Peru Vom Colca Canyon bis nach Machu Picchu

Vom gigantischen Caňyón del Colca bis in die verlorene Stadt der Inka. Eine Reise auf den Spuren der alten indigenen Traditionen durch den Süden des Andenlandes Peru.
Kondore über dem Colca-Canyon.

Ein Farbtupfer im kargen, schroffen Hochland: Bunte Vögel, Blüten und Spitze schmücken den Hut. Die kleine Weste und die Pollera-Faltenröcke erinnern noch an die alten Traditionen ihres Dorfes mitten in den rauen Chila-Kordilleren der Anden - auf über 3700 Metern Höhe. Marlene Chicaña lächelt zurückhaltend, aber dennoch selbstbewusst. Jeden Morgen wandert die 37-Jährige - die gegerbte Haut lässt ein weit höheres Alter vermuten - aus dem Andendorf Pinchollo hoch an die staubige Schotterpiste, baut ihren Stand auf und verkauft gestickte Geldbeutel an Touristen. "Ich habe das Weben unserer Cabana-Tracht noch von meiner Mutter gelernt", sagt die Bäuerin auf Quechua, eine der zwei Sprachen der indigenen Bevölkerung Perus. Die alte Inka-Sprache stirbt langsam aus. "Meine Söhne haben sie schon verlernt, sprechen in der Schule nur Spanisch - und verstehen ihre eigene Großmutter nicht mehr."

Hinter ihrem Rücken eine Kulisse, die einem den Atem nimmt: einer der tiefsten Schluchten der Welt. Doppelt so tief wie der Grand Canyon. Der 100 Kilometer lange Caňyón del Colca im Süden Perus liegt zwischen zwei hohen Vulkanen und gräbt sich rund 3400 Meter in die Tiefe, in seiner Mitte rauscht der wilde Río Colca. Ein Ort für spektakuläre Wanderungen durch Schluchten und über 5000er-Pässe, vorbei an wilden, grasenden Alpakas.

Die goldgelben Hänge des Canyons sind mit Terrassen und Wasserkanälen überzogen - ein Erbe der Colla-Kultur (1000-1500). Noch heute baut Marlene hier Saubohnen und Mais an. Erdrutsche und Erdbeben erschweren den Anbau. Viele Familien verließen das fruchtbare "Tal der Wunder". Außensiedlungen in den Bergen sind nur mit Mulis zu erreichen. "Wanderkrankenschwestern besuchen sie, um ihren Kindern bei eisiger Kälte auf die Welt zu helfen", erzählt Reiseleiter – und Zahnarzt - Aldo Rodriguez in perfektem Deutsch. "Die Menschen sterben lieber bei ihren Familien als in kalten Krankenhauszimmern der Stadt."

Mit Ingenieuren eines Bewässerungsprojekts kam in den 1970er-Jahren langsam der Tourismus in die gigantische Schlucht, erst in den vergangenen 17 Jahren wurden intensiver Hotels gebaut. Und das, obwohl das Colca-Tal das Zuhause der "Könige der Anden" ist: Zwischen Maca und Cabanaconde leben 30 Andenkondore, der Aussichtspunkt "Cruz del Cóndor" mit seinem tief herunterstürzenden Wasserfall ist ein Muss für Peru-Besucher. Die größten fliegenden Vögel Amerikas gleiten frühmorgens mithilfe der thermischen Luftströme wie Paraglider durch die Schlucht.

Cusco: eine Stadt, die hauptsächlich vom Tourismus lebt

Neben den Adobe-Lehmhäusern mit Dächern aus dem Hochlandgras Ichu ragen im Colca-Tal Gotteshäuser wie die schneeweiße Franziskaner-Kirche in Yanque heraus. Sie ist weit mehr als ein Gotteshaus: Früh um halb sechs bekommen hier rund 450 Dorfbewohner eine deftige Gemüsesuppe - für viele der armen Bauern immer noch die einzige Mahlzeit am Tag. Schwester Antonia rief die Suppenküche vor fast 42 Jahren ins Leben, als die Armut noch viel größer war: "Die Campesinos im Hochland hatten nichts zu essen, sie starben auf den Feldern", sagt die Schwester des Mary Knoll-Orden. "Sie akzeptierten uns, weil wir mit ihnen morgens hinaus aufs Feld gingen." Mit Hilfe von Privatspenden entwickelte die Quechua sprechende Amerikanerin medizinische Programme und zeigte Bauern, wie sie Gemüse anbauen können.

