Brasilien

Wissenswertes über Brasilien

Natur und Klima:

Brasilien ist der fünftgrößte Staat der Erde und nimmt fast 50 Prozent Südamerikas ein. Das zur Hälfte von Wald bedeckte Land wird von zwei Großlandschaften beherrscht: dem Brasilianischen Bergland im Süden und dem Amazonastiefland im Norden.

Die verschiedenartigen Landschaften des Berglandes:

Das meist durchschnittlich 500 bis 1000 Meter hohe Brasilianische Bergland ist ein altes Rumpfgebirge, dem stellenweise zerschnittene Tafeln aus Sandstein und vulkanischem Gestein aufliegen; an der Küste fällt es steil zum Atlantik ab. Im Süden und Südwesten erstrecken sich weite Stufenlandschaften, nach Norden wechseln sich einzelne Höhenzüge mit ausgedehnten Hochflächen ab.

Im Grenzgebiet zu Bolivien und Paraguay liegt in einer 20 bis 40 Kilometer breiten Überschwemmungszone des Flusses Paraguay das Tiefland des Pantanal. Die rund 100.000 Quadratkilometer große Schwemmlandebene ist eine Absenkung des Brasilianischen Berglands und bildet eines der größten Binnenfeuchtgebiete der Erde. Das Gebiet wird regelmäßig von Mai bis September überschwemmt. Etwa 650 Vogelarten sind hier heimisch, ebenso 80 Säugetier- und mindestens 2000 Pflanzenarten.

Die ursprünglichen Mangrovenwälder an der Ostküste und die tropischen und subtropischen Regenwälder im Küstenbergland mussten Bananen-, Kokos- und Kaffeepflanzungen weichen. Die Feuchtsavanne der Campos Cerrados im Landesinnern bedeckt ein Fünftel der Staatsfläche. Die dort wachsenden Gräser bilden die Futtergrundlage der brasilianischen Rinderzucht. Im trockenen Nordosten, dem Sertão, erstreckt sich der lichte, mit Kakteen und Dornsträuchern durchsetzte Trockenwald der Caatinga. Von den ursprünglich weiten Araukarien-Nadelwäldern im südöstlichen, subtropischen Abschnitt des Brasilianischen Berglandes sind heute nur noch fünf Prozent erhalten.

Amazonien, das bedrohte Paradies:

Der mehr als 6400 Kilometer lange Amazonas ist die Schlagader des riesigen, von tropischem Regenwald bedeckten Tieflandes von Amazonien. Zu beiden Seiten des Stromes erstrecken sich die 50 bis 200 Kilometer breiten, periodisch überfluteten Landstreifen der Varzeas. An seiner Mündung erreicht der Amazonas eine Breite von 250 Kilometer. Im Gebiet der Deltamündung löst sich die Atlantikküste in einzelne, von den Flussarmen des Amazonas umspülte Inseln auf. Zu ihnen zählt die 47.573 Quadratkilometer große Insel Marajó. Größer als die Schweiz ist sie die größte Schwemmlandinsel der Erde.

Das 5,8 Millionen Quadratkilometer große Amazonastiefland, an dem außer Brasilien auch Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien Anteile haben, hat eine wichtige Funktion für das Klima und das Ökosystem der gesamten Erde. Mehr als 60.000 Pflanzenarten sind bisher bekannt, zur einzigartigen Fauna zählen etwa 300 Säugetier-, 1000 Vogel- und 2000 Fischarten.

Die Regenwälder Amazoniens werden seit Jahrhunderten wegen ihrer wertvollen Hölzer ausgebeutet. Agrarkolonien, etwa entlang der Transamazonica-Straße, haben ebenfalls große Lücken gerissen. Zunehmend dringen Viehzüchter in das Tiefland vor. Weitere Gefahren drohen dem Regenwald durch die Erschließung der gewaltigen Rohstoffvorkommen (unter anderem Eisen, Mangan, Uran, Diamanten, Erdöl). Trotz offiziellen Verbotes floriert immer noch der Export von Edelhölzern - 80 Prozent der Rodungen sind illegal.

