Stuttgart Markthalle und Wochenmarkt

Schwer was los heute. Ich gehe von Stand zu Stand, um mir einen Überblick zu verschaffen. Verschnaufpause bei den Demeter-Leuten, vor mir steht meine Nachbarin, die sich Kopfsalat einpacken lässt. Ich kenne die Sorte, sie heißt "Trotzkopf" und ist besonders fest. Sie verkaufen auch die berühmte "Stuttgarter Zwiebel" und andere Gemüsesorten, die sich industriell nicht gärtnern lassen: Nirgends gibt es so viele kleine Gärtnereien wie im Einzugsgebiet der schwäbischen Landeshauptstadt. Die sind das Ergebnis des württembergischen Erbrechts - man teilte unter allen Geschwistern zu gleichen Teilen, deshalb ist alles kleinteilig hier.

Der Diminutiv ist das schwäbische Grundrauschen. Überall handtuchgroße Weinparzellen, Baumstückle, Gärtnereien - 260 Stuttgarter Betriebe bauen Wein, Obst, Gemüse auf circa 2300 Hektar an. Und jeder, der seine Ernte nicht selbst essen will, darf auf dem Stuttgarter Wochenmarkt "sein Zeugs" verkaufen. Die Formulare dafür gibt's im Rathaus oder auf der Homepage der Stuttgarter Märkte GmbH.

Dienstags, donnerstags, samstags bin ich hier oft. Vor allem, um das Angebot kennenzulernen: Es wird immer schwieriger, Gemüse, Feldfrüchte und Obst den Jahreszeiten zuzuordnen, und ehe man sich's versieht, hat man einen neuseeländischen Apfel im Gepäck. Auf dem Stuttgarter Wochenmarkt aber kann mir das kaum passieren. Man erkennt deutlich, wer hier eigene Produkte verkauft oder nur handelt.

Ich bleibe stehen bei Dietmar Kurrle - er kommt aus Rotenberg, wo sie alle Kurrle heißen und sich schwer was einbilden, weil man auf "den Daimler", das Automuseum und das Fußballstadion runtergucken kann. Ich ordere Conférence-Birnen. Seltene Apfelsorten wie die Gewürzluike hat er auch. Hier kennen mich viele, und ich bin ständig am Grüßen. Auch meine Nachbarin steht noch immer am Demeter-Stand - vermutlich kommen viele Alteingesessene nur zum Tratschen hierher. Es wird geschwätzt, doch nie gefeilscht: Jeder Bauer weiß, was seine Ware wert ist, und daran gibt's im Schwäbischen nichts zu deuteln. Das ist an diesem Ort vor dem Rathaus seit 700 Jahren so. Und so soll es auch bleiben. Zwei Minuten in Richtung Altes Schloss steht die Markthalle. Da wird schon gar nicht gehandelt, sondern schicksalsergeben gezahlt.

Haufenweise wundervolle Zutaten gibt es hier, einfach alles, nur nichts Billiges. Der Schwabe ist nicht geizig, sondern achtet peinlich auf den Gegenwert, den er für sein Geld bekommt. Deshalb ist in der Markthalle immer Andrang. Der Ort der Zungenfreuden wurde in den frühen fünfziger Jahren im originalen Jugendstil wieder aufgebaut. Kein üppiger Bau, sondern von klarer, zurückhaltender Architektur. Unter dem Fußballplatz großen Dach in gewaltiger Höhe verläuft eine Empore, dort oben residiert die Firma Merz & Benzing und bietet alles, was es für Küche, Garten und sonstiges Wohlleben an Geschirr und Gerät braucht. Jede Menge Unnötiges hat es natürlich auch, aber gerade diese Sachen sind oft die Schönsten. Unten dann drängt sich handfesteres Leben: An die 40 Stände locken mit üppigen Auslagen - es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt.

