Kultur in Stuttgart Raum für kluge Köpfe

Kluger Geschichtensammler
Thomas Schnabel, Direktor des Haus der Geschichte

Es war eine Zwangsheirat. Geliebt haben sich Badener und Schwaben nie. Aber auch sie haben sich, wie so oft in alten Ehen, inzwischen leidlich arrangiert. Mit der gemeinsamen Identität aber ist es im Bundesland Baden-Württemberg auch nach mehr als 50 Jahren nicht sehr weit her, weshalb Thomas Schnabel wie ein Therapeut ans Werk gehen muss. Er leitet das 2002 eröffnete und hat mit der Ausstellungsmacherin Paula Lutum-Lenger das fast Unmögliche geschafft. Angegraute Vergangenheit wird hier lebendig, modern formuliert - sexy. Auch wenn der Historiker Schnabel selbst eher der Typus des gebildeten Bücherwurms und weniger Showmaster ist, wird das Auf und Ab von Baden und Württemberg theatralisch wie spannend in Szene gesetzt mit sprechenden Koffern, interaktiven Landkarten oder riesigen Baumstämmen, aus denen sich scheibchenweise Informationen ziehen lassen.

Auf Showeffekte setzte auch der Architekt Michael Wilford. Er hat die alten Pläne des Briten James Stirling aktualisiert. Statt des postmodernen Schnickschnacks wie nebenan in der Neuen Staatsgalerie nun farbige Wände und eine großzügige Aussicht auf Kulturmeile und City. Denn Geschichte, meint Schnabel, ist mit der Gegenwart eng verstrickt. Deshalb reicht die Ausstellung auch bis ins Hier und Heute - bis zu den Boxhandschuhen der Weltmeisterin Regina Halmich. Sie ist übrigens ein "Gelbfüßler", wie die Schwaben die Badener gerne nennen. Apropos Vorurteile und Klischees: Die werden gleich draußen vor der Tür abgehandelt in thematischen Vitrinen - zu Brezeln, Kehrwoche und Tüftlern.

 

Herrin auf teuerstem Baugrund
Marion Ackermann, Kuratorin des

Ihr Vorgänger nannte den Entwurf für das neue Kunstmuseum "einen Haufen Scheiße". Das hat ihn den Kopf gekostet - und war die große Chance für Marion Ackermann. Die Kuratorin am Lenbachhaus in München war mutig genug, diesen schweren Job zu übernehmen: Sie fand eine schlecht dokumentierte Sammlung vor, eine zerrüttete Mannschaft, Krach an allen Ecken und Enden und einen Lichtkubus in exponierter Lage. In kurzer Zeit hat die diplomatische und trotzdem verbindliche junge Frau den Karren aus dem Dreck gezogen, ein neues Team aufgebaut, hier befriedet, dort Kontakte zu neuen Leihgebern geknüpft, einen Treffpunkt für die urbane Elite geschaffen, so dass die Eröffnung des Kunstmuseums 2005 ein internationaler Erfolg wurde - für sie und für Stuttgart.

Außer hervorragenden Werkgruppen von Otto Dix und Dieter Roth hat die Städtische Sammlung zwar wenig zu bieten, aber geschickt kauft und leiht Ackermann Werke für ihr Programm: zeitgenössische Positionen und Themenausstellungen, die meist einen Bezug zur Stadt haben. Dass das Kunstmuseum sofort zum Publikumsmagneten wurde, liegt freilich nicht nur an der engagierten Chefin, sondern auch am Gebäude. Die Architekten Hascher und Jehle haben den ehemaligen Autotunnel raffiniert zum unterirdischen Ausstellungsraum umgewandelt. Und von dem verglasten Restaurant Cube im obersten Stock hat man eine phantastische Aussicht. Und ein elitärer Kunsttempel ist das Museum sowieso nicht: Mitten in der City und mit Bar im Entree, trauen sich sogar Passanten rein, die nichts mit Kunst am Hut haben - sondern nur mal eben die Toilette benutzen wollen.

