Bolivien Die Sonneninsel im Titicacasee

Die Sonneninsel im Titicacasee gehört zu den Höhepunkten eines jeden Bolivienaufenthaltes. Spektakuläre Sonnenuntergänge, türkisblaues Wasser und die Gastfreundschaft der Einheimischen machen einen Besuch unvergesslich.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages lassen die spiegelglatte Oberfläche des Titicacasees in einem betörend schönem roten Licht erscheinen. Mit den bis zu 6000 Meter hohen, schneebedeckten Bergen der Cordillera Real im Hintergrund fällt es schwer, sich von diesem Anblick zu lösen. Die angenehme Stille wird nur von fernen Paddelschlägen eines heimkehrenden Fischerbootes unterbrochen. Gegen Abend erreichen wir die Isla del Sol, die Sonneninsel, die mitten im Titicacasee liegt. Durch die exponierte Lage der Insel kann es hier auch in den Sommermonaten sehr kalt werden. Die mit Einbruch der Dämmerung fallenden Temperaturen lassen einen Aufenthalt im Freien schnell ungemütlich werden.

Dem sonnigen Gemüt meines Gastgebers Alfonso können die niedrigen Temperaturen jedoch wenig anhaben. Lächelnd deutet er auf eine Reihe vor ihm liegender Plastikflaschen: "Wenn du noch warm duschen willst, musst du dich beeilen. Wir füllen das Seewasser in die Flaschen und lassen es tagsüber von der Sonne aufwärmen." Na immerhin, auch lauwarmes Duschen kann plötzlich das schönste Vergnügen sein. Die größte Siedlung der Isla del Sol, Yumani, liegt im Süden der Insel. Neben zahlreichen Hostels und Restaurants ist hier auch der größte Fähranleger zu finden. Der ruhige, wenig erschlossene Norden mit dem Dorf Challapampa gibt dagegen Einblicke in das traditionelle Leben der Einheimischen und bietet hervorragende Gelegenheiten, die einmalige Natur (fast) ungestört zu genießen. Auch kulturhistorisch hat die Isla del Sol ihre Reize - von vielen wird es sogar als der Ursprung der Inka-Dynastie angesehen.

Die Bootsfahrt zur "Isla del Sol"

Ausgangspunkt für einen Besuch auf der Sonneninsel im Titicacasee ist das 20.000 Einwohner-Städtchen Copacabana auf dem bolivianischen Festland, das nur zehn Kilometer von der peruanischen Grenze entfernt liegt. Mehrmals täglich legen Fähren ab, die Überfahrt zur Isla del Sol dauert etwa zwei Stunden. Wer die Zeit draußen an Deck verbringt, kann sich schon mal mit dem eisigen Winden des bolivianischen Hochlandes, dem Altiplano, vertraut machen. An warme Kleidung sollte man also denken, und sich auch gegen die intensive Höhensonne wappnen. Der Blick auf das tiefblaue Wasser, eingerahmt von der spektakulären Berglandschaft, entschädigt allerdings für die widrigen Bedingungen.

Am Nachmittag legt die Fähre zunächst am südlichen Teil der Isla del Sol an, bevor sie dann den Ort Challapampa erreicht. Die kleine Ortschaft besticht durch ihre herrliche Lage direkt am Seeufer. Auf einer Anhöhe über dem Dorf thront das Hostel "Alfonso", von dem man einen tollen Blick über den Titicacasee hat. In den Abendstunden wird es Zeit für die kulinarische Spezialität der Region: frisch gefangene Regenbogenforellen. Das goldgelb angebratene Fischfilet wird mit Ofenkartoffeln und grünem Gemüse serviert. Die ursprünglich erst in den 1930er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Titicacasee angesiedelten Forellen, harmonieren ausgezeichnet mit dem salzigen Geschmack der Kartoffeln und den gedünsteten Beilagen. Nach einer sternenklaren Nacht, trotz vorhandenen Decken lohnt es sich einen Schlafsack mitzubringen, steigt die Sonne am nächsten Morgen langsam am Horizont empor. Zeit für ein Frühstück auf einer der windgeschützten Restaurantterassen.