Am nördlichen Rand des Amazonasbeckens erheben sich die weiten Plateaus und isolierten Tafelberge des Berglandes von Guyana. Hier bildet der Pico da Neblina mit 3014 Metern die höchste Erhebung Brasiliens.

Überwiegend tropisches Klima:

Bis auf den äußersten Südosten liegt Brasilien innerhalb der Tropen und weist mittlere Jahrestemperaturen von über 20 Grad auf. Unter dem innertropischen Äquatorialklima des Amazonastieflandes erreichen die Temperaturen das ganze Jahr über etwa 27 Grad, bei ganzjährig starken, oftmals gewittrigen Regenfällen beträgt die Luftfeuchtigkeit fast 90 Prozent. Innerhalb Amazoniens gibt es aber große Unterschiede: Während in Belém im Osten an 240 Regentagen fast 3000 mm fallen, sind es im 1000 Kilometer entfernten Manaus an 150 Regentagen weniger als 2000 mm.

Im Brasilianischen Bergland herrscht ein wechselfeuchtes tropisches Klima. Die Temperaturen schwanken im Tagesverlauf zwischen 17 und 28 Grad. Die höchsten Temperaturen werden mit 42 bis 48 Grad im Mato Grosso gemessen. Im Sommer regnet es im Binnenhochland und im Süden stark, im Norden überwiegen Herbstniederschläge. Winterregen gibt es an der Küste bei Bahia. In den östlichen, im Luv befindlichen Küstengebirgen fallen jedes Jahr zwischen 3000 und 4000 mm Niederschlag. Ausgesprochen trocken zeigt sich das nordöstliche Binnenland, das durch seine Gebirgsumrahmung im Regenschatten der Passate liegt und häufig von Dürren heimgesucht wird.

Im Unterschied zu den tropischen Gebieten gibt es im subtropischen Süden ausgeprägte Jahreszeiten. Dort kann es durch südliche Kälteeinbrüche zu Frost und in höheren Regionen zu Schneefall kommen.

Bevölkerung:

Die meisten Brasilianer sind Nachkommen portugiesischer Einwanderer. Viele von ihnen haben sich mit den Nachfahren der aus Afrika eingeschleppten Sklaven vermischt (Mulatten, Mestizen und Cafusos). Die indigene Minderheit setzt sich aus mehr als 150 verschiedenen Indianerstämmen zusammen. Sie lebt meist in Reservaten (etwa ein Zehntel des Staatsgebietes), die in eigenen Kapiteln der Verfassung geschützt sind, aber auch - entwurzelt - in den Städten.

Demografische Strukturen:

In der Liste der bevölkerungsreichsten Staaten nimmt Brasilien Rang fünf ein. Bis in die achtziger Jahre lag das Bevölkerungswachstum über dem südamerikanischen Durchschnitt, heute liegt es mit 1,04 Prozent pro Jahr im unteren Bereich.

Die Bevölkerung ist ausgesprochen ungleich verteilt. Der Norden ist kaum besiedelt, auch wenn die Bevölkerung durch staatlich gelenkte Kolonisation im Amazonasgebiet und im zentralen Westen in den siebziger und achtziger Jahren zugenommen hat. Dagegen konzentriert sich im Südosten, dem wirtschaftlichen Kernraum, ein Großteil der Bevölkerung; dorthin zieht es weiterhin viele Einwanderer aus dem armen Nordosten. Allein der Großraum São Paulo umfasst schätzungsweise 20 Millionen Menschen.

Soziale Ungleichheit:

Fast ein Fünftel der Brasilianer lebt in Armut, häufig in den Elendsvierteln (Favelas) der großen Städte. Kriminalität und Bandenkriege, Drogen und Hunger sind ein großes gesellschaftliches Problem. Auf der einen Seite kämpfen mittellose Straßenkinder um ihr Überleben, auf der anderen Seite der Gesellschaft steht eine kleine, reiche Oberschicht, die auch die politische Macht in ihren Händen hält. Sozial und wirtschaftlich benachteiligt sind vor allem Schwarze und Indianer.

