Fast Lane Bitte nicht freundlich!

Ich bin mir nicht sicher, was meinen Gemütszustand am Mittwochmorgen mehr erschüttert hat: der Wake-up-Call um 5 Uhr in der Früh oder die vier Stunden, die ich auf dem Rücksitz eines Autos verbrachte … Auf jeden Fall war damit klar, dass die Weihnachtsferien endgültig zu Ende gegangen waren. 14 herrliche Tage lang war es mir gelungen, fast ganz ohne Auto auszukommen (abgesehen von zwei Taxi-Fahrten runter ins Tal, einmal um meine Freundin Noona in Zuoz zu besuchen und einmal zum Abendessen bei meinem Freund Rolf), und ich musste mein Schlafgemach auch nie vor 10 Uhr verlassen. Der gnadenlose Wecker, der Rimova-Koffer und das unten wartende Auto kündigten nun jedoch unübersehbar den Beginn des ersten Quartals 2011 an.

Vor 15 Jahren rutschte ich gewöhnlich ins neue Jahr, indem ich erst runter nach Mailand fuhr, um über die Männer-Modeschauen zu berichten und dann für ein Wochenende nach St. Moritz zurückkehrte, bevor ich mich schließlich auf den Rückweg nach London machte. In den vergangenen Jahren befanden sich unter den ersten Terminen im Januar aber gleich Reisen nach Singapur, Hongkong oder Tokio, was einen brutal aus dem verschlafenen Dorfrhythmus herausreisst.

Am Mittwoch wartete ich um 10.15 Uhr in der Lounge des Münchner Flughafens und stärkte mich für den Flug nach Seoul. Als wir die Startbahn entlangrollten und der A340 sich ruckelnd in die Luft erhob, waren das gemütliche Sofa, das morgendliche Jogging rund um den See, Mutters Herumwerkeln in der Wohnung und die langen Nächte, in denen man "nur noch ein Kapitel" weiterlas, bereits so weit weg wie St. Moritz selber.

Seoul begrüßte mich am frühen Donnerstagmorgen auf die übliche Weise: eine lächerlich lange Fahrt in die Stadt (ich hatte zu viel Gepäck dabei, um die neue Hochgeschwindigkeitsbahn zum Hauptbahnhof auszuprobieren), ein herzliches Willkommen und mein Lieblingszimmer im Park Hyatt sowie einen Terminplan, der wenig Zeit ließ für Kaffee- oder Toiletten-Pausen. Während wir uns durch die chronisch verstopften Straßen der südkoreanischen Hauptstadt kämpften, unterhielt ich mich mit meinem Kollegen Ariel über den im Vergleich zum Ferien-Kater im Westen viel abrupteren Jahresbeginn in Korea: Jeder ist schon zurück am Arbeitsplatz, niemand zählt die Geschenke auf, die von den Kindern nur mit einem Naserümpfen quittiert wurden, und das neue Jahr wird lediglich mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis genommen. Nach Feierabend war ich richtig froh, dass die Ferien nun endgültig vorbei waren und ich sie nicht immer wieder für Kunden oder Kollegen rekapitulieren musste.

Südkorea für alle!

Den nachweihnachtlichen Tratsch einfach wegzulassen und sich stattdessen dem Unternehmen zu widmen, gefiel mir sogar so gut, dass ich vorschlagen möchte, diese koreanische Kultur zu importieren: Schluss mit all den höflichen Floskeln und stattdessen Konzentration aufs Geschäftliche! Falls man sich super versteht, kann man später ja immer noch zusammen einen guten Wein trinken und sich mit Bibimbap und Bindaetteok voll stopfen. Die Korea GmbH könnte außerdem in Erwägung ziehen, Folgendes zu exportieren:

Einen einheitlichen Look: Japan mag ja vielleicht die bestangezogenen Bauarbeiter haben, aber die Koreaner sind Meister darin, Verkäufer und Stewardessen einzukleiden. Die Outfits für die Mädchen und Jungs bei Shinsegae können kaum noch getoppt werden, dasselbe gilt für das warme Grau der Damen in den Flugzeugen von Asiana.

Die angenehme Musik von Winterplay und W & Whale: Wenn Sie Ihrer Playlist in diesem Jahr irgendetwas hinzufügen möchten, machen Sie die melodischen, verträumten, sanften Klänge dieser beiden koreanischen Bands ausfindig.

K steht für Kreuzfahrt: Südkorea zeichnet sich vor allem durch seine große Gastfreundschaft und seinen Schiffsbau aus. Deshalb frage ich mich auch immer wieder, warum keiner der großen Chaebol-Konzerne diese beiden Talente bisher kombiniert und eine Kreuzfahrtschiff-Linie gegründet hat, die die Amerikaner und Italiener vom asiatischen Markt verdrängt.

K steht auch für Kultur: Angesichts all der Innovationen, mit denen koreanische Magazine zurzeit auftrumpfen, stellt sich mir die Frage, wie lang es wohl dauert, bis die moderneren Medien des Landes den zaudernden westlichen Herausgebern zeigen, wie man zukunftsfähige und aufregende Zeitschriften produziert.

Oksusu cha: Koreanischer Mais-Tee ist genau das, was der Doktor verordnet hat, und wie viele warme Getränke soll er eine Myriade an Beschwerden lindern. Mit dem richtigen Marketing könnte daraus eine eigene ganzheitliche Bewegung entstehen.

Sulwhasoo: Für Konsumenten, die nach einem Wundermittel für die Haut in einer Flasche suchen oder schlicht nach einer toll aussehenden Verpackung für ihr Badezimmer-Regal. Diese hochwertige Produktlinie besitzt eine typisch koreanische Geruchsnote (warm und erdverbunden) und könnte Ihnen den Teint eines koreanischen Pop-Stars verleihen.

Girls Generation: Wo wir schon bei koreanischem Pop sind: Es lohnt sich, diesem Ensemble langbeiniger Mädchen ein paar Minuten auf YouTube dabei zuzusehen, wie sie ihre Hit-Single "Run Devil Run" schmettern.

Incheons Flughafen-Managment: Europäische Fluggäste könnten sich glücklich schätzen, wenn dieses Team einige Flughäfen übernähme - angefangen mit Brüssel, dicht gefolgt von Wien, Malpensa und Genf.

Bindaetteok (köstliche Pfannkuchen): Sie haben all die Elemente, die nötig sind, um weltweit zu einem beliebten Fast-Food zu werden.

Koreas größte Kaufhäuser: Shinsegae, Lotte, Hyundai würden davon profitieren, sich auch international zu präsentieren. Dann würden Konsumenten auch mal sehen, wie ein richtiges Kaufhaus mit seinen verschiedenen Abteilungen, gutem Service und Sortiment aussehen kann. Lotte hat bisher einen halbherzigen Versuch gestartet, aber es gibt - auch für die Konkurrenz - noch jede Menge Spielraum, sich weltweit erfolgreich zu positionieren.

Autor:
Tyler Brûlé