Cusco in Peru.
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Das Tor nach Machu Picchu - die Stadt Cusco.
Eine Stadt, die hauptsächlich vom Tourismus lebt, ist das vom Colca-Tal zwölf Stunden entfernte Cusco auf 3430 Metern mitten im Hochland: Mit ihrer kolonialen Altstadt, den Inkastätten und der Unesco-Tempelfestung Sacsayhuamán ist sie eine der faszinierendsten Städte Südamerikas. Als das Herz des Inka-Imperiums war Cusco um 1200-1500 der "Nabel der Welt" - und so mächtig wie das alte Rom. Von diesem fruchtbaren Tal aus beherrschten Inka-Könige ihr Reich. Dann bauten die spanischen Eroberer ihre Kolonialkirchen bedeutungsschwer auf die mächtigen Steinblöcke der Paläste indianischer Fürsten.

Doch das Meisterwerk der Inka-Architektur fanden die Spanier nie, den angeblichen Zufluchtsort des Herrschers Pachacútec Yupanqui - Machu Picchu. Luxuriös ist die Fahrt mit dem nostalgischen "Hiram Bingham"-Zug von Cusco aus in die "verlorene Stadt der Inka": An mit Silber eingedeckten Tischen geht es mit ratternden Waggons von der Hochebene Anta vorbei an schwer arbeitenden Bauern auf antiken Terrassen, durch das heilige Urubamba-Tal und tiefe Urwaldschluchten. Die vermutlich 1440 erbaute Festungsstadt – Forschungen zufolge auch ein religiöses und astronomisches Zentrum für Gelehrte - thront inmitten tropischer Nebelwälder unter dem Kegel des 2743 hohen Huayna Picchu auf einem Bergkamm mit 45 Grad steilen Hängen. Trotz des Rummels wirkt diese magische Kultstätte des untergegangenen Inka-Reichs mit seinen Terrassen, Tempelanlagen und Opferplätzen erhaben und geheimnisvoll.

Hiram Bingham entdeckte das vom Dschungel überwucherte Inka-Heiligtum

Der heilige Ort konnte auch zu Zeiten der Eroberung nur über steile Bergpässe erreicht werden - die Spanier bewegten sich nur in den Tälern fort. So dauert es über 400 Jahre, bis der Archäologe Hiram Bingham 1911 das vom Dschungel überwucherte und unzerstörte Inka-Heiligtum wiederentdeckt. Der junge Einheimische Melchor Arteaga erzählt dem Expeditionsleiter der Yale University, dass er in den Bergen oberhalb des Urubamba-Flusses Reste von Inka-Ruinen entdeckt hat. Bingham verfolgt die Spur - und wird fündig. "Niemals habe ich so auserlesen gebaute Mauern gesehen, so prachtvoll behauene Monolithe", schreibt der junge Missionarssohn in sein Tagebuch.

Am Ende einer Expedition, die die Geografie des Hochlandes erkunden soll, steht die unverhoffte Entdeckung eines der größten archäologischen Wunder und Mysterien unserer Erde. Welche Bedeutung hatte der Ort für das Inka-Volk? Warum verlassen 1000 Einwohner die blühende Stadt, bevor sie fertiggestellt ist, ist eine Epidemie Schuld daran? "Auch wenn sich heute die Bedeutung vieler Tempel des sakralen Zentrums nicht mehr genau bestimmen lässt, so zeugen sie dennoch von perfektionierter Steinmetzkunst", sagt Archäologin Vanessa. Mit Sand, Wasser und Meißeln bearbeiten die Inkas die tonnenschweren Felsblöcke so lang, bis sie derart aufeinander passen, dass selbst schwere Erdbeben ihnen nichts anhaben können. Auch am Eingang des Inka-Heiligtums wartet wieder eine junge Frau in ihren rot-pinken Polleras auf Touristen. Ein Lama steht ungeduldig an ihrer Seite und verzieht den Mund nach links und rechts. "Gleich spuckt es uns an", sagt Vanessa - und rennt lachend davon.

Autor

Sandra Malt