Bildung:

Die acht Jahre umfassende Grundschule ist für Kinder im Alter von 7 und 14 Jahren Pflicht. An sie schließt sich die dreijährige Sekundarstufe an, die ihrerseits die Möglichkeit zu einem zweistufigen Hochschulstudium eröffnet. Das Schulwesen ist dezentral organisiert: Die Bildungseinrichtungen verfügen über Freiheit in der Organisation und im Unterrichtsangebot, wobei die Bundesstaaten verpflichtet sind, ihre Bildungsangebote untereinander abzustimmen. Besonders das öffentliche Grundschulwesen ist teilweise in schlechtem Zustand und leidet unter einer mangelhaften Infrastruktur, schlecht ausgebildeten Lehrern und Finanznot. Die Angehörigen der Mittel- und Oberschicht schicken ihre Kinder daher meist in kostenpflichtige Privatschulen. Im Hochschulsektor dominieren private Universitäten.

 

Staat und Politik

 

Nach der mehrfach reformierten Verfassung von 1988 ist Brasilien eine präsidiale Bundesrepublik mit dem Präsidenten als Staatsoberhaupt und Regierungschef. Er wird im Abstand von vier Jahren direkt vom Volk für maximal zwei Amtsperioden gewählt. Der Nationalkongress besteht aus der Abgeordnetenkammer und dem Senat. Die 513 Mitglieder der Abgeordnetenkammer werden für vier Jahre nach dem Verhältniswahlrecht, die 81 Senatoren für acht Jahre nach dem Mehrheitswahlrecht gewählt. Die Parteienlandschaft Brasiliens ist sehr vielfältig und hat weniger in Programmen als in Personen ihre Hauptbezugspunkte.

Der derzeitige Staatspräsident, der ehemalige Gewerkschaftsführer Luiz Inácio Lula da Silva, hat die linke Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores, PT) gegründet. Weitere große Parlamentsfraktionen bilden die Partei der brasilianischen Sozialdemokratie (Partido da Social-Democracia Brasileiro, PSDB), die zentristische Partei der Demokratischen Bewegung Brasiliens (Partido do Movimento Democrático Brasileiro, PMDB), die konservative Partei der Liberalen Front (Partido da Frente Liberal, PFL) sowie die rechtskonservative Progressive Partei Brasiliens (Partido Progressista Brasileiro, PPB).

Die 26 Bundesstaaten haben jeweils eigene Verfassungen und eigene Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und Gerichtsorgane; an der Spitze der Exekutive steht ein Gouverneur. Die Bundesstaaten sind administrativ in fünf Regionen zusammengefasst: Nord, Nordost, Mittelwest, Südost und Süd. Einen eigenen Bundesdistrikt bildet die Hauptstadt Brasília.

 

Wirtschaft und Verkehr

 

Brasilien weist seit Jahren ein stetiges, aber mäßiges Wirtschaftswachstum auf. Die früher extrem hohe Auslandsverschuldung und Inflation konnten deutlich verringert werden. Die aktuell gute Konjunkturlage stützt sich vor allem auf den Export, insbesondere von industriellen Fertigprodukten. Gleichzeitig wirkten sich steigende Importe günstig auf die Binnenkonjunktur aus, so dass die Arbeitslosenquote auf 11,5 Prozent gesunken ist. Große unerschlossene Erdölfelder vor der Küste versprechen auch für die Zukunft eine positive Entwicklung. Ungelöst blieb das Problem der sozialen und regionalen Ungleichgewichte.

Während der Süden des Landes eine moderne und leistungsfähige Wirtschaft aufweist und allein der Großraum São Paulo über ein Drittel des Bruttoinlandproduktes Brasiliens erwirtschaftet, bestimmen Armut und Unterentwicklung den Norden und den Nordosten.

Exportorientierte Landwirtschaft:

Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe sind Kleinbetriebe mit weniger als zehn Hektar; 80 Prozent des kultivierten Landes befinden sich in der Hand von Großgrundbesitzern. Brasilien gehört zu den weltweit führenden Produzenten von Sojabohnen, die in den vergangenen Jahren auch zu einem wichtigen Agrarexportgut wurden. Während die Sojafelder erst in den achtziger Jahren das südliche Amazonastiefland von Mato Grosso "eroberten", blickt der Kaffeeanbau im südlichen Hochland auf eine lange Tradition zurück.

