Südamerika Rundreise durch Patagonien

Patagonien galt lange als das Ende der bewohnten Welt. Gänzlich menschenleer ist der Süden Lateinamerikas nicht - dennoch ist über weite Strecken keine Zivilisation in Sicht. Dafür: gigantische Natur etwa im Nationalpark Torres del Paine, Pinguin-Kolonien in Feuerland und der kalbende Perito-Moreno-Gletscher.

Endlos erscheinende Steppen, schneebedeckte Berggipfel, zerklüftete Gletscher und dichte Wälder. Wie kaum eine andere Region der Erde hat Patagonien seit jeher die Sehnsucht von Abenteurern und Naturliebhabern geweckt.

Eine Rundreise klingt abenteuerlich - dieses Stück Erde im Süden Lateinamerikas, südlich der Flüsse Río Colorado in Argentinien und Río Bío Bío in Chile, ist gigantisch groß. Eine über weite Strecken endlose Weite, die sich europäische Reisende kaum vorstellen können. Mit ausreichend Zeit, mindestens vier Wochen, kann man so eine Tour dennoch schaffen: Von der argentinischen Stadt Bariloche über die Anden nach Chile in die Vulkanregion um den See Llanquihue weiter nach Puerto Montt, dem Ausgangspunkt einer dreieinhalbtägigen Schiffsfahrt durch die patagonischen Fjorde gen Süden in den Nationalpark Torres del Paine. Zurück in Argentinien zum Perito Moreno Gletscher in der Nähe von El Calafate und schließlich zur Endstation in die südlichste Stadt der Welt: Ushuaia.

Bariloche – Das Tor nach Patagonien 

Es ist nicht lange her, als es für Bariloche ziemlich trist aussah. Als der Vulkan Puyehue am 5. Juni 2011 auf der anderen Seite der Anden in Chile ausbrach, hatte das auch für den rund 90 Kilometer entfernten argentinischen Ferienort verheerende Folgen. Starke Winde wehten die Asche über die Bergkette, die sich dort wie eine graue Decke über die idyllische Berg- und Seenlandschaft legte. Mittlerweile hat sich das knapp 130.000 Einwohner zählende Bariloche samt Umgebung wieder herausgeputzt. Die teils einen halben Meter hohe Ascheschicht ist nahezu abgetragen.

Für viele Reisende ist die Stadt am Ufer des Sees Nahuel Huapi das "Tor nach Patagonien". Ursprünglich 1902 als Handelszentrum mit dem östlichen Nachbarland Chile gegründet, hat sich Bariloche seit 1932 mit dem Bau der Eisenbahnverbindung in die 1350 Kilometer entfernte Hauptstadt Buenos Aires stetig zu einer Tourismus-Hochburg entwickelt.

Einen grandiosen Panoramablick auf Seen und Wälder hat man etwa auf dem Gipfel des Cerro Campanarios, zu dem ein Sessellift hinauf fährt. Nicht umsonst wird die Region auch als die argentinische Schweiz bezeichnet. Der alpine Baustil aus Holz und Stein, der vor allem das Zentrum von Bariloche prägt, untermauert diesen Ruf.

Kulinarisch gibt es ebenfalls Parallelen zur Alpenrepublik. Die zahlreichen Schokoladenfabriken stehen ihren Schweizer Vorbildern in Sachen Qualität in nichts nach. Deutsche Einwanderer haben mit kleinen Privatbrauereien ihre Spuren hinterlassen.

Im Frühling dominiert in der Landschaft nahezu nur eine Farbe: knalliges Gelb. Etliche Ginsterbüsche blühen. In der Ferne thront majestätisch der 3500 Meter hohe und mittlerweile erloschene Vulkan Tronador mit seinen Gletscherzungen. Im Winter lockt der schneebedeckte Cerro Catedral  Skifahrer auf die Pisten. Das Wintersportzentrum zählt zu den wichtigsten in Südamerika.

