Venezuela

Wissenswertes über Venezuela

Natur und Klima:

Auf die rund 3000 Kilometer lange Küste im Norden folgt die bis zu 2700 Meter hohe Karibische Küstenkordillere. Im Nordwesten umschließen die beiden Andenketten der Sierra de Perijá und der Cordillera de Mérida den 13.512 Quadratkilometer großen Maracaibosee mit seinen reichen Erdöllagerstätten. Im Nordosten mündet der Orinoco in einem gewaltigen Delta in den Atlantik.

Im Zentrum des Landes bilden die Llanos ein weites Tiefland und Aufschüttungsgebiet, dessen flache Abschnitte regelmäßig überschwemmt werden. Im Südosten erstreckt sich das Bergland von Guyana, ein uraltes Mittelgebirgsmassiv mit Rumpfgebirgen und Sandsteintafeln, Inselbergen und weiten Tälern. Dort stürzt auch der Salto Angel, der höchste Wasserfall der Erde, 978 Meter in die Tiefe.

Mehr als ein Drittel der Staatsfläche ist bewaldet. An den Küsten wachsen Mangroven, tropischer Regenwald erstreckt sich an den unteren Andenhängen, im Orinocodelta und in Teilen des Berglandes von Guyana. In den Llanos durchziehen Galeriewälder die weiten Grassavannen, die von einer extensiven Viehwirtschaft genutzt werden. Teile der Karibikküste und der Isla Margarita sind Halbwüsten mit Kakteen und Dornbüschen.

Tropisches Klima mit Höhenstufen:

Die Tiefländer sind tropisch-heiß mit einer Jahresmitteltemperatur von 28 Grad. In den Anden nehmen die Temperaturen mit der Höhe ab. In der Tierra templada (1000 bis 2500 Meter), der am dichtesten besiedelten Zone, betragen sie nur noch 15 bis 25 Grad und in der Tierra fria (2500 bis 3600 Meter) 10 bis 15 Grad; darüber erstreckt sich die kalte, nebelreiche Sierra helada. Die Jahresniederschläge reichen von 500 mm am Maracaibosee bis über 3000 mm im Bergland von Guyana und im südlichen Orinocobecken sowie an den luvseitigen Andenhängen.

Bevölkerung:

Mehr als drei Viertel der Venezolaner sind Mischlinge europäischer, afrikanischer und indianischer Abstammung. Die Weißen, ein knappes Fünftel der Bevölkerung, gehören größtenteils der Oberschicht an und leben bevorzugt in den mittleren Höhenlagen der Anden. Die Schwarzen, die weniger als ein Zehntel der Bevölkerung stellen und überwiegend zu den Armen zählen, siedeln größtenteils im karibischen Küstengebiet. Den etwa 425.000 Indianern in Rückzugsgebieten im Nordwesten, im Orinocodelta und im Bergland von Guyana sichert die Verfassung umfassende Rechte zu.

Die Küstenregion und das Andengebiet sind dicht besiedelt, dagegen sind der Südwesten und das Bergland von Guyana nahezu menschenleer. Durch die Erschließung der Erdöl- und Bergbaugebiete werden zunehmend auch tropische Räume besiedelt. Eine starke Landflucht und der Zustrom oftmals illegaler Einwanderer aus den Nachbarstaaten lassen die Städte ausufern und Slums entstehen. Die Geburtenrate (1,4 Prozent pro Jahr) gehört zu den höchsten in Lateinamerika.

Staat und Politik:

Nach der 1999 in Kraft getretenen Verfassung ist Venezuela eine präsidiale Republik. Staatsoberhaupt, Inhaber der Exekutivgewalt und Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist der für sechs Jahre direkt gewählte Präsident. Das Parlament, die Nationalversammlung hat 167 für fünf Jahre gewählte Abgeordnete.