Mein Lieblingsmetzger Attila orgelt in seinem winzigen Stand das Fleisch für seine Salsiccie durch den Fleischwolf. Seine täglich frische Porchetta, eine Art ausgebeintes Spanferkel, schiebt er an Ort und Stelle mit viel Rosmarin in den Ofen. In seiner kleinen Auslage - von Schweins- und Rinderkotelett über Lamm bis zum Schnitzel - ist alles von einmaliger Fleischqualität. Ein anderer Metzgerstand hat auch Bestes im Angebot: Schwäbisch-Hällisches Schwein und Boeuf de Hohenlohe der Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall singen das Hohelied der Authentizität. Gleich am Eingang, wenn man vom Rathaus kommt, residieren die sturen Hohenloher Bauern - mit fettmarmoriertem Fleisch und delikaten Würsten.

Sturheit kann auch Haltung bedeuten - sich nicht dem Zeitgeist zu unterwerfen und an Prinzipien festzuhalten, die sich offensichtlich die moderne Welt nicht mehr leisten mag. Auf der anderen Seite der Halle, keine zehn Meter entfernt, kaufe ich bei Isabel meinen Käse. Der Stand von Di Gennaro bietet italienische Köstlichkeiten, dass man selbst in Italien sich schwer tut, Besseres zu finden. Phantastisches Brot bieten sie an, italienisches Gemüse. Parmaschinken, Salami, Käse türmen sich auf den Tischen, dass mir die Augen überlaufen.

Bei Isabel habe ich noch nie gekauft, ohne mich über die Rechnung zu wundern. Das Angebot ist so verlockend (die Frau auch), dass ich alle Vernunft verliere und doppelt so viel bunkere, als ich fürs Bekochen einer Fußballmannschaft benötigen würde. Es ist nun mal so - den italienischen Frauen der Markthalle bin ich hoffnungslos ausgeliefert. Sie bieten Obst und Gemüse in einer Qualität, dass ich mich (fast) im eigenen Garten wähne. Vorne beim Ceresbrunnen - aus seinen Tiefen sprudelt Mineralwasser - erklärt mir die schöne Caterin Fortino, was ich mit Cedri-Zitronen anfangen kann.

Erstklassiger Geschmack: "Sie wisset scho, wo es guat isch"

Zehn Meter weiter strahlen die Schwestern Viviana und Karina mich an, auf dass ich mir Steinpilze, Radicchio tardivo, sardische Tomaten, wilden Spargel willig einpacken lasse. Viele Köche reden von Spitzenqualität und meinen es auch ehrlich. Doch wer weiß schon, was Qualität in ihrer Absolutheit ist? Ständig findet sich noch Besseres - man muss alt werden, um das zu akzeptieren. Wichtig für mich ist auch der Rat der Erzeuger; viele Rezepte habe ich im Gespräch erfahren, unzählige Tipps bekommen. Die gibt es auch bei den Bioleuten am Wilhelmsplatz, freitags ist hier Markt für selbst gemachte Marmeladen, für Käse, Obst, Gemüse. Ähnlich geht es in der Bauernmarkthalle zu, die am Westhang der Stadt liegt.

Viele meiner Kollegen schätzen genau diese Lage, denn die Parkplätze liegen bequem vor dem Eingang, langes Schleppen gibt es nicht. Hier ist es wie auf allen Märkten Stuttgarts: Man kann mit Spezialisten reden, bekommt kulinarische Nachhilfe. Egal, welcher Händler - ich jedenfalls behaupte, dass Menschen, die sich mit Lebensmitteln beschäftigen, nun mal die besseren sind! An all diesen Plätzen treffen sich Stuttgarter, denen das Olio zum Salat wichtiger ist als das Superöl fürs Luxusauto. Allerdings gibt es jetzt einen Ort in Stuttgart für Menschen, die sich beides leisten können: Zehn Minuten vom Marktplatz entfernt geht es richtig zur Ess-Sache bei Feinkost Böhm. Schon immer war das Delikatessengeschäft eine Stuttgarter Institution, dort habe ich schon vor 30 Jahren anschreiben lassen. Damals konnte ich mir die feinen Sachen eigentlich noch nicht leisten - und hab sie trotzdem gekauft.

