Stuttgart Zeitgenössische Architektur

Die Klischees, den Hohn, Spott kennt man: Stuttgart, Hauptstadt der Häuslebauer, der Jägerzäune, vor denen der frisch gewaschene Daimler parkt, der biederen Gaubensmentalität. Avantgarde? Hier wohl nicht.

Aber dann fährt man hin und entdeckt: das überraschende, glamouröse, futuristische, weltoffene und weltraummoderne Stuttgart. Man muss nur einmal bei Nacht die Neue Weinsteige hinauffahren, eine abenteuerlich kurvende Straße; und wenn man dann oben steht und hinunterschaut in die nächtlich glitzernde Stadt und auf die erleuchteten Häuser am Hang, dann denkt man, wenn da unten jetzt noch ein bisschen mehr Wasser wäre, dann sähe es hier aus wie an der Côte d'Azur. Und was den Stuttgartern an Küstennähe fehlt, das machen sie mit Entschlossenheit wett - auch und vor allem in der Architektur. Es ist weitgehend unbekannt, aber nicht übertrieben zu sagen, dass seit mehr als 80 Jahren die spannendsten Entwicklungen der deutschen Baukunst in Stuttgart stattfinden.

 

In den zwanziger Jahren zum Beispiel entstand in Stuttgart ein Foto, das wie kaum ein anderes die Träume der Moderne zusammenfasst: Man sieht eine junge Frau in einem sportlichen Kostüm, die an einem neuen Mercedes lehnt, dahinter schwebt ein strahlend weißes Gebäude auf dünnen Pfeilern. So sah 1927 die Zukunft aus, wie man sie sich in den hellsten Momenten in Deutschland vorstellte: die Frau nicht mehr mit Duttfrisur und Schürze am Herd, sondern im Coupé auf dem Weg zum Tennis oder Tanzen.

Das Foto entstand für eine Werbeanzeige von Mercedes-Benz, das Gebäude war ein Wohnhaus, das die französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier und Pierre Jeanneret gerade als Beitrag zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung gebaut hatten - die in der Geschichte der Moderne bedeutendste Mustersiedlung für das Wohnen der Zukunft. Unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe hatten 17 Architekten aus Deutschland, Holland, Belgien, Österreich und der Schweiz 21 experimentelle Häuser mit 63 "Wohnungen für den modernen Großstadtmenschen" entworfen, darunter Peter Behrens, Josef Frank, Hans Poelzig, Hans Scharoun und Bruno Taut. Am 23. Juli 1927 wurde die Siedlung eröffnet. Das Ergebnis war ein Schock. Nichts erinnerte an die Vergangenheit. Was hier stand, waren Häuser ohne Fensterläden, ohne Giebeldächer oder Gauben, grellweiß, mit Dachterrassen, Langfenstern und dünnen Stahlbetonbeinen.

Die Stuttgarter Architekturgeschichte ist reich an solchen Momenten: Der erste deutsche Fernsehturm wuchs wie eine Fata Morgana über den Hügeln der Stadt, und in ihren Vororten entstand etwas, das man die deutsche Ingenieursmoderne nennen könnte. Ob textile Bauweisen, durchsichtiger, selbstverdichtender oder faserbewehrter Beton - es gibt nichts, womit hier nicht experimentiert würde.

Der prominenteste Vertreter dieser experimentellen Moderne ist Frei Otto, ein Ingenieur, der in Stuttgart das "Institut für Leichte Flächentragwerke" gründete und dessen Zeltdachkonstruktionen etwa für die Weltausstellung 1967 in Montreal und für das Olympiastadion in München 1972 nicht nur das Bauen, sondern auch das Bild Deutschlands veränderten. Spuren dieses experimentellen Denkens finden sich heute noch in so spektakulären Bauten wie dem Campus-Restaurant, dem ebenfalls von Barkow Leibinger entworfenen Hauptportal der Ditzinger Trumpf-Werke oder dem Leichtbauturm des Ingenieurs Jörg Schlaich auf dem Killesberg.