Patagonische Fjorde – Zwischen Gletschern und Vulkanen

Östlich von Bariloche, auf der anderen Seite der Anden, liegt das chilenische Seengebiet mit seiner beeindruckenden Vulkankulisse. Blaues Wasser und saftig grüne Wiesen bilden dort den farbigen Kontrast zum schneebedeckten Riesen der Andenkette. In Puerto Varas am Ufer des Llanquihue-Sees bestimmt der 2653 Meter hohe Osorno das Bild.

Unverkennbar: Der große Einfluss der Nachfahren der Deutschen Einwohner, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts hier niederließen. Rund 6000 Familien kamen damals - bis heute lebt ein Stück Heimat durch sie weiter. "Frischgebackener Kuchen" wird beispielsweise auf Schildern am Wegesrand angeboten.

Zentrum der Region ist Puerto Montt. Gegen neun Uhr erwacht dort das Hafenviertel Angelmó zum Leben. Die Fischer sind mit ihren Booten zurückgekehrt und bringen ihre Beute verkaufsfertig in die Auslagen der zahlreichen Stände in der Markthalle. Die ersten Kunden schlendern oft schon morgens durch die schmalen Gänge, während die Händler im Akkord Austern aufklopfen, Fische filetieren und Schalentiere aufschichten.

 

Puerto Montt
Kai Behrmann
Krebse - eine Delikatesse auf dem Fischmarkt in Puerto Montt

Wer nicht warten möchte, genießt die Köstlichkeiten aus dem Meer direkt an Ort und Stelle. Zahlreiche Imbisse bieten frischen Fisch direkt im Hafen an. Eine gute Gelegenheit für ein letztes Mahl auf festem Boden, bevor es mit der Autofähre dreieinhalb Tage durch die patagonischen Fjorde Chiles nach Puerto Natales geht. Im übrigen die einzige Verbindung in den äußersten Süden des Andenstaates - eine Straße gibt es nicht.

Luxus ist auf dem ehemaligen Frachtschiff Fehlanzeige. Man schläft in engen Viererkabinen oder in Kojen auf dem Gang. Doch das ist eigentlich egal - denn zum Staunen geht man an Deck. Die Landschaft ist spektakulär, Seevögel begleiten das Schiff mit ihrem Geschrei und mit etwas Glück grüßen Delfine und Wale aus dem Wasser. 

 

Kai Behrmann
Guanakos in Patagonien

Das Schiff manövriert durch dicht bewaldete Kanäle. An einigen Stellen ist die Passage so eng, dass man nicht einmal ein Fernglas braucht, um die patagonische Flora und Fauna zu beobachten. Knallig grüne Lenga-Wälder bedecken die unteren Küstenhänge, schneebedeckte Kuppen funkeln bei Sonnenschein in reinem Weiß. Mit etwas Glück sieht man Seelöwen, die sich träge auf dem Felsen wälzen. Absoluter Höhepunkt und absolut beeindruckend: ein Stopp am Gletscher Pio XI.

Bis auf wenige hundert Meter fährt das Schiff an den Gletscher und die vom Südlichen Patagonischen Eisfeld kommenden Eismassen heran. Mit seiner fünf Kilometer langen und bis zu 75 Meter hohen Front zählt der Pio XI zu den weltweit beeindruckendsten Gletschern. 

Zielhafen ist Puerto Natales. Die windschiefen Holzhäuser, an denen die Farbe größtenteils abgeblättert ist, sind stumme Zeugen des rauen Klimas Patagoniens. Der Ort mit rund 20.000 Einwohnern am "Golf der letzten Hoffnung" ist für die meisten Reisenden Durchgangsstation auf den Weg in den Nationalpark Torres del Paine.

