstand und bessere Infrastruktur. Auf der anderen Seite bedeutet jede Busladung Besucher, dass der ursprüngliche, unberührte Charakter beider Dörfer langsam verloren geht. Hinzu kommt, dass es viele junge Dorfbewohner in die Großstadt zieht. Lee Seok-jins Töchter leben in Seoul und Tokio, und auch die Kinder und Enkel von Ryu Jeon-ha werden den Familienbetrieb wahrscheinlich nicht weiter führen. In ein paar Jahren könnte von den Dörfern so nicht mehr bleiben als eine bloße Touristenattraktion.

Autor:
Malte E. Kollenberg