Mit 30 Prozent der Weltproduktion steht Brasilien immer noch ganz oben auf der Weltrangliste der Kaffeeexporteure. Weitere wichtige Ausfuhrprodukte sind Zucker, Baumwolle und Kakao. Die Viehwirtschaft mit dem Schwerpunkt Rinderzucht liefert etwa ein Viertel des landwirtschaftlichen Produktionswertes. Ursprünglich auf die Grasflächen der Campos beschränkt, dringt sie heute heute immer weiter in das Amazonastiefland vor.

Wertvolle Rohstoffe:

Brasilien verfügt über große Lagerstätten unterschiedlichster Rohstoffe, die längst noch nicht alle erschlossen sind. Eisenerze konzentrieren sich im Bundesstaat Minas Gerais ("Eisernes Viereck") - sie weisen Metallgehalte von mehr als 60 Prozent auf - und auf das südöstliche Amazonien. Mangan, Zinn und Bauxit aus Brasilien spielen auf dem Weltmarkt ebenfalls eine wichtige Rolle. Berühmt sind die Vorkommen an Diamanten und Edelsteinen, Gold, Silber und Platin. Die Erdölförderung deckt ein Viertel des eigenen Energiebedarfs. In der Bucht von Bahia und im Küstenschelf des Bundesstaates Rio de Janeiro liegen die größten, bisher erschlossenen Vorkommen.

Vor der Südostküste wurden 2007 und 2008 noch größere Erdölfelder entdeckt, die sich allerdings in etwa 5000 Meter Tiefe befinden. Im Amazonasgebiet wird Erdgas gefördert. Den größten Teil seines Energiebedarfs deckt Brasilien aus eigener Wasserkraft. Das Kraftwerk von Itaipú am Paraná gehört zu den größten der Welt.

Vielseitige Industrie:

Brasilien weist den höchsten Industrialisierungsgrad Südamerikas auf. Im verarbeitenden Gewerbe wird fast ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. Produziert werden überwiegend Fahrzeuge und Maschinen. Bedeutend sind auch Elektrotechnik, Metallverarbeitung sowie die chemische Industrie und die Konsumgüterindustrie. Industrielle Ballungsräume liegen vor allem in den südöstlichen Bundesstaaten São Paulo, Minas Gerais und Rio de Janeiro.

Wenig entwickelter Tourismus:

Trotz einer Fülle von Attraktionen besuchen jährlich nur rund fünf Millionen ausländische Gäste Brasilien. Mangelnde Infrastruktur und eine vergleichsweise hohe Kriminalität gelten als Haupthinderungsgründe für eine rasche Entwicklung des Tourismussektors. Hauptreiseziele sind - besonders zur Karnevalszeit - Rio de Janeiro und Salvador de Bahia, dann historische Städte wie die Barockstadt Ouro Prêto in Minas Gerais und die Badeorte an den tropischen Stränden sowie die Wasserfälle von Iguaçu. Ein neuerer Trend ist der Ökotourismus im Amazonastiefland. Insgesamt wartet Brasilien mit 17 Welterbestätten der Unesco auf, darunter auch die planmäßig angelegte Hauptstadt Brasília.

Verkehrswege als Entwicklungsachsen:

Von der Hauptstadt Brasília aus wurden Fernstraßen zu allen wichtigen Städten des Landes angelegt. Sie dienen nicht nur dem Transport, sondern auch der Erschließung des Landesinnern. So wurde die Transamazonica schon in den siebziger Jahren durch das Amazonastiefland geschlagen. Der nationale Flugverkehr gewinnt angesichts der großen Entfernungen an Bedeutung. Wichtig für die Erschließung des Amazonastieflands ist die Schifffahrt. Den Amazonas bis Manaus hinauf können Seeschiffe bis zu 5000 Tonnen befahren, 3000-Tonner schaffen es bis ins peruanische Iquitos.

 

Geschichte

 

Kolonialzeit und Monarchie:

Als erster Europäer betrat der Portugiese P. A. Cabral am 22. 4. 1500 die brasilianische Küste und nahm sie für Portugal in Besitz. Die Portugiesen besiedelten das Gebiet ab 1532. Sie brachten ab 1538 auch afrikanische Sklaven zur Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen ins Land. 1549 wurde Bahia zur Hauptstadt der Kolonie und Sitz des Vizekönigs. Kurzfristig versuchten auch die Niederländer in Brasilien Fuß zu fassen, jedoch ohne dauerhaften Erfolg (1629-1654).