Eines war Architektur in Stuttgart fast immer: radikal. Das gilt auch für die Entwürfe, die mit der experimentellen Moderne nichts zu tun haben wollten. Zu ihnen muss man den Stuttgarter Hauptbahnhof rechnen, den die Architekten Paul Bonatz und Friedrich Scholer schon 1912 entwarfen, der aber erst 1927 offiziell fertig gestellt wurde - im selben Jahr wie die Weißenhofsiedlung. Unten im Tal die felsschwere Trutzburg des Eisenbahnverkehrs, oben die weiße Luftmoderne - entschlossener konnte man die beiden Richtungen, die die Moderne in Deutschland weltanschaulich und architektonisch nehmen sollte, nicht formulieren.

Anders als die Mercedes-Reklame es glauben machte, ging es in der Weißenhofsiedlung nicht in erster Linie um Avantgarde-Ästhetik und Luxus, sondern um günstige Wohnungen und Gesundheit für alle. Die Reduktion aufs Wesentliche, der Abschied vom erlesenen Kunstgewerbe war damals nicht nur eine stilistische, sondern auch eine moralische Frage, die heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

Wo Parkhäuser zu Wahrzeichen werden

Vor allem J. J.P. Oud aus Rotterdam entwarf eine Vorstadtarchitektur, die bis heute unübertroffen ist, wenn es darum geht, kleine, sichtgeschützte Höfe und private Gärten auf wenig Fläche unterzubringen - eine Kunst, die auch unter ökologischen Gesichtspunkten wegweisend war. Aber die weiße Moderne währte nur kurz. Nach 1933 fuhren andere Leute im offenen Mercedes durch Deutschland, die die Weißenhofsiedlung als Schandfleck verteufelten. Eine Fotomontage zeigte die Siedlung mit Dromedaren, Turbanträgern und Palmen zwischen den Bauten, was beweisen sollte, wie "undeutsch" die Flachdacharchitektur der Moderne sei.

Heute sind es ausgerechnet die Stuttgarter Autobauer, die eine radikale Architektur zurück in die Stadt bringen. Das Wiener Architektenteam Delugan Meissl baut Porsche mit dem neuen Firmenmuseum eine architektonische Visitenkarte, und das Amsterdamer Architektenbüro UN Studio stellte Mercedes-Benz ein Museum in die Stadt, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Ein extraterrestrisches Riesenmetallherz, ein dynamisches Gebilde, das scheinbar schwingt, schwillt und sich windet, als habe es einen Turbomotor verschluckt. Im Inneren, wo sich eine barocke Beton-Doppelhelix kompliziert gen Himmel schraubt, ist nichts, wie es in normalen Häusern ist: Der Fußboden kurvt sich zur Wand, die Wand biegt sich als Betonwelle in die Decke und mündet in einen automobilhistorischen Lehrpfad.

 

Auf zwei Spiralwegen läuft man dann in die Geschichte des Automobils hinab - was auch eine Hommage an die berühmte Spirale ist, die der große Architekt und Mercedes-Fan Frank Lloyd Wright dem New Yorker Guggenheim-Museum verpasste. Auf neun Ebenen sind 160 Fahrzeuge untergebracht, darunter so schöne Autos wie der klassische "Flügeltürer", aber auch so kuriose wie ein Dienstwagen des Papstes, der mit seinen goldenen Leichtmetallfelgen eher aussieht, als gehöre er einem geschmacksverwirrten HipHopper. Damit die Spirale all diese sechs- bis zwölfzylindrigen Schätze aus gutem Schwabenblech auch tragen kann, wurden 110.000 Tonnen Beton verbaut.

Dass spektakuläre Architektur nicht immer so dick auftragen muss, zeigt ein außergewöhnliches Haus der jungen Stuttgarter Architekten Giorgio Bottega und Henning Ehrhardt im nahen Ludwigsburg. Fast wäre das inzwischen preisgekrönte Haus allerdings nicht gebaut worden, denn Willibald Slavicek, der Auftraggeber dieses Dreifamilienhauses, bestand auf einem Flachdach im Weißenhof-Look. Doch die Behörden waren unerbittlich und verlangten einen Giebel. Bottega und Ehrhardt, Schüler des berühmten Dekonstruktivisten Bernard Tschumi, entwarfen daraufhin ein Haus, das beide glücklich macht - die Anhänger moderner Skulpturen und die Spitzdachbürokraten. Denn ein spitzes Dach hat das Haus - aber was für eins!