Torres del Paine – "Türme des blauen Himmels"

Die verkohlten Baumstümpfe ragen wie schwarze Skelette aus dem Boden. Um sie herum sprießt allerdings schon wieder Gras. Nach dem verheerenden Brand, der Ende Dezember 2011 knapp 13.000 Hektar Wald vernichtete, ist in Chiles bekanntestem Nationalpark Torres del Paine mittlerweile wieder Normalität eingekehrt.

Das spektakuläre Bergmassiv im Süden Chiles, von den Tehuelche-Indianern "Türme des blauen Himmels" genannt, lockt jährlich über 100.00 Wanderer und Kletterer aus aller Welt an. Um die drei Zahnstocher artigen Granitzapfen und die beiden "Hörner" (Spanisch: "cuernos") führt ein gut ausgebautes Wegenetz. Übernachtet wird auf Campingplätzen und in einfachen Hütten. 

Die Landschaft in diesem Teil Patagoniens beeindruckt mit rauer Schönheit - und enormer Vielfalt. Bergkulisse wechselt mit Waldstücken und steppenartigen Ebenen ab. Guanakos (ein Kameltier) und Nandus, eine Straußenart, durchstreifen die patagonische Weite, Kondore gleiten am Himmel. Hinzu kommen mächtige Eisfelder wie beim Grey-Gletscher. 

Perito Moreno – Weißer Gigant

Es gehört zu den Kuriositäten der Geschichte, dass der Mann, nach dem Argentiniens wohl imposantester Gletscher benannt ist, die Eismassen nie selbst zu Gesicht bekommen hat, die sich aus den Anden kommend in einen Seitenarm des Lago Argentino wälzen. Als der Entdecker und Geograf Francisco Pascasio "Perito" Moreno 1876 auf einer seiner Expeditionen durch Patagonien an das Seeufer gelangte, drehte er wenige hundert Meter vor diesem spektakulären Naturschauspiel um.

Heute markiert der Eingang zum Gletscher-Nationalpark "Los Glaciares" die Stelle, an der Moreno einst unverrichteter Dinge kehrt gemacht hatte. Von dort aus schlängelt sich eine kurvige Straße dem weißen Giganten entgegen. Schon aus weiter Ferne dröhnt es immer wieder wie Donnerhall durch die Luft. Der Klang von Eisbrocken, die sich von der Gletscherfront lösen und tosend ins Wasser stürzen.

 

Perito-Moreno-Gletscher
Kai Behrmann
Perito-Moreno-Gletscher

Es knirscht und knarzt permanent im Eisfeld, das mit 257 Quadratkilometern größer ist als die Fläche der rund 13 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Argentiniens Buenos Aires. Regelmäßig kommt es an der rund vier Kilometer langen Front zu spektakulären Abbrüchen. Immer dann, wenn der Eisgigant auf die gegenüberliegende Landzunge trifft und damit den Zufluss zum "Brazo Rico", einem Nebenarm des Lago Argentino, blockiert. Der Wasserspiegel steigt, bis der Eispfropfen dem Druck nicht mehr standhalten kann und die bis zu 70 Meter hohe Gletscherwand in die Tiefe rauscht. Während weltweit die meisten Gletscher am schrumpfen sind, befindet sich der rund 30 Kilometer lange Perito Moreno noch im Gleichgewicht.

Das Naturspektakel kann man - je nach Abenteuerlust - aus unterschiedlichen Blickwinkeln beobachten. Auf Aussichtsplattformen in unterschiedlicher Höhe, mit kleinen Barkassen, die bis auf wenige hundert Meter an den blau schimmernden Riesen heranfahren - und mit Steigeisen unter den Füßen kann man über das zerklüftete Eisfeld wandern und aus unmittelbarer Nähe einen Blick auf die bizarren Formationen sowie hinab in die Gletscherfurchen werfen.