Im 17. und 18. Jahrhundert begann die Erschließung des Hinterlandes. Mit der Erkundung und Ausbeutung der großen Rohstofflagerstätten in Minas Gerais, Mato Grosso und Goiás verlagerte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt nach Süden. 1763 wurde die Hauptstadt nach Rio de Janeiro verlegt. Dort ließ sich 1807 auch der portugiesische König Johann VI. auf der Flucht vor Napoleon nieder. Nachdem Johann 1821 wieder in seine Heimat zurückgekehrt war, erklärte Brasilien am 7. September 1822 seine Unabhängigkeit. Johanns ältester Sohn Pedro ließ sich als Pedro I. (Peter I. ) zum Kaiser ausrufen, drei Jahre später erkannte die portugiesische Krone die neue Monarchie an. Nach inneren Konflikten dankte Pedro I. 1831 zugunsten seines fünfjährigen Sohnes Pedro II. (Peter II. ) ab. Bis zu dessen 1840 erklärter Volljährigkeit führte ein vom Parlament eingesetzter Rat die Amtsgeschäfte. Unter der Regentschaft Pedros II. stabilisierte sich die politische Situation. Der Export von Kaffee, Kautschuk und Zuckerrohr brachten dem Land einen Wirtschaftsaufschwung, der viele Einwanderer aus Europa, überwiegend aus Portugal, ins Land strömen ließ. 1851/52 kämpfte Brasilien gegen den argentinischen Diktator Juan Manuel Rosas, 1865 bis 1870 verbündete sich das Land mit Argentinien und Uruguay zum siegreichen Krieg gegen Paraguay.

Sturz der Monarchie und Anfänge der Republik:

1831 wurde der Sklavenhandel verboten, die Sklaverei hob Pedro II. jedoch erst 1888 ganz auf - gegen den Widerstand der Pflanzeroligarchie. Aus Unmut über die Maßnahme des Kaisers unterstützte die Landaristokratie 1889 einen Militärputsch, mit dem die Monarchie gestürzt wurde. Pedro II. ging ins Exil, die Föderative Republik der Vereinigten Staaten von Brasilien wurde ausgerufen - ihr Leitspruch Ordem e Progresso ("Ordnung und Fortschritt") ziert bis heute die Staatsflagge. Die Verfassung von 1891 lehnte sich eng an ihr US-amerikanisches Vorbild an. Marschall da Fonseca wurde der erste Staatspräsident. Dank des Kaffeeexports erlebte die junge Republik eine wirtschaftliche Blüte, die von der beginnenden Industrialisierung begleitet wurde. Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarstaaten wurden durch Schiedssprüche friedlich beigelegt. Dabei konnte das Staatsgebiet erweitert werden.

Der "Estado Novo":

Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem Brasilien auf Seiten der Alliierten teilnahm, kam es zu Spannungen zwischen der neuen städtischen Mittel- und Arbeiterschicht sowie der Landaristokratie. Die Weltwirtschaftskrise (1929) und der Zusammenbruch des Kaffeemarktes stürzten das Land auch politisch in eine Krise.

Nach der Präsidentschaftswahl von 1930 putschte sich der gescheiterte Präsidentschaftskandidat Getúlio Vargas mit Unterstützung der Militärs an die Macht. Während seiner Amtszeit schlug Vargas kommunistische und faschistische Aufstände nieder. 1937 proklamierte er das autoritäre Regierungssystem des Estado Novo ("Neuer Staat"). Er löste den Kongress auf und verbot die Parteien. Gleichzeitig förderte er den Ausbau der Industrie und den Agrarexport. Unter Vargas trat Brasilien 1942 an der Seite der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg ein.

