Südamerika Venezuela: Grüner geht's nicht

Canaima National Park in Venezuela

Die Natur wird hier allgemein eher als etwas begriffen, das man überwinden muss, um lebensfähigen Raum zuschaffen, denn als Freund, den es zu verhätscheln gilt. Auch wenn in Venezuela der Naturforscher Alexander von Humboldt, der das Land intensiv bereiste, euphorisch als "wahrer Entdecker Südamerikas" verehrt wird, brennen doch Familien, die sich in der Gran Sabana niederlassen, Wälder ab, um Platz für Anbauflächen zu schaffen.

Dass die Venezolaner nachlässiger mit den natürlichen Ressourcen umgehen, liegt vielleicht auch daran, dass sie so viele haben. Dichteste Urwälder, die Llanos, Wasserfälle, wie sollte man da auf die Idee kommen, Wasser sei zu sparen, Holz dürfe nicht geschlagen werden? Aber das Bewusstsein verändert sich, und die naturverliebten "excursionistas" werden immer mehr.

ÜBERNACHTEN

Viehfarmen in den Llanos
Was fängt man mit einer Landschaft an, die die Hälfte des Jahres unter Wasser steht? Und dazu noch recht groß ist und als Anbaufläche ungeeignet, weil Nährstoffe durch die Überflutungen aus der Erde gespült werden? Man hat sie für die extensive Rinderzucht entdeckt. Für ein Tier kalkuliert der Hato-(= Viehfarm)Besitzer vier Quadratkilometer, und das Rind muss reichlich laufen, um sich seine Nahrung aus dünnen harten Gräsern zusammenzusuchen, die das Land bedecken. Das tut dem Geschmack und der Beschaffenheit des Fleisches nur allzu gut, und so genießt es einen sehr guten Ruf. Ansonsten herrscht hier aber über Hunderte von Kilometern ungestörte, ungezähmte Natur vor. Für Tierbeobachtungen ist diese Region ein kleines Paradies, und einige Hatos haben sich auf Gästebetreuung eingerichtet. Im Regelfall heißt dies: eine überschaubare Zimmerzahl, kräftiges Essen, eine frühmorgendliche und eine spätnachmittägliche Jeep-Safari und meist noch eine Unternehmung nach dem Frühstück oder eine abendliche Vogelbeobachtung, oft auch ein Ausritt. Hier lässt sich das friedliche Nebeneinander von Wasserschweinen, Kaimanen und Ibissen erleben, und für Ornithologen gleichen die Llanos einer Arche Noah. Alleine herumlaufen sollte man wegen der Schlangen und Kaimane besser nicht. Am wissenschaftlichsten geht der Ha- to El Frío vor, wo Orinoco-Kaimane gezüchtet werden, am beliebtesten ist der Hato El Cedral und Familien fühlen sich im Hato El Cristero am wohlsten. 

Finca Vuelta Larga
Claus Müller ist ein Mann der Standpunkte. Funken sprühen aus seinen Augen, wenn er von den ägyptischen Gottkönigen Amenophis und Ramses erzählt bzw. von den pharaonischen Ausmaßen der Zerstörung der landwirtschaftlichen Ressourcen. Wie alle weiteren und folgenden Weltreiche begingen sie denselben Fehler: Sägten an dem Ast, auf dem sie saßen, und alles nur, um einem trügerischen Wohlstand zu frönen. Von den Pharaonen kommt der temperamentvoll gestikulierende Señor ganz selbstverständlich auf die Abholzungen des amazonischen Regenwaldes. Unwillkürlich schaut man sich um und fühlt sich ertappt. Ja, auch wir, mit unseren unschuldigen Streichhölzchen ... auch wir vernichten unsere Lebensgrundlagen. Dieser - seiner - Einstellung muss man sich erst einmal anschließen. Aber: Wenn dieser Grundgedanke geschluckt ist, dann geht alles viel leichter. Und dann ist es richtig toll auf seiner Wasserbüffel-Hacienda, die ökologisch und nachhaltig bewirtschaftet wird. Die selbst entworfenen Stühle, die in der Tischlerei seiner Hacienda Vuelta Larga gebaut werden, schlagen an Qualität und Schönheit 500-Euro-Deckchairs, die Bungalows, in denen die Gäste übernachten, sind das Ausgefeilteste für das Klima, was man sich vorstellen kann. Die Materialien sind erstklassig und nach alten indianischen Techniken geknüpft, gewebt und geflochten. Feine Flechtereien durchbrechen in Bodenhöhe die Wände; sie sorgen für guten Luftausgleich, und man braucht selbst bei mittäglicher Hitze nicht den Ventilator einzu- schalten, den einzigen neumodischen Fremdkörper in der naturfarbenen Hütte. Damit er so richtig krass ins Auge fällt, hat Müller ihn in scheußlichsten kreischbunten Farben erstanden. Zu essen gibt es Wasserbüffelgulasch und Büffelmozzarella, und das Bier wird nicht beim Großmarkt, sondern im Dorfkiosk gekauft. Die Leute von Guaraúnos wollen ja schließlich auch was von den Gästen haben. Abgesehen von Rundfahrten und Wanderungen im Küstenbergland der Halbinsel Paria mit ihren vielen heißen Quellen und in den Nationalpark Turuepano erteilt der Hausherr auch Unterricht in ökologischer Landwirtschaft. Info: Calle Bolívar 8, Guaraúnos • www.fundacionvueltalarga.com • 10 Zimmer 