Die einen nennen das unvernünftig, die anderen adeln diese Haltung als gelebten Humanismus der Spitzenklasse. Mit der formidablen Firma Böhm ging es auf und nieder (vielleicht haben zu viele anschreiben lassen). Sei's drum - als der Laden völlig schiefhing, kam 2006 das Ehepaar Piëch (die aus der Porsche- Dynastie) und zeigte, dass man mit Geld auch vernünftigere Dinge machen kann, als an der Wallstreet auf Mehrwert zu hoffen. Sie stellten den Lebenslust-Tempel auf solide Beine. Jetzt ist das Angebot noch größer, noch schöner, noch exklusiver und steht Harrods wie Fortnum & Mason in London, Peck in Mailand, Fauchon in Paris um nichts nach. Hier gibt es alles, um den eigenen Haushalt so zu befeuern, dass man sich nach schwäbisch-solider Art das Verreisen verkneift, daheim bleibt, die Bäume schneidet - um stattdessen mit dem Einkaufszettel beim Böhm zu kapitulieren.

Ob es nun das sensationell gute wie teure Wagyu-Rind aus Australien ist, die T-Bone-Steaks aus den USA, herrlich hingezupfte Salate, knackfrisches Gemüse, rare Spirituosen, Tees, Käse - man könnte durchdrehen. Die Auswahl ist fulminant (7500 Produkte auf 1400 Quadratmetern), und wem schwindlig wird, der mache es so wie ich, um seinen Schwächeanfall zu meistern: Ich verfrachte mich in die Sushibar und warte, bis der Blutzuckerspiegel wieder moderat eingerastet ist. Danach wechsele ich in das sehr gute Restaurant auf der anderen Ladenseite, um vollends auszurasten. Daran ist auch die exquisite Weinkarte schuld.

Die offene Küche zeigt propere Köche, alles wuselt, mir wird ganz wirr im Kopf. Hier könnte ich überwintern. Gutes Essen macht überhaupt nicht stark. Ich wanke durch ein Gebirge von Bordeauxkisten und finde eine Art Rezeptionsdesk. "Den Chef bitte, könnte ich bitte den Chef sprechen?" Keine Minute später steht Jörg Schleyer vor mir. Er sieht drahtig und hellwach aus, grad so, als könne er auch locker die Zahlen eines Großkonzerns zusammenhalten und nach Feierabend noch ein bisschen bei einer Leichtathletikmeisterschaft mithüpfen. Er hat seinen Gourmet-Polizisten, den Herrn Götzenberger, mitgebracht, der ständig die Qualität des Angebots überwacht. Es freut mich, dass beide nicht nur um die Transportleistung bemüht sind, um aus mehr als 50 Ländern der Erde für den Nachschub zu sorgen. Nein, die Herren sind zunehmend hinter heimischen Produkten her.

Holzofenbraunes Bauernbrot aus dem Odenwald zeigt mir der Herr Götzenberger, als gelernter Koch trägt er einen vertrauenerweckenden Kochkittel. Er reicht mir einen Joghurt, der köstlicher schmeckt als alles, was ich bis heute genossen habe. "Kommt aus der gleichen Gegend wie das Brot. Alles Familienbetriebe!" Stolz stehen Finanzchef und Koch da, stolz wie Großwildjäger, so dass man sich in der Nähe Hemingways zu wähnt, kurz nachdem der einen Löwen erlegt hat. Dann ruft es plötzlich hinter mir: "Hallo, Herr Nachbar, Sie wisset scho, wo es guat isch!" Es ist meine Nachbarin, die ihre Ratschkachel-und-Gourmet-Tour hinter sich hat. Sie zwinkert mir zu. "Wisset Se, ich lass mir alles zufahre!" Sie steuert ihren Einkaufstrolley zum Tresen und ich kapiere endlich, wozu der wirklich da ist. Herr Schleyer erklärt: "Ab hundert Euro fahren wir alles kostenlos zu, auch wenn es 30 Kilometer sind." Meine Nachbarin skandiert: "Ich bin doch net blöd und schleppt des alles aloine hoim!" Nein, blöd ist sie nicht, die Normalschwäbin und arm auch nicht. Klotzen tut man in Schwaben nun mal im Kleinen.

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