Zwischen Demokratie und Diktatur:

Nach Kriegsende erzwangen führende Militärs Vargas Rücktritt, das Land kehrte unter Präsident Eurico Gaspar Dutra (1946-1951) zur Demokratie zurück. Allerdings wählte die Bevölkerung Vargas 1951 erneut zum Präsidenten, der in den folgenden Jahren eine nationalistische Wirtschaftspolitik verfolgte. 1954 beging Vargas Selbstmord. Die Präsidentschaft von Juscelino Kubitschek de Oliveira (1956-1961) stand unter dem Zeichen der Landerschließung, deren spektakulärer Höhepunkt der Bau der neuen Hauptstadt (ab 1960) Brasília nach Plänen des Architekten Oscar Niemeyer war. Kubitscheks Wahlversprechen, in fünf Jahren den Industrialisierungsrückstand aufzuholen, ließ sich nicht erfüllen, stattdessen stiegen Auslandsverschuldung und Inflation.

Den Versuch des Präsidenten João Goulart (1961-1964), eine Landreform durchzuführen und die Erdölraffinerien zu verstaatlichen, beantwortete das Militär 1964 mit einem Putsch. 1967 wurde ein Zweiparteiensystem eingeführt. Die Wirksamkeit der Parteien und der Parlamente blieb jedoch stark eingeschränkt. Das Militärregime bekämpfte seine Gegner mit harten, von der Weltöffentlichkeit zunehmend kritisierten Mitteln (willkürliche Verhaftungen, Folterungen in Gefängnissen). Widerstandsaktionen wurden von einem Teil des katholischen Klerus (Erzbischof H. Câmara) und von Intellektuellen getragen. Mit Aufhebung der Ausnahmegesetze 1979 entspannte sich die politische Lage allmählich.

Demokratisierung und Reformen:

Erste Ansätze zu einer Liberalisierung gab es unter der Präsidentschaft Ernesto Geisels (1974 bis 1979). 1979 wurden die nahezu diktatorischen Sondervollmachten des Präsidenten aufgehoben, das Zweiparteiensystem abgeschafft und die Gründung neuer Parteien zugelassen. Der innenpolitische Öffnungsprozess (die "abertura") wurde 1980 unterbrochen, dann aber fortgesetzt. 1985 fanden nach 21 Jahren Militärdiktatur wieder freie Präsidentschaftswahlen statt. Ein Wahlmännergremium bestimmte den Kandidaten des oppositionellen Partido do Movimento Democrático (PMDB), Tancredo de Almeida Neves, zum neuen Staatsoberhaupt. Neves starb aber noch vor Amtsantritt, und der Vizepräsident José Sarney übernahm verfassungsgemäß die Präsidentschaft. Er versuchte die Schuldenkrise zu überwinden und führte einschneidende Währungsreformen durch.

1988 trat eine neue Verfassung in Kraft, die die Direktwahl des Präsidenten vorsah. Fernando Collor de Mello, der erste direkt gewählte Präsident, musste aufgrund von Korruptionsvorwürfen 1992 nach nur zweijähriger Amtszeit zurücktreten. Sein Nachfolger wurde Itamar Franco (1992-1994). Eine Hyperinflation brachte Brasilien Anfang der neunziger Jahre wieder an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. 1994 legte Finanzminister Fernando Cardoso den sogenannten Plano Real vor, der außer einer Währungsreform weitreichende Verwaltungsreformen und Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung umfasste. Dank des Erfolges seiner Wirtschaftspolitik gewann Cardoso die Präsidentschaftswahlen 1994. 1998 wurde er erneut zum Staatsoberhaupt gewählt. Das erste Gipfeltreffen der südamerikanischen Staatschefs in Brasília (2000) betonte den regionalen Führungsanspruch des Landes.

Die Präsidentschaftswahlen 2002 gewann der Gründer der Arbeiterpartei (PT) und ehemalige Gewerkschaftsführer Luiz Inácio Lula da Silva. Als erster Sozialist im Präsidentenamt stützte sich Lula auf ein breites Mitte-Links-Bündnis, das die liberale Wirtschaft- und Finanzpolitik beibehielt, dabei jedoch versuchte, soziale Akzente zu setzen. Korruptionsaffären in seiner eigenen Partei im Jahr 2005 beschädigten die Glaubwürdigkeit des Präsidenten. Trotzdem wurde er von der Bevölkerung 2006 im Amt bestätigt.

 


Dieser Text ist dem Angebot entnommen.
(C) Wissenmedia GmbH