 

Unerbittlicher Visionär
Hasko Weber, Schauspielintendant am

Der Mann hat Biss. Hasko Weber beißt sich nicht nur gern die Zähne aus an Kräfte zehrenden Projekten, an prallen Themenwochen oder an Premierenmarathons. Hasko Weber macht auch Theater mit Biss. Politisch, aber nicht ideologisch - und gern provokant. Mal engagiert er einen echten Mercedes- Manager, der einen korrupten Geschäftsmann spielt, mal wird kiloweise Fleischkäse auf die Bühne gekarrt. Und kaum ein Stück kommt ohne nackte Leiber aus. Seit Hasko Weber das Schauspiel Stuttgart leitet, knallen immer wieder die Türen, wird aber auch hitzig diskutiert. Weber ist nicht red- und leutselig, er ist auch kein smarter Entertainer, sondern ein kritischer, ernster und engagierter Geist. Ihm geht es um etwas, er versteht - ganz altmodisch im Schillerschen Sinne - Theater als politische Anstalt, wo auch Moral noch eine Rolle spielen darf.

Er ist ein "Ossi" und Arbeiterkind, das in einfachen Verhältnissen in Dresden aufwuchs. Ein Freund nahm ihn mal mit in ein Amateurtheater - und da wusste Weber, dass er Schauspieler werden wollte. Nach dem Studium hatte er in der DDR die "Dramatische Brigade" gegründet. Auch wenn Hasko Weber, privat ein leidenschaftlicher Motorradfan, inzwischen im bundesdeutschen Theaterbetrieb angekommen ist, hat er sich sein kämpferisches Denken bewahrt. Immer wieder geht es in Webers Spielplänen um Macht und Kapital, um das Individuum in der Gesellschaft, die kleinen Leute und die großen Unterdrücker. Treffender könnte das Logo des Schauspiels Stuttgart nicht sein: eine gereckte Faust.

Noch mehr kluge Köpfe

Ein Wirbelwind, der nicht nur schön tanzen kann
Eric Gauthier, Tänzer, Choreograf, Britpopper, Manager

Der Mann ist ein Tausendsassa. Er tanzt wie ein junger Gott. Er moderiert wie ein Profi. Er schreibt Popsongs, bei denen Mädels schwach werden, kann aber auch wie ein Manager verhandeln. Damit hat Eric Gauthier das erreicht, woran andere vor ihm kläglich gescheitert sind: Er hat am gegründet: Gauthier Dance. Der Kanadier Gauthier war schon als Kind so auffallend begabt, dass die Eltern ihn bereits mit neun Jahren nach Montreal zur Ausbildung schickten. Mit 17 Jahren kam er mit dem neuen Intendanten Reid Anderson nach Stuttgart ans Staatsballett. Er kaufte sich gegen die Einsamkeit eine Gitarre und schrieb ein paar Lieder - und inzwischen ist die nach ihm benannte Band eine feste Größe in der Musikszene.

Nach zwölf Jahren hat Gauthier nun seine erfolgreiche Solistenkarriere am Staatsballett beendet und die Resident Dance Company am Theaterhaus gegründet, damit er das tun kann, was er immer schon beabsichtigte: Die Arbeit seines Vaters, eines berühmten auf Alzheimer spezialisierten Neurologen, hat ihn so geprägt, dass er etwas für jene Menschen machen wollte, die nicht die Chance haben, ins Theater zu kommen. Diesen Traum hat er sich nun erfüllt. Unter dem Motto "Gauthier Dance Mobil" tanzt seine junge, hochmotivierte Compagnie außer in den Abendvorstellungen auch in Altenheimen, Schulen, Behindertenwerkstätten. Bei diesen Auftritten komme nicht nur "viel Liebe rüber", sagt Gauthier, "sondern meistens bekommen wir auch Sprudel und Kuchen. Das ist okay." Und: "Es ist schön, schöne Dinge für Leute zu tun."