Ushuaia – Licht am Ende der Welt 

Der Weg in den Nationalpark Feuerland führt über eine klapprige Holzbrücke. Unter ihr fließt der "Rio Pipo". Seinen Namen verdankt der Fluss einem Sträfling, der dort Anfang des vergangenen Jahrhunderts seinen Fluchtversuch mit dem Leben bezahlte. Heute ist das Gefängnis "Presidio" ein Museum und der Zug ("Tren del Fin del Mundo"), mit dem die schweren Jungs einst zum Holzfällen in den Wald gefahren wurden, eine Touristenattraktion. Das "Ende der Welt" lockt Besucher mit rauem Charme - einer Mischung aus wilder Natur, abwechslungsreicher Tierwelt sowie dem Mythos einer Gegend am südlichsten Zipfel Argentiniens, in der einst nur die Stärksten überlebten.

Der Wind pfeift. Es nieselt. Kurz darauf schiebt sich die Sonne durch die finstere Wolkendecke und verwandelt die eben noch trübe See in einen glitzernden Perlenteppich. Das Wetter ist genauso abwechslungsreich und schroff wie die Natur.

Kaum vorstellbar, dass die Ureinwohner dieser Region früher nackt auf Fischfang gingen. Die Yámana-Indianer waren Nomaden, verbrachten die meiste Zeit in Kanus auf dem Wasser. Mit Harpunen bewaffnet durchstreiften sie die verwinkelten Fjorde am Ende der Welt. Als Schutz vor der Kälte entzündeten sie an Bord kleine Lagerfeuer, die unentwegt brannten. Ihnen verdankt Feuerland seinen Namen. An Land gingen die Yámana nur selten. Die Mulden ihrer Rastplätze entlang der Uferlinie des Beagle-Kanals sind stumme Zeugen dieser kurze Zeit nach Ankunft der ersten weißen Siedler um 1910 ausgestorbenen Kultur. 

Ushuaia selbst versprüht eher spröden Charme. Die Heimat von rund 50.000 Menschen bezaubert mit ihrer Lage, am besten zu bewundern vom Wasser aus bei einer Schifffahrt auf dem Beagle-Kanal. Majestätisch erheben sich die Darwin-Kordilleren im Rücken der ehemaligen Sträflingskolonie.

Eine Reise zu den kolonialen Anfängen Feuerlands ist ein Besuch auf der "Estancia Haberton", etwa 80 Kilometer östlich von Ushuaia. Als erster Siedler ließ sich dort 1886 der britische Missionarssohn Thomas Bridges mit seiner Familie an einem geschützten Seitenarm des Beagle-Kanals nieder.

 

Magellan-Pinguin-Kolonie
Kai Behrmann
Magellan-Pinguin-Kolonie

Heute dient das Farmgelände als Ausgangspunkt für Fahrten zur "Isla Martillo". Das kleine Eiland beherbergt eine von insgesamt nur drei Magellan-Pinguin-Kolonien in Argentinien. Zwischen Oktober und April ist Paarungszeit. Inmitten der dichten Gräser verbergen sich dann rund 1000 Nester. 

Wenn das kleine Schlauchboot am Kieselstrand der hammerförmigen Insel anlegt, stehen die Pinguine scheinbar zur Begrüßung Spalier. Nur widerwillig watscheln sie zur Seite. Von den Besuchern lassen sie sich nicht stören. Im Gegenteil: Sie putzen in aller Seelenruhe ihr Gefieder und kümmern sich um ihren Nachwuchs. So putzig die Tiere auch aussehen mögen: Anfassen ist verboten. Wer es dennoch wagt, dem sei gesagt: Pinguine haben einen verdammt spitzen Schnabel. 

INFO:

Kai Behrmann
Autor und Fotograf Kai Behrmann hat sich vor vier Jahren erst in Buenos Aires verliebt – und dann Stück für Stück in immer mehr Ecken Südamerikas. Er lebt und schreibt über seine Wahlheimat – und vermisst nur manchmal ein schön herzhaftes Schwarzbrot. www.kaibehrmann.net 

Autor

Kai Behrmann