Esel auf der Isla del Sol im Titicacasee.
Andreas Schmidt
Für die Einheimscihen sind Esel das wichtigstes Transportmittel.
Die Chicana-Ruinen auf der Isla del Sol

Von Challapampa aus lassen sich die sehenswerten, historischen Stätten der Sonneninsel in einer bequemen Tageswanderung erkunden. Der Weg zum Chicana-Tempel bietet dabei spektakuläre Ausblicke auf den Titicacasee. Die Landschaft, die sich vor dem azurblauen Himmel abhebt, erscheint geradezu mediterran. Kakteen und olivgrüne Zypressen säumen den Weg, kleine versteckte Buchten mit feinem Sandstrand und türkisfarbenem Wasser verleiten dazu, immer wieder Stehenzubleiben. Dass man sich jedoch im andinen Hochland und nicht auf einer Mittelmeerinsel befindet, wird bei jedem Atemzug spürbar - denn schließlich liegt das "Andenmeer" 4000 Meter über dem Meeresspiegel.

Bunte Farbtupfer erscheinen am Horizont. Auf den engen Pfaden treiben Einheimische schwer bepackte Eselkolonnen Richtung Challapampa. Die rötlich-violetten Trachten der Inselbewohner sind schon von Weitem sichtbar und bilden einen intensiven Kontrast zu den Blautönen des Titicacasees. Nach einem etwa zweistündigen Fußmarsch werden die von den Inkas errichteten Tempel-Anlagen erreicht: Der "Sonnentempel" und der "heilige Felsen" bilden dabei die zentralen Elemente der Chincana-Ruinen. Der Legende nach soll an diesem Punkt der Schöpfergott Con Ticci Wiracocha seine beiden Kinder Manco Capac und Mama Ocllo damit beauftragt haben, die Inka-Dynastie aufzubauen. Es wird angenommen, dass die ursprüngliche Bezeichnung des Felsens (Titicala) später als Namensgeber für den See diente.

Die Chicana Ruinen auf der Isla del Sol im Titicacasee.
Andreas Schmidt
Nach einem zweistündigem Fußmarsch von Challapampa aus erreicht man die Chicana Ruinen.
Erschöpft, jedoch begeistert von den Eindrücken erreiche ich am späten Nachmittag wieder Challapampa. Dort lohnt noch ein Beusch im Museum "Museo de Oro", in dem Fundstücke der überfluteten Inka-Tempelanlage "Marka Pampa" ausgestellt sind. Durch das kleine, direkt am Bootsanleger gelegene Museum, lässt sich eine gute Vorstellung über die früheren Lebensbedingungen auf den Inseln des Titicacasees gewinnen.

Wanderung zu den "Escalera del Inca" auf der Isla del Sol

Am nächsten Tag geht es einmal quer über die Sonneninsel bis nach Yumani. Die Route führt bis zur Ortschaft Challa nahezu ausschließlich am Seeufer entlang. Schmale Pfade führen an kleinen Siedlungen vorbei, terrassierte, für den Ackerbau genutzte Hänge werden gekreuzt. Schafherden versperren den Weg, schwer beladene Feldarbeiter tragen die Ernte des Tages zu ihrer Hütte. Fischfang und Landwirtschaft waren lange Zeit die Haupterwerbszweige der 3000 Inselbewohner. Doch vor allem im Süden der Insel nimmt die Tourismusindustrie eine immer wichtigere Position ein.

Über die "Escalera del Inca", eine von den Inkas erbauten, bis zur heutigen Zeit genutzten Steintreppe, wird schließlich der Bootsanleger bei Yumani erreicht. Normalerweise verlässt gegen 16 Uhr das letzte Boot die Insel. Drei bezaubernde Tage auf der Sonneninsel enden somit. Zurück in Copacabana wirken die schrillen Motorengeräusche wie das jähe Ende eines schönen Traumes. Die "Isla del Sol", die Sonneninsel im Titicacasee, mit ihren leuchtenden Farben, der Stille und ihren freundlichen Bewohnern wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Lust auf noch mehr Abenteuer in Bolivien? In der Nähe von La Paz finden Moutainbiker auf der Yungas-Straße den Adrenalinkick. Auf einer schmalen und kurvigen Schotterpiste geht es Tausende von Metern immer bergab - dabei durchquert man fast alle Klimazonen Südamerikas.

Autor

Andreas Schmidt