Der Hausmeister der klugen Worte und stillen Gedanken
Florian Höllerer, Leiter des

Florian Höllerer kennt sie längst, die immergleiche Frage: "Sind Sie etwa der Sohn?" Ja, er ist der Sohn des Schriftstellers und großen Berliner Literaturmanagers Walter Höllerer. Nicht nur den Namen, auch das Aussehen hat er deutlich vom Vater geerbt. Die Leitung des Literaturhauses Stuttgart hat sich Florian Höllerer aber selbst verdient: Einser-Abitur, Studienstiftung, Magisterabschluss mit Auszeichnung und Dissertation summa cum laude. Dabei ist der Lockenkopf alles andere als ein Strebertyp, sondern eher ein fröhlicher, großer Bub. Es hat viele Anläufe gegeben, ehe das Literaturhaus Stuttgart 2001 endlich eröffnet werden konnte - nur ein Drittel wurde von der öffentlichen Hand finanziert, der große Rest musste von engagierten Bürgern und Sponsoren kommen. Für Höllerer ein sicheres Indiz, dass das Haus gut in der Bevölkerung verankert ist. "Die Schwaben lesen noch gern." Er holt internationale Größen des Literaturbetriebs in die Stadt, bezieht aber auch die lokale Szene ein - nach dem Motto "von Orhan Pamuk bis Stuttgart-Heslach". Es wird nicht nur vorgelesen, was bereits gedruckt wurde, sondern Höllerer versteht das Literaturhaus als "kreativen Knotenpunkt". Er initiiert Diskussionen zu aktuellen Fragen und lädt Autoren zu Originalbeiträgen ein - und will auf keinen Fall "passiv sein und abgelatschte Themen abhandeln". Mit Erfolg. Die Lesungen, Schreibwerkstätten, Diskussionen, Ausstellungen, Nachtgespräche - das Literaturhaus hat sich zu einem lebendigen Treff der Stadt entwickelt.Wovon auch Restaurant und Buchhandlung im restaurierten, denkmalgeschützten Gebäude profitieren. Das hätte sich Robert Bosch nicht träumen lassen, dass Dichter, Denker, Feministinnen oder Philosophen dort ein- und ausgehen, wo der Industrielle einst residierte und produzierte.

 

Der charismatische Botschafter Bachs
Helmuth Rilling, Dirigent, Dozent und Pädagoge

Er liebt Brahms, fördert zeitgenössische Musik - Johann Sebastian Bach aber hat er sich ganz und gar verschrieben: Helmuth Rilling wird "Bachpapst" genannt. Er hat als erster und bisher einziger Dirigent das Gesamtwerk des Komponisten eingespielt - auf immerhin 172 CDs. Rilling reist seit Jahrzehnten wie ein Missionar durch die Welt. 1981 gründete er die - als Gegenpol zur nationalen Bachforschung der DDR. Inzwischen ist die Bachakademie ein weltweit operierendes Unternehmen, das von Amerika bis Argentinien mit Konzerten, Symposien, Workshops die Sache Bach voranbringt. Dennoch macht Rilling, den man entweder mit Dirigentenstab oder Zigarre sieht, um seine Person kein Aufsehen. Der charismatische Schwabe ist ganz und gar Pädagoge und Vermittler, legendär sind seine "Gesprächskonzerte" während der Bachwochen Stuttgart, denn Musik, so der Maestro, "muss die Menschen persönlich erreichen, sie zum Nachdenken bringen". Die Akademie veranstaltet außerdem alljährlich auch in Oregon, USA, ein Bach-Festival. Viele Generationen junger Musiker hat Rilling begleitet wie ausgebildet, wobei ihm Amateure so lieb wie Profis sind - schließlich begann seine Karriere mit der Gächinger Kantorei, die er 1954 auf der Schwäbischen Alb mit einem Grüppchen singfreudiger Laien gründete. Bis heute ist er mit dem Chor auf großen Musikfestivals der Welt zu Gast. Denn auch wenn er schon über 70 ist, denkt er noch nicht ans Aufhören. "Das Dirigieren", sagt er, "ist mein Sport."

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Autor:
Adrienne Braun