Im 2007 entstandenen Partido Socialista Unido de Venezuela (Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas, PSUV) sammeln sich die Unterstützer des politischen Kurses des Präsidenten. Die venezolanischen Traditionsparteien, die sozialdemokratische Acción Democrática (Demokratische Aktion, AD) sowie der Partido Demócrata Cristiano (Christlich-Demokratische Partei, COPEI), haben die vergangenen Parlamentswahlen boykottiert. Neben der Judikative mit dem Obersten Gerichtshof an der Spitze und dem Nationalen Wahlrat besteht mit dem Republikanischen Moralrat eine fünfte Staatsgewalt, die die Behörden überwachen und die Korruption bekämpfen soll.

Wirtschaft und Verkehr:

Nach einer Rezession 2002/03 hat sich die Wirtschaft dank des hohen Ölpreisniveaus auf dem Weltmarkt erholt. Dennoch arbeitet fast die Hälfte der Erwerbstätigen im informellen Sektor, zum Beispiel als Straßenhändler. Die extrem ungleiche Einkommensverteilung hat immer wieder zu sozialen Unruhen geführt. Durch hohe staatliche Investitionen in die Bereiche Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen soll der durch das Öl erworbene Reichtum einer breiteren Bevölkerungsschicht zugutekommen.

Geldquelle Erdöl:

Venezuela ist einer der größten Erdölproduzenten der Welt. Förderung und Verarbeitung von Rohöl erwirtschaften mehr als ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts und die Hälfte der Staatseinnahmen. Ferner verfügt das Land über reiche Eisenerzlagerstätten sowie Vorkommen an Steinkohle, Gold, Diamanten, Mangan, Kupfer, Magnesit und Bauxit. Gut ein Fünftel der Erwerbstätigen arbeitet im Industriesektor, der neben der Erdölverarbeitung auch die Nahrungs-, Genussmittel-, Metall-, Textil-, Eisen- und Stahlindustrie sowie die chemische Industrie umfasst. Mehr als zwei Drittel der Stromerzeugung basiert auf Wasserkraft, die unter anderem in Guri am Río Caroní, dem größten Wasserkraftwerk Südamerikas, erzeugt wird.

Wenig ertragreiche Landwirtschaft:

Nur ein Fünftel der Staatsfläche dient der Landwirtschaft. Da 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf die riesigen Haciendas entfallen, die Ackerflächen oft brach liegen lassen, muss ein Teil des Lebensmittelbedarfes durch Importe gedeckt werden. Angebaut werden überwiegend Mais, Kaffee, Reis, Zuckerrohr und Gemüse. In den Llanos werden Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe gehalten. Dem Fang von Garnelen, Makrelen und Thunfisch kommt wachsende Bedeutung zu.

Tourismus im Aufwind:

Ein kürzlich geschaffenes Tourismusministerium und eine neue nationale Fluglinie sollen den Fremdenverkehr fördern. Vor allem die Strände der Insel Margarita werden touristisch erschlossen. Außerdem besuchen die Touristen neben den abwechslungsreichen Naturlandschaften historische Städte wie Coro und Caracas.

Verkehr:

Das Straßennetz ist in der Küstenregion gut ausgebaut. Die Schifffahrt auf dem Orinoco, der bis Ciudad Bolívar auch für Seeschiffe befahrbar ist, dient vor allem dem Gütertransport. Das Eisenbahnnetz wurde zum größten Teil stillgelegt. Ein ausgedehntes inländisches Flugnetz erschließt das Landesinnere.

Geschichte:

Spanische Kolonialzeit:

1498 erreichte Kolumbus die Mündung des Orinoco, ein Jahr später entdeckte der Spanier Alonso de Hojeda den Golf von Maracaibo. Die Pfahlbauten der indianischen Bevölkerung inspirierten Hojeda zum Namen Venezuela ("Klein-Venedig"). Seit 1528 kolonisierte das Augsburger Handelshaus Welser das Gebiet, das ihnen von KaiserKarl V. übertragen worden war. 1546 fielen die Rechte der Welser wieder an Spanien zurück.