Von weitem sieht es aus, als habe man ein normales Eigenheim mit Beton übergossen, dann einzelne Blöcke herausgesägt. Der ganze Entwurf bezieht seine Kraft aus der Übersteigerung biederer Formen ins Aufregende.Weil alles,Wände wie Dach, mit dem gleichen Grobputz überzogen wird, ist nicht genau zu bestimmen, was bei der Wohnskulptur noch Fassade und was schon Dach ist.

Das bürgerliche Stadthaus, entstanden aus einer Verkleinerung und Zivilisierung der Burg, wird hier wieder zur Festung, panzert sich gegen die Zumutungen der Umgebung. Wenn ein Tarnkappenbomber sich in ein Haus verwandeln könnte, sähe er aus wie dieses hier.

 

Ganz anders und noch mehr den Zukunftsvisionen verpflichtet, die in Stuttgart allem Geunke über Spießigkeit und Provinzialismus zum Trotz immer wieder wie Leuchtraketen über dem Killesberg auftauchen, ist das, was der Stuttgarter Ingenieur Werner Sobek, einer der weltweit herausragenden Ingenieure der Gegenwart, baut. Auf einem Versuchsgelände des "Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren" bei Stuttgart sind zurzeit die ersten Vorboten eines Hauses zu besichtigen, das ein Manifest unserer Zeit werden soll - und diese Vorboten hält man auf den ersten Blick für eine Sinnestäuschung.

Da steht ein gläsernes Ding in einem Park, eine acht Meter messende Seifenblase aus einem neuartigen Verbundstoff aus Kunststoff und Glas. Keine Stahlkonstruktion trägt sie, keine Verspannungen sichern sie ab.Man mag die Blase kaum berühren, man wartet darauf, dass sie jeden Moment platzt. Aber das tut sie nicht. "An meinem Institut" sagt Sobek, "erreichen wir jetzt schon bei geklebten Glasschalen ohne Probleme Spannweiten von bis zu zwölf Metern." Aber ist all das auch ökologisch? Allerdings, sagt Sobek. Und: "Ein Gebäude muss ephemer sein. Die Reaktionsfähigkeit eines Gebäudes - also seine Anpassung an thermische oder akustische Veränderungen - ist heute darauf beschränkt, dass man Jalousien oder Sonnenschutzrollos aufzieht oder Klappläden schließt. So weit waren wir vor 2000 Jahren auch."

Das soll sich jetzt ändern - wie, zeigt sein Wohnhaus R128. In dem mehrgeschossigen Glaskubus sitzt man, getrennt nur durch ein gläsernes Hightech- Mäntelchen, mitten in der Natur. Aber anders als früher wird die optische Grenzenlosigkeit nicht mit einem ungeheuren Energieaufwand erkauft. Die ökologische Moderne praktiziert Naturnähe auch technisch: Für die Konstruktion des Gebäudes wird so wenig Material wie möglich verwendet, der Betrieb des Baus darf nur wenig Energie verbrauchen, die Materialien müssen recyclingfähig sein.

Sobeks Haus R129 - jenes Wohn-Ufo, das er gerade entwickelt - soll noch radikaler werden. Die Außenhaut besteht aus einem Kunststoff, der äußerst leicht und transparent ist; auf den Kunststoff ist eine millimeterdicke Glasschicht laminiert - damit das Haus kratzfest ist und geputzt werden kann. Die Hülle ist außerdem mit Metall bedampft, was sommers die Wärmeabstrahlung nach innen, winters die nach außen verhindert. Über eine elektrochrome Folie kann die Hülle abgedunkelt, von trüb auf undurchsichtig geschaltet werden. Außen sollen Solarzellen aufgedampft werden, die die Lichtdurchlässigkeit nur um 20 Prozent verringern, aber einen Großteil der Stromversorgung des Gebäudes abdecken.

Ökologie und Hightech-Futurismus: in Stuttgart, wo zurzeit die ersten Porsches mit umweltfreundlichen Hybridmotoren getestet werden, ist das heute kein Gegensatz mehr. Kein Wunder, dass auch die Architektur die Zukunft hier auf den Boden holen soll.

Autor:
Niklas Maak