Mucuposadas
Luxus darf man nicht erwarten, dafür aber die herzliche Irene mit ihrer heißen Schokolade und einer köstlichen Milch-Kartoffelsuppe. Sie ist eine der Gastgeberinnen in den "mucuposadas", die weit verstreut in den Gebirgsfalten der Anden der Sierra Culata bei Mérida nisten. Das Leben ist nicht einfach dort, die blumengeschmückten Bauernhöfe liegen teilweise höher als 3000 Meter. Angebaut werden Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Heilpflanzen, Kräuter und Karotten. An den steilen, steinigen Hängen kommt der Ochsenpflug zum Einsatz. Die Mucuposadas (mucu = Ort in der Sprache der indianischen Ureinwohner) sind ein Zusammenschluss verschiedener Bauern, die eine kleine Palette touristischer Leistungen anbieten: Übernachtungen in Mehrbettzimmern, geführte Wanderungen in die landschaftlich sehr interessanten "páramos" und zu Sternwarten, dazu Ausritte und ein ländliches Mittagessen. Außerdem erfährt man auch gleich etwas über die Lebenssituation der Menschen, die man besucht. Das muss natürlich organisiert werden, sonst weiß Irene nicht, dass Besuch kommt. In Mérida organisiert und koordiniert Natoura (www.natoura.com) die Programme.

AUSFLÜGE

Circuito de la Excelencia
Nationalparks und Naturdenkmäler schützen die Fülle der ganz besonderen Landschaften wie die Páramos in den Anden mit ihrem einzigartigen Pflanzenkleid, die Gran Sabana mit den oft nebelverschleierten Tafelbergen, die wie Schiffe aus einem Meer von Savanne ragen, das waldige, stark gefaltete Küstenbergland und der Korallenarchipel Los Roques. 1937 wurde der erste Nationalpark aufgrund der Initiative des Schweizer Biologen und Naturforschers Henri Pittier in der Küstenkordillere nahe Caracas geschaffen, und die Hauptstadt Venezuelas selbst wird von einem überragt - dem Parque Nacional Warairarepano. Etwa 14 Prozent der Staatsfläche sind von Nationalparks bedeckt, der Parque Nacional Canaima ist alleine etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen. Dazu addieren sich noch zahlreiche Naturparks und Biosphärenreservate. Normalerweise ist in den Nationalparks eine wirtschaftliche Nutzung oder ein verändernder Eingriff verboten. Dass man in Canaima trotzdem - einige wenige - Camp-Hotels findet, liegt daran, dass sie außerhalb der geschützten Zone liegen oder dass sie bereits bestanden, bevor die Region zum Nationalpark erklärt wurde. Aus diesem Grund werden auch immer mehr Pufferzonen geschaffen, die zwischen Park und nicht schützenswerter Region liegen. Campamentos findet man auch in der Gran Sabana, und sie dürfen ausschließlich von Pemones bewirtschaftet werden, den eigentlichen Landesherren. Die Nationalparks sind spannende Erlebniswelten für Urlauber. Neben Camps wie z. B. Campamento Ya-Koo in Santa Elena und die Tapuy Lodge in Canaima sowie Hotels hat sich eine Auswahl besonderer familiengeführter Häuser zum Circuito de la Excelencia zusammengeschlossen, die alle in unmittelbarer Nähe zu Nationalparks liegen. www.circuitodelaexcelencia.com

Routen der Regierung
Den nachhaltigen, fairen Tourismus hat sich das Ministerium für Tourismus auf die Fahnen geschrieben und will zwei Routen aufbauen, die weit abseits von Strand und Sonne verlaufen. Die "Ruta de la Biodiversidad" ist besonders spektakulär, denn sie gewinnt auf rund 200 Kilometer über 5000 Höhenmeter, wandert von Meeresspiegelhöhe im Fischerdorf Puerto Concha am Maracaibo-See bis zum höchsten Gipfel der venezolanischen Anden, dem Pico Bolívar (5007 m), durchmisst also die gesamte von Humboldt aufgestellten Skala von der "tierra caliente" bis zur "tierra helada". Einzigartige Landschaftsbilder sind garantiert, seien es liebliche Wälder oder kühle Steppen. Begleitet werden soll diese Route, sobald sie fertig ist, von (Rad-)Wanderwegen, regional-typischen Übernachtungsmöglichkeiten oder gastronomischen Angeboten aus den verschiedenen Regionen. Eine zweite Route, die "Ruta de Montaña con Aroma de Café", geleitet durch verschiedene Kaffeeanbaugebiete.

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Dieser Text von Susanne Asal ist ein Auszug aus dem MERIANlive-Reiseführer "Venezuela und Isla Margarita".

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