1717 wurde Venezuela dem Vizekönigreich Neugranada angegliedert. 1786 erhielt es eine eigenständige Verwaltung. Erste Autonomiebestrebungen scheiterten im 18. Jahrhundert. 1811 proklamierte das Land die Unabhängigkeit. Die Loslösung von Spanien gelang endgültig 1821 nach blutigen Kämpfen unter Führung von Simón Bolívar. Bis 1830 war Venezuela Teil der von Bolívar gegründeten Republik Großkolumbien.

Zwischen Diktatur und Demokratie:

Bürgerkriege und Diktaturen bremsten im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Entwicklung. Unter dem diktatorisch regierenden Präsidenten Juan Vicente Gómez (1908-1929, 1931-1935) kam es dank der Erschließung riesiger Erdölvorkommen zu einem nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung, der aber nur eine kleine Minderheit begünstigte. 1948 übernahm eine Militärjunta die Regierungsgewalt und beendete eine unter dem Präsidenten Rómulo Betancourt (AD) 1945 eingeleitete Reformperiode.

Ein Staatsstreich 1952 brachte Oberst Marcos Pérez Jiménez an die Macht. Nach seinem Sturz 1958 wurde erneut Betancourt zum Staatsoberhaupt gewählt. In der Folgezeit lösten sich die Acción Democratica und die christdemokratische Copei in der Regierung ab. Präsident Carlos Andrés Pérez (AD) verstaatlichte 1976 die Erdölindustrie. Aufgrund der in den achtziger Jahren gestiegenen Auslandsverschuldung und einer Wirtschaftskrise ging Pérez in seiner zweiten Amtszeit (1988-1993) zu einer rigorosen Sparpolitik über, die Massenproteste und 1992 einen Putschversuch des Linkspopulisten Hugo Chávez Frías auslöste. Korruptionsvorwürfe führten 1993 zur Absetzung von Pérez. Sein Nachfolger, der Copei-Mitgründer Rafael Caldera Rodriguez, versuchte erfolglos, die Wirtschaftskrise einzudämmen.

Die "bolivarische Revolution":

Die Präsidentschaftswahlen 1998 gewann Hugo Chávez Frías. 1999 trat die neue Verfassung der Bolivarischen Republik Venezuela in Kraft. Gegen die Amtsführung des Präsidenten formierte sich nach seiner Wiederwahl 2000 zunehmender Widerstand. Ein Putsch von Teilen der Streitkräfte, blutige Massenproteste und ein Generalstreik vermochten 2002/03 jedoch nicht, seine Präsidentschaft zu beenden. Chávez sicherte sich unter dem Etikett der "bolivarischen Revolution" durch umfangreiche Sozialmaßnahmen vor allem die Unterstützung der ärmeren Bevölkerungsschichten.

2004 scheiterte eine von der Opposition initiierte Volksabstimmung zur Abwahl von Chávez. Die oppositionellen Parteien boykottierten daraufhin 2005 die Parlamentswahlen. In der Außenpolitik versuchte Chávez, Venezuela als lateinamerikanische Vormacht gegen "neoliberale" Bestrebungen zu etablieren. Dabei kooperierte er vor allem mit Bolivien und Kuba. 2006 wurde Chávez bei Wahlen im Amt bestätigt. 2007 erlaubte ihm das Parlament für 18 Monate per Dekret zu regieren. Die ihn unterstützenden politischen Kräfte bündelte Chávez im Partido Socialista Unido de Venezuela.

Umfangreiche Verfassungsänderungen, die die Machtbefugnisse des Präsidenten erweitern und die gesellschaftliche Umgestaltung beschleunigen sollten, fanden in einem Referendum am 2. Dezember 2007 keine Mehrheit. In einem neuerlichen Referendum 2009 stimmte die Bevölkerung aber dann für eine Verfassungsänderung mit der die Möglichkeit der unbegrenzten Wiederwahl des Präsidenten festgeschrieben wurde.


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